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Maria Regina. Erster Band

Ida von Hahn-Hahn: Maria Regina. Erster Band - Kapitel 2
Quellenangabe
typefiction
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
titleMaria Regina. Erster Band
publisherVerlag von J. Habbel.
seriesIda Gräfin Hahn-Hahn ? Gesammelte Werke
volume1. Serie: 1. Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071116
projectid6665824e
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Maria Regina

Vater und Töchter.

Ein milder Sommerabend ruhte aus den heitern, lieblichen Ufern des Mains. Grüne Hügel, Rebgelände, Haine von Fruchtbäumen, Städtchen und Dörfer drängen sich an seine krausen Windungen heran. Auf einer Höhe am nördlichen Ufer liegt Kloster Engelberg, der berühmte Wallfahrtsort, mit seinem Hintergrund von dunkelm Nadelholz. Die ärmsten Söhne des armen heiligen Franziskus, die Kapuziner, dienen hier Tag und Nacht Gott und den Seelen. Drüben auf dem südlichen Ufer erhebt sich auf der Platte eines Hügels, den die Kunst in einen terrassierten Garten verwandelt hat, das Schloß des Grafen Windeck im Stil der Renaissance unter uralten Linden und Kastanien. Auf den Zinnen hing das Banner in den Windecker Wappenfarben schlaff an der Stange herab und auf den Terrassen tanzten die Springbrunnen wie Elfen und ihr schlanker Wasserstrahl trug spielende glänzende Kugeln, ohne sie fallen zu lassen: so still war die Luft. Die Blüten der Orangenbäume dufteten betäubend, und Granaten und Oleander mit ihren prächtigen Blumen glühten doppelt in der Abendsonne. Breite Steintreppen, deren Absätze mit großen Vasen voll Hortensien und anderen Prunkblumen geschmückt waren, führten von einer Terrasse auf die andere. Die oberste trug zu beiden Seiten Gruppen von schattigen Linden und in der Mitte ein weites, von Wasserpflanzen und kleinen Basaltblöcken umgebenes Bassin, aus dem ein starker Wasserstrahl aufstieg und mit drei Kugeln zugleich spielte. Auf einem der Felsblöcke saß ein kleines Mädchen und schaute mit stillen großen Augen träumerisch die tanzenden Kugeln an. Über den Main schwamm ein Nachen und trug einen bejahrten Herrn mit schneeweißem Haar und ein junges Mädchen, die so eben die hohe steile Wallfahrtstreppe herabgestiegen waren, vom Kloster Engelberg nach Schloß Windeck hinüber. Friedlicher als der Abendhimmel und der stille Fluß und die ganze ruhende Natur war der Ausdruck, der auf dem Antlitze des Greises und des jungen Mädchens lag, denn es war der Friede, der nichts gemein mit der Erde hat.

In dem reichmöblierten Saal, dessen drei hohe Fenstertüren der Terrasse zu weitgeöffnet standen, ging Graf Windeck auf und nieder, sofern ihm das nämlich möglich war. Denn der Saal, obzwar sehr geräumig, war mit Sopha's, Ottomanen, Lehn- und anderen Stühlen, Tischen in allen Größen und Formen, Gestellen mit Blumen, mit Vasen, mit Lampen, mit Büchern, mit Porzellan, mit tausend und aber tausend modischen Überflüssigkeiten, die alle kreuz und quer standen, dermaßen überfüllt, daß er mehr dem Magazin eines Tapeziers als einem Familienzimmer glich. So liebte es aber der Graf, denn so war es eben Gebrauch in der Welt, obschon seine Liebhaberei für das Auf- und Abgehen, was für müßige Menschen eine Art von Beschäftigung ist, sehr dadurch beeinträchtigt wurde. Er schob auch ziemlich unmutig bald einen Sessel, bald einen Tisch, einmal sogar das Polster zurück, auf dem Amour ruhte, Amour, das köstliche Bologneserhündchen, nicht viel größer als ein Schneeball, ein höchst seltenes Exemplar dieser fast ausgestorbenen Race. Amour kläffte empört über diese rauhe Behandlung seinen Herrn an und ein schöner Aras, aus seiner abendlichen Ruhe aufgeschreckt, kreischte laut auf und schüttelte voll Entsetzen sein Gefieder. Dann wurde Alles wieder still.

