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Marco Polos Millionen

Frank Heller: Marco Polos Millionen - Kapitel 4
Quellenangabe
authorFrank Heller
titleMarco Polos Millionen
publisherRütten & Loening Verlag
year1951
firstpub1929
printrun9.-13. Tausend
translatorMarie Franzos
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
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Drittes Kapitel.
Einige Betrachtungen und drei Abreisen

Der Traum ist der Nachtwächter, der über unserem Schlummer wacht.

Hunger, Durst und Begierden, die uns quälen, werden auf einen Wink des Traums wie durch einen Zauberschlag erfüllt. Die peinlichen Erinnerungen, die sich aus der Vergangenheit herandrängen, steckt er im Handumdrehen in Galakleider oder phantastische Karnevalstrachten. Der Traum ist der Großwesir, der für die Ruhe des Sultans nach den Staatsgeschäften sorgt. Der Traum ist der Geist der Lampe und des Rings in einer Person.

Aber wie kommt es dann, daß wir je von einem Alptraum gequält werden? Wie kommt es, daß wir mit einem Angstschrei erwachen, mit pochendem Herzen, in Schweiß gebadet?

Auch hierfür hat die Wissenschaft eine Antwort.

Der Alptraum, so grausig er auch ist, ist nicht so entsetzlich, wie ein Blick hinab in die Tiefe unseres Wesens sein würde. Wenn es dem Gespenst nicht gelingt, alle unterdrückten und murrenden Sklaven zu dienernden Hofschranzen zu machen, so gelingt es ihm doch wenigstens, ein Laken über ihre Blößen zu werfen. Wir ahnen dunkel, was das Laken verbirgt, und winden uns unter dem Druck des Alps. Aber selten oder nie zerreißt das Laken, und sollte es im Begriff sein zu geschehen, bleibt dem Großwesir nichts anderes übrig, um unsere Lügenmajestät vor dem Anblick der andrängenden Wahrheitssager zu retten, dann – dann, ja was dann? – dann weckt er uns! Wir fliehen zurück in die Burg, wo wir mit so ziemlich unumschränkter Macht herrschen – solange wir gesund sind – zurück zu unserem ›bewußten Ich‹. Wir erwachen mit einem Schrei, und wir sagen: Gott sei Dank, es war nur ein Traum.

Der Großwesir hat seine Schuldigkeit getan. Aber wie alle Diener absoluter Monarchen hat er seinen Eifer zu weit getrieben. Denn die Ideen, die dem Angsttraum zugrunde liegen, sind noch da, und die Lügenmajestät, das bewußte Ich weiß es. Aber anstatt auf sie zu hören, sucht die Majestät ihnen mit Zeremonien das Leben sauer zu machen. Wir bekommen ›Zwangsvorstellungen‹, die ›Zwangszeremonien‹ erfordern, damit das geheimnisvolle, erschreckende Etwas, das hinter dem Vorhang ist, sein Antlitz nicht zeige! Und doch wäre nichts besser, als wenn wir der Wahrheit ins Auge sehen würden. In derselben Sekunde würde das geheimnisvolle Etwas sich in nichts auflösen, und die Angst würde verschwinden, so wie die Dunkelangst bei einem Kinde verschwindet, wenn man nur Licht anzündet.

Was bedeutet ihr Angsttraum?

Dr. Zimmertür glaubte den Nachmittag nicht besser verwenden zu können, als allein bei einer Flasche Wein in Beeldemakers Bodega darüber nachzudenken. Die Auskünfte, die sie ihm gegeben hatte, waren zu knapp und unvollständig gewesen, um eine sofortige Lösung zu ermöglichen; auf eine weitere Hilfe von ihrer Seite konnte er nicht rechnen, auf ein Honorar wohl ebenfalls nicht, und doch fuhr er fort, über das Problem nachzugrübeln.

