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Maria Regina. Erster Band

Ida von Hahn-Hahn: Maria Regina. Erster Band - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorIda Gräfin Hahn-Hahn
titleMaria Regina. Erster Band
publisherVerlag von J. Habbel.
seriesIda Gräfin Hahn-Hahn ? Gesammelte Werke
volume1. Serie: 1. Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20071116
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Gottes Mühlen mahlen langsam.

Sie gingen einem Bauernhof zu, der etwa eine halbe Stunde vom Schloß am Fuße eines bewaldeten Hügels lag. Die freundliche Märzsonne milderte mit ihrem warmen Strahle schon etwas die scharfe Luft. Die Äcker wurden bestellt und lagen mit ihren umgebrochenen Furchen in langen schwarzen Streifen neben den lichtgrünen der jungen Wintersaat, die unter der eben geschmolzenen Schneedecke kräftig gediehen war. Die Lerchen fuhren von den Feldern auf und in den blauen Himmel hinein und frohlockten ihr ewig junges Lied vom Lob Gottes und vom erwachenden Frühling. Scharen von Tauben rauschten auf und nieder mit ihrem klingenden Flügelschlag und schimmerten wie Silberflocken im lichten Blau. Der Fink saß am Waldessaum in unbelaubten Bäumen und schlug sorglos seinen süßen Schlag; und aus der Waldestiefe tönte dumpf und taktmäßig die Axt des Holzschlägers. Die Hähne krähten schallend von einem Gehöft zum andern. Hie und da bellte ein Hund, der eine einsame Hütte zu bewachen hatte, in welcher kleine Kinder ihrem Schutzengel und seiner Obhut von den auf Arbeit ausgehenden Eltern anvertraut waren. Aus den Schornsteinen stiegen kerzengerade feine geschlängelte Rauchsäulen auf und zerflossen in der Höhe. Wohltuender Friede war der Grundzug dieses schlichten Stilllebens in der Natur- und der Menschenwelt.

Als Regina mit Levin in den frischen Tag hinaus trat, sog sie diese Bilder und diese Klänge durstig ein und sagte dann mit einem langen Atemzuge sehr fröhlich:

»Ach, lieber Onkel! hörst Du wohl, daß die Lerche singt: Dir! Dir! Dir! Dir, Herr, sei Ehr'! – und daß der Fink schlägt: Wie lieb', wie lieb', wie lieb' ich Dich!«

»Ja, Kind,« erwiderte er gerührt, »wer gern an Gott denkt, der findet ihn überall – und wer aus ganzem Herzen nach ihm verlangt, dem begegnet er überall.«

»Aber wo ist denn die Wendelrose geblieben?« fragte sie teilnehmend.

»Das weiß ich nicht! wir werden es ja bald von dem Vater erfahren.«

»Und wie ist er denn zum Kreuz gekrochen, der böse Wendel?«

»Wie der verlorene Sohn, bestes Kind! Er schrieb mir im vorigen Herbst einen verzweiflungsvollen Brief aus New-York und bat um Reisegeld zur Heimkehr für sich und seine Söhne.«

»Wie frech! Du hast ja früher so viel für ihn getan!«

»Und doch nicht genug – nicht genug für ihn gebetet! Ueberdies gestand er ein, daß er sich der Unterstützung von meiner Seite umso unwürdiger fühle, als er einst in seinem blinden Haß gegen die Priester mit einem Steinwurf mich schwer verletzt habe. Dies freiwillige Bekenntnis rührte mich sehr. Ich sorgte für Reisegeld – und jetzt ist er da.«

Sie hatten das Gehöft erreicht. Bei ihrem Eintritt in den Hof balgten sich drei Buben in armseligen Kleidern mit dem großen Hofhund herum, der von ihnen abließ, um durch heftiges Bellen Fremde anzukündigen. Die Bäuerin eilte aus der Küche herbei, begrüßte mit ehrfurchtsvollem Handkuß den hochwürdigen Herrn und Regina mit bescheidener Vertraulichkeit und seufzte, in Tränen ausbrechend:

»Ach, mein armer Bruder! Nichts als das nackte Leben, Gram und Krankheit und die Buben da – hat er heimgebracht!«

»Aber vielleicht ein bekehrtes Herz: und das ist die Hauptsache,« sagte Levin tröstend.

Die Bäuerin führte den Besuch in die Stube, die mit vielen Heiligenbildern – den Schutzpatronen der ganzen Familie – mit Kruzifix und Muttergottesbild von Engelberg, mit Weihwasserbrünnlein und geweihtem Palmzweig – der freilich nur Buxbaum war – sauber und freundlich sich ausnahm. Tische und Bänke waren so rein und glatt abgewischt, daß sie wie poliert aussahen. Die buntbemalte Schwarzwälderuhr ging mit ihrem schweren Pendelschlag. Daneben hing der Kalender; – in ungesuchter und richtiger Zusammenstellung an den Wert und die Flüchtigkeit der Zeit erinnernd. In einer Ecke stand ein Nußbaumschrank, hinter dessen Glasfenstern allerlei Kostbarkeiten vor Kindern und Fliegen bewahrt wurden. Da standen uralte Gläser mit goldenem Rande; bunte Tassen; ein Jesukindchen von Wachs; ein Osterlämmlein von schneeweißem Zucker, mit einer Siegesfahne von rosenfarbenem Tafft; zwei verblichene Blumensträuße, welche einst Gräfin Kunigunde vom Altar der Schloßkapelle entfernt – und welche sich die Bäuerin zum Andenken ausgebeten hatte; zwei hellgrüne Pappkästchen, worin sich die Goldkrönchen verbargen, die bei der heiligen Erstkommunion die Kinder getragen hatten; einige Rosenkränze und bemalte geweihte Kerzen, Andenken an Wallfahrten zum heiligen Blut nach Walldürn in schweren Zeiten und großen Nöten. Kurz, die Freuden und Leiden von ein paar Generationen waren in verständlicher Zeichensprache hier eingeschrieben. Nichts war unbehaglich in der Stube als die furchtbare Hitze, die aber der Bauer liebt, um sich eben so gründlich zu erwärmen, als er bei seinen Feldarbeiten gründlich durchkältet wird. Trotz dieser Hitze war der Großvaterstuhl am Ofen nicht leer. Da saß ein Mann von stämmigem Wuchs, aber abgezehrt bis auf die Haut, die welk und gebräunt an seinen derben Händen hing, während sein Gesicht, ganz zerrissen von Blatternnarben, und seine roten geschwollenen Augenlider, seinen erbärmlichen Anblick erhöhten.

»Wendel! der hochwürdige Herr besucht Dich, und Gräfin Regina!« sagte die Bäuerin freundlich.

