Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frank Heller >

Marco Polos Millionen

Frank Heller: Marco Polos Millionen - Kapitel 7
Quellenangabe
authorFrank Heller
titleMarco Polos Millionen
publisherRütten & Loening Verlag
year1951
firstpub1929
printrun9.-13. Tausend
translatorMarie Franzos
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
projectid
Schließen

Navigation:

Sechstes Kapitel.
Fortgesetzte Bibliotheksstudien

Die Begegnung auf der Bibliotheksstiege hatte zur Folge, daß Dr. Zimmertür direkt in das Hotelbureau ging, um sich nach dem Namen des Unbekannten zu erkundigen. Das stieß auf keinerlei Schwierigkeiten. Sein Name war Ugo della Croce. Letzter Aufenthaltsort: Paris. Zweck der Reise: Studien. Alter: 29 Jahre. Nationalität: Italiener.

So viel ging aus dem Meldezettel für Reisende hervor, und so viel wußte das Hotel. Dr. Zimmertür, der gerne etwas mehr gewußt hätte, mußte sich damit bescheiden. Aber als er nach beendetem Lunch in die Bibliothek zurückkehrte, währte es nicht lange, und er hatte Signor della Croce so vollständig vergessen, als hätte er ihn nie gesehen.

Denn von dem Amanuensis bekam er das Buch eingehändigt, das die Lieblingslektüre ihres Vaters gewesen war, Marco Polos Reisen. Er kannte sie schon, aber es war lange her, seit er sie gelesen, und wieder war er wie im Fieber, während er sie las. Als er die grünen Deckel des Bibliotheksbandes aufschlug, war es, als hätte er zwei Fensterläden zurückgeschlagen und blickte nun in das blendende Sonnenlicht Asiens: Rassen wimmelten durcheinander, Minaretts und Pagoden erhoben sich zum Himmel, Kamele schritten mit wiegendem Gang durch gelbe Wüsten dahin, der Rauch von hundert verbrannten Städten stieg zur Höhe, und auf langhaarigen Pferden flogen Horden schlitzäugiger Bogenschützen über die Steppen. Denn es war das mittelalterliche Asien, das er vor seinen Augen sah, das Asien des dreizehnten Jahrhunderts, ein brodelnder Wirbel gelber Horden, die noch vor kurzem mitten im Herzen Europas gestanden hatten. Nun war die Brandung zurückgeflutet, aber noch erstreckte sich die Macht der tatarischen Khans vom Stillen Ozean bis zur Ostgrenze Deutschlands. Über die Köpfe von Hunderten das Knie beugenden Völkerschaften gingen die Sturmstöße ihres Willens, gleich unfaßbar gewaltigen Taifunen dahin. Märchenpaläste und Pyramiden von Totenschädeln wuchsen auf ihr Geheiß aus dem Boden; Männer wurden in einem Nu zu den höchsten Würden des Staates erhoben oder mit ausgestochenen Augen auf die Straße geworfen, den Hunden zum Fraß. Aber in dem alten China, wo sie den eingeborenen Herrschern die Macht entwunden hatten, herrschte eine Zivilisation, die bestimmt war, die bärtigen Eindringlinge allmählich zu besiegen. Eine Zivilisation, derengleichen das damalige Europa nie gesehen hatte. Da führten schnurgerade Straßen von Stadt zu Stadt; doch während die eine Seite der Straße mit Ziegeln gepflastert war, für die heranrollenden Wagen bestimmt, bedeckte die andere Hälfte eine Schicht festgestampfter Erde für die dahinstürmenden Pferde des großen Khan; diese Straßen waren zu beiden Seiten mit schattigen Bäumen bepflanzt. In regelmäßigen Abständen lagen Stationen mit Einkehrhäusern, für die Verpflegung der Reisenden so gut eingerichtet, daß sogar Könige in geziemender Weise aufgenommen werden konnten. An jeder Station hielt man vierhundert Pferde in ständiger Bereitschaft, so daß alle da ihre Pferde gegen neue auswechseln konnten. – In Kambalu oder Peking, wohin alle Hauptstraßen führten, lag das Münzamt der Regierung. Von dort wurden Noten ausgegeben, die auf einem Papier gedruckt waren, das man aus der Rinde des Maulbeerbaumes verfertigte. Diese Scheine hatten im ganzen Reich gültigen Kurs; jeder von ihnen trug den Namenszug einer Anzahl von Beamten, und wenn jemand versuchte, ihn nachzumachen, wurde er mit dem Tode bestraft. – In jeder Provinz gab es Getreidespeicher, wo das Korn in den guten Jahren aufgestapelt wurde, um bei Mißwachs unter die Bevölkerung verteilt zu werden. Wenn die Ernte schlecht oder die Sterblichkeit unter dem Vieh groß war, gab es eigene Beamte, die die Aufgabe hatten, diese Umstände zu untersuchen und Steuerbefreiung zu bewilligen.

