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Christian Friedrich Hebbel: Maria Magdalene - Kapitel 12
Quellenangabe
typetragedy
booktitleMaria Magdalene
authorFriedrich Hebbel
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02627-8
titleMaria Magdalene
pages5-142
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Fünfte Scene.

Der Secretair. (tritt ein)
Guten Tag!

Klara. (hält sich an einem Stuhl, als sollte sie umfallen)
Der! O, wenn der nicht zurückgekommen wäre –

Secretair.
Der Vater ist nicht zu Hause?

Klara.
Nein!

Secretair.
Ich bringe eine fröhliche Botschaft. Ihr Bruder – Nein, Klara, ich kann in diesem Ton nicht mit Dir reden, mir däucht, Tische, Stühle, Schränke, all' die alten Bekannten, – Guten Tag Du! (er nickt einem Schrank zu) Wie gehts? Du hast Dich nicht verändert! – um die wir als Kinder so oft herumgehüpft sind, werden die Köpfe zusammenstecken, und den Narren ausspotten, wenn ich nicht schnell einen anderen anschlage. Ich muß Du zu Dir sagen, wie ehemals, wenn's Dir nicht gefällt, so denke: der große Junge träumt, ich will ihn aufwecken und vor ihn hintreten und mich (mit Geberden) hoch aufrichten, damit er sieht, daß er kein kleines Kind mehr vor sich hat, – das war Dein Maaß im elften Jahr! (er deutet auf einen Schrammstrich in der Thür) – sondern ein gehörig erwachsenes Mädchen, das den Zucker auch dann erreichen kann, wenn er auf den Schrank gestellt wird. Du weißt doch noch? Das war der Platz, die feste Burg, wo er auch unverschlossen vor uns sicher war. Wir vertrieben uns, wenn er dort stand, die Zeit gewöhnlich mit Fliegenklatschen, weil wir den Fliegen, die lustig ab- und zuflogen, das unmöglich gönnen konnten, was wir selbst nicht zu erlangen wußten.

Klara.
Ich dächte, man vergäße solche Dinge, wenn man hundert und tausend Bücher durchstudiren müßte.

Secretair.
Man vergißt's auch! Freilich, was vergißt man nicht über Justinian und Gajus! Die Knaben, die sich so hartnäckig gegen das A. B. C. wehren, wissen wohl, warum; sie haben eine Ahnung davon, daß, wenn sie sich nur mit der Fibel nicht einlassen, sie mit der Bibel nie Händel bekommen können! Aber schändlich genug, man verführt die unschuldigen Seelen, man zeigt ihnen hinten den rothen Hahn mit dem Korb voll Eier, da sagen sie von selbst: Ah! und nun ist kein Haltens mehr, nun geht's reißend schnell bergunter bis zum Z., und so weiter und weiter, bis sie auf einmal mitten im Corpus juris sind und mit Grausen inne werden, in welche Wildniß die verfluchten 24 Buchstaben, die sich Anfangs im lustigen Tanz nur zu wohlschmeckenden und wohlriechenden Worten, wie Kirsche und Rose zusammenstellten, sie hineingelockt haben!

Klara.
Und wie wird's dann gemacht? (abwesend, ohne allen Antheil)

Secretair.
Darin sind die Temperamente verschieden. Einige arbeiten sich durch. Die kommen gewöhnlich in drei bis vier Jahren wieder an's Tagslicht, sind darin aber etwas mager und blaß, das muß man ihnen nicht übel nehmen. Zu diesen gehöre ich. Andere legen sich in der Mitte des Waldes nieder, sie wollen bloß ausruhen, aber sie stehen selten wieder auf. Ich habe selbst einen Bekannten, der nun schon drei Jahre im Schatten der Lex Julia sein Bier trinkt, er hat sich den Platz des Namens wegen ausgesucht, der ruft ihm angenehme Erinnerungen zurück. Noch Andere werden desparat und kehren um. Die sind die Dümmsten, denn man läßt sie nur unter der Bedingung aus dem einen Dickigt heraus, daß sie sich spornstreichs wieder in ein anderes hinein begeben. Und da giebt's einige, die noch schrecklicher sind, die gar kein Ende haben! (für sich) Was man Alles schwätzt, wenn man Etwas auf dem Herzen hat, und es nicht heraus zu bringen weiß!