»Gott vergelt's, hochwürdiger Herr, Gott vergelt's tausendfach, was Sie an mir armen Sünder tun! und bin ich auch nicht Ihrer Güte würdig, so kommt sie doch meinen armen Buben zu gut, die es Ihnen, will's Gott! besser danken werden, als ich!« rief Wendel mit zitternder Stimme und am ganzen Körper so heftig zitternd, daß er, der aufgestanden war, um Levin und Regina zu begrüßen, sich gleich wieder setzen mußte. Aber er ergriff deren Hände und küßte, drückte und schüttelte sie, und seine groben vernarbten Züge nahmen den Ausdruck innigster Dankbarkeit an. Und die Bäuerin stand daneben und klopfte zum Ausdruck ihrer Liebe immerfort ganz sanft mit der rechten Hand auf Reginas Schulter, während sie in der Linken den Saum ihrer Schürze hielt und sich zuweilen die Augen damit abtrocknete.

»Armer Wendel! bist Du krank gewesen?« fragte Levin und setzte sich teilnehmend zu ihm an den glühenden Ofen. Hast Du kein Gold gegraben in Kalifornien – oder wo Du sonst warst?«

»Zwei Gräber hab' ich gegraben – für eine Tote und für eine Lebende, sonst nichts!« sagte Wendel mit dumpfer Stimme und fuhr mit der Faust über seine geschwollenen Augenlider.

»Wir wollen Gott danken, daß Du wieder bei uns bist,« sagte Levin mild ablenkend, »und die Toten der Barmherzigkeit Gottes empfehlen. Dann wollen wir sorgen, daß Du wieder gesund wirst und arbeiten kannst. Ich besorge Dir den Arzt, Medikamente und Wein zur Stärkung; Regina schafft einige Kleidungsstücke für Dich und die Buben an. Deine brave Schwester gibt Euch Obdach und Nahrung; und mit der Sommerszeit bist Du ein neuer Mensch geworden – gelt?«

»Und wie hat er mir zugesetzt, der Wendel, auch nach Amerika zu gehen!« rief die Bäuerin. »Da wären Ländereien, groß wie eine Grafschaft, um nichts zu haben und keinen Heller Steuern dürfte gefordert werden – und Prinzen heirateten Bauernmädel und Bauernbuben Prinzessinnen – und alle wären ein Herz und eine Seele.«

»Hat mir alles der Florentin erzählt, der Florentin Hauptmann, hochwürdiger Herr!« sagte Wendel. »Aus dem hat sich der Herr Graf eine Natter auferzogen! ja, eine Natter für viele von uns! In den bösen Jahren schlich er hier umher, und tat so schön und sprach so klug, daß es in der ganzen Welt jetzt vorwärts! hieße, so daß die geringen Leute obenauf kämen. Denn die, welche den Erdboden bebauten, die müßten ihn auch von Rechts wegen besitzen. So wär's in Amerika; leider aber in Deutschland nicht, denn die Fürsten und Edelleute verhinderten das, und die Pfaffen unterstützten sie in ihrer Bosheit, indem sie dem gemeinen Mann Gehorsam vorpredigten. Darum müßten sie sich alle zusammentun, die das Herz auf dem rechten Fleck, Liebe für die Befreiung des deutschen Vaterlandes und Sinn für den Fortschritt hätten; und sie müßten es durchaus dahin bringen, daß Deutschland nicht hinter Amerika zurück und nicht in der Knechtschaft sitzen bliebe. Das wär' eine Schande, sagte er. Und in diesem Ton ging das fort. So sprach er, so las er aus allerhand Schriften vor. Wer ihm glaubte – das war ich! besonders dann, hochwürdiger Herr, wenn er den Schoppen dazu setzte. Ich hatte ja immer einen unruhigen Kopf, wie Sie ja wissen, und meinte, ich wäre zu was Besserem geboren; ich wußte nur nicht zu was. Aber der Florentin steckte mir ein Licht auf – nur leider ein Irrlicht! Ich wollte in Deutschland ein freier Amerikaner werden, und haßte deshalb Fürsten und Herren und Priester, und half Barrikaden gegen sie bauen. Ich warf grimmig den Stein gegen Ihr weißes Haupt, hochwürdiger Herr, als ich durch die Flur strich, um meine Kameraden aufzusuchen, mit denen ich, unter Florentins Anführung, den Marsch auf Windeck und die Plünderung der Gewehrkammer des Herrn Grafen verabreden wollte. Es kam aber nicht dazu! Florentins Stirn war nicht eisern genug, um vor dem Schloß Stich zu halten, und Gräfin Regina ließ uns durchaus nicht herein. Aber, hochwürdiger Herr, da der Florentin, der doch auf dem gräflichen Schloß in Sammt und Seide und aller Gelehrsamkeit aufgewachsen und fast ein Grafensohn geworden, und dennoch statt mit seinem Schicksal zufrieden – mit der ganzen Welt mißvergnügt war: mußte ich da nicht leicht irre geführt werden und glauben, es gehe verkehrt auf der Welt zu?«

»Es war eine Versuchung, armer Wendel, und Du hättest ihr wohl widerstehen können.«

»Freilich, hochwürdiger Herr! aber ich war wie ein Mensch, der im Rausch umherrast, um etwas zu ergreifen, was in seinem verkehrten Hirn sitzt, aber sonst nirgends.«

»Ach, Wendel!« jammerte die Bäuerin, »hättest' Du auf mich gehört und auf Dein armes Weib, so wärst Du nimmer in dies Elend geraten.«

»Ich weiß! ich weiß, Bärbel! Ihr wart beide brav und gottesfürchtig und habt mir tausendmal gesagt: Wenn dich die bösen Buben locken, so folge ihnen nicht; und habt mich bitterlich weinend gebeten, mich mit dem lieben Herrgott durch würdige Beicht und Kommunion zu versöhnen. Dafür hab' ich Euch verlacht und verspottet, und mich trotzig abgewendet von Gottes Gnade und Herrlichkeit, und mein armes Weib' in's Elend geschleppt, wo sie vor Hunger und Kummer umgekommen ist ohne Priester und Sakrament – und die Rosel verloren für Zeit und Ewigkeit – und den siechen Leib, den Bettelstab und die hungernden Buben in Dein Haus zurückgebracht, weil ich auf Gottes weiter Welt sonst nicht weiß wohin. Ja, Bärbel: Gottes Mühlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein; was durch Langmut er versäumet, holet er durch Schärfe ein. Das war ein Kernspruch von der Mutter selig; weißt Du's noch, Bärbel? ich vergaß ihn Zeit meines Lebens. Als ich drüben blind und krank an den Pocken lag – ein armer Lazarus vor des reichen Mannes Tür – da fiel er mir ein und kommt mir nicht mehr aus dem Sinn. Ja, ja, Bärbel! Gottes Mühlen mahlen langsam, langsam, aber trefflich fein!«

»Wenn Du das einsiehst, armer Wendel,« sagte Levin mit zärtlichem Mitleid, so ist Dein Herz ja in der Tat trefflich fein ausgemahlen.«

»Und ich wollt' es schon aushalten, hochwürdiger Herr, wenn nur nicht der Gram um mein Weib und die Rosel wäre! mir hat der Florentin den Kopf verdreht – der Rosel das Herz.«

Regina hatte bisher schweigend zugehört. Jetzt stand sie auf und fügte mild wie der Engel der Barmherzigkeit: »Wendel, ich kann's nicht aushalten, eine so traurige Geschichte von der armen Rofe zu hören. Ich will hinausgehen und die Buben ein wenig im Katechismus examinieren.

