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Christian Friedrich Hebbel: Maria Magdalene - Kapitel 6
Quellenangabe
typetragedy
booktitleMaria Magdalene
authorFriedrich Hebbel
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02627-8
titleMaria Magdalene
pages5-142
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Personen:

Meister Anton, ein Tischler.
Seine Frau.
Klara, seine Tochter.
Karl, sein Sohn.
Leonhard.
Ein Secretair.
Wolfram, ein Kaufmann.
Adam, ein Gerichtsdiener.
Ein zweiter Gerichtsdiener.
Ein Knabe.
Eine Magd.

Ort: eine mittlere Stadt.


Erster Akt.

Zimmer im Hause des Tischlermeisters.

Erste Scene.

Klara. Die Mutter.

Klara.
Dein Hochzeits-Kleid? Ei, wie es Dir steht! Es ist, als ob's zu heut gemacht wäre!

Mutter.
Ja, Kind, die Mode läuft so lange vorwärts, bis sie nicht weiter kann, und umkehren muß. Dies Kleid war schon zehn Mal aus der Mode, und kam immer wieder hinein.

Klara.
Diesmal doch nicht ganz, liebe Mutter! Die Aermel sind zu weit. Es muß Dich nicht verdrießen!

Mutter. (lächelnd)
Dann müßt' ich Du seyn!

Klara.
So hast Du also ausgesehen! Aber einen Kranz trugst Du doch auch, nicht wahr?

Mutter.
Will's hoffen! Wozu hätt' ich sonst den Myrthenbaum jahrelang im Scherben gepflegt!

Klara.
Ich hab' Dich so oft gebeten, und Du hast es nie angezogen, Du sagtest immer: mein Brautkleid ist's nicht mehr, es ist nun mein Leichenkleid, und damit soll man nicht spielen. Ich mogt' es zuletzt gar nicht mehr sehen, weil es mich, wenn es so weiß da hing, immer an Deinen Tod und an den Tag erinnerte, wo die alten Weiber es Dir über den Kopf ziehen würden. – Warum denn heut?

Mutter.
Wenn man so schwer krank liegt, wie ich, und nicht weiß, ob man wieder gesund wird, da geht Einem gar Manches im Kopf herum. Der Tod ist schrecklicher als man glaubt, o, er ist bitter! Er verdüstert die Welt, er bläs't all' die Lichter, eins nach dem andern, aus, die so bunt und lustig um uns her schimmern, die freundlichen Augen des Mannes und der Kinder hören zu leuchten auf, und es wird finster allenthalben, aber im Herzen zündet er ein Licht an, da wird's hell, und man sieht viel, sehr viel, was man nicht sehen mag. Ich bin mir eben nichts Böses bewußt, ich bin auf Gottes Wegen gegangen, ich habe im Hause geschafft, was ich konnte, ich habe Dich und Deinen Bruder in der Furcht des Herrn aufgezogen und den sauren Schweiß Eures Vaters zusammen gehalten, ich habe aber immer auch einen Pfenning für die Armen zu erübrigen gewußt, und wenn ich zuweilen Einen abwies, weil ich gerade verdrießlich war, oder weil zu Viele kamen, so war es kein Unglück für ihn, denn ich rief ihn gewiß wieder um und gab ihm doppelt. Ach, was ist das Alles. Man zittert doch vor der letzten Stunde, wenn sie herein droht, man krümmt sich, wie ein Wurm, man fleht zu Gott um's Leben, wie ein Diener den Herrn anfleht, die schlecht gemachte Arbeit noch einmal verrichten zu dürfen, um am Lohntag nicht zu kurz zu kommen.

Klara.
Hör' davon auf, liebe Mutter, Dich greift's an!

Mutter.
Nein, Kind, mir thut's wohl! Steh' ich denn nicht gesund und kräftig wieder da? Hat der Herr mich nicht bloß gerufen, damit ich erkennen mögte, daß mein Feierkleid noch nicht fleckenlos und rein ist, und hat er mich nicht an der Pforte des Grabes wieder umkehren lassen, und mir Frist gegeben, mich zu schmücken für die himmlische Hochzeit? So gnadenvoll war er gegen jene sieben Jungfrauen im Evangelium, das Du mir gestern Abend vorlesen mußtest, nicht! Darum habe ich heute, da ich zum heiligen Abendmahl gehe, dies Gewand angelegt. Ich trug es den Tag, wo ich die frömmsten und besten Vorsätze meines Lebens faßte. Es soll mich an die mahnen, die ich noch nicht gehalten habe!

Klara.
Du sprichst noch immer wie in Deiner Krankheit!

