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Marco Polos Millionen

Frank Heller: Marco Polos Millionen - Kapitel 2
Quellenangabe
authorFrank Heller
titleMarco Polos Millionen
publisherRütten & Loening Verlag
year1951
firstpub1929
printrun9.-13. Tausend
translatorMarie Franzos
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
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Erstes Kapitel.
In dem Dr. Zimmertür ein Bad nimmt

1

An diesem Tage beschloß Dr. Joseph Zimmertür, Amsterdam, Heerengracht 124, ein Bad zu nehmen.

Seit einer Woche lagerte ein unerbittlicher Nebel über Holland. Er war so weiß wie Watte, er schmiegte sich dicht, dicht um rote Hausgiebel und grüne Kupferdächer, er ringelte sich um die Pappeln der Landstraßen und breitete sich wie eine Decke über die schlummernden Tulpenfelder. Man konnte glauben, daß ganz Holland ein Spielzeugland war, in Nürnberg verfertigt und für die Expedition mit der Weihnachtspost in Watte verpackt. Aber Weihnachten war längst vorbei. Wenn der Kalender recht hatte, war der weiße Nebel ein Dunstschirm, in dessen Schutz der Frühling gegen seinen Todfeind, den Winter, anrückte. Aber der Dunstschirm war kalt wie Eis, und die Bevölkerung an den Kanälen, die die Niederlage des Frühlings und neue Attacken von Rheumatismus fürchtete, trank sich nach der Väter Weise holländischen Mut an, teils aus schweren Tonkrügen mit der Inschrift Wacholder, teils aus tulpenförmigen Gläsern mit süßem, grünem Likör.

Was Dr. Zimmertür betrifft, so beschloß er, ein Bad zu nehmen.

Keiner von den 689 200 Einwohnern Amsterdams hatte an diesem Tage das Bedürfnis verspürt, sein Seelenleben analysieren zu lassen. Möglicherweise ließ das triste Wetter sie daran zweifeln, daß sie ein Seelenleben hatten, oder es trieb sie dazu, es auf eigene Faust mit Hilfe des Wacholders zu analysieren. Der Doktor schloß die Türe zu seinem leeren Ordinationszimmer und machte sich zur Badeanstalt auf.

Das Wetter war zu düster! Der Nebel lag wie ein Leichenkleid um Häuser und Menschen; er erstickte alle Laute und alles Licht; man konnte sich in den grauen Hades der Griechen versetzt glauben. Welches Land, dachte der Doktor, welches Land! Da wäre der Hades noch vorzuziehen, denn dort versammeln sich doch wenigstens berühmte Schatten, aber an diesen stygischen Gestaden versammeln sich nur Diamantenhändler, und über das Wasser dieser Kanäle werden keine Geister geführt, nur Edamer Käse. Eine schöne Frau würde in diesem Nebel wie eine Feuersäule aufleuchten, das ganze Volk würde ihr folgen, mit mir an der Spitze. Aber daß ich eine schöne Frau sah, ist ebensolange her, wie daß ich die Sonne sah.

Der Doktor rieb seine kleinen gepolsterten Hände, um das Blut in Bewegung zu bringen, und stampfte mit zwei kurzen Beinen auf den Boden, um sich zu erwärmen. – Die Sonne ist eine Mythe, und es ist eine Fabel, daß es schöne Frauen unter der Sonne gibt. Aber noch während er so schwarze Gedanken in seinem Herzen wälzte, kam das Dementi.

Ohne es zu wissen, war er vor Heuvelincks Antiquitätengeschäft am Pijlsteeg stehen geblieben. In dem Geschäft, das er von früher her kannte, stand das Dementi, ein strahlendes Dementi.

Sie war schlank und graziös wie eine Birke. Unter dem dicht anschließenden Filzhelm sah er ein gerades Profil mit grauen oder graublauen Augen und einem feinen, recht blassen Mund. Zwischen ihren langen, behandschuhten Fingern hielt sie ein kleines, gehämmertes, chinesisches Kästchen, das sie bei dem spärlichen Tageslicht aufmerksam prüfte. Ihr Hals war weiß wie Milch. Neben ihr stand der Inhaber des Geschäfts, Heuvelinck, bauchig wie eine Porterkanne, porterfarben im Gesicht, und das Haar wie Porterschaum um die Ohren. Er verfolgte alle ihre Bewegungen mit mißtrauisch gerunzelten Augenbrauen. Heuvelincks Augenbrauen ließen den Doktor immer an die Zeit denken, als er noch Blindekuh spielte; sie waren so dick, daß sie einer Binde glichen, die Heuvelinck in die Stirn hinaufgeschoben hatte, um beim Spiel zu schwindeln. Was das betraf, so war auch kein Zweifel, daß Herr Heuvelinck gern Blindekuh mit seinen Kunden spielte und sie auch nicht ungern beschwindelte.