»Im Katechismus?« sagte die Bäuerin, indem sie Regina begleitete; »daß Gott erbarm! Die Buben sind wie die Wilden, gnädige Gräfin, und wissen vom Katechismus so wenig, wie die Krähe vom Sonntag.«

»Wo ist denn die Rose? kann man ihr nicht helfen?« fragte Levin, als er mit Wendel allein war. »Sie kann ja nicht im Bösen verhärtet sein; sie ist ja so jung.«

»Auf Georgi neunzehn Jahre, hochwürdiger Herr. Sie war von Kindesbeinen an ein sauberes Mädel, aufgeweckt und klug – aber hoffärtig! den Sparren im Kopf hat sie richtig von mir geerbt: sie wollte hoch hinaus. Das grämte ihre arme Mutter; mich freute es. Als der Florentin hier herum scharwenzelte, war sie blutjung; aber sie suchte immer dabei zu sein, wenn er mit mir sprach, und begriff alles so gut, daß sie mir manches erklärte, was ich nicht begriff, so z.B. das Selbstregiment, welches das Frauenzimmer in der neuen Freiheit führen würde; und die edle freie Liebe, die jede glücklich machen würde, wenn sie der Neigung ihres Herzens freien Lauf ließe. Ich meine, sie war damals schon in ihn vernarrt. Da ich aber meinen eigenen Grillen nachging und auch sah, daß der Florentin, trotz seiner glatten Reden, viel zu hochnäsig war, um nicht lieber mit einer amerikanischen Prinzessin, als mit einem deutschen Bauernmädel zu charmieren: so kümmerte ich mich nicht weiter darum und arbeitete für die deutsche Freiheit, die mich und Rosel zu hohen Ehren bringen sollte. Statt dessen ging das Ding schief. Die Fürsten brauchten ihr Recht, wie ich jetzt sage; damals sagte ich: Gewalt! und ließen tüchtig auf die Revolutionäre schießen, was sie von Anfang an hätten tun müssen, um die Rädelsführer zu ducken und die Betörten zu belehren, daß man sich beim Barrikadenbau ganz umsonst die Fäuste blutig arbeite. Bei dem Maiaufstand in Dresden im Jahre 1849 war ich noch; denn ich zog umher, bald hier und bald da, und ließ mein Weib auf unserem Hofe wirtschaften, und ließ mir jeden Kreuzer schicken, den sie, Gott weiß wie sauer! erarbeitete. Aber in Dresden bekam ich's satt. Da hieß es freilich, nun müßten alle tüchtigen Männer nach Holstein ziehen und den Dänenkönig aufs Haupt schlagen. Aber ich ging nicht mit; sondern heim, verkaufte in der Stille meinen Bauernhof und erklärte dann meiner Frau, wir wären jetzt Auswanderer, die sich in Amerika ein Stück Paradies aussuchen würden. Ihr Jammergeschrei klingt mir noch in den Ohren! – Der Hof war verschuldet, daß von der Verkaufsumme nicht einmal unser Reisegeld übrig blieb. Der Herr Graf und Sie, hochwürdiger Herr, mußten eine Beisteuer geben, die ich durch mein armes Weib erbitten ließ, wobei Sie noch sagten: es tue Ihnen recht leid wegen der guten Frau. Endlich mußte auch noch die Bärbel mit ihrem Sparpfennig herausrücken, damit wir nur fortkamen. Das war eine erbärmliche Reise, ein Stück vom Fegfeuer, hochwürdiger Herr! mein' jüngstes Kind starb auf der Überfahrt; ein herziges Kind, die Theres, sechs Jahre alt, der Mutter Augentrost. Es konnte die Stürme und die Seekrankheit und das Elend der Zwischendeckspassagiere nicht aushalten; es bekam ein Fieber, das immer stärker und stärker wurde und am neunten Tage war es tot. Unter den Passagieren der ersten Kajüte befand sich der Florentin, der inzwischen in Italien Revolution gemacht hatte – aber auch nicht auf die Dauer, Er war ja ein studierter Arzt und er besuchte auch die kleine Theres; allein er sagte, gegen einen so heftigen Typhus sei nichts zu machen. Das Kind war kaum verschieden und noch nicht kalt, da schrie das ganze Schiff, man müsse es gleich über Bord werfen, damit es aus dem Wege komme und nicht Ansteckung verbreite. Sie hätten es schon gerne bei lebendigem Leibe über Bord geworfen, glaub' ich! Meine Frau wollte schier verzweifeln. Ach, erbarmt euch, ihr Leute, erbarmt euch! schrie sie, und schafft mir einen Priester, daß er den letzten Segen über mein Kind spreche. Es war aber kein Priester auf dem Schiff, und die Leute, die umherstanden und hörten, wie sie nach einem Priester jammerte, brummten in den Bart oder grinsten höhnisch und einer sagte, man müsse nicht so viel Umstände machen mit dem Stückchen Fischfraß. Als nun meine Frau fortwimmerte: erbarmt euch meiner, ihr Leute! es ist ja ein christliches Kind! ein im heiligen Blut Jesu getauftes, unschuldiges Kind! das kann man ja nicht dahinwerfen ohne priesterlichen Segen! da trat die Rose auf sie zu, schüttelte sie am Arm und sagte ganz rot und verlegen: Mutter, schreit doch nicht so! die Leute sehen Euch an und wundern sich, was ihr mit dem Priester wollt! man muß sich ja schämen für Euch! – Starr blickte die arme Frau die Rose an und sagte kein Wort mehr; aber sie schluchzte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Und nun nahm sie das Beste, was sie ihrem Kinde zu geben hatte, ihren Rosenkranz nahm sie vor, der am heiligen Blut zu Waldürn geweiht war, den sie manches Jahr in der Tasche bei sich getragen und hundert- und tausendmal gebetet hatte. Den zog sie hervor und küßte ihn andächtig, und küßte einzeln den lieben Herrgott und die Muttergottesmedaille, die daran hingen. Dann schlug sie ihn um den Hals des Kindes und steckte das Kreuzchen mitten auf der Brust des Kindes mit einer Nadel ganz fest am Hemdchen an. Dann schlug sie die kleine Leiche von Kopf bis zu Fuß in eine ihrer Schürzen sauber und sorgsam ein und trug sie vorsichtig auf ihren Armen zu den Matrosen, welche sie in ein altes Stück Segeltuch wickelten, mit Stricken auf ein schmales Brett festschnürten, an dessen Fußende eine eiserne Kugel hing. Das sah sie alles mit an, die arme Mutter, und die drei Buben und ich sahen es auch mit an; und darauf sagte sie: »Nun kommt, ihr Kinder! nun wollen wir fünf Vaterunser und fünf Gegrüßt seist du, Maria für unsere liebe kleine Theres beten, damit sie bald zur seligen Anschauung Gottes gelange;« kniete nieder mit ihren Buben und betete laut. Und ich betete mit, hochwürdiger Herr, aber leider nur ganz leise. Und ich kniete auch nicht; mir waren die Knie steif von Trotz gegen Gott und von Menschenfurcht. Die Rose aber war gar nicht mitgegangen, hatte sich in ein Eckchen gedrückt und weinte da still vor sich; denn nicht aus Bosheit hatte sie so hart zur Mutter geredet, sondern aus Menschenfurcht, besonders wegen dem Florentin; und Sie sehen, hochwürdiger Herr, daß sie von mir auch den Sparren im Kopf geerbt hatte. Endlich hoben die Matrosen das traurige Brett auf. Da stieß mein armes Weib einen dumpfen Schrei aus und fiel wie tot zu Boden. Ich aber schaute starr aufs Meer und sah Etwas in die Wellen hineinschießen, die sich spalteten und wieder zusammenrauschten; und es wurde mir schwarz vor den Augen.« – –

