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Christian Friedrich Hebbel: Maria Magdalene - Kapitel 14
Quellenangabe
typetragedy
booktitleMaria Magdalene
authorFriedrich Hebbel
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02627-8
titleMaria Magdalene
pages5-142
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Sechste Scene.

Secretair. (tritt ein)
Guten Abend!

Leonhard.
Herr Secretair? Was verschafft mir die Ehre –

Secretair.
Du wirst es gleich sehen!

Leonhard.
Du? Wir sind freilich Schulkameraden gewesen!

Secretair.
Und werden vielleicht auch Todeskameraden seyn! (zieht Pistolen hervor) Verstehst Du damit umzugehen?

Leonhard.
Ich begreife Sie nicht!

Secretair. (spannt eine)
Siehst Du? So wird's gemacht. Dann zielst Du auf mich, wie ich jetzt auf Dich, und drückst ab! So!

Leonhard.
Was reden Sie?

Secretair.
Einer von uns Beiden muß sterben! Sterben! Und das sogleich!

Leonhard.
Sterben?

Secretair.
Du weißt, warum!

Leonhard.
Bei Gott nicht!

Secretair.
Thut Nichts, es wird Dir in der Todesstunde schon einfallen!

Leonhard.
Auch keine Ahnung –

Secretair.
Besinne Dich! Ich könnte Dich sonst für einen tollen Hund halten, der mein Liebstes gebissen hat, ohne selbst etwas davon zu wissen, und Dich niederschießen, wie einen solchen, da ich Dich doch noch eine halbe Stunde lang für meines Gleichen gelten lassen muß!

Leonhard.
Sprechen Sie doch nicht so laut! Wenn Sie Einer hörte –

Secretair.
Könnte mich Einer hören, Du hättest ihn längst gerufen! Nun?

Leonhard.
Wenn's des Mädchens wegen ist, ich kann sie ja heirathen! Dazu war ich schon halb und halb entschlossen, als sie selbst hier war!

Secretair.
Sie war hier, und sie ist wieder gegangen, ohne Dich in Reue und Zerknirschung zu ihren Füßen gesehen zu haben? Komm! Komm!

Leonhard.
Ich bitte Sie – Sie sehen einen Menschen vor sich, der zu Allem bereit ist, was Sie vorschreiben! Noch heut Abend verlobe ich mich mit ihr!

Secretair.
Das thu' ich, oder Keiner. Und wenn die Welt daran hinge, nicht den Saum ihres Kleides sollst Du wieder berühren! Komm! In den Wald mit mir! Aber wohl gemerkt, ich faß' Dich unter den Arm, und wenn Du unterwegs nur einen Laut von Dir giebst, so – (er erhebt eine Pistole) Du wirst mir's glauben! Ohnehin nehmen wir, damit Du nicht in Versuchung kommst, den Weg hinten zum Hause hinaus durch die Gärten!

Leonhard.
Eine ist für mich – geben Sie mir die.

Secretair.
Damit Du sie wegwerfen, und mich zwingen kannst, Dich zu morden, oder Dich laufen zu lassen, nicht wahr? Geduld, bis wir am Platz sind, dann theil' ich ehrlich mit Dir!

Leonhard. (geht und stößt aus Versehen sein Trinkglas vom Tisch)
Soll ich nicht wieder trinken?

Secretair.
Courage, mein Junge, vielleicht geht's gut, Gott und Teufel scheinen sich ja beständig um die Welt zu schlagen, wer weiß denn, wer gerade Herr ist! (faßt ihn unter den Arm, Beide ab)

Zimmer im Hause des Tischlers. Abend.

Siebente Scene.

Karl. (tritt ein)
Kein Mensch daheim! Wüßt' ich das Rattenloch unter der Thürschwelle nicht, wo sie den Schlüssel zu verbergen pflegen, wenn sie Alle davon gehen, ich hätte nicht hinein können. Nun, das hätte Nichts gemacht! ich könnte jetzt zwanzig Mal um die Stadt laufen und mir einbilden, es gäbe kein größeres Vergnügen auf der Welt, als die Beine zu brauchen. Wir wollen Licht anzünden! (er thuts) Das Feuerzeug ist noch auf dem alten Platz, ich wette, denn wir haben hier im Hause zwei Mal zehn Gebote. Der Hut gehört auf den dritten Nagel, nicht auf den vierten! Um halb zehn Uhr muß man müde seyn! Vor Martini darf man nicht frieren, nach Martini nicht schwitzen! Das steht in einer Reihe mit: Du sollst Gott fürchten und lieben! Ich bin durstig! (ruft) Mutter! Pfui! Als ob ich's vergessen hätte, daß sie da liegt, wo auch des Bierwirths Knecht sein Nußknackermaul nicht mehr mit einem Ja Herr! aufzureißen braucht, wenn er gerufen wird! Ich habe nicht geweint, als ich die Todtenglocke in meinem finstern Thurmloch hörte, aber – Rothrock, Du hast mich auf der Kegelbahn nicht den letzten Wurf thun lassen, obgleich ich die Boßel schon in der Hand hielt, ich lasse Dir nicht zum letzten Athemzug Zeit, wenn ich Dich allein treffe, und das kann heut Abend noch geschehen, ich weiß, wo Du um zehn zu finden bist. Nachher zu Schiff! Wo die Klara bleibt! Ich bin eben so hungrig, als durstig! Heut ist Donnerstag, sie haben Kalbfleisch-Suppe gegessen. Wär's Winter, so hätt's Kohl gegeben, vor Fastnacht weißen, nach Fastnacht grünen! Das steht so fest, als daß der Donnerstag wieder kehren muß, wenn der Mittwoch da gewesen ist, daß er nicht zum Freitag sagen kann: geh' Du für mich, ich habe wunde Füße!