Unter dem Filzhelm hing eine kleine Locke ihres Schläfenhaares hervor. Der Doktor erzitterte leicht, er liebte Blondinen, sie waren sein Typ, und ihr Haar unter dem Helm war aschblond mit einem Stich ins Ahornfarbene. Er zuckte die Achseln. Das war ja die Modefarbe. Aber andererseits war ihr Mund blaß und nicht geschminkt. Was sollte man glauben?

Herr Heuvelinck war so ausschließlich damit beschäftigt, sie im Auge zu behalten, daß er den Doktor gar nicht bemerkte. Und doch waren sie alte Bekannte, und es war die feste Überzeugung des Antiquitätenhändlers, daß der Doktor mit zwei Verbrechern im Komplott gewesen war, die Herrn Heuvelinck bei einem bestimmten Anlaß angeführt und betrogen hatten. Da man immer am meisten fürchtet, daß die Menschen einem das tun könnten, was man selbst am liebsten tut, lebte Herr Heuvelinck in der beständigen Furcht, betrogen zu werden.

Der Doktor zuckte zusammen. Erst jetzt fiel ihm etwas auf. Er war nicht der einzige, der die Aussicht durch das Auslagefenster des Antiquitätenhändlers betrachtete.

Hinter ihm stand ein junger Mann im Ulster, dessen Augen an der Szene dort drinnen hingen. Er war schlank, bräunlich und glattrasiert; der Mund war sehr groß und sensitiv, die Augen schimmernd und feucht. Er sah aus wie einer jener Amateurpianisten oder Dilettantenpoeten, die man in den Ateliers und Bars auf dem Montparnasse zu Dutzenden trifft. Die Augen hatten jenen rätselhaften Glanz, den sie annehmen, je weiter man nach Rußland und je näher man dem Animalischen kommt. Jetzt zog er hastig das Halstuch um die untere Partie seines Gesichts und drückte den Hut tief in die Stirne. Der Doktor, der ihn aus dem Augenwinkel beobachtete, wendete den Kopf wieder dem Ladenfenster zu und fand, daß die Szene dort drinnen ihren Charakter verändert hatte.

Herr Heuvelinck hatte ihn erblickt und im Handumdrehen seine schöne Kundin vergessen. Mit purpurroten Wangen und funkelnden Pupillen schüttelte er die geballte Faust gegen seinen Feind auf der anderen Seite der Scheibe. Der Doktor replizierte mit einem höflichen Gruß und einem Lächeln, so milde wie das des Vollmonds. Der gereizte Antiquitätenhändler sprudelte Worte hervor, die dank dem Fensterglas verloren gingen. Man sah nur, wie seine vollen Lippen rasende Substantive formten und herausschleuderten. Nun drehte auch seine Kundin ihr feines Profil und sah erstaunt hinaus. Sie musterte den Doktor mit einem schelmischen Blick, der ahnen ließ, daß sie wenigstens einiges von dem Wortschwall des Antiquitätenhändlers verstanden hatte. Plötzlich begann sie aus vollem Halse zu lachen. Der Doktor fühlte, wie ihm das Blut in die Wangen schoß. Er konstatierte, daß die Rolle, die er im Augenblick spielte, undankbar war und ihn kaum zu seinem Vorteil erscheinen ließ. Der Mann im Ulster hatte sich auf die andere Seite der Straße zurückgezogen. Von dort beobachtete er die Szene aufmerksam. Den Nebel segnend, der sich um ihn schloß, verschwand der Doktor in die Richtung des Achteburgwal.

»Ein anderes Mal«, murmelte er, »ein anderes Mal, mein guter Heuvelinck ...«

Er akkreditierte das Konto des Antiquitätenhändlers mit vielen Strafposten, bis er zur Badeanstalt gelangte.