Zweite Scene.

Karl. (tritt auf)
Guten Morgen, Mutter! Nun, Klara, mögtest Du mich leiden, wenn ich nicht Dein Bruder wäre?

Klara.
Eine goldene Kette? Woher hast Du die?

Karl.
Wofür schwitz' ich? Warum arbeit' ich Abends zwei Stunden länger, als die Anderen? Du bist impertinent!

Mutter.
Zank am Sonntag-Morgen? Schäme Dich, Karl!

Karl.
Mutter, hast Du nicht einen Gulden für mich?

Mutter.
Ich habe kein Geld, als was zur Haushaltung gehört.

Karl.
Gieb nur immer davon her! Ich will nicht murren, wenn Du die Eierkuchen vierzehn Tage lang etwas magerer bäckst. So hast Du's schon oft gemacht! Ich weiß das wohl! Als für Klaras weißes Kleid gespart wurde, da kam Monate lang nichts Leckeres auf den Tisch. Ich drückte die Augen zu, aber ich wußte recht gut, daß ein neuer Kopfputz, oder ein anderes Fahnenstück auf dem Wege war. Laß' mich denn auch ein mal davon profitiren!

Mutter.
Du bist unverschämt!

Karl.
Ich hab' nur keine Zeit, sonst – (er will gehen).

Mutter.
Wohin gehst Du?

Karl.
Ich will's Dir nicht sagen, dann kannst Du, wenn der alte Brummbär nach mir fragt, ohne roth zu werden, antworten, daß Du's nicht weißt. Uebrigens brauch' ich Deinen Gulden gar nicht, es ist das Beste, daß nicht alles Wasser aus Einem Brunnen geschöpft werden soll. (für sich) Hier im Hause glauben sie von mir ja doch immer das Schlimmste; wie sollt' es mich nicht freuen, sie in der Angst zu erhalten? Warum sollt' ich's sagen, daß ich, da ich den Gulden nicht bekomme, nun schon in die Kirche gehen muß, wenn mir nicht ein Bekannter aus der Verlegenheit hilft? (ab).

Dritte Scene.

Klara.
Was soll das heißen?

Mutter.
Ach, er macht mir Herzeleid! Ja, ja, der Vater hat recht, das sind die Folgen! So allerliebst, wie er als kleiner Lockenkopf um das Stück Zucker bat, so trotzig fordert er jetzt den Gulden! Ob er den Gulden wirklich nicht fordern würde, wenn ich ihm das Stück Zucker abgeschlagen hätte? Das peinigt mich oft! Und ich glaube, er liebt mich nicht einmal. Hast Du ihn ein einziges Mal weinen sehen während meiner Krankheit?

Klara.
Ich sah ihn ja nur selten, fast nicht anders, als bei Tisch. Mehr Appetit hatte er, als ich!

Mutter. (schnell)
Das war natürlich, er mußte die schwere Arbeit verrichten!

Klara.
Freilich! Und wie die Männer sind! Die schämen sich ihrer Thränen mehr, als ihrer Sünden! Eine geballte Faust, warum die nicht zeigen, aber ein weinendes Auge? Auch der Vater! Schluchzte er nicht den Nachmittag, wo Dir zur Ader gelassen wurde, und kein Blut kommen wollte, an seiner Hobelbank', daß mir's durch die Seele ging! Aber als ich nun zu ihm trat, und ihm über die Backen strich, was sagte er? Versuch' doch, ob Du mir den verfluchten Span nicht aus dem Auge herausbringen kannst, man hat so viel zu thun und kommt nicht vom Fleck!

Mutter. (lächelnd)
Ja, ja! Ich sehe den Leonhard ja gar nicht mehr. Wie kommt das?

Klara.
Mag er weg bleiben!

Mutter.
Ich will nicht hoffen, daß Du ihn anderswo siehst als hier im Hause!

Klara.
Bleib' ich etwa zu lange weg, wenn ich Abends zum Brunnen gehe, daß Du Grund zum Verdacht hast?

Mutter.
Nein, das nicht! Aber nur darum hab' ich ihm Erlaubniß gegeben, daß er zu uns kommen darf, damit er Dir nicht bei Nebel und Nacht aufpassen soll. Das hat meine Mutter auch nicht gelitten!

Klara.
Ich seh ihn nicht!