Da waren zwei Punkte, die ihn interessierten. Erstens: warum war der Traum nach Verlauf so vieler Jahre wieder aufgetaucht? Zweitens: gab es irgendeinen Zusammenhang zwischen ihrem Angsttraum und der einzigen bewußten ›Zwangsvorstellung‹, die sie ihres Wissens hatte?

Als der trainierte Wissenschaftler, der er war, ahnte er verschiedene Möglichkeiten einer Erklärung für die erste Frage, aber die zweite spottete seiner gänzlich. Und während er sich noch mit ihr befaßte, präsentierte sich ihm plötzlich eine neue Frage: Wie hieß sie eigentlich, und wer war sie?

So lächerlich es klang, er hatte vergessen, sie nach ihrem Namen zu fragen. Und eigentümlicherweise hatte sie vergessen, ihn zu nennen.

Nichts war leichter, als ihn in Erfahrung zu bringen. Sie wohnte ja im Hôtel de l'Europe, der Doktor kannte den Portier des Hotels seit Menschengedenken, und er würde aller Wahrscheinlichkeit nach bereit sein, ihm ihre sämtlichen Geheimnisse für einen Gulden zu verkaufen.

Aber er wollte nicht in das Hotel gehen und den Portier fragen. Nein, absolut nicht. Und warum?

Weil er neugierig war wie ein Frauenzimmer, weil er wußte, daß er es war, und weil er seit vierzig Jahren einen heroischen Kampf gegen die Neugierde kämpfte!

Er trank seinen Wein aus und verließ die Bodega. Das Wetter war plötzlich unversehens umgeschlagen. Der Nebel war fort, wie von einem Himmelsstaubsauger aufgesogen; die Sonne funkelte von einem klarblauen Winterhimmel, und unter den Stößen des Nordwindes kräuselte sich das Wasser des Hafens blauschwarz. Aber an den Seiten der Kanäle lag eine zarte klingende Franse von dünnen Eisschollen.

Der Doktor sog den Nordwind in vollen Zügen ein, mit einer Wollust, die nur der ermessen kann, der in einem Sumpflande lebt. Er ging aufs Geratewohl, ohne sich umzusehen, und er war selbst äußerst erstaunt, als er sich einige Zeit später vor einem Geschäft in der Kalveerstraat stehen fand. Die Auslage war voll Pelzwaren, und über dem Fenster stand der Name de Windt in zierlichen Goldlettern. Als es ihm endlich aufging, wohin seine Füße ihn getragen hatten, brach er in ein kicherndes Gelächter aus.

»Gegen die unterbewußte Neugier kämpfen Juden selbst vergebens«, murmelte er. »Ich wollte nicht zu dem Hotelportier gehen, aber dafür stehe ich jetzt vor ihrem Pelzgeschäft. Das ist unleugbar ein Beweis, was meine Gedanken beherrscht.

Wir wollen den Harmlosen spielen und es als ein Omen nehmen! Übrigens kann ich vielleicht noch einen Pelz brauchen, wenn dieses Wetter anhält!«

Eine Viertelstunde später verließ er das Geschäft – ohne Pelz, aber mit ihrem Namen: Gräfin Sandra di Passano. Es hatte keine große Mühe gekostet, ihn dem Kommis zu entlocken. Und mit diesem Wissen ausgerüstet, ging der Doktor direkt auf das Telegraphenamt.

Von seiner Studienzeit in Wien her hatte er einen guten Freund in Venedig, Dr. Triulzi. Und an ihn telegraphierte er mit bezahlter Rückantwort:

»Sendet alle erhältlichen Auskünfte über gräfliche Familie Passano und Mitglied, das Italien vor zirka fünfundzwanzig Jahren verließ.«