Von dieser Zivilisation wußte Europa nichts, wohl aber von den Seiden und Spezereien, die es im Osten zu kaufen gab und die in Europa ihr Gewicht in Gold wert waren. Um sie heimzuholen, zogen im Jahre des Heils 1271 drei Männer von Venedig aus, Messer Marco Polo, sein Vater Nicolo und sein Oheim Maffio. Durch Kleinasien, Armenien und Mittelasien strebten sie ihrem entlegenen Ziele zu, und eine so wunderbare Reise haben Sterbliche wohl selten getan. Drei Jahre währte sie. Sie führte sie an den Ländern vorbei, wo der ›Alte vom Berge‹ herrscht, er, der Herr über die Sekte der Meuchelmörder ist und der, um seine Getreuen zu Taten anzuspornen, ihnen alle Seligkeiten des Paradieses in seinen Gärten schenkt. Sie führte vorbei an dem Lande Timocain, wo die große Ebene ist, auf der, wie die Bewohner sagen, Darius und Alexander gegeneinander kämpften; da wächst der arbor secco, der dürre Baum, der auf seinen Zweigen die Früchte der Sonne und des Mondes trägt. In dem Lande Kesmur sind die Einwohner geschickter in magischen Künsten als andere Völkerschaften; sie können ihre Götterbilder zum Reden bringen, den Tag verdunkeln und viele andere Wunder wirken. Aber von der Wüste Lop heißt es, daß sie ein Aufenthaltsort für zahllose böse Geister sei, die mancherlei seltsames Blendwerk vollführen, um den Wandersmann ins Verderben zu stürzen. Sie ahmen die Stimmen seiner Freunde nach, um ihn vom rechten Wege abzulenken; nachts glaubt er das Getrappel großer Reiterscharen zu hören und wandert in diese Richtung, nur um sich zu verirren und vor Durst umzukommen. So große Gefahren birgt diese Wüste, durch die die Reise dreißig Tage währt.

Aber durch alle Gefahren und Fallstricke dieser fremden Länder drang Messer Polo endlich zu Kublai Khans Hof in Xandu vor. Unerhörter Reichtum war da für den zu gewinnen, der im Handel bewandert war, denn nach Xandu und Kambalu strömten alle Kaufleute des Ostens, um dem allmächtigen Herrn der Tataren ihre Waren vorzulegen. Aber noch mehr war für den zu gewinnen, der Kublai Khans Freundschaft zu erringen vermochte, und dies war es, was Messer Marco gelang. Durch siebzehn lange Jahre verwendete ihn der große Khan zu Vertrauensaufträgen. Mit einer goldenen Tafel versehen, auf der das kaiserliche Zeichen eingegraben stand, zog der Fremdling aus Venedig durch alle Teile des mächtigen Reiches; von Kambalu oder Peking nach Mien in Birma und von Hang-chow am Ozean nach Sin-di-fu an der Grenze von Tibet. Und drei Jahre lang war er Statthalter in der reichen Stadt Jan-gui.

Er gewann Ehren und Reichtümer, er sah Dinge, die kein Europäer vor ihm gesehen, und errang größere Kenntnisse, als irgendeiner vor ihm besessen hatte. Nur mit Mühe gelang es ihm allmählich, Kublai Khans Reich wieder zu verlassen; so große Zuneigung hatte der Khan zu ihm gefaßt. Aber endlich gelang es, und im Jahre unseres Heilands 1295 ankerte er wieder an der Reede von Venedig. Er erwartete, mit Bewunderung und Ehrenbeweisen empfangen zu werden. Statt dessen empfing man ihn mit Mißtrauen.