Nach einiger Zeit sah der Graf auf die Uhr, trat unter die Türe, die auf die Terrasse führte, und blickte verdrießlich nach Kloster Engelberg hinüber. Dann fiel sein Auge auf die Kleine, die zwischen einem hohen Strauß von blühenden Callas wie die Nymphe des Springbrunnens an dessen Rand saß – und er rief:

»Corona!«

Die Kleine sprang auf und eilte zu ihm. Er fragte:

»Wo bleibt Regina?«

»Sie wird wohl gleich kommen, lieber Vater.«

»Woher weißt Du, daß sie gleich kommen wird, wenn sie jetzt noch nicht zurück ist?« fragte ganz unmutig der Graf.

»Weil Du gesagt hast, daß sie um sieben Uhr zu Hause sein solle, lieber Vater,« entgegnete sie unbefangen.

Da schlug es sieben und Regina trat durch eine Seitentüre in den Saal, küßte dem Grafen die Hand und nickte freundlich der kleinen Schwester zu.

»Du kannst wieder in den Garten gehen, Korona,« sagte der Graf, setzte sich in einen Lehnstuhl, deutete seiner ältesten Tochter an, ihm gegenüber Platz zu nehmen und fuhr fort: »Ich hab' es reiflich erwogen, Regina, ich schicke Euch nicht zu den Damen vom Sacré Coeur zurück. Die gute Tante Isabella hat mir versprochen, uns nicht zu verlassen, und ich behalte Euch bei mir. Du bist jetzt siebzehn Jahre alt; da muß das Lernen aufhören. Denn entweder hast Du etwas gelernt – und dann bist Du hinreichend unterrichtet; oder Du hast nichts gelernt – und dann ist's überhaupt umsonst, dann wirst Du auch nichts lernen. Genug, Ihr sollt bei mir bleiben und mich unterhalten. Du sollst diesen Winter mit mir in die Welt gehen und für Korona will ich Gouvernante u. dgl. halten. Aber des Sacré Coeur bin ich überdrüssig. Seit dem Tode Eurer guten Mutter, also fünf volle Jahre waret Ihr dort. Ein längerer Aufenthalt würde Dir entschieden schädlich sein, Dich der Welt entfremden, Dich wohl gar auf den Gedanken bringen, ganz und gar da zu bleiben – und das geht nicht..«

»Das würde ich auch nie wünschen, lieber Vater,« antwortete Regina, als der Graf schwieg, um zu hören, was sie erwidern würde.

»Nicht?« rief er erfreut; – »nun, das ist mir lieb! ich fürchtete schon, Du hättest Klostergedanken.«

»Du fürchtetest es, lieber Vater?« sagte Regina, und sah ihn mit ihrem tiefen klaren Auge ganz erstaunt an.

»Nun freilich!« fuhr der Graf auf; – »alle romantischen Grillen sind mir verhaßt.«

»Scheint es Dir eine romantische Grille, dem lieben Gott dienen zu wollen?« fragte Regina weiter.

»Was wär' es sonst?« rief er zornig.

»Ich dachte, es sei eine Pflicht,« sagte sie sanft.

»Ärgere mich nicht, Regina!« brach der Graf aus. – Da hub auf Kloster Engelberg das Ave-Maria-Läuten an. Regina stand auf, trat zurück, blickte hinüber nach dem armen Kirchlein, das – wie einst der Stall von Bethlehem den menschgewordenen Gott aufnahm – so den verborgenen Gott im Tabernakel umschloß, und betete andächtig den englischen Gruß. Der Graf, unterbrochen in seinem Zornerguß, sah während der Zeit die Tochter an und sprach zu sich selbst: Wie schön sie ist! woher hat sie nur die Schönheit? von ihrer armen Mutter gewiß nicht! – Dieser Ideengang versöhnte ihn etwas, und als Regina nun sanft vor ihm niederkniete und um Vergebung bat, wenn sie gefehlt habe, antwortete er:

»Du mußt suchen aus den Widersprüchen zu kommen, mein Kind, und Dir selbst klar zu werden. Eben sagtest Du, Du wünschtest nicht im Sacré Coeur für immer zu bleiben und gleich darauf schienst Du dennoch mit Klostergedanken umzugehen.«

»Lieber Vater,« sagte Regina mutig, »mein Wunsch wäre, zu den Karmelitessen zu gehen.«

»Zu den Karmelitessen!« rief der Graf, »wer sind die? wo sind die? was weißt Du von ihnen?«

»Nichts – als daß ich bei ihnen lernen könnte, recht innig Gott zu lieben und recht ausschließlich ihm zu dienen.«

»Unsinn über Unsinn!« rief er. Da fingen die Glocken auf Kloster Engelberg an, den morgenden Sonntag einzuläuten und bald stimmten alle Glocken und Glöcklein der benachbarten Kirchen ein und mahnten wie Stimmen des Himmels die Menschen im Staube der Erde an das »Sursum Corda.«, das so leicht vergessen. Graf Windeck überhörte den himmlischen Zuruf und sprach weiter: »Den Unsinn setzen Dir die Patres da drüben in den Kopf. Ich will nicht mehr, daß Du bei ihnen beichtest. Du kannst bei Onkel Levin beichten – und überhaupt seltener. Ich begreife nicht, was Du jeden Samstag zu beichten haben kannst! mir fällt nie was ein.«

Mit einer ganz leichten Bewegung glitt Regina auf ihre Knie, beugte sich tief zu Boden, küßte die Füße des Grafen und sagte zärtlich:

»Desto schlimmer, mein geliebter Vater.«

Der Graf aber behandelte sie wie sein Bologneserhündchen, stieß sie fort und sagte rauh:

»Was erfrechst Du Dich?«

»O nur aus Liebe,« entgegnete sie und hob immer kniend die gefalteten Hände zu ihm auf und sah ihn mit demütiger Zärtlichkeit an, während ein rotes Mal auf ihrer Stirn Zeugnis seiner harten Behandlung ablegte. Er aber sprach mit steigendem Unmut:

»Karmelitessen! wer hat denn wieder die erfunden! gehören die auch zu den neumodischen Anstalten, um Bettelvolk zu verpflegen und Bettelvolk zu erziehen, als ob es unsereiner wäre! Oder sind sie selbst solch klösterliches Bettelvolk, wie ich jüngst, als ich Euch aus dem Sacré Coeur abholte, ein Paar von Haus zu Haus mit einer Büchse für Almosen herumlaufen sah? Man zeigte mir eine, von der es hieß, sie sei eine Gräfin und reich. Da dachte ich, sie müßte einen Narren zum Vater haben, der den Skandal erlaubt, daß seine Tochter eine allgemein bekannte Bettlerin wird.«

»Lieber Vater,« entgegnete Regina, als er schwieg, um Atem zu schöpfen, »Du selbst sagtest gestern, es würden jetzt Sängerinnen und Tänzerinnen Gräfinnen und Fürstinnen. Gilt also in der Welt der Stand so wenig, daß Komödiantinnen ihn erlangen, warum soll es dann nicht Personen dieses Standes erlaubt sein, ihm freiwillig zu entsagen?«

Graf Windeck hätte am liebsten geantwortet: »Weil ich es nicht will.« Indessen sammelte er sich, nahm eine hohe Miene an und glaubte eine höchst weise Äußerung zu machen, indem er sagte: »Weil nicht ein Skandal den andern gut machen kann. Ich habe gar nichts gegen die Theaterprinzessinnen, gar nichts! im Gegenteil! auf der Bühne sind sie charmant; aber sie müssen dort bleiben – gerade so, wie die Gräfinnen und Fürstinnen in ihren Verhältnissen bleiben – und nicht mit Bettelbüchsen straßauf straßnieder laufen müssen.« »Das gehört auch nicht zur Ordensregel der Karmelitessen, lieber Vater.« »Schweige von ihnen! schon diese Benennung ist mir unerträglich.«

»Ich hänge nicht eigensinnig an ihnen, lieber Vater. Wenn ich wüßte, daß Du mich lieber zu den Trappistinnen gehen ließest ...« –