Wendel schwieg erschöpft, drückte seine Hände krampfhaft an die Stirn und sagte nach einer Weile:

»Ich will es kurz machen, hochwürdiger Herr, und Sie nicht ermüden mit der Erzählung von allem, was wir drüben gelitten haben. Es waren nur zwei Jahre, aber man könnte dicke Bücher davon schreiben. Das Schiff war ein Stück Fegfeuer; ja! aber da hoffte ich! Drüben kam die Hölle, wo man nicht mehr hofft. Geht man hinüber, ledige Leute, kräftig, zu jeder Arbeit willig; oder Vater und Mutter noch rüstig und mit erwachsenen rüstigen Kindern – nun ja, dann schlägt man sich durch unsägliche Mühsale durch, und muß auch die eine Hälfte darüber ins Gras beißen, so kommt die andere doch wohl auf einen grünen Zweig. Aber wir! – wir waren unserer sechs, von denen die drei Buben nicht arbeiten konnten, weil der älteste erst zwölf Jahre alt war. Ich ging nicht nach Amerika, um zu arbeiten; hätte ich das gewollt, so hätte ich daheim bleiben und Weib und Kinder ernähren können. Die Rose war ebenso arbeitsscheu wie ich, alle Untugenden hat sie von mir geerbt. Da war also niemand, der sich auf die Arbeit verlegte, als meine Frau. Essen und Obdach haben – wollten wir aber alle sechs. Es gibt auch gar keine Arbeit in den großen Seestädten für die armen Auswanderer. Die müssen gleich in die Landstrecken des Westens ziehen und ein kleines Betriebskapital mitbringen, um sich das Notwendigste an Lebensbedarf, Gerätschaften und was eine Niederlassung und Ackerwirtschaft in der Wildnis erfordert, zu kaufen. So machtens ein paar Schwaben, Vater und Sohn, brave Leute, mit denen wir zufällig den ersten Tag zusammentrafen. Der Sohn freite auf der Stelle um die Rose. Weibsbilder sind rar in Amerika; da bleibt keine ledig. Aber Rose rümpfte gewaltig die Nase und meinte, es verlohne sich nicht der Mühe, nach Amerika zu gehen, um dort einen schwäbischen Bauern zu heiraten; den könne man auch in Europa haben. Sie war wie behext von dem Florentin. Auf der Reise hatte das angefangen und es nahm zu, je mehr Florentin erkannte, daß in New-York die amerikanischen Prinzessinnen nicht herumliefen, die sich ihm in die Arme werfen würden. Da stieg denn das Bauernmädel ganz gewaltig in seinen Augen, und da er sich auch recht verlassen fühlen mochte, so tat's ihm wohl, daß sie ein Herz für ihn hatte. Es ging ihm schlecht, ich sah es an seinem abgetragenen Rock; und er fing auch bald an, auf Amerika zu schimpfen, obgleich mehr und mehr von seinen Leuten, den Revolutionsmännern, herüber kamen. Es hatte aber jeder vollauf zu tun, um sich nur durchzubringen; denn alles, was zum Lebensbedarf gehört, ist furchtbar teuer da drüben. Was man anschaut, kostet einen Dollar. Da kann nicht so leicht einer dem andern beistehen, wenn er auch wollte, und wenn er Zeit hätte, an einen andern zu denken, als an sich selbst. Jeder muß zugreifen und das Stück Arbeit, das er eben findet, geschwind verrichten; sonst schnappts ihm ein anderer vor der Nase weg. Mit seinem Pulsfühler wird er sich den Geldbeutel wohl nicht sehr gespickt haben, der Florentin! Kurz, er fing an von Kalifornien, dem Goldlande, zu sprechen; denn er kam immer fleißig zu uns – versteht sich wegen der Rose. Mir aber fielen vor dem amerikanischen Paradiese die Schuppen von den Augen. Wir schmachteten im gräßlichsten Elend und ich glaubte auch an sein Goldland nicht. Ein Wort gab das andere; und endlich verbot ich ihm, den Fuß je wieder über meine Schwelle zu setzen. Er ging – und am anderen Morgen war die Rose verschwunden. Wir haben sie nicht wieder gesehen!«