Als er von der Wüste Lop erzählte, wo Stimmen aus der Luft sprechen, glaubte man ihm; als er von den wilden Tieren in Indien sprach, nahm man seine Worte für bare Münze; und ebensowenig zweifelte man, als er von der Insel Madagaskar erzählte, der Heimat des Vogels Rock, der mit Leichtigkeit einen Elefanten in seinen Krallen aufhebt.

Aber als er die Stadt Quien-sai beschrieb, deren Umkreis hundert Meilen mißt, deren Brücken zwölftausend an der Zahl sind und deren zehn Hauptmärkte einen Umkreis von zwei Meilen haben und jeder für fünfzigtausend Menschen Raum bietet – als er dies beschrieb, bog man sich vor Lachen. Als er die Vergnügungsstätten der Stadt schilderte, die eine so große Anzahl Gemächer und Pavillons umfaßten, alle mit den prächtigsten Schalen, Schüsseln und Gedecken versehen, so daß hundert Hochzeiten und Feste gleichzeitig gefeiert werden konnten, ohne daß man sich gegenseitig störte – als er dies beschrieb, wälzte man sich vor Lachen. Als er schließlich eine Vorstellung von der Größe der Stadt geben wollte, indem er die Menge der Lebensmittel nannte, die von ihren Einwohnern verbraucht wurden, und sagte, daß der tägliche Bedarf einer so unbedeutenden Ware wie Pfeffer dreiundvierzig Wagenladungen betrug, jede Ladung zu zweihundertzwanzig Pfund – als er dies erzählte, war es mit der Selbstbeherrschung der Venezianer vorbei; sie weinten vor Entzücken Tränen, wußten sie doch, daß ein einziges Pfefferkorn sein Gewicht in Silber wert war, und sie riefen dem Erzähler in Ekstase zu:

›Gut gelogen! Bei Gott, gut gelogen, Messer Milione!‹

Messer Milione – das war der Spitzname, den seine Landsleute ihm gaben, weil die Zahlen, die er nannte, ihnen so wahnsinnig übertrieben vorkamen. Messer Milione! Alles, was er von den wimmelnden Ländern des Ostens erzählte, waren Ausgeburten seiner Phantasie. Messer Milione! Es war ein Ohrenschmaus zu hören, wie er mit den großen, schönen Ziffern jonglierte – aber an sie glauben? Nie und nimmer! ›Gut gelogen, Messer Milione! Bei der Madonna, gut gelogen! Laßt uns noch ein Histörchen hören!‹

So war der Empfang, der Marco Polo in seiner Heimatstadt zuteil wurde. Er selbst war ›Junker Million‹ und sein Haus beim Zusammenfluß des Rio San Crisostomo und des Rio dei Miracoli hieß der Millionenhof – Corte del Milione. Dreißig Jahre lebte er inmitten seiner Landsleute, ohne daß ihre Anschauung sich änderte. Noch nach seinem Tode lebte er in Gestalt eines Gauklers weiter, der bei den Karnevalsaufzügen die Aufgabe hatte, mit Lügen um sich zu werfen. Es sollte Jahrhunderte dauern, bis ihm die Genugtuung wurde, die er verdiente, und seine Erzählungen als das anerkannt wurden, was sie waren – ungewöhnlich glaubwürdige Reiseschilderungen eines ungewöhnlich scharfblickenden Beobachters.

