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Marco Polos Millionen

Frank Heller: Marco Polos Millionen - Kapitel 5
Quellenangabe
authorFrank Heller
titleMarco Polos Millionen
publisherRütten & Loening Verlag
year1951
firstpub1929
printrun9.-13. Tausend
translatorMarie Franzos
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
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Viertes Kapitel.
Eine Stecknadel in einem Heuschober

Das also war Straßburg!

Dr. Zimmertür stand auf der Treppe des Zentralbahnhofs und sah nachdenklich blinzelnd auf einen halbkreisförmigen Platz, der von Hotels und Kaufläden eingefaßt war. Gerade vor ihm führte eine schmale Straße zu einem Kanal hinunter; er sah undeutlich Häuser an einem Kai und dahinter ein Gewirr von altertümlichen Giebeln und Kirchturmspitzen. Das war das alte Straßburg mit seinen berühmten Fachwerkhäusern und seinem Münster. Links führten andere Verkehrsstraßen zu den modernen Vierteln.

Er stand an seinem Ziel. Hier sollte es sich zeigen, was seine Theorie wert war. Hier sollte es sich entscheiden, wer die famose Wette gewann, er oder Signor Donati! Er war von der Richtigkeit seiner Theorie überzeugt. Er war bereit, einen Eid darauf abzulegen. Aber eine Sache ist es, eine These in seinem Zimmer auszuspintisieren, in Gesellschaft seiner Schreibtischlampe und einer Flasche Barsac, eine andere, sie in der Wirklichkeit zu erproben. Um sie auf die Probe zu stellen, mußte er eine Serie von Dingen und Personen finden, die es höchstwahrscheinlich gar nicht mehr gab. Höchstwahrscheinlich, ja! Er lächelte bitter in sich hinein, während er im Geiste eine Annonce für ›Les dernières Nouvelles de Strasbourg‹ formulierte.

Gesucht: Der Schauplatz, wo ein kleines Familiendrama sich vor zwanzig Jahren abspielte! Gesucht: Zeugen dieses Dramas! Gesucht: Eine Stecknadel in einem Heuschober – noch dazu in einem Heuschober, der vielleicht schon längst verschwunden ist!

Der Träger an seiner Seite räusperte sich diskret:

»In welchem Hotel wünschen der Herr abzusteigen?«

Ja, in welchem Hotel? Das war die erste Frage. Womöglich sollte es dasselbe Hotel sein, in dem sie vor zwanzig Jahren gewohnt hatten. Aber was für ein Hotel konnte das gewesen sein? Ein Luxushotel hatte die finanzielle Lage der Familie wohl kaum erlaubt. Andererseits hatten sie sicher immer ›standesgemäß‹ gewohnt. Vor ihm stand ein Schwarm beflissener Portiers; aber die Namen auf ihren Mützen sagten ihm weniger als nichts: Hôtel de la Poste, Hôtel du Rhin, Hôtel des Vosges.

»Hören Sie einmal, mein Freund«, sagte er zu dem Träger, einem jungen, vierschrötigen Sohn des Elsaß. »Helfen Sie mir, das zu finden, was ich suche, und ich werde Sie so entlohnen, als hätte ich drei Koffer anstatt einer Handtasche!«

Der Träger schmunzelte dienstfertig.

»Was sucht denn der Herr?«

Der Doktor erklärte es. Das Gesicht des Trägers wurde immer länger und länger, er kraute sich hinter dem Ohr.

»Zwanzig Jahre!« murmelte er. »Hier hat sich in den letzten zwanzig Jahren allerhand zugetragen. Ich muß Père Anatole fragen.«

So allmählich fand er den alten Anatole, dessen Antlitz rosig wie ein Winterapfel war, mit einem Bart so weiß und wallend wie der des Weihnachtsmanns. Der Doktor wiederholte seine Darstellung, und Anatole kraute sich im Takt mit seinem jüngeren Kollegen hinter dem Ohr.