Die legte unverkennbar Zeugnis für die Art des Wetters ab. Alle Privatkabinen waren besetzt, und nur zwei der Kästen in dem gemeinsamen Lichtbad waren frei. Er kaufte ein Billet für einen davon, zog sich in der Garderobe aus und trat durch die Draperie hinaus. Der Bademeister schloß die Türen des Kastens ab und ließ den Deckel um seinen Kopf herab. Der ragte aus der Öffnung hervor, auf der oberen Fläche des Kastens ruhend, wie Johannes des Täufers Kopf auf Salomes Schüssel.

»Willem!« sagte der Doktor, »geben Sie mir Licht, geben Sie mir viel Licht! Es sind Wochen her, seit ich das Tageslicht sah. Lassen Sie mich so viel Ersatz haben, als ich vertragen kann.«

Der weißgekleidete Bademeister drehte eine Anzahl Lampen auf.

»Mehr Licht!« rief Dr. Zimmertür. »Umgeben Sie mich mit brennenden Lichtkugeln, bis ich der Diana unter den Sternen auf Tintorettos Gemälde in Venedig gleiche! Licht, Willem, mehr Licht!«

Ein dunkler, markierter Kopf, der anscheinend ohne Körper auf dem nächsten Kasten ruhte, drehte sich langsam dem Doktor zu. Eine tiefe Stimme fragte: »Tintoretto? Ich kann mich nicht an dieses Bild erinnern. Wo in Venedig hängt es?«

2

Bei dem Laut dieser Stimme drehte sich Dr. Zimmertürs auf dem Deckel des Kastens ruhender Kopf langsam, bis sein und seines Nachbars Kopf sich fixierten wie zwei antike Statuentorsos auf der Spitze von zwei Konsolen. Dr. Zimmertür lächelte leutselig und erwiderte: »In welcher Galerie das Bild hängt? Nicht im Dogenpalast? Dann vielleicht in der Akademie oder im Palazzo Mocenigo. Ich entsinne mich wirklich nicht. Vielleicht war es übrigens gar keine Diana, sondern eine Madonna. Aber wenn ich es mir recht überlege, kann es auch sein, daß sie nicht von Tintoretto war.«

Das markante Gesicht musterte ihn von oben herab und nicht ohne Ironie.

»Kennen Sie überhaupt Venedig?«

Der Doktor lächelte strahlend.

»Gewiß! Einerseits bin ich selbst dort gewesen wie alle anderen Menschen, andererseits stamme ich von dort.«

»So?« sagte sein Nachbar mit unverkennbarer Ironie. »Ich hätte eigentlich geglaubt, daß Ihr – Ihr Heimatland erheblich weiter östlich gelegen sei.«

»Ganz richtig!« antwortete der Doktor. »Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Die Urheimat meiner Stammväter, die sie das Paradies nannten und auf das die ganze Welt jetzt Anspruch zu haben glaubt, liegt freilich an der Persischen Bucht, aber sie verließen sie, und nach ein paar tausend Jahren des Herumstreifens und einer mißglückten Tournee nach Ägypten ließen sie sich in Palästina nieder. Sie haben ja so recht! Aber wie alle alten Familien bin ich etwas schamhaft. Im täglichen Verkehr protze ich nicht mit meinen Ahnen. Wenn mich jemand fragt, wo ich herstamme, überspringe ich die ersten fünftausend Jahre und sage: aus Venedig.«

Sein Nachbar sah ihn mit einem schweren, ernsten Blick an.

»Das ist auch eine Abstammung, die sich sehen lassen kann, sollte ich meinen!«

»Und ob!« sagte der Doktor mit fast ebenso großem Ernst in der Stimme. »Venedig, die Königin des Mittelmeers, die direkte Erbin Roms, der einzige Teil des Römischen Reiches, in den nie ein Barbar den Fuß gesetzt hat ...«

»Wann verließ Ihre Familie Venedig?« unterbrach ihn sein Nachbar. »Wie lange ist sie schon in Holland ansässig?«

»Etwas mehr als hundert Jahre. Wir sind aus Venedig gleichzeitig mit den einzigen Pferden der Stadt fortgezogen«, lächelte der Doktor. »Wissen Sie, wann das war, mein Herr?«

Der andere nickte.