Dr. Zimmertür sah von seiner Lektüre, den Reisen des alten Venezianers, auf. Seine Schläfen brannten, und es flimmerte ihm vor den Augen so, als hätte er sie zu starkem Sonnenlicht ausgesetzt. Gelbe Menschenmillionen, Pagoden, Kanäle, Dschunken und Karawanen tanzten vor seinem Blick. Für einen Mann von seiner lebhaften Phantasie war dieses Buch ein Rausch. Aber was war es für den anderen gewesen? Für ihren Vater, für den Grafen Passano? Was hatte er in dem Buche gesehen, als er es las? Waren es dieselben Visionen wie die des Doktors? War er, nur um in Farben und Bildern zu schwelgen, Tag für Tag zu derselben Lektüre zurückgekehrt? Denkbar war es ja, aber war es wahrscheinlich? Die Reisen waren ja kein dicker Band. Sollte sich ein Mann, der in die reiferen Jahre gekommen war, wirklich einen Monat lang hingesetzt haben, um sie ausschließlich zum Vergnügen zu lesen? Kaum! Er mußte irgendeinen anderen Grund gehabt haben, einen mehr wissenschaftlichen Grund.

Sollte die Bibliothek vielleicht irgendeine seltene Ausgabe der ›Reisen‹ besitzen? Sollte Graf Passano deshalb seine Studien in der Bibliothek von Straßburg betrieben haben? Ein Blick in den Katalog genügte, um dieser Hypothese den Garaus zu machen. Die Bibliothek hatte ausschließlich wohlbekannte Ausgaben.

Da war einmal Ramusio: ›De viaggi di Messer Marco Polo, gentiluomo veneziano', die Edition, die den meisten anderen Ausgaben zugrunde liegt. Ferner: Marsden: ›The travels of Marco Polo, a Venetian in the thirteenth century‹. Ferner: Pauthier: ›Le livre de Marco Polo, citoyen de Venise‹, ferner Bürck: ›Die Reisen des Venezianers Marco Polo im 13. Jahrhundert‹. Schließlich: Yule: ›The Book of Ser Marco Polo, the Venetian‹, die Ausgabe, die die verschiedenen Lesarten am ausführlichsten und zuverlässigsten wiedergibt und kommentiert. All diese Editionen konnte man in den meisten öffentlichen Bibliotheken finden. An sich boten sie nichts, was einen Mann wie den Grafen Tag für Tag festhalten konnte. Aber, wenn man Monsieur Halberlé Glauben schenken durfte – und da man keine Wahl hatte, mußte man es tun –, war es Tatsache, daß er sich Tag für Tag in sie vertieft hatte. Warum? Die Frage kam wieder. Da gab es nur eines zu tun: denselben Weg zu gehen wie er, sich selbst in dieselben Studien zu vertiefen.

Vielleicht konnte man da noch jetzt, nach zwanzig Jahren, den einen oder anderen Fund machen. Vielleicht, so flüsterte dem Doktor eine innere Stimme zu, hatten seine Studien Spuren in Form einer Unterstreichung oder am Ende gar einer Anmerkung hinterlassen.

Er beschloß, sich an die Arbeit zu machen. Bei dem Ausleihtisch bestellte er sämtliche Ausgaben auf einmal und signierte die Zettel, die erforderlich waren, um sie zu bekommen. Während er dies tat, hatte er plötzlich das Gefühl, daß jemand ihn betrachtete. Er sah auf. Richtig, einige Schritte weit weg stand Signor della Croce! Er war im eifrigen Gespräch mit dem Oberbibliothekar, aber unter halbgesenkten Augenlidern ruhte sein Blick auf dem Doktor. Als dieser aufsah, wendete er hastig den Blick ab, doch der Doktor konnte gerade noch feststellen, daß sein Instinkt ihn nicht betrogen hatte. Signor della Croce setzte das Gespräch fort, als ob nichts geschehen wäre. Der Doktor starrte ein paar Augenblicke geradeaus und schloß seine Bestellung ab. Natürlich war es ein Zufall, daß sie sich in Amsterdam getroffen hatten, natürlich war es ein Zufall, daß sie alle beide Bibliotheksstudien betrieben, aber – aber warum hatte der junge Mann ihr nachspioniert, die die indirekte Ursache war, daß Dr. Zimmertür jetzt Marco Polos Reisen studierte, anstatt in Amsterdam seine eigene Praxis auszuüben?