»Ein gutes, billiges Hotel, das vor zwanzig Jahren hier war«, philosophierte er. »Da war die Goldene Krone, und da war ...«

»Ein Familienhotel«, erläuterte der Doktor, »und ein standesgemäßes Hotel! Vergessen Sie das nicht.«

»Da war das Hotel Hampele, und da war das Hotel Schmitt«, grübelte Anatole weiter, »aber die sind alle beide eingegangen. Jawohl. Zwanzig Jahre, das ist eine lange Zeit.«

»Eine sehr lange Zeit«, gab der Doktor zu, der seinen Mut sinken fühlte. »Und die letzten zwanzig Jahre sind ja sozusagen doppelte Dienstjahre gewesen. Aber irgendwelche Hotels wird es doch geben, die nicht aufgelassen sind?«

Er tastete in der Westentasche und fand eine abgegriffene Note. Wie durch einen Zauberschlag glitt Anatoles Denktätigkeit in ein rascheres Tempo über. An seinen jüngeren Kollegen gewandt, sagte er mit plötzlicher Bestimmtheit:

»Da war das Hotel Turin! Das besteht noch, und das ist gerade das, was der Herr wünscht! Was?«

Der jüngere Träger nickte schwermütig, aber eine neue Note aus der Tasche des Doktors verjagte sein Zaudern rasch.

»Da ist das Hotel Turin«, sagte er. »Im Hotel Turin soll der Herr absteigen. Kein Zweifel!«

Dr. Zimmertür selbst war nicht so frei von Zweifeln, aber er schüttelte sie ab. – Warum nicht ebensogut das Hotel Turin wie irgendein anderes Hotel? dachte er und bestieg ein Auto. Sollte es sich zeigen, daß es nicht dieses Hotel gewesen sein kann, oder kann mir dort niemand die Auskünfte geben, die ich brauche, so muß ich eben nach dem Hotelverzeichnis weitersuchen.

Er sah dieses Verzeichnis, das etwa zwanzig Namen umfaßte, so melancholisch an, daß er ganz vergaß, die Umgebung zu studieren. Nun rollte das Auto vor den Eingang des Hotel Turin am Kai Schöpflin vor.

Er fand das Hotel so altväterisch, als man das Recht hatte zu erwarten, in einem Viereck um einen offenen Hof gebaut, der mit Glas gedeckt war und als Wintergarten diente. Leicht verwitterte Empiremöbel paradierten in der Halle und im Salon. Eine alte Pendeluhr aus Alabaster und vergoldeter Bronze zählte tickend die Sekunden und gedachte entschwundener glücklicherer Augenblicke. Alte Lithographien nach Winterhalter blickten von den Wänden herab – das Hotel mußte also seine fünfzig, sechzig Jahre zählen.

Eine blasse junge Dame empfing ihn. Es zeigte sich, daß sie die Wirtin war. Sie wies ihm ein Zimmer an, und er äußerte einige anerkennende Worte über die Aussicht. Dann begann er sofort seine Fragen nach dem, was ihm am Herzen lag.

»Ach, Monsieur, wären Sie doch nur ein halbes Jahr früher gekommen! Da lebte meine Mutter noch, die das Hotel vierzig Jahre geführt hat. Weder ich noch mein Mann wissen etwas von den Gästen, die wir vor zwanzig Jahren gehabt haben –«

»Und die Dienerschaft?«

»Es ist sicher niemand mehr aus dieser Zeit da, Monsieur!«

Der Doktor nickte düster. Das hatte er ja erwarten können. Was sollte er jetzt tun? Das Hotel Turin verlassen und sein Glück anderswo probieren? Das wäre natürlich das einzig Vernünftige, da er hier im Hotel keinerlei Bescheid bekommen konnte – und doch, und doch! Eine innere Stimme sagte ihm, daß sie gerade in einem Hotel wie diesem gewohnt haben müßten, ihr Vater und sie. Die junge Wirtin riß ihn aus seinen niedergeschlagenen Gedanken.

»Wie konnte ich nur Joseph vergessen!« rief sie. »Natürlich, Joseph ist doch noch da! Wenn jemand Ihnen helfen kann, Monsieur, so ist er es!«

»Wer ist dieser Joseph?« fragte der Doktor mit tickendem Herzen.

