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Marco Polos Millionen

Frank Heller: Marco Polos Millionen - Kapitel 3
Quellenangabe
authorFrank Heller
titleMarco Polos Millionen
publisherRütten & Loening Verlag
year1951
firstpub1929
printrun9.-13. Tausend
translatorMarie Franzos
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
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Zweites Kapitel.
Das beweist, daß ein Doktor ein Beichtvater ist

»Sie!« sagte Dr. Zimmertür und trat unwillkürlich einen Schritt zurück.

»Unleugbar!« erwiderte sie mit einem leichten Auflachen und trat durch die Türe, die er offen hielt.

Der Gelehrte konnte sich nur schwer von seiner Überraschung erholen. War dies ein Zusammentreffen, so war es ein eigentümliches Zusammentreffen. Es waren noch keine vierundzwanzig Stunden verstrichen, seit er und der sternkundige Signor Donati ein Übereinkommen geschlossen hatten, das in gewissem Maße an den Pakt zwischen der Vorsehung und Mephistopheles über Doktor Faust denken ließ; den ersten Klienten, den sie am nächsten Morgen hatten, sollten sie einander überantworten, um beiderseits ihre Kräfte an ihm zu erproben. Ihm, ja – aber dies war der erste Patient des Doktors an diesem Tage, und es war eine junge Dame, und es war überdies die strahlende Erscheinung, die er am Tage vorher unmittelbar vor seiner Begegnung mit dem Astrologen in Heuvelincks –

»Sie!« stammelte er und verschlang sie noch immer mit den Augen. »Sie waren doch – Sie sah ich doch gestern unter – unter sonderbaren Umständen –«

»Sie haben es nicht vergessen?« konstatierte sie mit sichtlicher Befriedigung. »Ja, Sie sahen mich am Pijlsteeg, wo ich zufällig Zeugin war, wie ein geachteter Kaufmann dieser Stadt Ihnen durch die Scheiben seines Auslagefensters die Wahrheit zu hören gab. Wenigstens versuchte er so laut zu rufen, daß man es auf der Straße hören konnte.«

»Die Wahrheit!« erwiderte der Doktor mit wirklichem Ärger. »Wenn Sie glauben, daß das, was Herr Heuvelinck rief, die Wahrheit ist, wüßte ich nicht, welchen Zweck es haben sollte –«

»Aber konnten Sie denn hören, was er sagte?« fragte sie. »Jedenfalls haben Sie nicht alles gehört! Als Sie gingen, war er noch nicht halb fertig!«

»Ich weiß genau, was er sagte, ohne ein Wort gehört zu haben. Er leidet ja an fixen Ideen. Eine davon bezieht sich auf mich. Brauche ich erst zu sagen, daß sie vollkommen unbegründet ist? Und darf ich nach Ihrem Anliegen fragen, Madame?«

Sie nahm auf dem Sessel Platz, den er vergessen hatte ihr anzubieten.

»Es freut mich, daß Herrn Heuvelincks Ideen unbegründet sind«, sagte sie. »Seit gestern hat er sich nämlich eine neue fixe Idee zugelegt. Sie gilt mir. Er machte mir heute eigens einen Morgenbesuch, um sie mir mitzuteilen.«

»Eine fixe Idee über Sie?« stammelte der Doktor. »Was für eine Idee?«

»Er glaubt, daß ich wahnsinnig bin«, antwortete die junge Dame ernst. »Er fand sich heute früh um halb neun Uhr persönlich bei mir ein, um mir das zu sagen. Und zwar begnügte er sich nicht damit, es einmal zu sagen, er beteuerte es wenigstens dreimal. Und bevor er ging, rief er: ›Wenn Sie mir nicht glauben, so suchen Sie doch den Doktor auf, den Sie gestern vor meinem Auslagefenster gesehen haben. Der ist Spezialist, der kann Ihnen klaren Bescheid geben!‹ Nachdem er einen Augenblick nachgedacht hatte, fügte er noch hinzu: ›Wenn Sie nicht alle beide im Komplott sind, natürlich – was mich nicht wundern sollte.‹«

Der Doktor rieb sich eifrig jenen Teil der Stirn, wo sich der Haaransatz einmal befunden hatte.