Klara.
Alles ist heute lustig und munter, das macht der schöne Tag!

Secretair.
Ja, bei solchem Wetter fallen die Eulen aus dem Nest, die Fledermäuse bringen sich um, weil sie fühlen, daß der Teufel sie gemacht hat, der Maulwurf bohrt sich so tief in die Erde ein, daß er den Weg zurück nicht mehr findet und jämmerlich ersticken muß, wenn er sich nicht bis zur anderen Seite durchfrißt und in Amerika wieder zum Vorschein kommt. Heute thut jede Korn-Aehre einen doppelten Schuß, und jede Mohnblume wird noch einmal so roth, wie sonst, wenn auch nur aus Schaam, daß sie's noch nicht ist. Soll der Mensch zurückbleiben? Soll er den lieben Gott um den einzigen Zins betrügen, den seine Welt ihm abwirft, um ein fröhlich Gesicht und um ein helles Auge, das all die Herrlichkeit abspiegelt und verklärt zurück giebt? Wahrhaftig, wenn ich des Morgens diesen oder jenen Hocker aus seiner Thür hervorschleichen sehe, die Stirn in Falten herausgezogen und den Himmel anglotzend, wie einen Bogen Löschpapier, dann denk' ich oft: es giebt gleich Regen, Gott muß, er kann nicht umhin, den Wolken-Vorhang niederlassen, um sich nur über die Fratze nicht zu ärgern. Man sollte die Kerl's als Hintertreiber von Lustparthieen, als Verderber des Erndtewetters, vor Gericht belangen können. Wodurch willst Du denn für das Leben danken, als dadurch, daß Du lebst? Jauchze Vogel, sonst verdienst du die Kehle nicht!

Klara.
Ach, das ist so wahr, so wahr – ich könnte gleich zu weinen anfangen!

Secretair.
Es ist nicht gegen Dich gesagt, daß Du seit acht Tagen schwerer athmest, wie sonst, begreif' ich wohl, ich kenne Deinen Alten. Aber Gott Lob, ich kann Deine Brust wieder frei machen, und eben darum bin ich hier. Du wirst Deinen Bruder noch heut Abend wieder sehen, und nicht auf ihn, sondern auf die Leute, die ihn in's Gefängniß geworfen haben, wird man mit Fingern zeigen. Verdient das einen Kuß, einen schwesterlichen, wenn's denn kein anderer seyn darf? Oder wollen wir Blindekuh darum spielen? Wenn ich Dich nicht in zehn Minuten hasche, so geh' ich leer aus, und bekomm' noch einen Backenstreich obendrein.

Klara. (für sich)
Mir ist, als wär' ich auf einmal tausend Jahr alt geworden, und nun stünde die Zeit über mir still, ich kann nicht zurück und auch nicht vorwärts. O, dieser festgenagelte Sonnenschein und all die Heiterkeit um mich her!

Secretair.
Du antwortest mir nicht. Freilich, das vergaß ich, Du bist Braut! O Mädchen, warum hast Du mir das gethan! Und doch – habe ich ein Recht, mich zu beklagen? Sie ist, wie alles Liebe und Gute, alles Liebe und Gute hätte mich an sie erinnern sollen, dennoch war sie jahrelang für mich, wie nicht mehr in der Welt. Dafür hat sie – Wär's nur wenigstens ein Kerl, vor dem man die Augen niederschlagen müßte! Aber dieser Leonhard –

Klara. (plötzliche wie sie den Namen hört)
Ich muß zu ihm – Das ist's ja, ich bin nicht mehr die Schwester eines Diebes – o Gott, was will ich denn noch? Leonhard wird und muß – Er braucht ja bloß kein Teufel zu seyn, und Alles ist, wie vorher! (schaudernd) Wie vorher! (zum Secretair) Nimm's nicht übel, Friedrich! Warum werden mir die Beine auf einmal so schwer!