Was Signor della Croce auch von dem Bibliothekar wünschte, es war für ihn offenbar nicht leicht, es zu bekommen! Der Bibliothekar breitete die Arme aus, zuckte die Achseln, zog die Augenbrauen bis zum Haaransatz hinauf und drehte die Handflächen nach oben. Seine ganze Haltung sagte: Monsieur, was wollen Sie? Ich bin nur ein Mensch, und ich kann Ihren Wunsch nicht erfüllen. Signor della Croces Gesten waren nicht minder beredt. Er zog die Augenbrauen ebenfalls empor, wie um zu sagen: Ich gebe zu, daß Schwierigkeiten vorhanden sind; aber er blinzelte mit den Augenlidern, wie um hinzuzufügen: Monsieur, wir beide wissen, daß Schwierigkeiten dazu da sind, um überwunden zu werden; und er drehte die Handflächen nach unten und glättete alle Schwierigkeiten mit weichen rhythmischen Bewegungen, wie man ein Tuch ausstreift. Aber der Bibliothekar war unerbittlich; seine Augenbrauen bildeten einen accent circon-flexe über der Nasenwurzel, und er streckte die Hände gerade über die Schulter empor, wie um zu sagen: Ihre Argumente überwältigen mich – aber was wollen Sie? Ich – ich sage auf jeden Fall nein! – Der Doktor gab seine Bestellzettel ab und kehrte zu seinem Platz zurück. Zwischen den Wimpern beobachtete er den Rückzug Signor della Croces. Er ging. Aber noch bei seinem Fortgehen riefen seine Schultern den Himmel zum Zeugen an, daß dies eine sinnlose, eine unbegreifliche, unwürdige Ablehnung eines vollberechtigten Ansuchens war. Aber als er den Platz des Doktors passierte, strich der Blick aus seinen Samtaugen flüchtig wie ein Vogelflügel über den Tisch, und Doktor Zimmertür fühlte mit intensiver Gewißheit, daß er die Zeit benützte, um den Titel des Buches aufzufangen, das aufgeschlagen dalag – ›Le livre de Marco Polo, citoyen de Venise‹.

Dann verschwand er durch die Drehtür. Die Bücher kamen, und der Doktor nahm seine Studien wieder auf. Seite um Seite, Kapitel um Kapitel ging er die verschiedenen Editionen durch. – ›Ihr Kaiser, Könige, Herzöge, Marquis, Grafen und Ritter und ihr anderen alle, die ihr die Mannigfaltigkeit des Menschengeschlechts kennenlernen wollt, leset dieses Buch und wisset, daß seit der Erschaffung Adams bis zum heutigen Tage kein Mensch, sei er Heide, Sarazene oder Christ, je so viele oder so wunderbare Dinge gesehen oder erforscht hat wie Messer Marco Polo aus Venedig. In dem Wunsche, daß die Dinge, die er gesehen hat, allgemein bekannt würden, ließ er, als er im Jahre unseres Heilands 1295 Kriegsgefangener in Genua war, sie durch Messer Rusticiano, einen Bürger aus Pisa, der mit ihm im Gefängnis war, niederschreiben ... ‹ Von diesem Prolog an durch alle zweihundertfünfzig Kapitel des Buches folgte er dem alten Venezianer bis zum Epilog:

›Ihr habet nun alle vernommen, was wir von den Tataren, den Sarazenen und den übrigen Völkerschaften der Welt zu erzählen wußten, soweit unsere Kenntnisse reichten ... Über näher gelegene Küsten haben wir nichts gesagt, denn es gibt ja so viele Seefahrer, Venezianer und andere, die stets dort segeln, daß jeder Mensch sie kennt ... ‹

Der Doktor schlug die Bücher zu und sah den Zettel an, auf dem er die Eigentümlichkeiten aufgezeichnet hatte, die ihm während des Lesens aufgefallen waren. Es waren nicht viele. Sie beschränkten sich auf eine Anzahl von fünf oder sechs, und alle waren sie als Zeugnisse recht zweifelhaft.