»Das ist unser Weinkellner. Er ist in einem Alter mit unseren feinsten Marken und auf gutem Fuß mit allen, aber par distance, denn er ist Abstinent.«

»Ein Weinkellner, der keinen Wein trinkt!« sagte der Doktor mit einem Lachen. »Na ja, wenn man Joseph heißt – das ist ja ein Name, der verpflichtet. Wollen Sie also Joseph bitten, zu mir heraufzukommen, Madame? Und bitten Sie ihn, die Weinkarte mitzubringen. Es kann ja sein, daß irgendein Wein von vor zwanzig Jahren ihm einen Gast aus demselben Jahrgang in Erinnerung ruft!«

Sie verschwand. Gleich darauf erschien Joseph.

Es war ein kleiner fahler Mann von fünfundfünfzig Jahren, ein Bild der Korrektheit, mit farblosem Haar und dünnem Backenbart. Er trug einen goldgefaßten Kneifer, hinter dessen Gläsern man nur schwer den Blick seiner Augen fangen konnte. Sein Auftreten und seine Stimme waren die eines Bureauchefs.

Er verbeugte sich gemessen und präsentierte ein dickes schwarzes Meßbuch. Es zeigte sich, daß das die Weinkarte war.

Der Doktor schlug Vins d'Alsace auf.

»Was halten Sie von Käfferkopf?«

»Junger Wein, etwas unsicher, aber mit Möglichkeiten«, erwiderte Joseph sofort, mit dem Tonfall eines Vorgesetzten, der sich über die Zukunftsaussichten eines Untergebenen ausspricht.

»Aha! Und Traminer?«

»Junger Wein, weniger unsicher, prononciertere Eigenschaften und größere Möglichkeiten«, erklärte Joseph mit derselben Stimme.

»Hm. Und Riquewihr?«

Joseph antwortete mit dem unpersönlichen Tonfall eines Auskunftsbureaus: »Reifer Wein, stark und aromatisch, ein wirklicher Charakter.«

Der Doktor schlug das Meßbuch zu.

»Geben Sie mir eine Flasche Riquewihr. Trinken Sie selbst ein Glas mit?«

»Ich? Ich trinke nie Wein, ich koste höchstens, aber ich schlucke nie. Niemand, dessen Beruf es ist, Weinkenner zu sein, würde je auf die Idee verfallen, den Wein zu schlucken.«

Der Doktor bekam seinen Riquewihr. Während Joseph die Flasche entkorkte, brachte er das Gespräch auf entschwundene Zeiten, genauer gesagt auf die Zeit vor zwanzig Jahren. Es erwies sich als durchaus nicht schwer, Joseph die Zunge zu lösen; im Gegenteil. Kaum war eine Frage gestellt, als auch schon die Antwort erfolgte, kurz und trocken, aber klar und gerade zur Sache. Allmählich wurden die Antworten jedoch ausführlicher, ohne daß Joseph etwas von seiner Reserve verlor. Der Doktor rieb sich die Hände. Das war ja der ideale Zeuge. Das war ein unerwartetes Geschenk von oben für jemanden, der in einem Heuhaufen nach Stecknadeln suchte. Schließlich stellte er seine entscheidende Frage:

»Hören Sie mal, Joseph, Sie haben doch ein so wunderbares Gedächtnis. Erinnern Sie sich an einen Grafen di Passano, der hier in der Stadt wohnte, so etwa vor zwanzig Jahren? Das heißt, ich weiß nicht bestimmt, daß er in der Stadt wohnte, aber auf theoretischem Wege bin ich –«

Joseph unterbrach ihn mit einem kurzen Kichern.

»Sie haben richtig geraten! Er wohnte hier!«

»Ist das wahr?« stammelte der Doktor ein wenig bleicher als gewöhnlich. »Sind Sie ganz sicher? Wohnte er –«

»Er wohnte hier im Hotel«, schnitt Joseph kurzweg ab. »Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich mich an ihn erinnere.«

Die Finger des Doktors griffen nach der Westentasche.

