Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Frank Heller >

Marco Polos Millionen

Frank Heller: Marco Polos Millionen - Kapitel 10
Quellenangabe
authorFrank Heller
titleMarco Polos Millionen
publisherRütten & Loening Verlag
year1951
firstpub1929
printrun9.-13. Tausend
translatorMarie Franzos
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20171121
projectid
Schließen

Navigation:

Neuntes Kapitel.
Merkur gegen Saturn – Zweite Runde

Unter den Arkaden strömten die Menschen hin und her; bis über den halben Platz hinaus breiteten sich die Cafétischchen aus; die Luft erzitterte rhythmisch unter Glockenklang und dem Flattern von Taubenflügeln. Die ›blaue Stunde‹ war gekommen, und Venedig träumte in der Frühlingsdämmerung, die Hände im Schoße.

Sie waren nicht arbeitsgefurcht, diese Hände! Sie waren so weiß und lässig wie die Hände auf einem Porträt von Venedigs großem Sohn Tizian. Einmal vor langer Zeit hatten sie sich erhoben, um nach der Weltherrschaft zu greifen; viele Jahre hatten sie alle Schätze der Welt gepflückt, wie man glänzende Früchte pflückt, und sie in ihrem Schmuckschrein gesammelt. Dann hatte der Tribut der Welt für diesen Schmuckschrein allmählich aufgehört; eines nach dem anderen waren die Geschmeide wieder aus dem Schrein gewandert. Die Königin der Adria schlug eines Tages ihre goldgrünen Augen auf und sah, daß sie arm war. Aber noch immer lächelte sie. Dann zog sie die Spitzenmantille enger um sich. Es begann von den Alpen kalt hereinzuwehen. Eines schönen Morgens ritt ein kleiner Mann mit verhängnisvollem Profil bis in ihren Alkoven ein. Venezia schlug in stolzem Staunen die Augen auf. Wohin weder Hunnen noch Goten oder Vandalen je den Fuß gesetzt hatten, da ritt der Unverschämte auf klappernden Pferdehufen ein. Er plünderte und schändete die Reste ihres Reichtums, ohne auch nur einen Blick auf ihre Schönheit zu werfen. Und dann lieferte er sie als eine willenlose Beute dem Erbfeind auf der anderen Seite des Adriatischen Meeres aus.

Die Jahre gingen, der Erbfeind wurde vertrieben, und Venedig war wieder frei. Aber der Mann mit dem antiken Kameenprofil hatte sein Werk zu gründlich getan. Venezia erhob sich nie mehr. Halb apathisch fuhr sie fort, eine neue Art von Tribut zu empfangen. Fremdlinge kamen, warfen einen flüchtigen Blick um sich, konstatierten, daß der Palast im Verfall war und der Schmuckschrein leer, aber gerieten vor den Spuren der entflohenen Schönheit in Ekstase. Und sie entrichteten den Tribut, den man der Schönheit stets entrichtet, ob sie nun Wirklichkeit oder nur eine Erinnerung ist; und an hellen Frühlingsabenden wie diesem nannten sie Venedig die Königin unter den Städten. –

An einem der Tischchen vor dem Café Quadri auf dem Markusplatz saß ein einsamer Herr. Er hatte ein scharfgeschnittenes dunkles Gesicht mit langer Oberlippe und klaren Falkenaugen. Die glatt zurückgekämmten Haare ließen seine klassische Kopfform hervortreten. Seine Blicke wanderten unaufhörlich zu der alten Turmuhr, die über dem Eingang der Merceria den Lauf der Zeit angab, obwohl in jener Stadt die Zeit stille zu stehen schien. Er verglich deren Zeigerstand mit seiner eigenen Taschenuhr, und sein Gesicht wurde immer düsterer. Plötzlich zuckte er zusammen.

Jemand sank auf den Sessel neben ihm. Er drehte sich stirnrunzelnd um und konstatierte, daß die Person, die er erwartet hatte, endlich erschienen war.

»Wo kommen Sie her?« fragte er mit unwirsch herabgezogenen Mundwinkeln.

