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Christian Friedrich Hebbel: Maria Magdalene - Kapitel 15
Quellenangabe
typetragedy
booktitleMaria Magdalene
authorFriedrich Hebbel
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02627-8
titleMaria Magdalene
pages5-142
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Neunte Scene.

Karl. (singt)

Wär gern hinein gesprungen,
Da draußen ist mein Reich!

Ja! aber vorher – (er sieht nach der Uhr) Wie viel ists? Neun!

Ich bin ja jung von Jahren,
Da ist's mir nur um's Fahren,
Wohin? Das gilt mir gleich!

Zehnte Scene.

Meister Anton. (tritt ein)
Dir hätt' ich etwas abzubitten, aber wenn ich's Dir verzeihe, daß Du heimlich Schulden gemacht hast, und sie noch obendrein für Dich bezahle, so werd' ich's mir ersparen dürfen!

Karl.
Das Eine ist gut, das Andere ist nicht nöthig, wenn ich meine Sonntags-Kleider verkaufe, kann ich die Leute, die ein Paar Thaler von mir zu fordern haben, selbst befriedigen, und das werd' ich gleich morgen thun, als Matrose, (für sich) da ist's heraus! (laut) brauch ich sie nicht mehr!

Meister Anton.
Was sind das wieder für Reden!

Karl.
Er hört sie nicht zum ersten Mal, aber Er mag mir heute darauf antworten, was Er will, mein Entschluß steht fest!

Meister Anton.
Mündig bist Du, es ist wahr!

Karl.
Eben weil ich's bin, trotz' ich nicht darauf. Aber ich denke, Fisch und Vogel sollten sich nicht darüber streiten, ob's in der Luft oder im Wasser am besten ist. Nur Eins. Er sieht mich entweder nie wieder, oder Er wird mich auf die Schulter klopfen und sagen: Du hast recht gethan!

Meister Anton.
Wir wollen's abwarten. Ich brauche den Gesellen, den ich für Dich eingestellt habe, nicht wieder abzulehnen, was ist's denn weiter?

Karl.
Ich dank' Ihm!

Meister Anton.
Sag' mir, hat der Gerichts-Diener, statt Dich auf dem kürzesten Weg zum Bürgermeister zu führen, Dich wirklich durch die ganze Stadt –

Karl.
Straß' auf, Straß' ab, über den Markt, wie den Fastnachts-Ochsen, aber zweifle Er nicht, auch den werd' ich bezahlen, eh' ich gehe!

Meister Anton.
Das tadle ich nicht, aber ich verbiet' es Dir!

Karl.
Ho!

Meister Anton.
Ich werde Dich nicht aus den Augen lassen, und ich selbst, ich würde dem Kerl beispringen, wenn Du Dich an ihm vergreifen wolltest!

Karl.
Ich meinte, Er hätte die Mutter auch lieb gehabt.

Meister Anton.
Ich werd's beweisen.

Elfte Scene.

Der Secretair. (tritt bleich und wankend herein, er drückt ein Tuch gegen die Brust)
Wo ist Klara? (er fällt auf einen Stuhl zurück) Jesus! Guten Abend! Gott sey Dank, daß ich noch her kam! Wo ist sie?

Karl.
Sie ging zum – Wo bleibt sie? Ihre Reden – mir wird angst! (ab)

Secretair.
Sie ist gerächt – Der Bube liegt – Aber auch ich bin – Warum das, Gott? – Nun kann ich sie ja nicht –

Meister Anton.
Was hat Er? Was ist mit ihm?

Secretair.
Es ist gleich aus! Geb' Er mir die Hand darauf, daß Er Seine Tochter nicht verstoßen will – Hört Er, nicht verstoßen, wenn sie –

Meister Anton.
Das ist eine wunderliche Rede. Warum sollt' ich sie denn – Ha, mir gehen die Augen auf! Hätt' ich ihr nicht unrecht gethan?

Secretair.
Geb' er mir die Hand!

Meister Anton.
Nein! (steckt beide Hände in die Tasche) Aber ich werde ihr Platz machen, und sie weiß das, ich hab's ihr gesagt!

Secretair. (entsetzt)
Er hat ihr – Unglückliche, jetzt erst versteh' ich Dich ganz!

Karl. (stürzt hastig herein)
Vater, Vater, es liegt jemand im Brunnen! Wenn's nur nicht –

Meister Anton.
Die große Leiter her! Haken! Stricke! Was säumst Du? Schnell! Und ob's der Gerichtsdiener wäre!

Karl.
Alles ist schon da. Die Nachbarn kamen vor mir. Wenn's nur nicht Klara ist!

Meister Anton.
Klara? (er hält sich an einem Tisch)

Karl.
Sie ging, um Wasser zu schöpfen und man fand ihr Tuch.

Secretair.
Bube, nun weiß ich, warum Deine Kugel traf. Sie ist's.

Meister Anton.
Sieh' doch zu! (setzt sich nieder) Ich kann nicht! (Karl ab) Und doch! (steht wieder auf) Wenn ich Ihn (zum Secretair) recht verstanden habe, so ist Alles gut.

Karl. (kommt zurück)
Klara! Todt! Der Kopf gräßlich am Brunnenrand zerschmettert, als sie – Vater sie ist nicht hinein gestürzt, sie ist hinein gesprungen, eine Magd hat's gesehen!

Meister Anton.
Die soll sich's überlegen, eh' sie spricht! Es ist nicht hell genug, daß sie das mit Bestimmtheit hat unterscheiden können!

Secretair.
Zweifelt Er? Er mögte wohl, aber Er kann nicht! Denk' Er nur an das, was Er ihr gesagt hat! Er hat sie auf den Weg des Todes hinaus gewiesen, ich, ich bin Schuld, daß sie nicht wieder umgekehrt ist. Er dachte, als er ihren Jammer ahnte, an die Zungen, die hinter ihm herzischeln würden, aber nicht an die Nichtswürdigkeit der Schlangen, denen sie angehören, da sprach er ein Wort aus, das sie zur Verzweiflung trieb; ich, statt sie, als ihr Herz in namenloser Angst vor mir aufsprang, in meine Arme zu schließen, dachte an den Buben, der dazu ein Gesicht ziehen könnte, und – nun, ich bezahl's mit dem Leben, daß ich mich von Einem, der schlechter war, als ich, so abhängig machte, und auch Er, so eisern er dasteht, auch Er wird noch einmal sprechen: Tochter, ich wollte doch, Du hättest mir das Kopfschütteln und Achselzucken der Pharisäer um mich her nicht erspart, es beugt mich doch tiefer, daß Du nun nicht an meinem Sterbebett sitzen und mir den Angstschweiß abtrocknen kannst!

Meister Anton.
Sie hat mir Nichts erspart – man hat's gesehen!

Secretair.
Sie hat gethan, was sie konnte – Er war's nicht werth, daß ihre That gelang!

Meister Anton.
Oder sie nicht!

(Tumult draußen.)

Karl.
Sie kommen mit ihr – (will ab)

Meister Anton. (fest, wie bis zu Ende, ruft ihm nach)
In die Hinterstube, wo die Mutter stand!

Secretair.
Ihr entgegen! (will aufstehen, fällt aber zurück) O! Karl!

Karl. (hilft ihm auf und führt ihn ab.)

Meister Anton.
Ich verstehe die Welt nicht mehr!

(er bleibt sinnend stehen)

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