»Wie, was – der Mann ist verrückt!«

»Er behauptet das von mir. Und um es schwarz auf weiß zu haben, bin ich zu Ihnen gekommen. Ihr Zeugnis kann mir vielleicht gut zupaß kommen.«

Die Finger des Doktors hörten mit ihrer friktionierenden Tätigkeit auf.

»Es ist wohl das beste, die Begriffe zuerst ein wenig zu klären. Herr Heuvelinck kam einmal zu mir und bat mich, ihm einen Traum auszulegen. Ich tat es, soweit es mir möglich war, nach allen Prinzipien der Wissenschaft. Zur gleichen Zeit wurde jedoch an ihm von zwei Schwindlern ein Attentat verübt; und da es sein fester Glaube war, daß der Traum ihn gerade vor diesem Attentat hätte warnen sollen, und daß ich das gewußt, aber nicht gesagt habe, kam er zu der Auffassung, daß ich im Komplott mit den Schwindlern stehe, und hat sich bis zum heutigen Tag wohl gehütet, diese Auffassung zu revidieren. Aber in welcher Weise ich mit Ihnen im Komplott stehen sollte, warum Sie wahnsinnig sein sollten, und warum ein Zertifikat, daß Sie wahnsinnig sind, Ihnen gut zupaß kommen würde – das sind drei Rätsel, die zu lösen meine Kraft übersteigt. Wollen Sie sich nicht etwas deutlicher ausdrücken?«

Sie sah ihm ernst in die Augen.

»Die Sache ist sehr einfach. Gestern nachmittags, als Sie mich in dem Geschäft sahen, kaufte ich bei Herrn Heuvelinck ein chinesisches Schmuckkästchen. Er schickte es mir ins Hotel, und der Bote gab es ab, aber vergaß, es sich bezahlen zu lassen. Heute um halb neun Uhr erschien Herr Heuvelinck persönlich, um sich das Geld zu holen. Er scheint ein Mann zu sein, der nicht gerne Kredit gibt. Die Auskünfte, die er beim Portier über mich erhielt, bewirkten, daß er unverweilt heraufkam und mir eine Morgenvisite abstattete. Der Portier hatte ihm vermutlich mitgeteilt, daß man mir gekündigt hat und ich spätestens übermorgen mit oder ohne Gepäck ausziehen muß. Ich bin dem Hotel sechs Wochen Pension schuldig, die ich nicht bezahlen kann. Daß jemand in solchen Verhältnissen sich ein Schmuckkästchen für dreihundert Gulden kauft, erschien Herrn Heuvelinck als triftiger Grund, sofort ein Zeugnis über Geistesgestörtheit zu bekommen. Er sah Sie vor der Auslage stehen, als ich das Kästchen kaufte, und dachte sich die Möglichkeit, daß wir im Komplott sein könnten. Nun, hoffe ich, verstehen Sie die ganze Geschichte?«

Der Doktor nickte ernsthaft, aber seine Augen glitzerten.

»Ich glaube wohl. Sagen Sie mir: haben Sie keine anderen Ansprüche auf das erwähnte Zeugnis als Ihre Schuld an das Hotel und Ihren mißglückten Betrugsversuch gegen das Antiquitätengeschäft Heuvelinck?«

»Meinen mißglückten ...«

Sie unterbrach sich und sah ihn zustimmend an.

»Sie haben das richtige Wort gewählt. Nein, sonst habe ich wohl keine Aktivposten – doch, ja! Jetzt hätte ich fast das Pelzhaus de Windt vergessen. Dort ist es mir – wie sagten Sie doch? – geglückt, mir einen Frühlingspelz herauszuschwindeln.«

»Einen Frühlingspelz?«

»Es ist zu warm, um den Winterpelz zu tragen, und zu kalt, um ohne Pelz zu gehen.«

»Ganz richtig. Ist das alles? Bedenken Sie, daß ein Doktor ein Beichtvater ist.«

Sie dachte nach.

»Richtig, da ist noch der Portier. Er hat mir ein paar Postsendungen aus Paris ausgelöst.«

»Postsendungen? Kostbare?«

»Ein paar Kleider von Germaine Lecomte. Sie wissen sicher, daß es in ganz Amsterdam kein anständiges Modeatelier gibt.«

Der Doktor verbeugte sich zustimmend.