An drei Stellen hatte er Randbemerkungen gefunden, mit Bleistift hingeschrieben. Die erste stammte aus dem sechzigsten Kapitel des zweiten Teiles der Reisen in der Ausgabe von Ramusio. Dieses Kapitel handelt von Jangui, dem Jangtschou späterer Zeiten, der Stadt, wo Marco Polo durch drei Jahre der Statthalter oder Vizeregent des großen Khan war. Dieses Kapitel ist sehr kurz. Es besagt nur, daß ›die wichtige Stadt Jan-gui siebenundzwanzig Städte unter ihrer Gerichtsbarkeit hat und als ein Ort von großer Bedeutung angesehen werden muß‹. Dann wird nur ganz beiläufig hinzugefügt: ›Über diese Stadt hatte Marco Polo auf besonderen Auftrag seiner Majestät drei Jahre lang die Statthalterschaft inne‹.

Wie um die Kürze des Kapitels noch zu betonen, hatte eine unbekannte Hand folgende Worte in französischer Sprache an den Rand geschrieben:

›Sehr lakonisch – Bescheidenheit – Messer Milione?‹

Die nächste Stelle, an der der Doktor eine schriftliche Aufzeichnung gefunden hatte, war im Epilog von Ramusios Ausgabe. Am Rande vor dem Satz, der beginnt: ›Ihr habt nun vernommen, was wir von diesen Völkerschaften zu erzählen wußten, soweit unsere Kenntnisse reichen‹, stand ein großes Ausrufungszeichen, und die Worte: ›Soweit unsere Kenntnisse reichen‹, waren unterstrichen. Einige Zeilen weiter unten stand ein zweites Ausrufungszeichen und die Worte: ›Denn so viele Seefahrer, Venezianer und andere segeln da, so daß jeder Mensch diese Küsten gut kennt!‹ waren doppelt unterstrichen. An den Rand hatte jemand auf Französisch geschrieben: ›Als Ironie – nicht übel!‹

Außer diesen beiden geschriebenen Reflexionen enthielt Ramusios Ausgabe nur eine größere Anzahl von Unterstreichungen. Sämtliche fanden sich in dem ersten Kapitel des ersten Teiles vor, dem Kapitel, das die Hauptzüge von Marco Polos Reise nach China schildert, seinen Aufenthalt dort und seine Heimfahrt. Es beschreibt ausführlich die Schwierigkeiten, die er auf der Hinreise zu überwinden hatte, sowie auch seinen Empfang am Hofe von Xandu. Dann erwähnt es mit einigen Zeilen, wie Marco die Gunst des großen Khan gewann und durch siebzehn Jahre zu vertraulichen Missionen in allen Teilen des gewaltigen Reiches verwendet wurde. Schließlich beschreibt das Kapitel ausführlich, wie schwer es Marco gemacht wurde, China zu verlassen. Der Khan wollte nichts davon hören, ihn ziehen zu lassen. Endlich gelang es ihm doch, die Abreise zu erwirken gegen das Versprechen, daß er nach China zurückkehren würde. Und im Jahre 1295 landeten er und seine beiden Verwandten in Venedig frisch und gesund trotz den ungewöhnlichen Strapazen der Reise.

Der ganze letzte Teil dieses Kapitels war voll von Unterstreichungen. Die Worte: ›Unsere Venezianer hatten nun viele Jahre am kaiserlichen Hofe gelebt und in dieser Zeit große Schätze an Juwelen und Gold erworben‹, waren unterstrichen. ›Seine Majestät fragte erzürnt, welche Ursache Messer Marco wohl haben könnte, sich den Widerwärtigkeiten der Heimreise auszusetzen. Wenn er nach Gewinn strebte, brauchte er es dem Khan nur zu sagen, und dieser war bereit, ihm das Doppelte dessen zu geben, was er besaß‹. Dies war dick unterstrichen, wie auch der Satz, der erzählt, daß Marco Polo die Bitten des Kaisers erhörte und im Lande blieb. ›Nicolo, Maffio und Marco Polo nahmen Abschied von dem Khan, der sie mit vielen Rubinen und anderen kostbaren Steinen von großem Wert beschenkte‹. Dies war ebenfalls unterstrichen, und schließlich standen drei Ausrufungszeichen neben dem Satz, der besagt, daß Marco und seine beiden Verwandten in Venedig ankamen, ›frisch und gesund und mit großen Reichtümern‹.