Auf dem Wege zum Telegraphenamt passierte er ein Reisebureau. Die Auslage war voll verlockender Plakate in Rivierablau und Sonnenuntergangsrot. Er studierte sie eine Zeitlang und zuckte dann plötzlich bei dem Anblick eines Bekannten zusammen. An dem Tisch des Bureaus stand kein anderer als der junge Mann, der am Tage vorher die Gräfin Passano so andauernd durch Heuvelincks Auslagefenster beobachtet hatte. Welcher Nation konnte er angehören? Der Doktor grübelte darüber nach, bis sich der schlanke junge Mann umdrehte und ihn gleichfalls anstarrte. Hatte er den Blick des Doktors gespürt? Es sah so aus; auf jeden Fall erwiderte er ihn jetzt lange und absichtlich. Und was mehr war, etwas in seinem Blick schien zu sagen, daß er wußte, wer der Doktor war. Er hatte ja auch Herrn Heuvelincks Wutausbruch mit angesehen. Der Doktor heftete rasch den Blick auf eine Affiche, die Straßburg vorstellte, fühlte aber, wie er dabei errötete.

Straßburg – der Heimatsort der berühmten Gansleberpasteten, die die Gräfin Passano nicht essen konnte ... Passano! ging es ihm plötzlich durch den Kopf. Er hatte telegraphiert und nach einer gräflichen Familie dieses Namens gefragt, aber genau bedacht war es ja lächerlich zu glauben, daß sie mit ihrem Mädchennamen Passano hieß. Im Hinblick auf die Dauerhaftigkeit der modernen Ehen konnte sie ja schon ein paar Ehegatten erledigt haben – und im Hinblick auf ihre ökonomischen Prinzipien war es ja höchst wahrscheinlich, daß sie das tatsächlich fertig gebracht hatte.

Plötzlich fiel es ihm ein, daß er ja eine Wissensquelle in Reichweite hatte – an die er sich nicht telegraphisch zu wenden brauchte –, den Astrologen, mit dem er am Tag vorher eine ziemlich ungewöhnliche Wette eingegangen war! Der Doktor gedachte, diese Wette zu gewinnen, koste es, was es wolle, und natürlich auf eigene Hand. Aber die Wette drehte sich ja darum, wer von ihnen beiden das Wesen eines und desselben Patienten am besten und richtigsten deuten konnte, und eine Frage nach dem Namen des Patienten mußte daher erlaubt sein. Der Doktor schlug den Freund der Sterne im Telephonbuch nach – natürlich hatte er Telephon – und rief an. Aber niemand meldete sich. Entweder war Signor Donati nicht zu Hause, oder er fand den Augenblick aus astrologischem Gesichtspunkt für Telephongespräche ungünstig.

Er ging heim. Noch am selben Abend erfuhr er, daß sie wirklich eine geborene di Passano und also nicht verheiratet war.

Aus Venedig lief folgendes Telegramm ein:

»Graf Carlo Felice di Passano verließ Venedig vor sechzig Jahren unter verhängnisvollen Umständen. Die Familie lebt im Auslande weiter. Brief folgt – Triulzi.«

Vor sechzig Jahren! Das führte in die Zeit des Kampfes zwischen Italien und Österreich und Venedigs Wiedervereinigung mit Italien zurück. Was konnten diese verhängnisvollen Umstände gewesen sein? Der Doktor grübelte darüber und über sein eigenes Problem den ganzen Abend nach. Er ahnte wenig, welche Überraschungen der morgige Tag ihm bringen sollte.

Die erste kam, als er am Nachmittag dem Astrologen einen Besuch machen wollte. Das Telephon meldete sich noch immer nicht, und in der Erwägung, daß der Mann krank sein könnte, machte sich der Doktor nach dessen Wohnung auf.

Aber er war nicht krank. Er war auf unbestimmte Zeit verreist, wie der Hausmeister mitteilte. Den ganzen gestrigen Tag war er in seinem Arbeitszimmer beschäftigt gewesen. Heute war er abgereist. Wohin? Das wußte der Hüter des Hauses nicht, wohl aber den Zug, mit dem er abgereist war – Abfahrtshalle Zentralbahnhof 14 Uhr 23 hatte er ihn zum Taxichauffeur sagen hören.