»Ich wußte es nicht, aber ich glaube es, nachdem ich Sie gesehen habe. Ist das alles?«

»Nein! Vergessen Sie sich selbst nicht!«

Die Finger des Doktors gingen wieder zum Haaransatz.

»Verstehen Sie nicht? Ist Ihr Honorar nicht dreißig Gulden? Ja, natürlich, das habe ich mir gedacht. Nun, dann hoffe ich, daß Sie begreifen!«

Der Doktor verbeugte sich abermals.

»Ich verstehe. Und das ist alles?«

Sie dachte nach und nickte bekräftigend. Er studierte ihr Gesicht. Es erinnerte ihn an irgendein Bild oder eine Statue oder eine Zeichnung, die er einmal gesehen hatte – wo? wann? Er konnte sich nicht besinnen. Doch, plötzlich brach die Erinnerung wie ein Quell durch die Wand des Bewußtseins; in Shakespeares ›Kaufmann von Venedig‹ in einer illustrierten Bibliophilenausgabe, die er in irgendeiner Buchhandlung durchgeblättert hatte, ohne sie zu kaufen – da hatte Porzia ganz ihre Züge und ihre Gestalt gehabt. Porzia! Die bezauberndste aller Shakespearischen Frauengestalten; die frischeste, die munterste, die unerschrockenste. Er beschloß, in die Buchhandlung zu gehen und diese Shakespeareausgabe zu bestellen. Ihre Augen waren blaugrau. Sicher hatte Porzia auch blaugraue Augen gehabt – blaugrau wie das Adriatische Meer. Sicher war Porzias Wuchs ebenso rank gewesen wie der ihre, und Porzia war blond gewesen wie sie – kein dunkler Madonnentyp, keine indolente Venus, nein, eine frische, neckische Venezianerin vom Strande des Rialto, mit einem schwarzen Spitzenschal über dem ahornfarbenen Haar.

»Sagen Sie mir eines«, bat er, »wie sind Sie auf die Bahn des Verbrechens gekommen?«

Sie lächelte.

»Teils erbliche Belastung, teils persönliche Verwaltung des Erbes«, antwortete sie bereitwillig.

»Und halten Ihre Missetaten Sie nie des Nachts wach?«

Ihr Gesicht veränderte plötzlich seinen Ausdruck.

»Nein. Aber etwas anderes hat diese Wirkung«, sagte sie kurz. »Und darum bin ich zu Ihnen gekommen. Der Gedanke, daß ich die Konsultation nicht bezahlen kann, ist die einzige meiner Missetaten, die ...«

Er winkte abwehrend mit beiden Händen.

»Ich bitte Sie, Madame, ich bitte Sie! Sie machen mich zu Ihrem Schuldner. Aber Sie haben also wirklich ein Anliegen an mich?«

»Ja, glaubten Sie, ich wäre heraufgekommen, um mich über Sie lustig zu machen?« fragte sie; und da aus seinem Mienenspiel deutlich hervorging, daß es das war, was er geglaubt hatte, fügte sie lächelnd hinzu: »Nein, aber die Szene in Herrn Heuvelincks Laden hat mir Spaß gemacht, und ich konnte mich nicht enthalten, sie zur Sprache zu bringen. Das war sehr ungezogen von mir.«

»Es war entzückend von Ihnen«, murmelte er und sah sie mit einem anbetenden Blick an. »Aber außerdem haben Sie also ein ernstes Anliegen?«

Sie sah ihm in die Augen.

»Ich habe dasselbe Anliegen wie unser gemeinsamer Freund, der Antiquitätenhändler. Ich habe einen Traum, der mich verfolgt und mir den Schlaf raubt.«

Sie verstummte und versank in Gedanken. Er wartete, ohne etwas zu sagen. Plötzlich schnitt sie eine kleine Grimasse.