»Ich weiß es. Ich bin selbst Venezianer; im Jahre 1796 läuteten die Glocken von San Marco Venedig das Totengeläut. Der verdammte Korse nahm alles – unsere Macht, unsere Freiheit, unsere Schätze, ja sogar die vier Bronzepferde an der Fassade von San Marco. Si, si! So stand es in den Sternen geschrieben.«

Dr. Zimmertür sah seinen Nachbar lange an, ohne daß dieser es zu bemerken schien. Wie sein Kopf jetzt ruhte, hätte man ihn für eine Skulptur von Verrocchio oder Donatello halten können; ein magerer Kondottierekopf, ganz Wille, mit schmalen zielbewußten Lippen und scharfen Falkenaugen. Aber dabei hatte er Züge von Müdigkeit und Mißmut; es war kein siegreicher Kondottiere, den der Doktor zum Nachbarn hatte, es war ein um seinen Lebensunterhalt kämpfender Söldner. Das glatt zurückgestrichene Haar war an den Schläfen schon ein wenig angegraut, und die Falten um die Nasenwurzel tiefer, als sie sein sollten. Denn der Mann war bestimmt höchstens dreißig Jahre.

Der Doktor räusperte sich.

»Sie sagten, daß Venedigs Untergang durch Napoleon in den Sternen geschrieben stand. Sind Sie Fatalist? Ihr Gesichtstypus könnte es mich glauben lassen.«

Und da er Befremden in den Augen seines Nachbarn las, fügte er hastig hinzu: »Sie finden mich vielleicht indiskret – aber wir sind ja Landsleute!«

Der andere lächelte ironisch.

»Sie fragen mich, ob ich Fatalist bin. Ich will Ihnen sagen, was ich bin. Ich bin Astrologe.«

Die Gesten, die man in einem elektrischen Lichtbad machen kann, sind ihrer Anzahl nach sehr beschränkt, aber der Nachbar des Doktors deutete sein Mienenspiel ohne Schwierigkeit und brach in ein schneidendes Hohngelächter aus.

»Ich lese Ihre Gedanken – das ist nicht schwer –, aber wenn wir auch nie ein Wort gewechselt hätten, wüßte ich schon im vorhinein wie Ihre Antwort auf eine solche Eröffnung wie die meine lauten würde! Ihr Charakter, mein Herr, malt sich in Ihrem Äußeren. Sie sind im Zeichen Merkurs geboren. Ihre ganze Rasse ist in der Regel merkurisch. Sie kann spötteln, zweifeln, die Achseln zucken, niederreißen – alles mit blendender Virtuosität, ja zuweilen mit Genie, aber eines kann sie nicht: etwas Neues schaffen, und eines ist ihr versagt: zu glauben. Ja, ich bin Astrologe und überzeugter Astrologe. Mein Name ist Donati. Wer und was sind Sie selbst?«

3

Die Frage, die Signor Donati in dieser etwas unbeherrschten Weise stellte, haben wir auch für den Leser zu beantworten. Dr. Zimmertür war praktizierender Psychoanalytiker in der Stadt Amsterdam. Es war sein Beruf, das Seelenleben der Menschen zu deuten, ihre Impulse, ihre Träume, und was diesen Impulsen und Träumen zugrunde liegt.

Seinem Äußeren nach war der Doktor ein ziemlich kleiner untersetzter Herr mit schwarzem Haar, schwarzen, blinkenden Augen und einem Gesicht so rund wie der Vollmond. Seiner Natur nach war er äußerst gutmütig, sehr neugierig, manchmal eindringlich, aber nie taktlos. Er hatte eine einzige Passion: Rätsel zu lösen, und wenn es galt, dieser Leidenschaft zu frönen, vergaß er sowohl seine Physis, die nicht besonders imponierend, wie seinen Charakter, der nicht besonders mutig war. Dann konnte er etwas von der rasenden Hartnäckigkeit eines Foxterriers haben und sich trotz oft vernichtender Unwahrscheinlichkeiten und zuweilen recht ernster Gefahren wütend in ein Problem verbeißen. Wenn er es auch selbst nicht wußte, stand er gerade jetzt auf der Schwelle zu dem größten Abenteuer, das er bisher erlebt hatte.

»Wer und was ich bin?« gab er Signor Donati zurück. »Gestatten Sie mir, mich vorzustellen, aber entschuldigen Sie, daß es mir unmöglich ist, Ihnen im Augenblick die Hand zu drücken!«

Er nannte seinen Namen und seinen Beruf. Signor Donati brach in ein schneidendes Gelächter aus.