»Stelltet Ihr denn gar keine Nachforschungen an, Wendel?«

»Ach, lieber hochwürdiger Herr! ein blutarmer Mann kann in Amerika keine anderen Nachforschungen anstellen als die, daß er Tag und Nacht Straß' auf Straß' nieder rennt und sein Kind sucht. Nachforschungen von den Behörden kosten viel Geld! Der wackere Geistliche, bei dem mein Weib in die Messe und zur Beicht ging und an den sie sich in ihrem Herzeleid wendete, tat, was er konnte, um die Verlorene aufzuspüren; er selbst und andere barmherzige Leute, Aber nirgends die geringste Spur! sie wird sich eben mit dem Florentin auf ein Dampfschiff oder die Eisenbahn gesetzt haben und in die weite Welt – oder zur Hölle gefahren sein! Mein Weib wurde ein Jammerbild. Hunger, Sorge, schwere Arbeit hatten ihr nicht so zugesetzt, wie der Gram um Rosel. Schau', Wendel! sagte sie und sah mich an mit ihren hohlen eingesunkenen Augen; schau', wohin der Mensch kommt, der den Glauben verliert. Für unsere kleine Theres' hat die Rosel damals den priesterlichen Segen verachtet; jetzt verachtet sie ihn für sich selbst und geht in blinder heidnischer Weis' zu einem Mann, der sie in Schande und Unglück stürzen wird. – Es ging mir durch Mark und Bein, denn ich hatte ja auch den Glauben verloren und das hatte mein armselig Mädchen ebenfalls von mir geerbt!! – Der brave Geistliche hatte großes Erbarmen mit uns, das ich wahrhaftig nicht verdiente, denn trotz meines Elendes hatte ich mich nie im Gottesdienste, nie bei den Heiligen Sakramenten eingefunden. Ein Farmer, der alle Jahr zur österlichen Zeit nach New-York kam und dreihundert englische Meilen nicht scheute, um seine Christenpflicht zu erfüllen, hatte den Pfarrer gebeten, ihm einen tüchtigen Knecht zu verschaffen. Der Pfarrer empfahl mich und stellte dem braven Farmer, der sein Weib verloren hatte und sich nicht zur zweiten Ehe entschließen konnte, so dringend vor, wie nötig ihm eine Magd sei, daß er ganz gern auch mein Weib als Haushälterin nahm; und als er so weit war, da erklärte ihm der Pfarrer, die drei Buben müsse er obendrein nehmen – und so lange sprach er ihm zu und so innig verhieß er ihm die Seligkeit, welche die Barmherzigkeit erwartet, daß sich der gute Farmer endlich willig fand uns alle aufzunehmen. Wir zogen mit ihm in die Wildnis. Wäre meine Arbeitsscheu nicht mürbe geworden vom Hunger, hochwürdiger Herr, so hätte ich mich billig entsetzen dürfen vor der rauhen, schweren, mühseligen Arbeit, die mich erwartete. Hier war ich zu faul gewesen, um als Bauer meine Ackerwirtschaft zu bestellen, daß ich meine, ich hätte zuweilen Blut geschwitzt. Doch gleichviel! der Herr war gut und teilte alles mit uns, das rohe Obdach und die grobe Kost; wir konnten leben. Ein Stück Wald sollte in urbares Land verwandelt werden; da mußte man alle Bäume und Sträuche nicht bloß fällen, sondern auch Wurzeln aus der Erde graben. Das war mein Geschäft; die Frau besorgte die Küche, die Milchwirtschaft und was es im Hause zu tun gab. Die Buben gingen ihr und mir zur Hand, hüteten Pferde, Kühe und Hühner und halfen dem Herrn, der mit der Feldwirtschaft, der Jagd, dem in Stand halten seiner Gerätschaften vollauf zu tun hatte. Ein neues und größeres Blockhaus wurde gebaut. Das alte war zu eng und ganz vermorscht; der Farmer hatte es bereits halb zerfallen vorgefunden. Als das neue fertig war, kam es uns vor wie ein Schloß so stattlich – und bestand doch nur aus Wänden von Baumstämmen mit Moos verstopft und aus dem natürlichen Estrich der Erde, nur festgestampft. Es war recht feucht, dies Schloß und wir ließen, als wir es bezogen, am ersten Tage das Feuer gar nicht in unserer Kammer ausgehen. Es brannte in einer Art von Kamin auf einem niedrigen Herd von Lehm. Zu beiden Seiten des Kamins waren Schlafstätten bereitet: rohe Bretter lagen auf dem nackten Boden, ungegerbte Tierfelle bedeckten sie und darauf war eine dicke Streu von dürrem Laub gehäuft. Hier bei uns hat kein Taglöhner ein so elendes Lager. Nun, ich war froh, daß wir wenigstens dies hatten und ich streckte meine totmüden Glieder recht bequem zur Ruhe aus. In der Nacht fuhr ich halb und halb aus meinem bleiernen Schlafe auf. Mir war, als hätte ich dumpfes Geräusch vernommen und tiefes Seufzen. Was gibt's! rief ich schlaftrunken. Sei ruhig! ich bin bei den glimmenden Kohlen: antwortet mein Weib und ich schlafe wieder fest ein. Mit dem Tage erwache ich und was muß ich sehen, hochwürdiger Herr! schwarz im Gesicht, steif gestreckt, liegt mein Weib tot am Boden – und in der Asche des Herdes eine zusammengeringelte Schlange! Neben mir stand ein Holzklotz, auf dem wir das Brennholz spalteten. Ich hob ihn auf und warf ihn mit aller Macht auf die Schlange, die er zermalmte, und dann hieb ich ihr mit der Axt den Kopf ab. So waren die Buben gerettet – aber mein liebes, frommes Weib war dahin, kläglich umgekommen, ohne Priester und Sakrament. Wir huben ein Geheul an, daß es die Steine hätte erbarmen mögen. Der Farmer kam und weinte mit uns. Er war kreuzbrav und sehr fromm, wie die meisten Irländer sind. Er sprach viele Gebete bei ihrer Leiche und, nachdem wir sie armselig verscharrt hatten, an ihrem Grabe; und er zimmerte ein Kreuz und steckte es darauf. Die Schlange hatte vermutlich halb erstarrt in ihrer Höhle unter der Erde und in der Nähe des Kamins gelegen, war durch das Feuer erwärmt und geweckt worden und hatte sich einen Ausweg gesucht, um in dessen Nähe zu kommen. Das geschieht nicht selten. Vermutlich hatte mein armes Weib bei den glimmenden Kohlen das Untier gesehen. Hätte sie es ruhig liegen lassen, so wäre es vielleicht nach einigen Stunden ohne Schaden zu tun fortgekrochen; denn diese Art pflegt nur dann zu stechen, wenn man ihr irgendwie in den Weg kommt. Sie ist aber so giftig, daß der Mensch augenblicklich von ihrem Stich aufschwillt, stirbt und schnell in Verwesung übergeht. Wir glauben, daß mein armes Weib aus Angst um die Buben, die auf der anderen Seite des Kamins schliefen, den Kopf verlor und die Schlange zu erschlagen versuchte mit einem dicken Knüttel, den wir neben dem Herde fanden, und daß sie dadurch das Tier zum Stich aufreizte. So erkläre ich mir das dumpfe Geräusch, das mich weckte. Aber noch in ihrem Todesstöhnen dachte sie an mich und die Buben! Sei ruhig! sagte sie. Hätte sie mich geweckt, wie leicht hätten die Buben erwachen und Lärm machen und die gereizte Schlange uns alle in der Dunkelheit um's Leben bringen können. Sie war nun dahin, die gute Seele, und der liebe Gott schenke ihr die ewige Ruhe. Auf Erden hat sie nicht viel gute Tage gehabt – durch meine Schuld! Mein Farmer vermißte sie sehr und sagte mir eines Tages, es ging nicht gut im Hause ohne Frau; er müsse sich entschließen, ein Weib zu nehmen. Mir wurde das Herz ganz schwer bei dieser Rede! ich weiß nicht warum! aber ich konnte ihm nur denselben Rat geben. Er vertraute mir die Farm an, ritt von dannen und kam erst nach zwei Monaten wieder mit einer schönen jungen Frau und zwei Schwägern, stämmigen Burschen, die mich scheel ansahen und meine Buben noch mehr. Nach drei Tagen erkrankte die junge Frau und die Pocken brachen so furchtbar bei ihr aus, als sei sie nie geimpft worden. Wer in der Wildnis krank wird, muß von selbst gesund werden oder sterben! Ärzte sind unerreichbar. Die Frau starb. Der Farmer hatte sie treu gepflegt und dabei das Pockengift eingesogen. Er wurde ebenfalls krank und starb in großen Qualen, der brave Mann; die Schwäger aber sagten, nun hätten sie die Farm geerbt und sie brauchten keinen Knecht mit drei Kindern. Sie gaben mir das Notwendigste, um nach New-York zurückzukehren und so stand ich denn im vorigen Spätjahr wiederum bettelarm vor der Türe des braven Pfarrers. Da könnt' ich aber die Last meiner Leiden und meiner Sünden nicht mehr ertragen. Der liebe Gott mußte sie mir tragen helfen. Ich erleichterte mein Herz durch eine reumütige Lebensbeichte und dann schrieb ich Ihnen, hochwürdiger Herr, und bat Sie um Reisegeld zur Heimkehr, und der brave Pfarrer schrieb Ihnen auch. Ehe das Geld aber ankam, ergriffen mich die Pocken und ich war so geschwächt von all' meinem Elend, daß die heftige Krankheit mich fast um all' meine Sinne brachte. Ich lag drei Monate im Spital, fast blind, halb taub, zitternd an allen Gliedern, und so bin ich denn, wie Sie mich jetzt sehen, aus dem amerikanischen Paradiese heimgekehrt.« –