Der Doktor dachte ein paar Augenblicke über diese Abreise nach. Plötzlich kam ihm eine Idee.

»War eine schlanke, schöne, junge Dame mit einem Filzhut gestern bei ihm?«

»Ja, zweimal, und sie ist jedesmal lange geblieben.«

Der Doktor nahm ein Taxi und fuhr ins Hôtel de l'Europe. Da wurde ihm die zweite Sensation des Tages.

Gräfin Sandra di Passano wohnte nicht mehr im Hotel. Sie war am selben Tag abgereist. Wohin? Das wußte man nicht. Aber man wußte, welchen Zug sie genommen hatte. Es war der Zug, der um 14 Uhr 23 vom Amsterdamer Zentralbahnhof abging. Ihre Rechnung? Der Portier fixierte den Doktor beinahe mißbilligend. Kein Gast verließ das Hôtel de l'Europe, ohne seine Rechnung bezahlt zu haben, übrigens konnte der Portier dem Doktor – als altem Bekannten – anvertrauen, daß auch alle übrigen Rechnungen Madames vor der Abreise bezahlt worden waren – sowohl das Pelzhaus de Windt wie ein paar kleine Nachnahmesendungen aus Paris. Hatte der Doktor selbst irgendeine Forderung an Madame?

Der Doktor machte mit seinen beiden kurzen Armen entschiedene Abwehrbewegungen, während er die Treppe wieder hinunterging.

Sie war abgereist. Sie war mit demselben Zug abgereist wie er! Und vor ihrer Abreise hatte sie alle ihre schwebenden Angelegenheiten mit der Stadt Amsterdam geordnet. Sie hatte die Stadt mit der hocherhobenen Stirn des redlichen Schuldners verlassen. Wie war das zu verstehen? Hatte sie eine der problematischen Summen bekommen, von denen sie gesprochen hatte? Möglich war es ja, aber wenn der Doktor die Welt recht kannte, nicht wahrscheinlich.

Nein, ihre Abreise mit demselben Zug konnte sicherlich nur in einer Weise verstanden werden – denn Signor Donati war kein Lebemann, und wenn sie auch in ihren ökonomischen Angelegenheiten leichtsinnig war, so war sie doch bis in die Fingerspitzen eine Grande dame, – – sie konnte nur so verstanden werden, daß Signor Donati endlich den Fall gefunden hatte, von dem der Doktor vor zwei Tagen im Scherz phantasiert hatte.

Er hatte ihr Horoskop nach all den uralten seltsamen Regeln seiner Wissenschaft gestellt. Und als er es bis in alle Einzelheiten berechnet hatte, hatte es sich gezeigt, daß dies der einzig dastehende, der nie gesehene oder geträumte Fall war, von dem der Doktor gefabelt hatte: das absolut unfehlbare, untrügliche Glückshoroskop! Und erkennend, was es war, das er da sah, hatte er ohne Zaudern seine mageren Ersparnisse behoben, seinen Einsatz beim Totalisateur des Lebens gemacht und war dorthin gezogen, wo die Sterne ihm den Lohn geweissagt hatten.

Der Doktor lächelte. Möge der Einsatz ihm Glück bringen! dachte er. Dann kam ihm ein bitterer Gedanke: alle anderen hatte sie bezahlt, nur ihn nicht.

Aber er sah bald ein, daß dies nur Eifersucht war, und ging nach Hause, um weiter über ihr Problem nachzugrübeln.

Am selben Abend, als er in seiner Einsamkeit eine Flasche Barsac austrank, kam ihm eine Idee.

Er ahnte plötzlich die Möglichkeit eines Zusammenhanges zwischen ihrem Traum und ihrer einzigen Idiosynkrasie – der Gansleberpastete.

Und am nächsten Tag verließ auch er Amsterdam mit dem Zuge 14 Uhr 23.

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