»Es ist zu barock, um es zu erzählen«, sagte sie. »Bei Tageslicht besehen und in Worte gekleidet, klingt es geradezu lächerlich. Und dennoch –«

»Und dennoch raubt es Ihnen den Schlaf«, ergänzte der Doktor tröstend. »Seien Sie ruhig, meine Gnädige, was Sie mir auch erzählen werden, in meinen Ohren wird es nicht lächerlich klingen. Wenn Sie nur den zehnten Teil dessen wüßten, was ich in diesem Zimmer gehört habe! Es liegt im Charakter des Traumes, unbedeutend, lächerlich oder grotesk zu erscheinen. Aber meine Aufgabe ist es, durch die Verkleidung zu dringen und aufzuzeigen, was darunter ist. Erzählen Sie! Bedenken Sie: ein Doktor ist ein Beichtvater!«

Sie schloß die Augen und erzählte mit halb abgewandtem Gesicht. Der Traum war so: sie träumt, daß sie in ihrem Bett liegt und schläft. Das Bett ist zu groß für sie. Gerade vor dem Fußende des Bettes ist ein Fenster. Plötzlich springt das Fenster von selber auf. Draußen stehen zwei Bäume, die miteinander verflochten sind. Plötzlich sieht sie, daß sie in hellen Flammen stehen. Sie kann das Zischen des Feuers hören, und der Feuerschein schlägt ihr ins Gesicht. Sie stößt einen Schrei aus und erwacht.

»Das ist alles«, sagte sie und sah auf. »Nicht wahr, es ist so sinnlos, wie etwas nur sein kann? Und trotzdem erwache ich mit einer unheimlichen Angst und mit dem Gefühl, daß ich irgend etwas tun muß, aber nicht kann.«

Sie verstummte mit in sich gekehrtem Blick. Dann fügte sie hinzu:

»Können Sie mir erklären, was das bedeutet?«

Dr. Zimmertür schüttelte den Kopf.

»Wenn Sie meinen, jetzt stehenden Fußes erklären zu können, muß ich Ihnen sofort eine Enttäuschung bereiten. Um einen Traum zu erklären, muß ich eine solche Menge Dinge wissen, wie Sie gar nicht ahnen. Und es ist gar nicht gesagt, daß ich sie je erfahre.«

»Wieso?«

»Weil Sie selbst die einzige Person sind, die mir die Aufschlüsse, die ich brauche, geben kann. Und wenn es zum Klappen kommt, ist es noch sehr die Frage, ob Sie auch wollen.«

»Finden Sie wirklich, daß ich einen so geheimnisvollen Eindruck mache?« fragte sie mit einem leisen Lachen. »Ich finde eigentlich, daß ich Ihnen eine andere Auffassung von mir beigebracht haben müßte! Fragen Sie nur, ich werde schon antworten! Aber sind denn wirklich so viele Auskünfte nötig, um einen kurzen Traum zu erklären?«

Der Doktor nahm eine Broschüre vom Schreibtisch.

»Dies ist eine Abhandlung eines gelehrten deutschen Kollegen, namens Rank«, sagte er. »Er legt zwei Träume aus. Sie werden beide zusammen auf einer Seite erzählt. Aber die Erklärung nimmt sechsundsiebzig Seiten in Anspruch.«

Sie machte große Augen.

»Das ist nicht so einfach wie das Traumbuch.«

»Nein, nicht ganz so einfach wie das Traumbuch. Aber in gewisser Weise hatte das alte Traumbuch recht. Es begriff, daß alle Träume symbolisch gedeutet werden müssen – und manchmal kommt es sogar vor, daß es die Symbole richtig erraten hat! Aber erzählen Sie mir jetzt von Ihrer Kindheit. Gehen Sie in Ihrer Erinnerung so weit zurück, als Sie können, und erzählen Sie mir alles, was Ihnen einfällt, alles, gleichviel, was in Ihrer Erinnerung auftaucht!«

Sie sah ihn groß an.

»Was für einen Zusammenhang kann das mit meinem Traum haben?«

»Unsere Träume, Gnädigste, sind von dreierlei Art, rein physische Träume, die beispielsweise durch Hunger oder Durst verursacht werden, ferner Träume, die auf irgendeinem unerfüllten Wunsch beruhen, und Träume, die aus dem großen Meer unseres Unterbewußtseins emporsteigen. Es ist eine Tatsache, daß die meisten Träume dieser Art auf unsere frühesten Kindheitseindrücke zurückgehen. Und es ist kein Zweifel, daß Ihr Traum zu dieser Kategorie gehört. Erzählen Sie also! Sehen Sie auf die Zeit zurück, als Sie drei, vier, fünf Jahre waren, wenn Sie können!«

Sie lächelte.