All diese Spuren eines früheren Lesers waren in Ramusios italienischer Ausgabe zu finden. Nur noch eine einzige weitere Spur fand der Doktor. Das war in Bürcks deutscher Ausgabe. Das Buch schien im übrigen unberührt zu sein; ja, so alt es sein mußte, erschien es zweifelhaft, ob es je gelesen worden war! Aber auf der Seite, auf der der Prolog zu lesen steht: ›Ihr Kaiser, Könige, Herzöge, Marquis‹ und so weiter, standen drei Ausrufungszeichen, so ungestüm, daß sie Trompetensignalen glichen. Die letzten Zeilen des Prologs: › ... ließ, während er Kriegsgefangener in Genua war, dieses Buch von Messer Rusticiano niederschreiben, der das Gefängnis mit ihm teilte‹, waren dick unterstrichen, und am Rande waren einige Worte auf Italienisch mit erregter, beinahe unleserlicher Schrift hingekritzelt: ›Da! Natürlich da! Geduld! Ich – ‹

Das war alles. Nicht eine Unterstreichung mehr, nicht ein Ausrufungszeichen mehr, nicht eine weitere Anmerkung in dem ganzen Buch! Es war, als wäre dem Unbekannten plötzlich eine Idee gekommen, die keinen Aufschub duldete. Seine letzten Worte waren: ›Geduld! Ich –!‹ Aber er hatte nicht einmal die Geduld aufgebracht, den begonnenen Satz abzuschließen.

Ein Dutzend Ausrufungszeichen, ein halbes Dutzend Unterstreichungen und vier Randbemerkungen. Das war das Resultat eines genauen Kontrollstudiums der Bücher, die ihr Vater wochenlang, tagaus, tagein, studiert hatte. Rührten sie von ihm her? Und wenn, gaben sie irgendeinen Schlüssel zu dem Rätsel, dessen Lösung zu finden der Doktor freiwillig auf sich genommen hatte?

Vor allen Dingen: stammten sie von ihm? Das war unmöglich zu entscheiden, solange man nicht irgendeine Probe seiner Handschrift hatte. Aber – so viel stand fest – die Schrift all der hingeschriebenen Worte war dieselbe, und sie war italienisch. Solche q und a mit jenem sonderbaren Extrahäkchen zwischen dem Oval des Buchstabens und dem Niederstrich – a und q von dieser speziellen Form schrieb man kaum irgendwo außerhalb von Italien. Es war richtig, daß zwei der Bemerkungen französisch waren, aber das hatte weniger zu bedeuten. Der Doktor wußte ja aus ihrem eigenen Munde, daß sie fünf Sprachen sprach, und der Apfel pflegt nicht weit vom Stamme zu fallen. – Das Entscheidende war überdies, daß die dritte Randbemerkung, die offenbar in Erregung geschrieben war, italienisch lautete; im Augenblick der Gemütserregung greift man zu seiner Muttersprache.

Angenommen, daß diese hastig hingeworfenen Worte und Ausrufungszeichen von ihm stammten, was hatten sie zu bedeuten? Ließen sie etwas von dem ahnen, was zu der Zeit der Niederschrift seine Gedanken beschäftigt hatte?