»Nun ist's genug!« donnerte der Graf. »Nun ist meine Geduld erschöpft und ich will von all' dem Unsinn keine Silbe mehr hören. Also merk' es Dir, Regina: Du gehst nicht mehr zur Beicht in's Kloster und Ihr geht beide nicht zurück in's Sacré Coeur. Ich werde mit Euch reisen. Euch die Welt zeigen. Das wird Deine Ueberspannung kurieren und Corona davor bewahren. Hast Du mich verstanden?«

»Ja, mein lieber Vater,« sagte Regina freundlich, küßte zärtlich des Grafen Hand und entfernte sich so ruhig, so heiter, als ob all diese Anordnungen ihren Wünschen entsprochen hätten. Er sah ihr nach und murmelte für sich: Im Grunde ist sie ein prächtiges Mädchen! es tut ihr leid, ich weiß es, nicht in's Sacré Coeur zurückzukehren und nicht mehr dem alten, kreuzbraven, langweiligen Graubart da drüben beichten zu dürfen; aber keine Miene verzogen! aber kein Wort gesagt! aber keine Träne vergossen! keine einzige Träne! O wie hat ihre arme Mutter mich gelangweilt mit ihren Tränen; – denn was kann man tun einem weinenden Weibe gegenüber? Nachgeben? – das mag man nicht. Also nicht nachgeben und sie weinen lassen nach Belieben. Prächtiges Mädchen, die Regina! Soll auch prächtig bleiben! .... nur nicht fromm sein, nur nicht Betschwester werden, nur nicht in's Kloster gehen! – Wie mag denn Wohl die Kleine gesinnt sein?– Er ging die breiten Stufen hinab, die aus dem Saale auf die Terrasse führten. Der westliche Himmel schwamm in der Rosenglut des Sonnenunterganges, während im Osten die Nacht aufstieg und mit ihrem bläulichen, von blassen Sternen durchwebten Schleier mehr und mehr den Horizont umhüllte. Die Landschaft sank in unbestimmte Schatten hinein; nur Kloster Engelberg lag noch rosig angehaucht auf seiner einsamen Höhe und schimmernd wand sich der Main durch die dunkelnden Ufer. Korona lag, gestützt mit beiden Armen, auf der Brustwehr der oberen Terrasse. Als sie Schritte auf dem Kieswege hinter sich hörte, kehrte sie sich rasch um, lief dem Grafen entgegen und sagte mit der jubilierenden Stimme der Kinder, wenn sie so recht froh sind:

»O lieber Vater, hier ist es schön!« »Das freut mich zu hören, Korona! Du willst also nicht, wie Regina, in's Kloster?«

»Nein, nicht in's Kloster! ich will in der Welt bleiben! sie gefällt mir gar zu gut – die Welt!«

»Närrchen!« sagte der Graf lachend; »was denkst Du denn eigentlich in der Welt anzufangen?«

»O,« rief sie, »ich will in der Welt dem lieben Gott dienen.«

Graf Windecks Angesicht verfinsterte sich wieder. Er ging in den Saal zurück, in welchen soeben Lampen und Zeitungen gebracht wurden und murmelte für sich hin: »Was ist das nur für eine fixe Idee bei den Kindern, daß sie Gott dienen wollen? Gottesdienst – den gibt es, ja! Da wird die Messe gelesen, Hochamt celebriert und dergleichen. Dem wohnt man bei – wenn man Lust hat. Aber dann noch ganz extra Gott zu dienen, wie der Knecht dem Herrn, wie der Soldat dem König dient – das ist ein famoser Einfall der beiden Mädchen, von dem ich sonst nie das mindeste gehört habe. Was sie wohl darunter verstehen? immerfort beten? – ob das im Kloster möglich ist, weiß ich nicht. In der Welt ist es aber unmöglich – das weiß ich – immerfort zu beten.« Und so beruhigt durch diesen Ausspruch, als habe er sein halbes Leben mit Ergründung dieser Sachen zugebracht, griff er zu seinen Zeitungen.