»Erzählen Sie, Joseph, erzählen Sie alles, woran Sie sich erinnern, hören Sie! Sie wissen nicht, was das für mich bedeutet. Ich hatte gar nicht zu hoffen gewagt, daß ich jemanden finden würde, der sich an die Dinge aus jener Zeit erinnert. Aber das Glück wollte es, daß ich Sie treffen sollte, und –«

Joseph ließ die Note in die Hosentasche gleiten mit der Miene eines Bureauchefs, der eine Bestechung annimmt und sich dessen schämt. Der Doktor brauchte seine Willigkeit nicht weiter anzuspornen. Er erzählte in einem einzigen Redestrom mit kleinen Pausen zwischen den Sätzen, sein Blick war so fern, als weilte er zwanzig Jahre weit weg zu Besuch in einer längst entschwundenen Welt.

»Passano!« wiederholte er. »Ich erinnere mich an den Namen, und ich erinnere mich an den Mann, als ob es gestern gewesen wäre. Es war ein kleiner, dicker Italiener –«

»Klein und dick war er?« unterbrach der Doktor, der an ihre Erscheinung dachte. »Ich hatte ihn mir als einen hohen schlanken Offizierstypus vorgestellt –«

»Er war klein und dick«, stellte Joseph fest. »Er nannte sich Graf, aber ob er auch einer war –«

»Er war es«, versicherte der Doktor. »Das weiß ich ganz bestimmt. Es war ein distinguierter Typ, nicht wahr, wenn er auch dick war?«

»Er sah aus wie ein Opernsänger«, sagte Joseph kurz, »und ich erinnere mich ganz genau, daß er ein Engagement bei der Oper anstrebte, als er hier war. Da das nicht zustande kam, bat er, im Hotel singen zu dürfen, aber davon wollte der Direktor nichts hören, übrigens machte er ja ohnehin schon Krawall genug. Seine Freundin –«

»Joseph!« flehte der Doktor. »Sind Sie sicher, daß Sie ihn nicht mit irgendeinem anderen verwechseln?«

Der Kellner schien beleidigt.

»Wenn Monsieur nicht glauben, was ich sage«, begann er, »so hat es ja keinen Zweck, daß ich erzähle, übrigens kann das ganze Hotel bezeugen, daß mein Gedächtnis –«

»Verzeihen Sie mir«, bat der Doktor. »Es ist nur das, daß ihre Tatsachen so schlecht zu den Theorien passen, die ich mir auf eigene Faust aufgebaut habe – aber das ist natürlich um so schlimmer für die Theorien. Fahren Sie fort, Joseph! Ich werde Sie nicht mehr unterbrechen.«

»Seine Freundin«, fuhr das mnemotechnische Phänomen sogleich fort, »war Tänzerin oder so etwas Ähnliches. So sah sie wenigstens aus. Sie zankten sich Tag und Nacht. Monsieur wissen vielleicht, wie es klingt, wenn Italiener sich zanken? So, als ob die Welt untergehen sollte, nicht wahr? Natürlich konnten wir Leute dieser Sorte nicht hier wohnen lassen. Ich glaube, sie blieben eine Woche. Die Rechnung bezahlten sie natürlich nicht, und so kündigte ihnen der Direktor. Seither habe ich sie nie mehr gesehen. Aber ich vergesse sie nicht, und wenn ich hundert Jahre alt würde.«

Er verstummte.

»Und die Tochter?« fragte der Doktor.

»Die Tochter? Welche Tochter?«

»Der Graf hatte ein kleines Töchterchen von vier, fünf Jahren, ein schönes Kind, das eine ungewöhnlich schöne junge Dame zu werden versprach und die auch – aber das tut nichts zur Sache. Erinnern Sie sich nicht an irgend etwas über diese Tochter?«

»Passano hatte keine Tochter«, sagte der Kellner mit einem trockenen Wiehern. »Leute wie er reisen nicht mit eigenen Töchtern herum, nur mit denen anderer Leute.«

»Keine Tochter!« rief der Doktor und griff sich an die Stirn. »Aber das ist ja unmöglich! Er muß ein kleines Töchterchen gehabt haben! Hören Sie!«

»Dann hatte er sie anderswo einquartiert«, erwiderte der Kellner kalt. »Hier hat sie nicht gewohnt. Soviel steht fest.«

»Ja aber –«

»Ich bedaure, Monsieur, aber ich habe alles gesagt, was ich weiß. Sonst noch etwas gefällig? Dann –«