»Ist das Ihre Begrüßung?« erwiderte sie und runzelte die Augenbrauen. »Ich komme aus der Merceria, und ich bin durstig. Kellner! Cameriere!«

»Was haben Sie in der Merceria gemacht, wenn ich fragen darf?«

»Ich habe ein Taschentuch gekauft.«

»Sie beruhigen mich einigermaßen. Aber brauchen Sie wirklich ein Taschentuch? Ich glaube doch, mehrere Dutzend Taschentücher in Ihrem Täschchen gesehen zu haben.«

»Aber keines aus venezianischen Spitzen«, sagte sie. »Cameriere! Warum rufen Sie denn nicht den Kellner? Sie sind wirklich nicht galant!«

»Es gehörte nicht zu unserem Übereinkommen, daß ich galant zu sein habe«, gab er mit demselben finsteren Tonfall zurück. »Aber natürlich, wenn Sie durstig sind – Kellner! Hören Sie doch! Was wünschen Sie?«

»Einen Cocktail«, sagte sie. »Einen Martini, süß.«

»Löscht ein Cocktail wirklich den Durst? Das hätte ich nie geglaubt.«

»Das muß an irgendeinem Defekt in Ihrer Erziehung liegen. Nichts ist besser für den Durst als ein Cocktail. Er löscht ihn, ohne ihn zu löschen.«

Er seufzte demonstrativ.

»Einen Cocktail, Kellner, einen Martini, einen süßen!« sagte er. Dann wendete er sich abermals seiner Nachbarin zu, die ihren Filzhelm abgenommen hatte und nun die Abendsonne in einem glatten Kupferhelm tizianfarbenen Haares spielen ließ. Ihre Lippen waren vielleicht etwas blaß, und ihr Profil recht bestimmt, aber ihre graublauen Augen funkelten in einem Übermut, den ihr Nachbar weder zu verstehen noch zu würdigen schien.

»Heute nachmittag«, sagte er mit derselben düsteren Stimme, »habe ich eine eigentümliche Entdeckung gemacht.«

»So?« fragte sie neugierig. »War es eine astrologische Entdeckung? Erhellt sich die Zukunft noch mehr für mich?«

»Es war keine astrologische Entdeckung«, erwiderte er kalt. »Und was Ihre Zukunft betrifft, so fange ich an, mir meine eigenen Gedanken darüber zu machen. Zum ersten Male in meinem Leben zweifle ich an der Aussage der Sterne.«

»Das meinen Sie doch nicht! Was in aller Welt kann all dies hervorgerufen haben? Das ist ja nichts weniger als eine Revolution in Ihrem Dasein!«

»Sie haben recht«, gab er zu. »Es läßt sich zu nichts Geringerem als einer Revolution in meinem Dasein an. Aber bleiben wir bei der Sache, meine Gnädige. Heute nachmittag, als Sie plötzlich verschwanden, habe ich eine höchst sonderbare Entdeckung gemacht.«

»Sollte am Ende ich die Revolution in Ihrem Dasein hervorgerufen haben?« fragte sie ihn mit gesenkter Stimme und einem langen spöttischen Blick unter den Augenwimpern. »Wenn Sie das sagen, so ist es das erste Kompliment, das Sie mir, seit wir Amsterdam verließen, gemacht haben!«

»Unterbrechen Sie mich nicht!« rief er. »Sie versuchen die Karten durcheinander zu mischen, aber das wird Ihnen nicht gelingen! Heute nachmittag, als Sie so plötzlich verschwanden, machte ich eine Entdeckung, eine überaus bedeutungsvolle Entdeckung –«

»Ich fange so allmählich an, mich in den Gedanken einzuleben«, murmelte sie. »Was war das für eine Entdeckung? So sagen Sie es doch! Ich komme vor Spannung um!«

»Ich entdeckte«, donnerte er, »daß aus meiner Brieftasche ein Tausendlireschein verschwunden ist! Ich habe die Sache der Hoteldirektion nicht gemeldet, denn ich möchte nicht, daß eine Untersuchung zu einem beklemmenden, wenn auch keineswegs unerwarteten Resultat führen sollte. Ich wünschte nicht, daß eine Untersuchung zu dem für mich lächerlichen Resultat führen sollte, daß der Dieb niemand anders ist als die Dame, die sich in meiner eigenen Gesellschaft befindet! Was haben Sie zu erwidern?«