Es wurden Stimmen im Hofe laut und Männerschritte ließen sich vernehmen. Wendel blickte mit seinen kranken Augen scheu nach dem Fenster und Levin stand auf, um zu sehen, was vorfalle. Da flog die Türe auf und die Bäuerin stürzte mit den Geberden höchster Verzweiflung in die Stube und schrie:

»Wendel! sie sagen, die Rose sei eben gefunden, erstickt im Kohlendampf, O Jesus Maria! ist sie denn nicht in Amerika geblieben, Wendel!« –

Zwei Gerichtsdiener folgten der Bäuerin; die Buben drängten sich ängstlich herein und in eine Ecke; Regina eilte schreckenvoll zu Levin und umfaßte seinen Arm; Wendel rührte sich nicht; alle sahen gespannt die Gerichtsdiener an. Diese grüßten höflich Levin und der eine sagte zur Bäuerin:

»Heule Sie nicht, Frau, und komm' Sie mit uns. Ist Ihre Nichte wirklich in Amerika, so kann sie freilich nicht bei uns erstickt im Kohlendampf liegen. Da aber die Leute sagten, es sei die Wendelrose, die vor dritthalb Jahren mit ihren Eltern ausgewandert sei und wir möchten uns bei Ihr, Frau, Auskunft holen: so sind wir gekommen, um Sie mitzunehmen.«

»Wendel, hörst Du nicht!« schrie die Bäuerin ganz außer sich. »Die Leute sprechen ja, Deine Tochter sei da – aber tot.«

»Seine Tochter!« rief der Gerichtsdiener erstaunt. »Ist denn der Wendel auch aus Amerika zurückgekommen? Hätt' ihn nimmer erkannt! er sieht ja aus wie sein eigener Großvater. Nun Wendel, sprecht: kann das eure Tochter sein?

»Gottes Mühlen mahlen langsam,« sagte Wendel stumpf, tat seine kranken Augen weit auf und blickte mit blödsinnigem Lächeln umher.

»Auch das noch! er ist irr!« ächzte die Bäuerin und fiel auf die Bank. –

Regina unterstützte sie und rief nach Essig und kaltem Wasser. Der Gerichtsdiener sagte ehrerbietig zu Levin, der den unglücklichen Wendel in seinen Armen hielt:

»Hochwürdigcr Herr, reden Sie der Frau zu, daß sie mit uns gehe. Der arme Mann ist ja seiner nicht mächtig. Vielleicht ist's auch nicht die Wendelrose. Die Bräuerin aus dem roten Ochsen kann sich ja irren. Man muß nur Gewißheit haben, ob Ja, ob Nein.«

»Hat die Bräuerin aus dem roten Ochsen gesagt, daß es die Wendelrose sei: so ist sie es;« nahm die Bäuerin mit schwacher Stimme das Wort; »denn die ist aus der Verwandtschaft meiner Schwägerin selig. Wer von uns zur Stadt geht, kehrt bei ihr ein. Die kennt die Rose wie ihr eigen Kind.« –

Man kam endlich dahin überein, daß die beiden ältesten Buben mit den Gerichtsdienern in das benachbarte Städtchen gingen. In einer Oberstube des Posthalterhauses lag auf dem Bette, völlig angekleidet und in einen schottischen Shawl gehüllt, eine weibliche Gestalt. Die Fenster des Zimmers waren geöffnet und die Türe verschlossen. Ein Gerichtsdiener hielt vor derselben Wache. Unten in der Wirtsstube drängten sich die Leute und besprachen das grausige Ereignis. Als die beiden Buben anlangten und die Treppe hinauf geführt wurden, wälzte sich ein Menschenstrom ihnen nach, und kaum öffnete sich ihnen die Zimmertür, so stürzten Beide mit dem Jammergeschrei: »Rosel! ach Rosel!« dem Bette zu. Nun wußte man, daß es die Wendelrose sei!