»Nein, danke«, sagte der Doktor niedergeschlagen. »Danke für Ihre Mitteilungen, wenn sie auch nicht gerade –«

Er sprach den Satz nicht zu Ende. Der Kellner zog sich zurück, und er konnte sich ungestört seinen Gedanken hingeben. Sie waren nicht gerade überschäumend. Seine ganze, mühsam aufgebaute Theorie lag in Trümmern. Sie war zusammengestürzt durch einige Worte des Mannes mit dem wunderbaren Gedächtnis, so wie die Mauern Jerichos durch einen einzigen Posaunenstoß fielen. Er hatte sie auf Worte aufgebaut, auf ihre halb widerwillig abgegebenen Erklärungen, und sie war durch Worte gefallen. Seine Arbeit war vergeblich gewesen, und das war bitter, aber da war noch etwas anderes, das er fast noch bitterer empfand. Es war die Gewißheit, daß er seine Wette verlieren würde, die famose Wette mit dem Astrologen in der Valkenierstraat. Der hatte es gut! Er brauchte nicht an das unzuverlässige Gedächtnis und die halb wahren Angaben eines Weibes zu appellieren – es gab ja Leute, die behaupteten, daß die Frauen sogar in der Hypnose lügen –, er konnte sich an höhere, unbestechliche Zeugen halten, an die ewigen Sterne selbst! Mit aller Sicherheit würde er derjenige sein, der die Wette gewann! Mit aller Sicherheit mußte sich der Doktor mit dem beklemmenden Bewußtsein aus der Affäre ziehen, von einem Astrologen besiegt worden zu sein – von einem, den die Welt gemeiniglich einen Scharlatan nannte. Besiegt von einem Scharlatan! Was war er dann selbst –?

Er wurde aus seinen düsteren Betrachtungen gerissen. Es klopfte an die Türe.

»Herein!« rief er.

Ein Pikkolo erschien mit einem Brief. Er stutzte leicht. Ein Brief an ihn hier in Straßburg! Dann fiel ihm ein, daß er ja seine Post aus Amsterdam nach Straßburg postlagernd dirigiert und die Wirtin gebeten hatte, sie holen zu lassen. Er öffnete den Brief, las ihn in einem Zuge und blieb regungslos stehen.

Er kam aus Venedig und war ihm aus Amsterdam nachgesandt worden. Es war die Antwort auf sein Telegramm an den Freund in der Lagunenstadt, Dr. Triulzi. Der Pikkolo zog sich nach wohlverrichtetem Auftrag zurück. Ein Ruf des Doktors hielt ihn an.

»Einen Augenblick, junger Freund! Willst du mir einen Gefallen tun – willst du mir den Gefallen tun – warte einen Augenblick –, ich muß nachdenken!«

Er flog noch einmal den Brief durch. Wie immer, wenn er scharf dachte, entzogen sich seine Gesichtsmuskeln ganz seiner Kontrolle, und seine Grimassen hätten einem stärkeren Herzen als dem des Pikkolos Schrecken einjagen können. Plötzlich sah er dem Pikkolo ins Gesicht, und die Grimassen hörten auf.

»Ja, junger Freund, willst du mir einen extrastarken Kaffee bestellen und Joseph bitten, mir noch eine Flasche Wein zu bringen!«

Das Mienenspiel des Pikkolo zeigte deutlich, daß er von einem Herrn mit solchen Grimassen gerade diese Art Bestellung erwartet hatte.

»Kaffee und Wein?« wiederholte er langsam. »Sagten Monsieur Kaffee und Wein?«

»Ja, ja!« rief der Doktor und schob ihn zur Türe. »Aber bestelle den Kaffee zuerst, so daß ich ihn schon da habe, wenn Joseph mit dem Wein kommt! Verstehst du? Und sag nur, daß er extrastark sein muß – hörst du, extrastark! Als Medizin!«

»Als Medizin!« wiederholte der Pikkolo und wiederholte hastig: »Ein Kaffee und eine Flasche Wein – als Medizin! Kommt gleich!«

Der Kaffee kam, und gleich darauf erschien Joseph mit der Weinflasche. Er trug sie mit einer Würde herein, als überbrächte er die Schlüssel der Stadt Straßburg. Während er die Flasche abstellte, verriegelte der Doktor die Türe, steckte den Schlüssel in die Tasche und stellte sich zwischen den Weinkellner und den Zimmertelegraphen.