»Wie können Sie nur mit soviel Nebensätzen fertig werden?« fragte sie bewundernd. »Ich habe sie an den Fingern abgezählt. Nicht ein einziger ist weggekommen – im Gegensatz zu Ihrer Banknote!«

»Was haben Sie zu erwidern?« wiederholte er mit leuchtenden Falkenaugen. »Sie waren es. Gestehen Sie!«

»Ein Fragesatz, ein Behauptungssatz und ein Ausrufungssatz«, konstatierte sie. »Das ist nun wieder weniger logisch. Oh! Da kommt endlich mein Cocktail.«

Kaum hatte ihn der Kellner auf den Tisch gestellt und sich entfernt, als er von neuem anfangen wollte. Aber sie schnitt alle Fragen und Ausrufe ab, indem sie sagte:

»Ja! Ich war es.«

Dann sog sie abwartend an dem Strohhalm ihres Cocktails.

Es dauerte längere Zeit, bis er etwas sagte. Die Tauben trippelten über den Markusplatz, wirbelten in launenhaften Impulsen in die Höhe und flatterten wieder zu Boden. Die weißen Wolken segelten über den Kampanile, und die Menschen strömten unter den Arkaden der Prokurazien auf und ab.

Endlich sprach er:

»Ich habe nur eines zu sagen. Sie überschreiten die Grenzen.«

»Des Passenden?« fragte sie ängstlich.

»Nein. Die Grenzen Ihres Horoskops.«

Er schwieg einen Augenblick und fügte mit größerer Heftigkeit hinzu:

»Denn – da kommt mir ein Gedanke, aber ich weigere mich noch, ihm Glauben zu schenken – denn es war doch hoffentlich keine falsche Geburtsstunde, die Sie mir angaben? Antworten Sie mir: sie war doch nicht falsch?«

Sie betrachtete ihn mit wirklicher Bewunderung im Blick.

»Mein Herr«, sagte sie, »Sie sind ein Original. Ja, Sie sind das größte Original, dem ich noch je begegnet bin. Alle anderen Männer haben uns arme Frauen immer in dem Verdacht, unser Geburtsjahr zu fälschen. Sie denken nur an die Geburtsstunde einer Frau. Wenn sie die richtig angibt, kann sie ihrethalben so alt wie immer sein. Antworten Sie mir: habe ich recht?«

»Antworten Sie mir: war es Ihre richtige Geburtsstunde, die Sie angaben?«

Sie brach in ein Gelächter aus.

»Das war sie! Und im Hinblick darauf stellten Sie mir mein Horoskop und zogen die Grenzen meines Wesens, und wenn es mir nun gelingt, Ihnen eine Überraschung zu bereiten, behaupten Sie, daß ich die Grenzen meines Horoskops überschreite! Sie sind wirklich ein Original!«

»Es war also Ihre wirkliche Geburtsstunde?«

»Ja.«

Er schien erleichtert. Dann umdüsterte sich sein Gesicht wieder:

»Dieses Geld«, sagte er, »wo ist es? Es ist ja ganz gut und schön, daß Sie mir Überraschungen bereiten, wie Sie sagen, aber auch dafür muß es doch Grenzen geben. Wo haben Sie das Geld, das Sie – hm – sich zum Scherz ausgeliehen haben?«

Sie starrte ihn verständnislos an.

»Das Geld? Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich mir ein Taschentuch gekauft habe.«

»Ich höre. Aber wo haben Sie den Rest?«

Sie sah immer verständnisloser aus.

»Den Rest? Es gibt keinen Rest.«

Er richtete sich halb vom Tisch auf.