Das Gericht nahm ihren armseligen Reisesack in Verwahrung. Es fand sich darin kaum das Notdürftigste an Wäsche, ihr Paß, der vor einigen Tagen in London ausgestellt war, und ein kleines Buch von der Nachfolge Christi, in welchem der Name Kunigunde Windeck stand. In diese Hände war Regina'»fromme Gabe an Florentin geraten! Tags zuvor in aller Frühe war aus dem Post-Omnibus, der zwischen Aschaffenburg und Miltenberg fährt, in diesem Städtchen ein junger Mann und eine junge Frau ausgestiegen, die man für Engländer hielt, denn sie sprachen englisch und trugen blaue Brillen. Er forderte ein Zimmer und Frühstück. Man hörte sie lebhaft, ja heftig sprechen – wohl eine Stunde lang. Dann ging der Mann fort und sagte zu der Magd in der Küche: wenn die Frau zu Mittag noch da sei, was er aber nicht glaube, so möge man ihr eine Suppe bringen. Sie war noch zur Mittagszeit da und die Magd brachte ihr etwas Essen. Sie lag auf dem Bette, hatte ihre blaue Brille abgelegt und die Magd bemerkte, daß sie furchtbar geweint habe. Gegen Abend ging sie aus und blieb ein Paar Stunden fort. Als sie wiederkam, war es ganz finster und sehr kalt. Sie zitterte am ganzen Körper und begehrte Feuer im Ofen und einen Kasten voll Kohlen. Als die Magd das Feuer angezündet hatte und das Mittagbrot unberührt auf dem Tische sah, fragte sie, ob sie vielleicht warmes Abendessen bringen solle. Nein, war die Antwort, aber Bier; ich verschmachte vor Durst, denn ich habe ein Fieber. Als die Magd das Bier brachte, dankte sie ihr und schloß die Türe hinter ihr zu. Am anderen Morgen um neun Uhr war es noch immer ganz still bei der Fremden. Die mitleidige Magd horchte, klopfte leise an und versuchte die Türe zu öffnen. Alles blieb still. Sie wurde ängstlich, lief zur Wirtin und bat diese, die Fremde zu wecken. Aber umsonst. Die Stille war so unheimlich, daß die Posthalterin den Schlosser rufen und die Türe sprengen ließ. Kohlendunst erfüllte das Zimmer, denn die Klappe des Ofens war zugedreht – und die Fremde lag tot auf dem Bette. Neben dem leeren Bierkrug lagen zwei Zwanziger auf dem Tische. Dies war das Ende der Wendelrose: Hoffart, die in Gemeinheit unterging; zuerst der Rausch der Sinnlichkeit, zuletzt der Rausch des Biers; – Schmach im Leben, Schmach im Tode. Abseits an der Kirchhofsmauer wurde sie in aller Stille beerdigt, und kein Priester sprach den Segen über ihrem Grabe. Als die Begebenheit bekannt wurde, erzählte ein Reitknecht: es sei an jenem Abend ein Frauenzimmer im Windecker Schloßhof erschienen und habe sich scheu umgesehen. Er habe sie für eine Art von Bettlerin gehalten und sie gefragt, ob sie den hochwürdigen Herrn zu sprechen wünsche. Nein! habe sie gerufen, den Priester will ich nicht! aber die Gräfin Regina! Auf seine Antwort, daß diese abwesend sei, habe sie sich gleich entfernt. Eine Stunde später sei Gräfin Regina angekommen; so daß er bei sich selbst gedacht habe: Schade, daß die arme Person nicht gewartet hat! – Noch da, gleichsam in ihrer letzten Stunde, bot ihr die göttliche Barmherzigkeit Versöhnung und Gnade durch seinen Priester an. Der hätte sie gerettet an Leib und Seele. Sie schlug ihn aus; sie begehrte menschliche Hilfe; als sie diese nicht fand – ging sie unter an Leib und Seele. –