»Joseph«, sagte er, »was ziehen Sie vor: diesen Kaffee hier auszutrinken oder den Eiskübel über den Kopf zu bekommen?«

Joseph unterbrach sich langsam in seiner Arbeit mit dem Korkzieher. Mit unendlicher Würde drehte er den Kopf zuerst in die Richtung des Eiskübels, dann in die Richtung des Kaffees. Schließlich musterte er den Doktor durch seinen goldgefaßten Kneifer.

»Was meinen Monsieur?« fragte er mit gesenkten Augenlidern und einer Stimme wie ein Minister.

»Was ich meine?« sagte der Doktor. »Daß Sie ein alter Schwindler sind, Joseph! Daß Sie Ihr Bestes getan haben, mich auf Irrwege zu führen. Daß ich mich zu rächen gedenke, und daß Sie darum die Wahl haben, diesen Kaffee zu trinken oder den Eiskübel über den Kopf zu bekommen. Was ziehen Sie vor?«

Der Rücken des Weinkellners erstarrte in beinahe unnatürlicher Strammheit. Er stellte die Flasche weg und machte einen Schritt auf die Türe zu.

»Hat keinen Zweck, Joseph«, sagte der Doktor. »Die Türe ist versperrt. Sie kommen nicht eher heraus, als bis Sie Ihre Wahl getroffen haben. Der Eiskübel oder der Kaffee. Im Hinblick auf Ihr graues Haar würde ich es vorziehen, wenn Sie sich für den Kaffee entschieden. Aber wenn Sie sich nicht rasch entscheiden, entscheide ich für Sie!«

Josephs Gesicht drückte weder Zorn noch Erregung aus, es bewahrte seine Maske unnatürlicher Würde, als er erwiderte:

»Ich bedaure, daß ich es sagen muß, aber in all den fünfundzwanzig Jahren, die ich im Hotel bedienstet bin, hat es nie einen Gast gegeben, der in dieser Weise zu mir gesprochen hätte. Es ist mir peinlich, daß ich gezwungen sein werde, unsere Unterredung Madame zu referieren –«

»Aber noch peinlicher wird es für Sie sein, wenn ich es tue!« rief der Doktor. »Hören Sie jetzt mit den Flausen auf, alter Freund. Im selben Augenblick, in dem ich Madame sage, daß sie einen unverbesserlichen Alkoholiker zum Weinkellner hat, einen Menschen, der mit einem Kater herumgeht, der nicht von gestern oder vorgestern oder vorvorgestern stammt, sondern dreißig Jahre zurückdatiert, aus dem vorigen Jahrhundert, und der nicht einen Tag vergehen läßt, ohne daß er diesen Kater mit ihren besten Weinen begießt, im selben Augenblick –«

Zum erstenmal löste sich Josephs Maske ein wenig.

»Was sagen Sie?« rief er. »Wie können Sie es wagen, auch nur im Scherz –«

Aber der Doktor hatte die Oberhand. Die Augen in den Kellner gebohrt, setzte er seine Strafpredigt fort:

»Im selben Augenblick, in dem ich das sage, mein alter Freund, ist alles für Sie aus. Ich hoffe, Sie verstehen das. Ich kenne Ihren Fall schon von früher her, aber ich ließ mich wirklich zuerst durch Ihre feinen Manieren und Ihr großartiges Gedächtnis düpieren! Ja, Sie waren so stramm und feierlich, wie es nur der über allen Verstand Berauschte ist, und mit Hilfe des Weins würfelten Sie Ihre Erinnerungen zusammen, Wirklichkeit und Unwirklichkeit zu einem Phantasiebild, und das ist es ja, was man Dichten nennt. Aber Sie sind ein romantischer Dichter, Joseph, denn Ihre Schöpfungen vertragen die Kritik der Wirklichkeit nicht, und darin gleichen Sie den meisten anderen Dichtern, die sich am Wein inspirieren. Aber jetzt werden Sie sich am Kaffee inspirieren, so wie Balzac, und Realist werden, denn nun will ich die Wahrheit über den Grafen di Passano hören!«

Joseph war in einen Fauteuil gesunken. Er blinzelte unter dem Blick des Doktors wie ein Mensch, der in einen Scheinwerfer sieht.