»Sie – Sie meinen doch nicht, daß ein Taschentuch in Venedig tausend Lire kostet!«

»Nein, das meine ich nicht. Es kostete zweihundertfünfzig Lire –«

»Zweihundertfünfzig Lire!«

»Das war billig. In Amsterdam hätte es das Doppelte gekostet. Darum kaufte ich gleich drei Stück.«

»Siebenhundertfünfzig Lire! Für drei Taschentücher!«

»Und ein kleines, kleines Flakon Parfüm dazu – Ambre antique, für zweihundertfünfzig. Da sehen Sie! Kann da etwas übrigbleiben?«

Er antwortete nicht. Er war offenbar überwältigt von ihrer strikten logischen Darstellung. Sie fügte einen letzten Stein in ihr Gebäude.

»Natürlich«, sagte sie, »zahle ich alles zurück, sowie die Weissagung des Horoskops in Erfüllung gegangen ist!«

Anstatt ihr zu danken, zog er ein kleines schwarzes Notizbuch hervor, schlug es auf und machte eine Eintragung.

»Wieviel macht das Ganze aus?« fragte sie interessiert.

Er antwortete noch immer nicht.

»Sie sind so verstimmt«, bemerkte sie. »Sie zweifeln doch nicht an Ihrem eigenen Horoskop? Sie wissen ja, was es mir versprochen hat! Alles, was Sie jetzt auslegen, ist ja nur Vorschuß!«

Er sah schwermütig vor sich hin.

»Was die äußeren Voraussagungen des Horoskops betrifft, hege ich keine Zweifel. Aber ich fange an zu zweifeln, ob die Sterne wirklich in dem Grade, wie ich bisher glaubte, unseren Charakter enthüllen.«

Sie sah betrübt aus.

»Sie finden, mit anderen Worten, daß ich einen schlechten Charakter habe?«

Er brauste auf.

»Ja!«

Sie lächelte ihn an.

»Das ist gar nicht wahr!«

»Es ist wahr! Tausend Lire in dieser Art zu nehmen, wie Sie es heute nachmittag taten – na, weniger noch das als die Art, wie Sie sie verwenden, das ist – das ist unverantwortlich! Das beweist –«

»Das beweist, daß ich einen schlechten Charakter habe«, gab sie zu. »Soweit haben Sie ja recht. Aber was ich fragte, war, ob Sie das finden. Und das finden Sie nicht.«

»Das finde ich – das finde ich!«

»So? Und dabei sind Sie so verliebt in mich? Das ist doch unlogisch, nicht?«

Sein Gesicht nahm langsam die Farbe der Bronze an; im Profil glich er mehr und mehr einer Skulptur von Verrocchio.

»Erstens«, antwortete er, »will ich Ihnen erwidern, daß Ihre Behauptung vollkommen irrig ist – eine absichtliche Provokation meiner Selbstbeherrschung. Zweitens lassen Sie sich sagen, daß, wenn Sie auch recht hätten, die Unlogik eines solchen Gefühls kein Beweis gegen die Existenz des Gefühles wäre, denn die meisten Gefühle sind unlogisch, und es kommt nur allzu häufig vor, daß ein Mann ein Wesen liebt, das er nicht hochschätzt, ja nicht einmal respektiert. Drittens will ich als Entschuldigung für Ihre unbefugte Äußerung daran erinnern, daß die Venus, Ihr Stern, im siebenten Hause, das den Umgang zwischen Menschen, Kompagnonschaft, Freundschaft und Ehe beherrscht, einer starken Bestrahlung von Seiten Merkurs ausgesetzt ist, des Sterns der leichtfertigen Gaukelei und Respektlosigkeit. Ich erinnere mich selbst daran, nicht Sie, und ich tue es, um Ihre – hm – unbefugten Äußerungen zu entschuldigen!«

Sie hörte mit tiefstem Ernst zu.