Achte Scene.

Klara. (tritt ein)

Karl.
Endlich? Du solltest auch nur nicht so viel küssen! Wo sich vier rothe Lippen zusammen backen, da ist dem Teufel eine Brücke gebaut! Was hast Du da?

Klara.
Wo? Was?

Karl.
Wo? Was? In der Hand!

Klara.
Nichts!

Karl.
Nichts? Sind das Geheimnisse? (er entreißt ihr Leonhards Brief) Her damit! Wenn der Vater nicht da ist, so ist der Bruder Vormund!

Klara.
Den Fetzen hab' ich fest gehalten, und doch geht der Abendwind so stark, daß er die Ziegel von den Dächern wirft! Als ich an der Kirche vorbei ging, fiel einer dicht vor mir nieder, so daß ich nur den Fuß daran zerstieß. O Gott, dacht' ich, noch einen! und stand still! Das wäre so schön gewesen, man hätte mich begraben und gesagt: sie hat ein Unglück gehabt! Ich hoffte umsonst auf den zweiten!

Karl. (der den Brief gelesen hat)
Donner und – Kerl, den Arm, der das schrieb, schlag' ich Dir lahm! Hol' mir eine Flasche Wein! Oder ist Deine Spaarbüchse leer?

Klara.
Es ist noch eine im Hause. Ich hatte sie heimlich für den Geburtstag der Mutter gekauft und bei Seite gestellt. Morgen wäre der Tag – (sie wendet sich)

Karl.
Gieb sie her!

Klara. (bringt den Wein)

Karl. (trinkt hastig)
Nun könnten wir denn wieder anfangen. Hobeln, Sägen, Hämmern, dazwischen Essen, Trinken und Schlafen, damit wir immer fort hobeln, sägen und hämmern können, Sonntags ein Kniefall obendrein: ich danke Dir, Herr, daß ich hobeln, sägen und hämmern darf! (trinkt) Es lebe jeder brave Hund, der an der Kette nicht um sich beißt! (er trinkt wieder) Und noch einmal: er lebe!

Klara.
Karl, trink' nicht so viel! Der Vater sagt, im Wein sitzt der Teufel!

Karl.
Und der Priester sagt, im Wein sitzt der liebe Gott. (er trinkt) Wir wollen sehen, wer recht hat! Der Gerichtsdiener ist hier im Hause gewesen – wie betrug er sich?

Klara.
Wie in einer Diebsherberge. Die Mutter fiel um und war todt, sobald er nur den Mund aufgethan hatte!

Karl.
Gut! Wenn Du morgen früh hörst, daß der Kerl erschlagen gefunden worden ist, so fluche nicht auf den Mörder!

Klara.
Karl, Du wirst doch nicht –

Karl.
Bin ich sein einziger Feind? Hat man ihn nicht schon oft angefallen? Es dürfte schwer halten, aus so vielen, denen das Stück zuzutrauen wäre, den rechten heraus zu finden, wenn dieser nur nicht Stock oder Hut auf dem Platz zurückläßt. (er trinkt) Wer es auch sey: auf gutes Gelingen!

Klara.
Bruder, Du redest –

Karl.
Gefällt's Dir nicht? Laß' gut sein! Du wirst mich nicht lange mehr sehen!

Klara. (zusammen schaudernd)
Nein!

Karl.
Nein? Weißt Du's schon, daß ich zur See will? Kriechen mir die Gedanken auf der Stirn herum, daß Du sie lesen kannst? Oder hat der Alte nach seiner Art gewüthet, und gedroht, mir das Haus zu verschließen? Pah! Das wär' nicht viel anders, als wenn der Gefängnißknecht mir zugeschworen hätte: Du sollst nicht länger im Gefängniß sitzen, ich stoße Dich hinaus in's Freie!

Klara.
Du verstehst mich nicht!

Karl. (singt)

Dort bläht ein Schiff die Segel,
Frisch saus't hinein der Wind!