»Das – das ist nicht wahr!« versuchte er zu protestieren. »Ich trinke nie, und ich lüge – nie!«

»Sie lügen!« sagte der Doktor. »Sie haben mir den Buckel vollgelogen, und ich habe Ihre Lügen geglaubt, bis ich diesen Brief hier bekam. Wenn der Kaffee Sie nicht nüchtern macht, wandert Ihr Kopf in den Eiskübel, denn die Wahrheit muß an den Tag!«

»Was für ein Brief?« murmelte der Kellner. »Steht etwas über mich darin?«

Der Doktor schenkte, ohne zu antworten, den Kaffee ein. Tasse um Tasse mußte Joseph in kleinen Schlückchen hinuntergießen. Wenn er Miene machte, aufzuhören, griff der Doktor nach dem Eiskübel, wie um dessen Inhalt über seinen Kopf zu gießen; unmittelbarer Gehorsam war die Folge. Endlich war der Kaffee ausgetrunken. Joseph gähnte mehrere Male hintereinander wie ein Mann, der aus einem schweren Schlummer erwacht, aber nicht viel Lust hat, in einen neuen zu versinken.

»Zur größeren Sicherheit«, sagte der Doktor, »werden wir jetzt dies hier anwenden.«

Er packte Eis in ein Handtuch und legte es um die Stirne des Kellners. Josephs Augen verloren ihren Metallglanz und wurden so allmählich beinahe klar.

»Na, Joseph!« ermunterte der Doktor. »Setzen Sie Ihre Maschine in Gang, und werden Sie Realist! Was wissen Sie von dem Grafen Passano, der vor zwanzig Jahren hier gewohnt hat?«

Joseph schüttelte den Kopf.

»Passano? Passano?« sagte er mit einer belegten Stimme, die ganz anders als seine gewohnte klang. »War das nicht ein Falschmünzer? Oder eine Hotelratte?«

»Absolut nicht!« sagte der Doktor. »Es war auch kein Opernsänger, wie Sie mir heute nachmittag einredeten, als Sie in Ihrem somnambulen Zustand dichteten und prophezeiten. Und er wohnte auch mit keiner Tänzerin hier, sondern mit seinem kleinen Töchterchen und deren Gouvernante. Erinnern Sie sich jetzt?«

»Der Herr erinnert sich ja schon selbst an alles, was nötig ist«, knurrte Joseph mit einem störrischen Blick auf den Teppich. »Ich erinnere mich an gar nichts.«

»Hören Sie mal, mein Freund!« sagte der Doktor scharf. »Kommen wir über eine Sache ins klare: Wollen Sie mir helfen oder wollen Sie das nicht? Im ersteren Fall tun Sie es gleich, im letzteren möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, daß ich Arzt bin. Es kostet mich nur ein Wort an einen Kollegen, um Sie in eine Anstalt zu bringen, wo die Kur« – er machte eine Pause und befeuchtete das Stirnband –, »wo die Kur weniger glimpflich sein wird als hier.«

Der Kellner prallte zurück wie vor einem elektrischen Schlag. Seine Augen sprachen besser als Bände den Schrecken aus, den die Wissenschaft den Ungelehrten einflößt.

»Ja gewiß, Herr Doktor«, stammelte er, »gewiß will ich Herrn Doktor helfen. Wie war es? Passano? Passano? Nein, ich erinnere mich an nichts – wirklich! Könnten Herr Doktor mir nicht ein bißchen auf die Spur helfen, dann erinnere ich mich vielleicht doch!«