Mutter.
Schmollt Ihr mit einander? Ich mag ihn sonst wohl leiden, er ist so gesetzt! Wenn er nur erst etwas wäre! Zu meiner Zeit hätt' er nicht lange warten dürfen, da rissen die Herren sich um einen geschickten Schreiber, wie die Lahmen um die Krücke, denn sie waren selten. Auch wir geringeren Leute konnten ihn brauchen. Heute setzte er dem Sohn einen Neujahrswunsch für den Vater auf, und erhielt allein für den vergoldeten Anfangsbuchstaben so viel, daß man einem Kinde eine Docke dafür hätte kaufen können. Morgen gab ihm der Vater einen Wink und ließ sich den Wunsch vorlesen, heimlich, bei verschlossenen Thüren, um nicht überrascht zu werden und die Unwissenheit aufgedeckt zu sehen. Das gab doppelte Bezahlung. Da waren die Schreiber oben auf und machten das Bier theuer. Jetzt ist's anders, jetzt müssen wir Alten, die wir uns nicht aufs Lesen und Schreiben verstehen, uns von neunjährigen Buben ausspotten lassen! Die Welt wird immer klüger, vielleicht kommt noch einmal die Zeit, wo Einer sich schämen muß, wenn er nicht auf dem Seil tanzen kann!

Klara.
Es läutet!

Mutter.
Nun, Kind, ich will für Dich beten! Und was Deinen Leonhard betrifft, so liebe ihn, wie er Gott liebt, nicht mehr, nicht weniger. So sprach meine alte Mutter zu mir, als sie aus der Welt ging, und mir den Segen gab, ich habe ihn lange genug behalten, hier hast Du ihn wieder!

Klara. (reicht ihr einen Strauß)
Da!

Mutter.
Der kommt gewiß von Karl!

Klara. (nickt; dann bei Seite)
Ich wollt', es wäre so! Was ihr eine rechte Freude machen soll, das muß von ihm kommen!

Mutter.
O, er ist gut und hat mich lieb! (ab)

Klara. (sieht ihr durch's Fenster nach)
Da geht sie! Drei Mal träumt' ich, sie läge im Sarg, und nun – o die boshaften Träume, sie kleiden sich in unsere Furcht, um uns're Hoffnung zu erschrecken! Ich will mich niemals wieder an einen Traum kehren, ich will mich über einen guten nicht wieder freuen, damit ich mich über den bösen, der ihm folgt, nicht wieder zu ängstigen brauche! Wie sie fest und sicher ausschreitet! Schon ist sie dem Kirchhof nah – wer wohl der Erste ist, der ihr begegnet? Es soll Nichts bedeuten, nein, ich meine nur – (erschrocken zusammenfahrend) Der Todtengräber! Er hat eben ein Grab gemacht und steigt daraus hervor, sie grüßt ihn und blickt lächelnd in die düstre Grube hinab, nun wirft sie den Blumenstrauß hinunter und tritt in die Kirche. (Man hört einen Choral) Sie singen: Nun danket Alle Gott! (sie faltet die Hände) Ja! Ja! Wenn meine Mutter gestorben wäre, nie wär' ich wieder ruhig geworden, denn – – (mit einem Blick gen Himmel) Aber Du bist gnädig, Du bist barmherzig! Ich wollt', ich hätt' einen Glauben, wie die Katholischen, daß ich Dir Etwas schenken dürfte! Meine ganze Sparbüchse wollt' ich leeren, und Dir ein schönes vergoldetes Herz kaufen, und es mit Rosen umwinden. Unser Pfarrer sagt, vor Dir seyen die Opfer Nichts, denn Alles sey Dein, und man müßte Dir das, was Du schon hast, nicht erst geben wollen! Aber Alles, was im Hause ist, gehört meinem Vater doch auch, und dennoch sieht er's gar gern, wenn ich ihm für sein eignes Geld ein Tuch kaufe, und es sauber sticke, und ihm zum Geburtstag auf den Teller lege. Ja, er thut mir die Ehre an und trägt's nur an den höchsten Feiertagen, zu Weihnacht oder zu Pfingsten! Einmal sah ich ein ganz kleines katholisches Mädchen, das seine Kirschen zum Altar trug. Wie gefiel mir das! Es waren die ersten im Jahr, die das Kind bekam, ich sah, wie es brannte, sie zu essen! Dennoch bekämpfte es seine unschuldige Begierde, es warf sie, um nur der Versuchung ein Ende zu machen, rasch hin, der Meßpfaff, der eben den Kelch erhob, schaute finster drein und das Kind eilte erschreckt von dannen, aber die Maria über dem Altar lächelte so mild, als wünschte sie aus ihrem Rahmen heraus zu treten, um dem Kind nachzueilen und es zu küssen. Ich that's für sie! Da kommt Leonhard! Ach!

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