Florentin war verschwunden. Leichten Herzens ging er nach der Schweiz. Hatte er nicht das Äußerste für Rose getan und sie zurückgebracht auf die Schwelle ihrer Heimat, nachdem er sie dem Elend in New-York entrissen und seine Armut in London mit ihr geteilt? Um welchen Preis, das brachte er nicht in Anschlag. Es war ja ihr Wille, ihre Leidenschaft für ihn, welche sie zu seiner Sklavin machten. Sie war ja glücklich durch ihn, so lange er sie liebte – und daß er sie nicht ewig lieben werde, hatte sie sich doch wohl vorstellen können. Er hatte ihr ja tausend Mal gesagt, das wahre Glück beruhe nur auf freiwilligen Verhältnissen und Neigungen und ersterbe in jeder Art von Zwang. Zwang des Herzens sei ein Verbrechen, ein Selbstmord, den der Mensch an seiner Liebe begehe; und weil die Ehe diesen Zwang auf zwei Leute für immer werfe, die vielleicht nach sechs Monaten gründlich gleichgültig für einander wären: so müsse man die Ehe verabscheuen. Mit dem allen war sie einverstanden gewesen, so lange er sie liebte – und dann plötzlich nicht mehr! Schwäche des weiblichen Kopfes, der jeder Logik unzugänglich ist, weil er von den falschen Schlüssen des Gefühls übermeistert und konfus wird, sprach Florentin zu sich selbst. Alle Frauen scheitern an ihrem Subjektivismus! Zur hohen objektiven Anschauung und Beurteilung großer allgemeiner Verhältnisse, denen man sich mit voller Kraft und Begeisterung hingeben muß, erschwingt sich keine! – nämlich keine Rosel. Die bleibt im Gefühl stecken .... und Punktum! – Aber das Gewissen ließ sich nicht ganz übertäuben. Wer steckte denn tiefer im praktischen Subjektivismus, nämlich im Egoismus, als er? In stiller Nacht, in den Augenblicken, welche dem Schlaf vorhergehen, wenn die geheimnisvolle Macht, die einen Riesen an geistigen und leiblichen Kräften in unsichtbare unwiderstehliche Fesseln schlägt, seine richtige oder falsche Logik durch das Einschlafen unterbrach: dann fliegen andere Bilder in Florentin's halbträumenden Gedanken auf. Ja! ihre Leidenschaft hatte sie zu seiner Sklavin gemacht; aber auf dem Bauernhof ihrer Eltern, auf dem Auswandererschiff, in dem Elend von New-York hatte er diese Leidenschaft geweckt und genährt durch seine giftigen Lehren, seine verderblichen Ansichten. Warum hörte sie hin? warum nahm sie dieselben an? Ja, das war freilich ihre Schuld: sie gab Gehör dem Zischen der alten Schlange! Über warum schmeichelte er ihr mit seiner Bewunderung, daß ein schlichtes Bauernmädchen eine so feine Fassungsgabe besitze, und warum ging diese Bewunderung mehr und mehr auf ihre Persönlichkeit über, und warum fand er einen solchen Reiz in der Wahrnehmung, daß ihr Herz, welches er so geflissentlich vom Glauben an Gott und an göttliche Gebote ablöste, ihn zu einem Gott machte, an den es glaubte? Ich bin kein Gott! rief Florentin aus seinen Bilderträumen sich aufreißend und wach schüttelnd. Ich bin kein Gesetzgeber für andere! warum glaubte sie an mich? warum folgte sie mir? – – Ein Grauen überfiel ihn, daß er die Verantwortung seiner Grundsätze und ihrer Folgen für sich selbst und für andere übernehmen solle; und doch wollte er behaupten, diese Grundsätze wären die einzig wahren, und an ihrer Verbreitung und Durchführung hänge der Fortschritt der Menschheit. Und immer, wenn er einschlafen wollte, kamen diese quälenden Vorstellungen. Sein eitler Triumph, als sie, alle weibliche Zurückhaltung verlierend, ihre Eltern floh und zu ihm kam – und für ihn arbeitete und sich abmühte, was ihr sonst ein Gräuel war – und für ihre Person mit dem Armseligsten sich begnügte, während sie sonst an eitlem Tand übergroßes Wohlgefallen hatte – und ihm nach London folgte und auch dort mit übermenschlicher Anstrengung zu jeder Arbeit, zu jedem Dienst bereit war, um ihr Leben zu fristen, damit sie ihm nur nicht zur Last falle und um wohl gar seinen Bedürfnissen abzuhelfen! Und wie sein eitler Triumph bald verrauschte und überging in Widerwillen, ja, in grimmigen Haß, weil sie ihm fürchterlich zur Last siel mit ihrer Person, mit ihrer Opferwilligkeit, mit ihrer Liebe, die er verachtete, weil sie sich mißhandeln ließ. Die Unglückselige, was sollte sie beginnen? Lieben muß das Menschenherz; dazu ist es geschaffen, dazu wird es von der Natur gedrängt, dazu geheiligt von der Gnade; das ist sein höchstes, irdisches und göttliches Gesetz. Aber die Unglückselige! sie hatte die Liebe zu Gott verlassen, den einzig ächten Quell jeder Liebe hienieden, welche Anspruch machen darf auf diesen himmlischen Namen; sie klammerte sich an die Kreatur, und umso fester, als sie keinen anderen Halt hatte – und das nannte sie Liebe. Mit einer Ausdauer, welche unter anderen Verhältnissen und um Gottes Willen geübt, die schönste Tugend und die lichteste Glorie des weiblichen Herzens ist, ertrug sie Florentins schneidende Behandlung, die Ausbrüche seines Zorns, seines Widerwillens, seine Vorwürfe über ihre lästige Gegenwart. Sie, suchte sich unsichtbar zu machen, um ihm nur nicht in den Weg zu kommen. Sie wünschte gar nicht von ihm beachtet zu werden; und all' diese unsäglichen Ängste und Erniedrigungen nahm sie hin, damit er sie nur in seiner Nähe dulde und sie nicht ganz verstoße. Wenn er damit drohte, ja, dann geriet sie außer sich und in einen solchen Wahnwitz von Verzweiflung, daß er sich fürchtete. Hättest Du einen Hund, sagte sie, den Du nicht zu füttern brauchtest, würdest Du ihm nicht den Platz im Winkel Deines Zimmers gönnen? verlange ich mehr als ein Hund? In welchem Roman hast Du das gelesen? fragte er höhnisch. Sie hatte es allerdings in einem Roman gelesen, den er ihr mit großen Lobsprüchen gegeben hatte. Aber sie schwieg, denn das hatte er vergessen. In seinen Träumen fiel es ihm wieder ein. Als Orest ihm in London die Hundertpfundnote gab, warf er ihr ein paar Goldstücke hin und sagte kalt: Iß Dich einmal satt! Sie tat es buchstäblich einmal. Das übrige Geld hob sie auf, um es ihm zu geben, wenn er später nichts mehr haben würde, wenn die Redaktionen der Journale seine Artikel unbenutzt zurückschickten und wenn es ihn langweilte, ungelehrigen Kindern Unterricht in der deutschen Sprache zu geben. Mit Frohlocken fand er zu Ende des Winters die kleine Summe auf seinem Tisch. Er fragte nicht, er dankte nicht; er rief nur: Jetzt reisen wir! Sie wagte nicht zu fragen, wohin? Er reiste mit ihr ab und fort bis zu jenem Städtchen, wo er ihr erklärte: hier könne sie sich zu ihren wohlhabenden Verwandten begeben oder sich anderweitig leicht ihr Brot verdienen, und hier trennten sich ihre Wege für immer; sie sei der Fluch seines Lebens und den möge er nicht länger mit sich herumschleppen. Sie bat und flehte; er drohte und zürnte. Da sagte sie, sie werde sich das Leben nehmen; er lachte – und ging von dannen. Aber in seinen halbwachen Träumen fiel ihm ein, daß sie das sagte, und er fuhr zähneknirschend auf: Bah! wollten sich alle Weiber aus Liebesgram ein Leid antun, so wäre die halbe Welt entvölkert. Und endlich schlief er denn doch ein. –

Der arme Wendel aber murmelte ununterbrochen.

»Gottes Mühlen mahlen langsam.« Das war der Gedanke, der sich am tiefsten seines Gemütes bemächtigt hatte und der ihm Stich hielt, als sein von Leiden aller Art geschwächter Organismus unter dem letzten furchtbaren Schlag seine geistigen Fähigkeiten, sein klares Bewußtsein verlor. Seine brave Schwester gönnte ihm gern den Platz im Großvaterstuhl hinter dem Ofen im Winter – und im Sommer auf der Bank unter dem alten Birnbaum im Garten, wo die Bienen so munter summten. Im Hause tappte er still herum, tat nichts, sprach mit niemand. Seine Buben zog die Bäuerin ebenso rechtschaffen und fromm auf, wie sie ihren eigenen Sohn erzogen hatte, der ihr im Spätjahr eine liebe willkommene Schwiegertochter ins Haus brachte. Regina und Levin besuchten öfters den Bauernhof und seine guten Menschen. So wie Wendel Levin erblickte, pflegte er lebhaft auszurufen: »Gottes Mühlen mahlen langsam« und die Bäuerin pflegte betrübt beizusetzen:

»Ach, hochwürdiger Herr! hätte die arme Rosel das bedacht, so hätte sie Buße tun und vielleicht noch eine Heilige werden können.«

»Ja,« sagte Levin, »Gott will nicht den Tod des Sünders, sondern daß er sich bekehre und lebe.«

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