»Graf Passano«, wiederholte Dr. Zimmertür langsam, »wohnte vor gut zwanzig Jahren hier im Hotel. Er war in Begleitung seiner Tochter, eines schönen kleinen Mädchens, die sich später zu einer mehr als schönen jungen Dame entwickelt hat – aber das gehört nicht hierher. Außerdem hatte er die Gouvernante der Kleinen mit. Er war ein schlanker, schöner Mann mit Adlernase und braunen Augen. Sein Name war italienisch, aber er reiste mit einem österreichischen Paß. So viel weiß ich aus diesem Brief. Was ich zu wissen wünsche, ist, was Graf Passano hier in Straßburg machte. Ferner, wie seine täglichen Gewohnheiten waren, und schließlich möchte ich wissen, ob sich während seines Aufenthalts in Straßburg etwas Besonderes zugetragen hat. Ich habe Anlaß zu glauben – auf theoretischem Wege bin ich zu der Schlußfolgerung gekommen, daß sich etwas zugetragen hat – ein plötzliches, unerklärliches Vorkommnis – aber ich will wissen, ob ich recht habe, und was es war!«

Während er sprach, war in den Pupillen des Weinkellners langsam ein Licht aufgeglommen. Nun hob er beinahe feierlich die Hand und stammelte mit Eifer in der Stimme: »Herr Doktor, jetzt erinnere ich mich! Ich erinnere mich, Herr Doktor!«

»Nun, dann erzählen Sie«, sagte Dr. Zimmertür, und Joseph gehorchte. Er erzählte langsam und mit Schwierigkeit, seine frühere Suada war ihm gänzlich abhanden gekommen, aber aus seinen Worten leuchtete die Wahrheitstreue. Und was er zu erzählen hatte, war derart, daß die Augen des Doktors sich vor Spannung weiteten und vor Befriedigung glänzten. Er warf die ganze Zeugenaussage Josephs stenographisch aufs Papier. Mehr als einmal im Laufe der Erzählung ging der Blick des Kellners zu der Weinflasche, die er heraufgebracht hatte; aber nicht eher, als bis er ganz fertig war, ließ sich der Doktor von dem stummen Flehen in seinem Blick erweichen. Er bekam zwei Gläschen. Dann öffnete der Doktor die Türe. Mit einem lauten Stöhnen, eines Mannes würdig, der aus einem Kater des vorigen Jahrhunderts erwacht ist, erhob sich Joseph aus dem Fauteuil und wankte hinaus.

Der Doktor riß das Fenster auf und blieb in tiefem Sinnen davor stehen. Das Wetter war umgeschlagen; der Himmel war tiefblau, und ein linder sternklarer Frühlingsabend senkte sich über die Stadt an der Ill. Er sog die Luft in tiefen Zügen ein.

»Ich hatte also doch recht«, murmelte er. »Die ganze tragische Episode ist klar. Insofern ist auch ihr Traum gelöst, und ich könnte ihr das Resultat darlegen, wenn ich wollte. Aber etwas sagt mir, daß noch mehr dahinter steckt, etwas, das ich noch nicht weiß. Seine Gewohnheiten interessieren mich! Joseph sagt, daß er Tag für Tag in der Bibliothek saß! Joseph schwört darauf bei allem, was ihm heilig ist. Aber was konnte ein Mann wie der Graf in der hiesigen Bibliothek studieren? Das gedenke ich morgen herauszubekommen!«

Er leerte auch die zweite Flasche, die Joseph heraufgebracht hatte. Er glaubte, ein Recht dazu zu haben. Nicht jeden Tag findet man eine Stecknadel in einem Heuschober wieder.

Als er zum Mittagessen herunterkam, erwarteten ihn zwei Sensationen.

Die eine war eine Mitteilung von Madame, daß Joseph plötzlich verschwunden war, ohne gekündigt zu haben. Was war das für ein Geist, der heutzutage in die Dienstleute gefahren war? Ein alter treuer Diener, der nie einen Tropfen berührte. Was hatte man da erst von den anderen zu erwarten?

»Fassen Sie sich, Madame«, sagte der Doktor, »er kommt schon morgen oder übermorgen wieder. Man bricht nicht so leicht mit dreißigjährigen Gewohnheiten!«

Als er sich an den Tisch setzte, der für ihn reserviert war, kam die zweite Sensation.

Drei Tische davon entfernt saß der junge Mann mit dem sonderbaren Aussehen – der Mann, der der Gräfin di Passano in Amsterdam vor Heuvelincks Antiquitätengeschäft nachspioniert hatte.

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