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Christian Friedrich Hebbel: Maria Magdalene - Kapitel 10
Quellenangabe
typetragedy
booktitleMaria Magdalene
authorFriedrich Hebbel
year1997
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
addressMünchen
isbn3-423-02627-8
titleMaria Magdalene
pages5-142
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Zweiter Akt.

Zimmer im Hause des Tischlermeisters.

Erste Scene.

Meister Anton (steht vom Tisch auf).
Klara (will abräumen).

Meister Anton.
Willst Du wieder nicht essen?

Klara.
Vater, ich bin satt.

Meister Anton.
Von Nichts?

Klara.
Ich aß schon in der Küche.

Meister Anton.
Wer keinen Appetit hat, der hat kein gut Gewissen! Nun, Alles wird sich finden! Oder war Gift in der Suppe, wie ich gestern träumte? Einiger wilder Schierling, aus Versehen beim Pflücken in's Kräuterbündel hinein gerathen? Dann thatst Du klug!

Klara.
Allmächtiger Gott!

Meister Anton.
Vergieb mir, ich – Geh zum Teufel mit Deiner blaßen Leidensmiene, die Du der Mutter des Heilands gestohlen hast! Roth soll man aussehen, wenn man jung ist! Nur Einer darf Staat machen mit einem solchen Gesicht, und der thut's nicht! Hei! Jedem eine Ohrfeige, der noch Au sagt, wenn er sich in den Finger geschnitten hat! Dazu hat Keiner das Recht mehr, denn hier steht ein Mann, der – Eigenlob stinkt, aber was that ich, als der Nachbar über Deiner Mutter den Sargdeckel zunageln wollte?

Klara.
Er riß ihm den Hammer weg und that's selbst, und sprach: dies ist mein Meisterstück! Der Kantor, der eben mit den Chorknaben vor der Thür das Sterbelied absang, meinte, Er sei verrückt geworden!

Meister Anton.
Verrückt! (lacht) Verrückt! Ja, ja, das ist ein kluger Kopf, der sich selbst köpft, wenn's Zeit ist. Der meinige muß dazu zu fest stehen, sonst – Man hockte in der Welt, und glaubte in einer guten Herberge hinter'm Ofen zu sitzen, da wird plötzlich Licht auf den Tisch gestellt, und siehe da, man ist in einem Räuberloch, nun geht's piff, paff, von allen Seiten, aber es schadet nicht, man hat zum Glück ein steinernes Herz!

Klara.
Ja, Vater, so ist's!

Meister Anton.
Was weißt Du davon? Meinst Du, Du hast ein Recht, mit mir zu fluchen, weil Dein Schreiber davon gelaufen ist? Dich wird ein Anderer Sonntags-Nachmittags spatzieren führen, ein Anderer wird Dir sagen, daß Deine Backen roth sind und Deine Augen blau, ein Anderer wird dich zum Weibe nehmen, wenn Du's verdienst. Aber, wenn Du nun dreißig Jahre lang in Züchten und Ehren die Last des Lebens getragen, wenn Du nie gemurrt, sondern Leid und Tod und jedes Mißgeschick in Geduld hingenommen hast, und dann kommt Dein Sohn, der Dir für Dein Alter ein weiches Kopfkissen stopfen sollte, und überhäuft Dich so mit Schande, daß Du die Erde anrufen mögtest: verschlucke mich, wenn Dich nicht ekelt, denn ich bin kothiger, als Du! – dann magst Du all' die Flüche, die ich in meiner Brust zurückhalte, aussprechen, dann magst Du Dein Haar raufen und Deine Brüste zerschlagen, das sollst Du vor mir voraus haben, denn Du bist kein Mann!

Klara.
O Karl!

Meister Anton.
Wundern soll mich's doch, was ich thun werde, wenn ich ihn wieder vor mir sehe, wenn er Abends vor Lichtanzünden mit geschorenem Kopf, denn im Zuchthaus sind die Frisuren nicht erlaubt, in die Stube tritt und einen guten Abend herausstottert und die Klinke der Thür in der Hand behält. Thun werd' ich etwas, das ist gewiß, aber was? (mit Zähneknirschen) Und ob sie ihn zehn Jahre behalten, er wird mich finden, ich werde so lange leben, das weiß ich, merk' Dir's, Tod, ich bin von jetzt an ein Stein vor Deiner Hippe, sie wird eher zerspringen, als mich aus der Stelle rücken!