»Lieber Herr Doktor, ich glaube nicht, daß ich eine einzige Erinnerung aus der Zeit habe, bevor ich sechs, sieben Jahre war!«

»So ist es mit den meisten Menschen«, gab er zu. »Von der Geburt bis zu ihrem sechsten, siebenten Jahre ist ihre Existenz wie aus ihrer Erinnerung ausgetilgt. Haben Sie je daran gedacht, wie sonderbar, wie unerklärlich, wie unlogisch das ist? Gerade die Zeit unseres Lebens, zu der unsere Sinne am frischesten sind, die Erinnerung am wenigsten überladen – gerade diese Zeit ist wie eine Serie unbeschriebener Blätter in unserem Lebensbuch. Ist das nicht mehr als wunderlich?«

Die blaugrauen Augen hingen wie magnetisiert an seinen Lippen. Er fühlte ein sehr angenehmes Kitzeln in der Brust.

»Sie haben recht!« rief sie. »Ich habe noch nie daran gedacht – aber es ist seltsam!«

»Es ist seltsam«, bestätigte er. »Aber in allerletzter Zeit haben wir begonnen, den Schleier ein wenig zu lüften. Wollen Sie nun erzählen?«

Sie folgte seiner Aufforderung. Sie war im Auslande geboren. Ihr Vater war Italiener, aus Venedig, und ihre Mutter Ungarin. Der Blick des Doktors glitt die Linien ihrer schlanken Figur entlang, und er nickte für sich selbst. Schon seit ihrer frühesten Kindheit war sie mit ihrer Familie in fremden Ländern herumgeirrt. Dadurch war sie auch die Polyglottin geworden, die sie war; sie sprach fünf Sprachen, darunter auch das mehr massive als schöne Holländisch. Von ihren Eltern erinnerte sie sich ausschließlich an den Vater; die Mutter kannte sie nur aus Erzählungen. Erinnerungen aus der Kindheit? Das war ein Gewühl von unklaren, verworrenen Eindrücken aus fremden Städten und Badeorten – da war nichts, was sie herausgreifen konnte – das Ganze floß durcheinander, und was konnte das überhaupt mit ihren Träumen zwanzig Jahre später zu tun haben?

»Erzählen Sie auf jeden Fall! Ergreifen Sie einen Faden, wie schwach er auch sein mag, und verfolgen Sie ihn! Eine Tatsache, gleichviel welche, aber eine Tatsache!«

Sie gehorchte. Sie schloß die Augen, man sah, wie sie sich anstrengte. Dann zuckte sie die Achseln und sah auf.

»Es geht nicht. Ich bekomme nur allgemeine Eindrücke zu fassen, nichts, was ...«

»Sind Sie allein mit Ihrem Vater gereist?« fragte er.

»Nein, ich hatte natürlich eine Gouvernante! Ich hatte viele Gouvernanten. Mein Vater war zu jung und zu lebenslustig – und zu stattlich –, als daß er Zeit gehabt hätte, sich den ganzen Tag mit mir zu befassen!«

»Erzählen Sie von Ihren Gouvernanten! Waren sie alt oder jung? Waren sie nett oder garstig zu Ihnen?«

»Die erste war eine Italienerin, eine Kinderfrau vom alten Schlag, eine gute Dadda, aber es wurde ihr zuviel, beständig im Ausland umherzuziehen, und sie fuhr heim nach Italien. Dann hatte ich, scheint mir, eine Schweizerin, dann eine Französin und dann eine Engländerin. Den Namen der Schweizerin weiß ich noch, den der Engländerin auch, aber den der Französin habe ich vergessen.«

Der Doktor richtete sich auf seinem Sitz ein wenig auf.

»Versuchen Sie, sich an etwas über die Französin zu erinnern.«

Sie schien ihn nicht zu hören. Sie hatte sich ebenfalls aufgesetzt und sah mit geweiteten Pupillen an ihm vorbei.

»Herr Doktor! Jetzt fällt mir etwas ein – denken Sie, das hatte ich ganz vergessen! Nein, wie eigentümlich!«

»Was ist eigentümlich?«

»Der Traum! Mein Traum, von dem ich Ihnen erzählte. Der hat mich schon einmal verfolgt, als ich klein war!«

Der Doktor ließ die Augenlider wie Vorhänge über seine Pupillen sinken. Auch sein Blick hatte Glut bekommen.