»Also ausschließlich aus wissenschaftlichem Interesse haben Sie all dies Geld in mich investiert?« fragte sie. »Eingerechnet die tausend Lire, die ich mir heute nachmittag – hm – angeeignet und für die ich mir Taschentücher gekauft habe?«

»Ausschließlich aus wissenschaftlichem Interesse«, erwiderte er mit Nachdruck. »Sowie noch auf Grund der Vereinbarung, derzufolge Sie mir versprochen haben, dieses Interesse zu belohnen, wenn die Voraussagung des Horoskops in Erfüllung gegangen ist.«

»Das ist ja herrlich!« rief sie mit wirklicher Befriedigung in der Stimme. »Geben Sie mir Ihre Hand darauf, Signor Donati, und entschuldigen Sie, daß ich Sie durch meine unüberlegten Worte gereizt habe. Ihre Hand!«

Er reichte sie ihr mit besänftigter Miene.

»Ich verzeihe Ihnen. Von dem bedauerlichen Merkurischen Einfluß abgesehen, ist Ihr Horoskop das Idealhoroskop, dessengleichen ich noch nie gesehen habe. Ja, ich ging so weit, daß ich die Möglichkeit seiner Existenz bezweifelte und dies dem Zweifler Doktor Zimmertür gegenüber offen zugab. Aber meine Skepsis war unverzeihlich, während seine verzeihlich ist, da er unter dem Stern Merkur geboren ist.«

Sie dachte nach.

»Und dann gingen Sie eine Wette ein! Und ich wurde der Gegenstand Ihrer Wette!«

»Eine Vereinbarung«, korrigierte Signor Donati. »Eine Vereinbarung, daß derjenige von uns, der mit Hilfe seiner Wissenschaft tiefer in das Wesen des Klienten eindringen könnte, es dem anderen mitteilen würde, und zwar öffentlich. Kein Zweifel, ich gewinne die Wette – die Vereinbarung.«

Sie saß einige Augenblicke schweigend da. Ihre Augen glitzerten leicht auf, ohne daß Signor Donati es sah.

»Ich bin nicht so überzeugt, daß Sie gewinnen«, murmelte sie schließlich.

Er fuhr auf.

»So? Das sind Sie nicht? Warum? Bis jetzt –«

»Bis jetzt haben Sie eine Menge Auslagen für mich gemacht«, sagte sie. »Und ich hatte das Vergnügen Ihrer Gesellschaft. Aber ereignet hat sich nichts, was die glänzenden Voraussagungen des Horoskops für meine Zukunft gerechtfertigt hätte. Oder meinen Sie, ja?«

»Es ist kaum mehr als eine Woche seit Ihrem ersten Besuch her«, antwortete er erregt. »Ich weiß gar nicht, was Sie eigentlich erwarten!«

»Aber sagte das Horoskop nicht: in nächster Zukunft?«

»Ja. Und diese Worte waren ja nicht mißzuverstehen. Aber eine Woche zählt doch nicht als – warum sehen Sie so nachdenklich aus?«

»Ich denke an den anderen, an den Doktor«, sagte sie. »Was, glauben Sie, macht er unterdessen?«

»Das weiß ich nicht«, antwortete er und zuckte die Achseln. »Zieht vermutlich sein modernes Traumbuch zu Rate. Wie war es doch? Haben Sie ihm nicht irgendeinen Traum erzählt?«

Sie machte eine kleine Bewegung mit den Schultern, als ob es sie fröstelte.

»Doch, und er versuchte mich nach Dingen auszufragen, die damit im Zusammenhang stehen – wie er behauptet. Ich antwortete ihm nicht viel auf seine Fragen. Es war mir, als könnte ich nicht antworten. Ich habe schon daran gedacht, daß das unrecht war. Wenn ich gewußt hätte, daß ich der Gegenstand einer Wette bin –«

»Einer Vereinbarung«, verbesserte er. »Seien Sie nur ganz ruhig; ob Sie ihm nun mehr oder weniger erzählt hätten, das Resultat wäre dasselbe gewesen. Ich kenne diese modernen Traumdeuter. Sie haben als Erklärung für alles eine einzige Theorie. Sie schrauben an allen Phänomenen, die ihnen begegnen, so lange herum, bis sie in diese Theorie hineinpassen, und dann sagen sie, daß sie sie gelöst haben! Aber das ist noch nicht alles. Sie hypnotisieren ihre Opfer zu glauben, daß die Lösung richtig ist. Diese ganze Psychoanalyse ist nichts anderes als eine Massensuggestion, unter dem Deckmantel der Wissenschaft betrieben.«

Seine Falkenaugen funkelten. Sie sah ihn aus dem Augenwinkel an.