Regina hatte sich nach dem östlichen Teil des Schlosses begeben. Da lag die Kapelle, die als ein länglich runder Ausbau in eine Gruppe uralter Linden hineintrat und die mit einem flachen Dach gedeckt war, welches einen geräumigen Altan vor Reginas Zimmer im oberen Stockwerk bildete. Eine kleine Wendeltreppe, in der Dicke der Mauer angebracht, verband hier beide Stockwerke, sodaß Regina unbemerkt aus ihrem Zimmer in die Kapelle gelangen konnte. Diese war ihr Lieblingsplatz im väterlichen Schloß. Kein Blick auf die Schönheiten der Natur, auf die Werke der Kunst – um wie viel weniger auf Bilder und Schätze der Welt hatte für sie einen solchen Zauber, als der – auf den Tabernakel dieses einfachen Altars. In der Kapelle war keine Spur von dem Luxus, womit alle anderen Räume des Schlosses ausgestattet waren. – Die Lampe, in welcher das ewige Licht brannte, und die Altarleuchter waren von unedlem Metall; die Blumenvasen von geringem Glas; nirgends ein heiliges Gemälde oder ein frommes Standbild; aber Blumen in Fülle, gestickte Teppiche und anderes mehr, was aus weiblichen Händen hervorging. Für eine würdige Ausstattung der Schloßkapelle hatte der Graf immer eine leere Kasse, erschöpft durch die ewigen Betteleien von Müßiggängern und Faullenzern. Dies behauptete er wenigstens, und so nannte er die Notleidenden und Dürftigen. Regina bekümmerte sich aber nicht über die Armut der Kapelle; sie sah im Glauben die Stätte von allem Glanz des Himmels erfüllt und vermißte nicht die irdische Pracht. Jetzt trat sie ein, sorgsam zwei Kränze tragend, die sie, nachdem sie das Sanktissimum angebetet hatte, zu Füßen eines Kruzifixes aufhing, vor welchem sie niederkniete und in andächtiges Gebet versank – in die Betrachtung des Leidens Christi, des Leidens der göttlichen Liebe, deren mystisches Bild in der Sprache gottliebender Seelen jene Kranze waren – der eine von Granaten und von blauen Schwertlilien der andere. Der Granatapfel mit seiner tausendfachen, von harter Schale umflossenen Fülle der Kerne, welche mit einem scharfen Riß in ihrer Reife die Schale sprengen, ist das Symbol der bitteren Todesnot des Erlösers und der Gnadenfrüchte, die in Ueberfülle sein durchwundetes Herz birgt; während die Granatblüte im hochroten Kelch das Opfer des heiligsten Blutes ohne Unterlaß darbringt. Die tiefblaue Schwertlilie aber ist das Symbol des Leidens um diesen Tod, des Leidens jener mystischen Lilie, die mit sieben Schwertern im Herzen einst unter dem Kreuze stand, klagend um den Tod des Einzigen und jede Menschenseele anrufend zur Teilnahme an ihrer Trauer und zur Buße für das unendliche Weh, das der Gottessohn für die Sünden litt. Regina verstand diese mystische Sprache, die nicht sowohl von den Lippen, als aus dem innersten Gemüt quillt, und daher nur jenen verständlich ist, welche sich nicht von äußeren Dingen einnehmen und betäuben lassen.

Regina war nicht allein in der Kapelle. Derselbe alte Mann, der mit ihr im Nachen von Kloster Engelberg gekommen war, kniete auf einem Betschemel und betete bei dem spärlichen Lichte eines Wachsstockes, der neben ihm auf der Armlehne stand, sein Brevier. Aber keiner beachtete den anderen, keiner ließ sich vom anderen stören. Beide waren hier so vollkommen zu Hause, daß jeder sich einsam fühlte mit seinem Gott. Dieser Mann trug eine schwarze Soutane, Schnallenschuhe und zwischen den Silberlocken seines Hauptes – die Tonsur. Graf Windeck hatte ihn im Gespräch mit Regina schon genannt; es war Onkel Levin, wie die Familie ihn nannte, während man ihn sonst so allgemein und so kurzweg »der hochwürdige Herr« hieß, als ob er dadurch richtiger bezeichnet werde, als durch irgend einen Namen.

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