Klara. (faßt seine Hand)
Vater, Er sollte sich eine halbe Stunde niederlegen!

Meister Anton.
Um zu träumen, daß Du in die Wochen gekommen seyst? Um dann aufzufahren, und Dich zu packen, und mich hintendrein zu besinnen und zu sprechen: liebe Tochter, ich wußte nicht, was ich that! Ich danke. Mein Schlaf hat den Gaukler verabschiedet und einen Propheten in Dienst genommen, der zeigt mir mit seinem Blutfinger häßliche Dinge, und ich weiß nicht, wie's kommt, Alles scheint mir jetzt möglich. Hu, mich schaudert's vor der Zukunft, wie vor einem Glas Wasser, das man durch's Microscop – ist's richtig, Herr Cantor? Er hat mir's oft genug vorbuchstabirt! – betrachtet hat. Ich thats einmal in Nürnberg auf der Messe, und mogte den ganzen Tag nicht mehr trinken! Den lieben Karl sah ich in der letzten Nacht mit einer Pistole in der Hand, als ich den Schützen näher in's Auge faßte, drückte er ab, ich hörte einen Schrei, aber vor Pulverdampf konnt' ich nichts sehen, auch als der Dampf sich verzog, erblickte ich keinen zerschmetterten Schädel, aber mein Herr Sohn war inzwischen ein reicher Mann geworden, er stand und zählte Goldstücke von einer Hand in die andere, und er hatte ein Gesicht – hol mich der Teufel, man kann's nicht ruhiger haben, wenn man den ganzen Tag arbeitete und nun die Werkstatt hinter sich abschließt. Nun davor könnte man aufpassen! Man könnte Gericht halten und sich nachher selbst vor den höchsten Richter stellen.

Klara.
Werd' Er doch wieder ruhig!

Meister Anton.
Werd' Er doch wieder gesund! Warum ist Er krank! Ja, Arzt, reich' mir nur den Trank der Genesung! Dein Bruder ist der schlechteste Sohn, werde Du die beste Tochter! Wie ein nichtswürdiger Banquerottirer steh' ich vor dem Angesicht der Welt, einen braven Mann, der in die Stelle dieses Invaliden treten könne, war ich ihr schuldig, mit einem Schelm hab' ich sie betrogen. Werde Du ein Weib, wie Deine Mutter war, dann wird man sprechen: an den Eltern hat's nicht gelegen, daß der Bube abseits ging, denn die Tochter wandelt den rechten Weg, und ist allen Andern vorauf. (mit schrecklicher Kälte) Und ich will das Meinige dazu thun, ich will Dir die Sache leichter machen, als den Uebrigen. In dem Augenblick, wo ich bemerke, daß man auch auf Dich mit Fingern zeigt, werd' ich – (mit einer Bewegung an den Hals) mich rasiren, und dann, das schwör' ich Dir zu, rasir' ich den ganzen Kerl weg, Du kannst sagen, es sei aus Schreck geschehen, weil auf der Straße ein Pferd durchging, oder weil die Katze auf dem Boden einen Stuhl umwarf, oder weil mir eine Maus an den Beinen hinauflief. Wer mich kennt, wird freilich den Kopf dazu schütteln, denn ich bin nicht sonderlich schreckhaft, aber was thut's? Ich kann's in einer Welt nicht aushalten, wo die Leute mitleidig seyn müßten, wenn sie nicht vor mir ausspucken sollen.

Klara.
Bannherziger Gott, was soll ich thun!