»Psychoanalytiker! Und Sie rümpfen die Nase über die Astrologie. Ausgezeichnet! Als ob die Welt irgendeinen Unterschied zwischen Ihrer Wissenschaft und der meinen machen würde! Doch wenn ich es recht bedenke, macht sie einen. Sie nennt meine Wissenschaft alten Humbug und Ihre modernen Humbug! Das ist der ganze Unterschied.«

»Ich kümmere mich nicht darum, was die Welt sagt«, erwiderte der Doktor, der wirkliches Interesse an seinem Nachbarn zu nehmen begann. »Ich weiß ganz genau, was meine Wissenschaft wert ist. Aber was ich nicht begreifen kann, ist, wie jemand überhaupt die Astrologie eine Wissenschaft nennen kann, nachdem Kopernikus und Galilei die ganze Vorstellungswelt sprengten, auf der die Astrologie beruhte – nämlich, daß die Erde das Zentrum der Welt sei und die Planeten und die Sterne sich um uns bewegen! Können Sie das erklären, mein Herr?«

»Nichts ist einfacher«, erwiderte der Astrologe mit einem finsteren Lächeln. »Sie haben recht, wenn Sie sagen, daß das Weltbild der Astrologie geozentrisch ist. Aber das praktische Leben der Menschen wird immer geozentrisch bleiben. Für uns wird die Sonne ›aufgehen‹ und ›untergehen‹, ganz gleich, ob das Schein oder Wirklichkeit ist. Sowenig sich die Quantität Wärme und Licht, die unser Planet von außen empfängt, seit Kopernikus' Zeiten geändert hat, so wenig haben sich die übrigen außerirdischen Influenzen geändert.«

»Aber!« rief der Doktor und hätte sich bald in der Deckelöffnung des elektrischen Kastens selbst erwürgt. »Aber sagen Sie mir doch vor allem einmal eine Sache: Welche Verbindung existiert zwischen den Sternen am Himmel, die Sie Planeten nennen, und dem Schicksal eines neugeborenen Kindes? Welche Verbindung kann existieren?«

Der Astrologe lächelte so müde wie eine Kinderfrau, die durch ihr Metier gezwungen ist, den Wissensdurst eines eigensinnigen Schützlings zu befriedigen.

»Welche Verbindung existieren kann? Ach, diese ewig wiederkehrenden Einwände! Tausend Astrologen haben sie vor mir beantwortet, und tausend und aber tausend werden sie noch beantworten müssen. Ein skeptisches Geschlecht kämpft mit seiner Lust zu glauben und wagt es nicht, zu glauben! Ihre Frage, mein Herr, macht weder Ihnen selbst noch der Wissenschaft, deren Jünger Sie sind, Ehre. Denn wenn Ihre Frage irgend etwas ist, so ist sie unwissenschaftlich. Die Aufgabe der Wissenschaft ist nicht, zu spekulieren, wie es möglich ist, daß etwas geschieht, sondern festzustellen, was geschieht oder ob etwas geschieht, und in diesem Falle, unter welchen Voraussetzungen es geschieht. Wie ist es möglich, daß gewisse Ätherschwingungen auf der Netzhaut Bilder hervorrufen? Diese Frage geht die Optik nichts an; die Optik konstatiert, daß es geschieht, und sucht die Gesetze zu ergründen, in welcher Weise es geschieht. Warum sterben wir eigentlich? Es gibt auf der ganzen Welt keinen Biologen, der dafür eine völlig befriedigende Erklärung geben kann, aber die Tatsache selbst dürfte kaum jemand in Abrede stellen, nicht wahr? Die Astrologie, mein Herr – und hier rühre ich an den Kern der Sache – die Astrologie ist nicht ein ausspintisiertes theoretisches Lehrgebäude, sie ist eine Wissenschaft, deren Wahrheit durch die Erfahrung bewiesen wird. Wenn Sie so wie ich die Zehntausende von Horoskopen studiert hätten, die uns aus vergangenen Zeiten erhalten sind, und gesehen hätten, wie sie auf das Leben der Männer passen, denen sie gestellt wurden, dann würden Sie nicht mehr zweifeln, Sie würden sich Ihres Zweifels schämen. Nehmen Sie irgendeinen x-beliebigen Menschen, dessen Geburtsstunde Sie kennen, lassen Sie ihm von einem kundigen Astrologen sein Horoskop stellen, und sehen Sie dann, ob es nicht Punkt für Punkt auf sein Leben paßt, so wie es Ihnen bekannt ist! Haben Sie erst einen oder zwei Versuche gemacht, dann werden Sie es sich ein andermal überlegen, eine Sache im vorhinein für unmöglich zu erklären, weil sie im Widerspruch mit Ihrer ererbten Anschauung steht. Und wie alt ist übrigens Ihre ererbte Anschauung? Nicht viele Generationen, mein lieber Herr! Es sind noch keine hundert Jahre her, daß jedem Kinde einigermaßen angesehener Eltern bei seiner Geburt das Horoskop gestellt wurde.«