Secretair.
Du willst –

Klara.
Zu Leonhard, wohin denn sonst! Nur den einen Weg hab' ich auf dieser Welt noch zu machen!

Secretair.
So liebst Du ihn? Dann –

Klara. (wild)
Lieben? Er oder der Tod! Wundert's wen, daß ich ihn wähle? Ich thät's nicht, dächt' ich an mich allein!

Secretair.
Er oder der Tod? Mädchen, so spricht die Verzweiflung, oder –

Klara.
Mach' mich nicht rasend! Nenne das Wort nicht mehr! Dich! Dich lieb' ich! Da! Da! Ich ruf's Dir zu, als ob ich schon jenseits des Grabes wandelte, wo Niemand mehr roth wird, wo sie Alle nackt und frierend an einander vorbeischleichen, weil Gottes furchtbar heilige Nähe in jedem den Gedanken an die Anderen bis auf die Wurzel weggezehrt hat!

Secretair.
Mich? Noch immer mich? Klara, ich hab's geahnt, als ich Dich draußen im Garten sah!

Klara.
Hast Du? O, der Andere auch! (dumpf, ab ob sie allein wäre) Und er trat vor mich hin! Er oder Ich! O, mein Herz, mein verfluchtes Herz! Um ihm, um mir selbst zu beweisen, daß es nicht so sey, oder um's zu ersticken, wenn's so wäre, that ich, was mich jetzt – (in Thränen ausbrechend) Gott im Himmel, ich würde mich erbarmen, wenn ich Du wäre, und Du ich!

Secretair.
Klara, werde mein Weib! Ich kam zu Dir, um Dir noch einmal auf die alte Weise in's Auge zu sehen. Hättest Du den Blick nicht verstanden, ich würde mich, ohne zu reden, wieder entfernt haben. Jetzt biet' ich Dir Alles an, was ich bin, und was ich habe. Es ist wenig, aber es kann mehr werden. Längst wäre ich hier gewesen, doch Deine Mutter war krank, dann starb sie.

Klara. (lacht wahnsinnig)

Secretair.
Fasse Muth, Mädchen. Der Mensch hat Dein Wort. Das ängstigt Dich. Und freilich ist's verflucht. Wie konntest Du –

Klara.
O frag' noch, was Alles zusammen kommt, um ein armes Mädchen verrückt zu machen. Spott und Hohn von allen Seiten, als Du auf die Academie gezogen warst und Nichts mehr von Dir hören ließest. Die denkt noch an den! – Die glaubt, daß Kindereien ernsthaft gemeint waren! – Erhält sie Briefe? – Und dann die Mutter! Halte Dich zu Deines Gleichen! Hochmuth thut nimmer gut! Der Leonhard ist doch recht brav, Alle wundern sich, daß Du ihn über die Achsel ansiehst. Dazu mein eignes Herz. Hat er Dich vergessen, zeig' ihm, daß auch Du – o Gott!

Secretair.
Ich bin Schuld. Ich fühl's. Nun, was schwer ist, ist darum nicht unmöglich. Ich schaff' Dir Dein Wort zurück. Vielleicht –

Klara.
O, mein Wort – da! (sie wirft ihm Leonhards Brief hin)

Secretair. (liest)
Ich als Cassirer – Dein Bruder – Dieb – sehr leid – aber ich kann nicht umhin, aus Rücksicht auf mein Amt – (zu Klara) Das schrieb er Dir denselben Tag, wo Deine Mutter starb? Er bezeugt Dir ja zugleich sein Beileid über ihren jähen Tod!

Klara.
Ich glaube, ja!