»Erzählen Sie!« sagte er mit gedämpfter Stimme. »Wann hatten Sie diesen Traum? War es wirklich damals derselbe Traum wie jetzt?«

Sie saß still. Es war offensichtlich, daß sie mit ihrem inneren Blick die Tiefen der Vergangenheit zu loten suchte – diese Tiefen, in denen wir undeutlich die Verwurzelungen erblicken, aus denen unsere Persönlichkeit langsam emporgewachsen ist, wie das Korallenriff sich durch die Abgründe des Meeres und der Zeit zum Tageslicht der Gegenwart erhebt. Plötzlich runzelte sie wie unwillig die Augenbrauen.

»Ich erinnere mich an nichts!« sagte sie unvermittelt.

Der Doktor lächelte.

»Wissen Sie, was für ein Gefühl Sie eben erst hatten?« fragte er. »Als wenn Sie in ein dunkles Gewässer hinabgetaucht wären und plötzlich gespürt hätten, wie ein klebriges Tiefseetier Ihr Gesicht streifte. Nicht wahr?«

Sie sah ihn beinahe mit Entsetzen an. Wieder fühlte er ein angenehmes Kitzeln in der Herzgegend.

»Meine liebe junge Dame«, sagte er, »es ist mein Metier, Tiefseetiere ans Tageslicht emporzuholen. Lassen Sie uns versuchen, Ihres heraufzubefördern! Es war zu der Zeit der französischen Gouvernante, als Ihr Traum zum erstenmal kam?«

»Ich weiß nicht«, antwortete sie widerwillig. »Es kann sein. Wir wohnten in einer fremden Stadt, einer deutschen, glaube ich, nein, einer französischen – nein, einer deutschen. Eines schönen Tages verließen wir sie Hals über Kopf – des erinnere ich mich –, und ich wurde in eine Klosterschule gebracht, und es dauerte viele Jahre, bis ich meinen Vater wiedersah. Aber in dieser Zeit kam der Traum wieder, ein ums andere Mal.«

»Und wann tauchte er dann wieder auf?«

»Vor ganz kurzer Zeit.«

Ihr Ton war knapp. Der Doktor stellte ihr noch einige Fragen nach ihrer Kindheit und den Umständen, die dem ersten Auftreten des Traumes vorangegangen waren. Ein paar der Fragen waren recht inquisitorisch, und plötzlich antwortete sie überhaupt nicht, sondern wies auf ein Buch unter den vielen, die auf dem Schreibtisch lagen.

»Marco Polo!« sagte sie in leichtem Ton. »Das war ein Buch, von dem mein Vater immer phantasierte.«

Der Doktor schnitt ein Gesicht. Die Zurechtweisung war deutlich genug! Bis hierher und nicht weiter! So waren sie, diese verwöhnten Damen, die kamen, um ihr Seelenleben analysieren zu lassen! Sowie man an einen empfindlichen Punkt rührte, jammerten sie, ganz wie wenn der Zahnarzt mit der Sonde an einen Nerv kommt. Dann gingen sie fort, beleidigt, daß man die Lücken ihrer Erinnerung nicht mit Phantasiegemälden ausfüllen wollte! Man sollte wirklich ein Scharlatan sein und es tun. Und doch hatte er von ihr etwas Besseres erwartet –

»Ja, Marco Polo!« sagte er mit seinem gewinnendsten Lächeln. »Wissen Sie, wie man Marco Polo in seiner Heimatstadt nannte, meine Gnädige? Messer Milione, Junker Million, weil man fand, daß er zu unvorsichtig mit Ziffern um sich warf. Wenn Sie lange genug in Amsterdam bleiben, wird man Sie vielleicht Monna Milione nennen – ich meine Herr Heuvelinck und Ihre anderen Quälgeister.«

Sie lachte sorglos.