Er verstummte. Der Doktor blinzelte, wie es seine Gewohnheit war, wenn er sich anschickte zu sprechen.

»Aber«, begann er.

Signor Donati fiel ihm ins Wort.

»Lassen Sie mich die Sache so einfach wie möglich formulieren. Glauben Sie an Chance und Pech?«

»Chance und Pech – hm –«

»Glauben Sie, daß es Menschen gibt, die ihr ganzes Leben lang vom Pech verfolgt werden, und andere, denen alles ›gut ausgeht‹, jedesmal, wenn die Möglichkeit vorhanden ist, daß eine Sache gut oder schlecht ausgehen kann?«

Der Doktor räusperte sich. Aber der Astrologe nahm ihm das Wort aus dem Mund, bevor jener ihn noch geöffnet hatte.

»Wenn Sie nicht glauben, daß es Menschen gibt, die zum Glück, und andere, die zum Unglück geboren sind, so sind Sie skeptischer als die Versicherungsgesellschaften, mein Herr! Sowohl die amerikanischen wie die deutschen Versicherungsgesellschaften führen gerade aus diesem Gesichtspunkt eine Statistik über ihre Versicherten. Sie wissen, daß es gewisse Personen gibt, die immer von einem Auto überfahren werden, wenn nur irgendeine Möglichkeit dazu vorhanden ist, oder einen Ziegelstein auf den Kopf bekommen, wenn es stürmt. Und bevor sie noch lange bei ihnen versichert waren, haben die Gesellschaften erkannt, ob die Leute zu dieser Kategorie gehören, und sie müssen dementsprechende Prämien bezahlen. Fragen Sie, welchen Agenten Sie wollen, und Sie werden hören, daß das wahr ist!«

Endlich gelang es dem Doktor, zu Wort zu kommen.

»Und all das beruht auf der Stellung der Gestirne bei unserer Geburt? Sie müssen schon entschuldigen, aber ...«

Das magere Gesicht des Astrologen nahm langsam die Farbe der Bronze an. Das war offenbar seine Art zu erröten.

»Daß das auf der Stellung der Gestirne bei unserer Geburt beruht, habe ich nicht gesagt. Den innersten Grund des Welträtsels vermesse ich mich nicht zu lösen. Was ich sage, ist, daß man aus der Stellung der Gestirne in der Geburtsstunde sehen kann, wie das Leben sich gestalten wird. Verstehen Sie den Unterschied?«

»Ich glaube wohl«, sagte der Doktor und grübelte ein Weilchen für sich selbst. Plötzlich leuchtete sein Gesicht auf.

»Aber!« rief er mit leuchtenden Augen. »Aber das ist ja großartig! Ein armer Teufel kommt zu Ihnen, um sich sein Horoskop stellen zu lassen. Sie lesen in den Sternen, daß das Unglück Ihres Klienten vorübergehend ist, er ist unter einer glücklichen Konstellation geboren, eigentlich ist er zu Ehren, Macht und großen Reichtümern ausersehen! Sie helfen ihm gegen das Versprechen einer Beteiligung an den Reichtümern, die ihn erwarten, Sie finanzieren ihn, und wenn die Zeit gekommen ist, beheben Sie Ihre Belohnung! Das Leben ist eine Rennbahn, sagt man, eine Wettrennbahn, und wir gewöhnlichen Menschen können nur schwer wissen, wer siegen wird. Aber Sie! Sie werfen einen Blick auf den Sternenhimmel und sind sofort orientiert. Sie können auf einen Outsider nach dem anderen setzen und heimsen Ihren wohlverdienten Gewinn ein! Das ist großartig! Das ist grandios!«

»Ihre Rasse verleugnet sich nicht«, sagte der Astrologe mit einem säuerlichen Lächeln. Sie sehen die Sache sofort aus dem ökonomischen Gesichtswinkel. Lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich nicht das Geld habe, meine Klienten zu finanzieren. Die Wissenschaft wirft ihren Adepten ein mageres Einkommen ab – wenigstens meine Wissenschaft.«

Er sah das runde Gesicht seines Nachbarn vielsagend an.