Das war ein noch schwerer zu lösendes Problem. Über einiges aus dem Leben des Toten wußte der Doktor Bescheid, dank dem Brief aus Venedig und dank dem Weinkellner Joseph. Aber über den Zweck seiner Studien in Straßburg – jener Studien, die ein so plötzliches brutales Ende fanden – wußte er nichts. Waren es überhaupt Studien? War es schließlich und endlich etwas anderes als reine Unterhaltungslektüre gewesen? Das zu entscheiden war schwer, vielleicht unmöglich, und doch – und doch ... angenommen, daß seine Studien wirkliche Studien waren, was für einen Zweck konnten sie verfolgt haben? Beschäftigte er sich ganz einfach mit einer Kontrolle der Lesarten der verschiedenen Auflagen? Dem widersprach, daß nur zwei der fünf Editionen der Bibliothek Spuren aufwiesen, von ihm gelesen worden zu sein. Hatte er irgendeine neue These über Marco Polos Irrfahrten? Dann hätten die Randbemerkungen von anderer Art sein müssen. Dann hätten sie kritische Hinweise auf andere Editionen oder Nachschlagbücher enthalten müssen; sie hätten häufiger vorkommen und objektiver sein müssen. Aber wenn sie etwas nicht waren, so war es objektiv! Sie waren ebenso persönlich wie jene Randbemerkungen, mit denen die Schulbuben ihre Indianergeschichten versehen und mit denen sie ihre Billigung oder Mißbilligung der Helden des Buches auszudrücken pflegen. Wenn irgend etwas, so machten sie den Eindruck, daß seine Lektüre Unterhaltungslektüre gewesen war. Und doch widersprach es aller Wahrscheinlichkeit und Vernunft, daß ein erwachsener Mann Woche für Woche mit ein und demselben Buch als Unterhaltungslektüre verbringen sollte – selbst wenn es eine so klassische und solide Unterhaltungslektüre war wie Marco Polos Reisen.

Es war aussichtslos. Er war in eine Sackgasse geraten, und er gestand es sich selbst offen zu. Im Geiste drehte er alle Möglichkeiten hin und her; er schlug aufs Geratewohl die Bände auf, um möglicherweise eine übersehene Aufzeichnung zu finden. Vergebens. Er tappte im Dunkeln; und in diesem Dunkel verfolgte ihn ein Gedanke so hartnäckig, wie ein Alptraum einen Mann verfolgt, der zwischen Wachen und Schlafen schwebt: Was bedeuteten die Worte, die am Schluß von Bürcks Ausgabe des Prologs hingeworfen waren? ›Da, natürlich da! Geduld, ich ... ‹

Die Ahnung, der Alptraum flüsterte ihm zu, daß hier, gerade hier der Schlüssel zur Lösung des Rätsels steckte. Aber ...

Als die Bibliothek an diesem Tage geschlossen wurde, taumelte er heim, noch immer ebensoweit von der Lösung des Rätsels entfernt. In das Hotel zurückgekommen, fand er einen Brief, der für einen Augenblick seine Gedanken auf ein anderes Geleise schob.

Der Brief, der ihm aus Amsterdam nachgeschickt war, lautete folgendermaßen:

»Mein Herr! Ich bin ein loyaler Gegner und kämpfe nur mit blanken Waffen, obgleich im Kriege, in der Liebe und bei Wetten alle Mittel erlaubt sind.

Ich habe nach den Angaben, die Sie mir vor einiger Zeit in Amsterdam machten, Ihr Horoskop gestellt. Was ich Ihnen mitzuteilen habe, ist, daß Ihnen in diesen Tagen eine Gefahr droht.

Saturn, der über Gefängnisse und Einkerkerung herrscht, beherrscht in voller Aszension Ihren Geburtsstern Merkur, der sich im Hause seiner Erniedrigung, den Fischen, befindet. – – Sie sind gewarnt.

A. D.«

A. D. war Antonio Donati, der Astrolog aus der Valkenierstraat. Der Brief trug den Poststempel Venedig.

Was hatte er doch am selben Tag bei Messer Marco Polo gelesen?

›Es ist bei dem Volke in Quin-sai Brauch, daß die Eltern bei der Geburt eines Kindes sofort Tag, Stunde und Minute der Geburt aufzeichnen. Wenn der Knabe zum Manne geworden ist und ein Geschäft oder eine Reise machen will, befragt er den Astrologen, der die Umstände gegeneinander abwägt und gewisse Orakelworte spricht, denen diese Menschen, die sie zuweilen durch das Resultat bestätigt finden, großes Vertrauen entgegenbringen. Diese Astrologen sind auf jedem Marktplatz in großer Zahl anzutreffen‹.

Augenblicklich war ein solcher also auf dem Markusplatz anzutreffen! Hatte sich die Welt eigentlich seit Messer Marco Polos Tagen so sehr verändert?

Aber was bedeuteten die Worte, die in dem Prolog zu Messer Marcos deutscher Ausgabe hingekritzelt waren?

 << Kapitel 6  Kapitel 8 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.