Meister Anton.
Nichts, Nichts, liebes Kind, ich bin zu hart gegen Dich, ich fühl's wohl, Nichts, bleib nur, was Du bist, dann ist's gut! O, ich hab' so groß Unrecht erlitten, daß ich Unrecht thun muß, um nicht zu erliegen, wenn's mich so recht anfaßt. Sieh, ich gehe vorhin über die Straße, da kommt der Pocken-Fritz daher, der Gaudieb, den ich vor Jahren in's Loch stecken ließ, weil er zum dritten Mal lange Finger bei mir gemacht hatte. Früher wagte der Hallunke nicht, mich anzusehen, jetzt trat er frech auf mich zu und reichte mir die Hand. Ich wollte ihm einen hinter die Ohren geben, aber ich besann mich und spuckte nicht einmal aus, wir sind ja Vettern seit 8 Tagen, und es ist billig, daß Verwandte sich grüßen. Der Pfarrer, der mitleidige Mann, der mich gestern besuchte, meinte zwar, ein Mensch habe Niemanden zu vertreten, als sich selbst, und es sey ein unchristlicher Hochmuth von mir, daß ich auch noch für meinen Sohn aufkommen wolle; sonst müßte Adam es sich so gut zu Gemüthe ziehen, wie ich. Herr, ich glaub's gern, daß es den Frieden des Erzvaters im Paradiese nicht mehr stört, wenn Einer seiner Ur-Ur-Enkel zu morden oder zu rauben anfängt, aber raufte er sich nicht die Haare über Kain? Nein, nein, es ist zu viel! Ich könnte mich zuweilen nach meinem Schatten umsehen, ob er nicht schwärzer geworden ist! Denn Alles, Alles kann ich ertragen und hab's bewiesen, nur nicht die Schande! Legt mir auf den Nacken, was ihr wollt, nur schneidet nicht den Nerv durch, der mich zusammen hält!

Klara.
Vater, noch hat Karl ja nichts gestanden, und sie haben auch nichts bei ihm gefunden.

Meister Anton.
Was soll mir das? Ich bin in der Stadt herumgegangen und habe mich in den Schenken nach seinen Schulden erkundigt, da kam mehr zusammen, als er im nächsten Vierteljahr bei mir verdient hätte, und wenn er noch dreimal so fleißig wäre, als er ist. Nun weiß ich, warum er immer zwei Stunden später Feier-Abend machte, als ich, und warum er trotzdem auch noch vor mir aufstand, aber er sah ein, daß dies Alles doch Nichts half, oder es war ihm zu mühevoll und dauerte ihm zu lange, da griff er zu, als die Gelegenheit sich bot.

Klara.
Er glaubt von Karl immer das Schlimmste, Er hat es stets gethan! Weiß Er wohl noch, wie –

Meister Anton.
Du sprichst, wie Deine Mutter sprechen würde, ich will Dir antworten, wie ich ihr zu antworten pflegte, ich will stillschweigen!

Klara.
Und wenn Karl doch frei gesprochen wird? Wenn die Juwelen sich wieder finden?

Meister Anton.
Dann würd' ich einen Advocaten annehmen, und mein letztes Hemd daran setzen, um zu erfahren, ob der Bürgermeister den Sohn eines ehrlichen Mannes mit Recht in's Gefängniß warf, oder nicht. Wär' es, so würd ich mich beugen, denn was jedem widerfahren kann, das muß auch ich mir gefallen lassen, und mußte ich es zu meinem Unglück auch tausend Mal theurer bezahlen, als Andere, es war ein Schicksal, und wenn Gott mich schlägt, so falte ich die Hände, und spreche: Herr, Du weißt warum! Wär' es aber nicht, hätte der Mann mit der goldenen Kette um den Hals sich übereilt, weil er an Nichts dachte, als daran, daß der Kaufmann, der die Juwelen vermißt, sein Schwager ist, so würde sich's finden, ob das Gesetzbuch ein Loch hat, und ob der König, der wohl weiß, daß er seinen Unterthanen ihre Treu' und ihren Gehorsam mit Gerechtigkeit bezahlen muß, und der dem Geringsten unter ihnen gewiß am wenigsten etwas schuldig bleiben will, dies Loch ungestopft ließe. Aber, das sind unnütze Reden! Der Junge wird so wenig rein aus diesem Prozeß hervorgehen, wie Deine Mutter lebendig aus ihrer Gruft. Von dem kommt mir nun und nimmer ein Trost, darum vergiß Du nicht, was Du mir schuldig bist, halte Du Deinen Schwur, damit ich den meinigen nicht zu halten brauche! (er geht, kehrt aber wieder um) Ich komme heut Abend erst spät zu Hause, ich gehe zu dem alten Holzhändler in's Gebirge. Das ist der einzige Mann, der mir noch, wie sonst, in die Augen sieht, weil er noch nicht von meiner Schande weiß. Er ist taub, Keiner kann ihm was erzählen, ohne sich heiser zu schreien, und auch dann hört er Alles verkehrt, darum erfährt er Nichts. (ab)

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