»Meine auch!« verteidigte sich der Doktor. »Aber habe ich recht mit dem, was ich sagte? Läßt sich ein solcher Fall denken?«

»Er läßt sich sehr wohl denken«, erwiderte Signor Donati trocken. »Aber bis jetzt bin ich noch nicht darauf gestoßen.«

»Eines schönen Tages werden Sie darauf stoßen«, tröstete der Doktor. »Sie treffen einen übersehenen Outsider auf der Wettrennbahn des Lebens, ein ›schwarzes Pferd‹, wie die Engländer sagen, Sie machen Ihren Einsatz, und Sie heimsen dank Ihrer Wissenschaft den großen Gewinn Ihres Lebens ein. Es ist großartig, sich so etwas zu denken! Aber es ist nicht mehr als recht und billig.«

»Mein Herr«, warf der Astrologe ein, »lassen Sie mich Ihnen sagen, daß ich meine Wissenschaft nicht so sehr als ein Mittel betrachte, einen geheimen Tip auf der Börse des Lebens zu ergattern, als vielmehr ein Mittel, mein eigenes Wesen und das der anderen kennenzulernen. Diese Erkenntnis ist die wichtigste, die uns die Sterne schenken können.«

»Andere und sich selbst kennenlernen«, wiederholte der Doktor. »Aber das ist es ja, wonach Sokrates zu seiner Zeit trachtete! Übrigens auch das, was ich selbst mit Hilfe meiner Wissenschaft zu tun versuche«, fügte er nach kurzer Pause hinzu.

Signor Donati lächelte ein Kondottierelächeln.

»Wir sind also Kollegen«, sagte er herablassend.

»Kollegen und Konkurrenten«, verbesserte der Doktor mit einem strahlenden Lächeln.

Die beiden Berufsgenossen betrachteten sich einen Augenblick schweigend. Plötzlich kam dem Doktor eine Idee. Sie ergötzte ihn in dem Grade, daß er beinahe den Lichtkasten gesprengt hätte, in dessen Deckel sein Kopf festsaß wie der eines chinesischen Missetäters im Block. Er sank auf seinen Platz zurück und rief:

»Signor Donati! Ich habe einen Vorschlag.«

Der Astrologe betrachtete ihn kalt abwartend.

»Den ersten Klienten, der morgen zu mir kommt, schicke ich Ihnen, und den ersten Klienten, den Sie haben, schicken Sie zu mir! So können wir sehen, wer tiefer in sein Wesen eindringt und es besser erklärt! Haben Sie mich verstanden? Was sagen Sie?«

Der Astrologe nickte ernsthaft.

»Ich nehme Ihren Vorschlag an«, sagte er. »Und ich hoffe, Ihnen einen solchen Einblick in das, was meine Wissenschaft vermag, geben zu können, daß Sie für alle Zukunft Ihren unwürdigen, merkurischen Spötteleitrieb ablegen.«

»Ich wünsche mir nichts Besseres«, erwiderte der Doktor herzlich. »Willem! Es ist genug! Drehen Sie das Licht ab! Ich will hinaus!«

Der Bademeister kam und ließ die beiden Herren aus ihren Kästen. Bald darauf trafen sie sich in der Halle der Badeanstalt. Draußen schlang der Nebel immer neue Spiralen um rote Giebelhäuser und grüne Kupferdächer.

Der Doktor steckte seinen kurzen Arm unter den des Astrologen und zog ihn die Gasse hinauf.

»Gestatten Sie mir, Sie zu einem Wermut in Beeldemakers Bodega einzuladen. Wir können nach diesem Turnier etwas Stärkendes brauchen. Und auf eine Wette oder ein Übereinkommen soll man immer trinken!«

»Wermut ist jedenfalls dem Schierling vorzuziehen, zu dem man Sokrates einlud«, antwortete der Astrologe kalt und trat vor ihm in die Bodega.

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