Ja, wahrhaftig, jetzt hält mich Nichts mehr an der Hobelbank fest! Die Mutter ist todt, es giebt Keine mehr, die nach jedem Sturm aufhören würde, Fische zu essen, und von Jugend auf war's mein Wunsch. Hinaus! Hier gedeih' ich nicht, oder erst dann, wenn ich's gewiß weiß, daß das Glück dem Muthigen, der sein Leben aufs Spiel setzt, der ihm den Kupfer-Dreier, den er aus dem großen Schatz empfangen hat, wieder hinwirft, um zu sehen, ob es ihn einsteckt, oder ihn vergoldet zurück giebt, nicht mehr günstig ist.

Klara.
Und Du willst den Vater allein lassen? Er ist sechszig Jahr!

Karl.
Allein? Bleibst Du ihm nicht?

Klara.
Ich?

Karl.
Du! Sein Schooßkind! Was wächst Dir für Unkraut im Kopf, daß Du fragst! Seine Freude laß' ich ihm, und von seinem ewigen Verdruß wird er befreit, wenn ich gehe, warum sollt' ich's denn nicht thun? Wir passen ein für alle Mal nicht zusammen, er kann's nicht eng genug um sich haben, er mögte seine Faust zumachen und hinein kriechen, ich mögte meine Haut abstreifen, wie den Kleinkinderrock, wenn's nur ginge! (singt)

Der Anker wird gelichtet,
Das Steuer flugs gerichtet,
Nun fliegt's hinaus geschwind!

Sag' selbst, hat er auch nur einen Augenblick an meiner Schuld gezweifelt? Und hat er in seinem überklugen: Das hab' ich erwartet! Das hab' ich immer gedacht! Das konnte nicht anders enden! nicht den gewöhnlichen Trost gefunden? Wärst Du's gewesen, er hätte sich umgebracht! Ich mögt' ihn sehen, wenn Du ein Weiber Schicksal hättest! Es würde ihm sein, als ob er selbst in die Wochen kommen sollte! Und mit dem Teufel dazu!

Klara.
O, wie das an mein Herz greift! Ja, ich muß fort, fort!

Karl.
Was soll das heißen?

Klara.
Ich muß in die Küche – was wohl sonst? (faßt sich an die Stirn) Ja! Das noch! Darum allein ging ich ja noch wieder zu Hause! (ab)

Karl.
Die kommt mir ganz sonderbar vor! (singt)

Ein kühner Wasservogel
Kreis't grüßend um den Mast!

Klara. (tritt wieder ein)
Das Letzte ist gethan, des Vaters Abendtrank steht am Feuer. Als ich die Küchenthür hinter mir anzog, und ich dachte: Du trittst nun nie wieder hinein! ging mir ein Schauer durch die Seele. So werd' ich auch aus dieser Stube gehen, so aus dem Hause, so aus der Welt!

Karl. (singt, ergeht immer auf und ab, Klara hält sich im Hintergrund)

Die Sonne brennt herunter,
Manch Fischlein, blank und munter,
Umgaukelt keck den Gast!

Klara.
Warum thu' ich's denn nicht? Werd' ich's nimmer thun? Werd' ich's von Tag zu Tag aufschieben, wie jetzt von Minute zu Minute, bis – Gewiß! Darum Fort! – Fort! Und doch bleib' ich stehen! Ist's mir nicht, als ob's in meinem Schooß bittend Hände aufhöbe, als ob Augen – (sie setzt sich auf einen Stuhl) Was soll das? Bist Du zu schwach dazu? So frag' Dich, ob Du stark genug bist, Deinen Vater mit abgeschnittener Kehle – (sie steht auf) Nein! Nein! – Vater unser, der Du bist im Himmel – Geheiliget werde Dein Reich – Gott, Gott, mein armer Kopf – ich kann nicht einmal beten – Bruder! Bruder! – Hilf mir –

Karl.
Was hast Du?

Klara.
Das Vaterunser! (sie besinnt sich) Mir war, als ob ich schon im Wasser läge, und untersänke, und hätte noch nicht gebetet! Ich – (plötzlich) Vergieb uns unsere Schuld, wie wir vergeben unsern Schuldigern! Da ist's! Ja! Ja! ich vergeb' ihm gewiß, ich denke ja nicht mehr an ihn! Gute Nacht, Karl!

Karl.
Willst Du schon so früh schlafen gehen? Gute Nacht!

Klara. (wie ein Kind, das sich das Vaterunser überhört)
Vergieb uns –

Karl.
Ein Glas Wasser könntest Du mir noch bringen, aber es muß recht frisch seyn!

Klara. (schnell)
Ich will es Dir vom Brunnen holen!

Karl.
Nun, wenn Du willst, es ist ja nicht weit!

Klara.
Dank! Dank! Das war das Letzte, was mich noch drückte! Die That selbst mußte mich verrathen! Nun werden sie doch sagen: sie hat ein Unglück gehabt! Sie ist hinein gestürzt!

Karl.
Nimm Dich aber in Acht, das Brett ist wohl noch immer nicht wieder vorgenagelt!

Klara.
Es ist ja Mondschein! – O Gott, ich komme nur, weil sonst mein Vater käme! Vergieb mir, wie ich – Sey mir gnädig – gnädig – (ab)

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