Secretair.
Daß Dich! Lieber Gott, die Katzen, Schlangen und sonstigen Scheusale, die Dir bei der Schöpfung so zwischen den Fingern durchgeschlüpft sind, haben Beelzebubs Wohlgefallen erregt, er hat sie Dir nachgemacht, aber er hat sie besser herausgeputzt, wie Du, er hat sie in Menschenhaut gesteckt, und nun stehen sie mit Deinen Menschen in Reih und Glied und man erkennt sie erst, wenn sie kratzen und stechen! (zu Klara) Aber es ist ja gut, es ist ja vortrefflich! (er will sie umarmen) Komm! Für ewig! Mit diesem Kuß –

Klara. (sinkt an ihn)
Nein, nicht für ewig, nur daß ich nicht umfalle, aber keinen Kuß!

Secretair.
Mädchen, Du liebst ihn nicht, Du hast Dein Wort zurück –

Klara. (dumpf, sich wieder aufrichtend)
Und ich muß doch zu ihm, ich muß mich auf Knieen vor ihm niederwerfen und stammeln: sieh die weißen Haare meines Vaters an, nimm mich!

Secretair.
Unglückliche, versteh' ich Dich?

Klara.
Ja!

Secretair.
Darüber kann kein Mann weg! Vor dem Kerl, dem man in's Gesicht spucken mögte, die Augen niederschlagen müssen? (er preßt Klara wild an sich) Aermste! Aermste!

Klara.
Geh' nun, geh!

Secretair. (für sich, brütend)
Oder man müßte den Hund, der's weiß, aus der Welt wegschießen! Daß er Muth hätte! Daß er sich stellte! Daß man ihn zwingen könnte! Um's Treffen wär' mir nicht bange!

Klara.
Ich bitte Dich!

Secretair. (indem er geht)
Wenn's dunkel wird! (er kehrt wieder um und faßt Klaras Hand) Mädchen, Du stehst vor mir – – (er wendet sich ab) Tausende ihres Geschlechts hätten's klug und listig verschwiegen, und es erst dem Mann in einer Stunde süßer Vergessenheit in Ohr und Seele geschmeichelt! Ich fühle, was ich Dir schuldig bin! (ab)

Sechste Scene.

Klara. (allein)
Zu! Zu, mein Herz! Quetsch' Dich in Dich ein, daß auch kein Blutstropfe mehr heraus kann, der in den Adern das gefrierende Leben wieder entzünden will. Da hatte sich wieder was, wie eine Hoffnung in Dir aufgethan! Jetzt erst merk' ich's! (lächelnd) Nein, darüber kann kein Mann weg! Und wenn – Könntest Du selbst darüber hinweg? Hättest Du den Muth eine Hand zu fassen, die – Nein, nein, diesen schlechten Muth hättest Du nicht! Du müßtest Dich selbst einriegeln in Deine Hülle, wenn man Dir von außen die Thür öffnen wollte – Du bist für ewig – O, daß das aussetzt, daß das nicht immer so fortbohrt, daß zuweilen ein Aufhören ist! Nur darum dauert's lange! Der Gequälte glaubt auszuruhen, weil der Quäler einhalten muß, um Odem zu schöpfen; es ist ein Aufathmen, wie des Ertrinkenden auf den Wellen, wenn der Strudel, der ihn hinunterzieht, ihn noch einmal wieder ausspeit, um ihn gleich wieder auf's Neue zu fassen, er hat Nichts davon, als den zwiefachen Todeskampf! Nun, Klara? Ja, Vater, ich gehe, ich gehe! Deine Tochter wird Dich nicht zum Selbstmord treiben! Ich bin bald das Weib des Menschen, oder – Gott, nein! Ich bettle ja nicht um ein Glück, ich bettle um mein Elend, um mein tiefstes Elend – mein Elend wirst Du mir geben! Fort – wo ist der Brief? (sie nimmt ihn) Drei Brunnen triffst Du auf dem Weg zu ihm – Daß du mir an Keinem stehen bleibst! Noch hast Du nicht das Recht dazu! (ab)

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