»Es gibt auf jeden Fall jemanden, der mich für reich genug hält, um in mein Zimmer einzubrechen«, sagte sie. »Gerade gestern, als ich nach Hause kam, fand ich, daß jemand während meiner Abwesenheit dagewesen war und alle meine Papiere durchwühlt hatte. Ein paar davon waren weg. Ich suchte es der Direktion glaubhaft erscheinen zu lassen, daß es Wertpapiere gewesen waren, und daß sie die Verantwortung für den Verlust tragen, aber da stellten sie sich taub. Sie verstehen, ich hatte gehofft, auf diese Art eine Forderung an sie zu haben. Aber es ging nicht!«

»Aber meine liebe junge Dame«, sagte der Doktor bekümmert. »Wie in aller Welt wollen Sie – wie um Gottes willen denken Sie sich – Sie können sich doch nicht ohne Gepäck auf die Straße werfen lassen – wollen Sie mir nicht erlauben, zu tun, was in meinen ...«

Er blinzelte geniert. Sie unterbrach seine gestammelten Sätze mit einem kleinen Lächeln.

»Sie sind wirklich nett!« sagte sie. »Aber machen Sie sich keine Sorgen! Wenn es sich nur um Geld handelt, das arrangiert sich schon. Das war der Wahlspruch meines Vaters, und ich habe gefunden, daß er stimmt. Man darf sich nur keine Sorgen machen. Dann geht es schief!«

»Aber«, begann er nochmals, »aber Sie sagten doch, übermorgen ...«

»Spätestens übermorgen werde ich ausgewiesen, ganz richtig. Darum werden Sie sehen, daß sich vor übermorgen etwas ereignet! So kommt es immer.«

»Aber«, begann er zum drittenmal.

»Sie sind wirklich zu neugierig!« sagte sie. »Wenn Sie es durchaus wissen wollen, ich habe an einige Leute geschrieben, die meinem Vater Geld schuldig sind. Mein Vater lieh nach rechts und links aus, sowie er nur einen Pfennig hatte. Ich war so kleinlich, daß ich mir in den letzten Jahren seines Lebens eine Liste über die Darlehen anlegte. Diese Liste ist übrigens eines der Papiere, die mir gestohlen wurden. Aber da hat sich der Dieb getäuscht. Ich habe eine Abschrift! Lange vor übermorgen bekomme ich von irgend jemandem Geld, Sie werden schon sehen.«

Sie lächelte. Der Doktor nickte skeptisch. Plötzlich fiel ihm etwas ein, was er beinahe vergessen hätte – sein Übereinkommen mit dem Astrologen. Er erklärte es ihr in Umschreibungen und gab ihr Signor Donatis Adresse.

Sie machte große Augen.

»Ein Astrologe! Aber ich habe ja kein Geld, um ihn zu bezahlen!«

»Das macht nichts. Das kommt auf meine Rechnung. Das gehört zu unserem Übereinkommen.«

»Ein Astrologe! Wie spannend!« wiederholte sie, und der Doktor fühlte einen Stich in seiner Brust, in der bisher die harmonischsten Gefühle geherrscht hatten. Sie erhob sich.

»Auf jeden Fall kann ich nicht Ihren ganzen Tag für ein Honorar in Anspruch nehmen, das ich nicht bezahlen kann! Danke, Herr Doktor, und sollten Sie vielleicht noch später eine Erklärung meines Traumes finden, so ...«

Er fiel ihr ins Wort.

»Bevor Sie gehen, habe ich Ihnen noch eine letzte Frage zu stellen«, sagte er. Und da sie unwillkürlich zurückwich, offenbar ein neues Verhör fürchtend, beeilte er sich hinzuzufügen: »Meine Frage ist äußerst harmlos. Haben Sie die eine oder andere Idiosynkrasie – gibt es etwas, wovor Sie einen absoluten Abscheu haben, ohne daß Sie sich selbst einen vernünftigen Grund dafür angeben können?«

Sie dachte einige Sekunden nach und fing zu lachen an.

»Ja«, gab sie zu, »das habe ich.«

»Und zwar?« fragte er mit Spannung in der Stimme.

»Vernehmen Sie mein Geheimnis!« sagte sie. »Ich kann mich um alles in der Welt nicht überwinden, Gansleberpastete aus Str... aus dem Elsaß zu essen.«

Der Doktor musterte sie aufmerksam. Ja, das war ihr voller Ernst, daran war nicht zu zweifeln. Nun nickte sie zum Abschied.

»Danke für die Mitteilung«, sagte er und geleitete sie zur Türe. »Soso, Sie können nicht ... danke!«

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