»Das tut nichts zur Sache«, sagte sie. »Ich war nicht so aufrichtig gegen ihn, als ich hätte sein müssen. Sie brauchen keine anderen Daten als meine Geburtsstunde. Sie können sich an die Sterne halten. Aber er, der arme Doktor, hat nur eine Theorie, die noch dazu nach Ihrer Behauptung falsch ist –«

Er flammte auf.

»Sie sind sehr besorgt um ihn! Sie haben wirklich ein rührendes Interesse für ihn. Was hat er denn eigentlich für Sie getan? Wenn Sie dasselbe Interesse Personen zuwenden wollten, die –«

»Ihnen«, ergänzte sie. »Sie sind ein Egoist! Der böse Stern bestrahlt Sie im siebenten Haus, das den Umgang zwischen den Menschen beherrscht. Bin ich nicht gelehrig?«

»Das ist der Merkurische Einfluß, der sich in Ihrem Charakter geltend macht«, erwiderte er ernst. »Merkur gibt die Leichtigkeit der Auffassung, und diese Leichtigkeit besitzen Sie, gepaart mit Ihren übrigen venusartigen Eigenschaften.«

Sie neigte dankbar den Kopf.

»Noch ein Kompliment. Danke! Das ist das zweite seit Amsterdam.«

»Übrigens«, fuhr er fort, ohne auf sie zu achten, »bestreite ich, daß ich ein Egoist bin oder von Saturn in dem Aspekt, den Sie eben nannten, beeinflußt werde. Um das zu widerlegen, will ich Ihnen sagen, daß ich vor einigen Tagen an meinen Gegner schrieb und ihn gerade vor dem Saturn warnte, der in diesem Augenblick seinen Stern Merkur im Zeichen der Fische beherrscht.«

Sie konnte nur schwer ihre Heiterkeit verbergen.

»Bedeutet das, daß der Doktor ein Egoist wird?« fragte sie.

Er zuckte geringschätzig die Achseln.

»Sie sprechen wie ein Kind! Die sittlichen Eigenschaften werden durch das Geburtshoroskop angegeben. Aber es machte mir Spaß, das Horoskop des Doktors so zu stellen, wie es gerade jetzt ist, um zu sehen, wie seine Aussichten mir gegenüber sind. Ich tat es und fand, wie ich gesagt habe, daß der Saturn sich äußerst drohend gegen ihn stellt. Saturn beherrscht Einsamkeit, Absonderung und Gefängnisse.«

»Gefängnisse!« rief sie. »Meinen Sie, daß der arme Doktor im Gefängnis sitzen sollte?«

»Es ist höchst wahrscheinlich, daß es sich so verhält.«

»Im Gefängnis!« wiederholte sie. »Vielleicht meinetwegen! Vielleicht infolge von irgend etwas, das er tat, um seine Wette mit Ihnen zu gewinnen?«

»Madame«, erwiderte der Astrologe mit Eiseskälte in der Stimme, »Sie haben recht, es ist kein beneidenswertes Los, im Gefängnis zu sitzen. Aber gestatten Sie mir, Sie darauf aufmerksam zu machen, daß, wenn Sie Ihre – hm – ökonomischen Prinzipien nicht einigermaßen ändern, alle Aussicht vorhanden ist, daß –«

»Daß ich selbst dort ende!« lachte sie. »Pfui! Sie haben ja recht, aber wissen Sie, warum Sie das gerade jetzt sagten? Das war nicht Besorgnis um mich, das war, weil es Ihnen nicht recht ist, daß ich den armen kleinen Doktor bedaure, das war aus reiner Eifer –«

Er fiel ihr durch eine wütende Geste ins Wort. Sie schloß den Satz mit einem Lachen ab, das sie unterbrach, um ihr Handtäschchen zu öffnen und eine Ausgrabung vorzunehmen. Die drei kleinen Taschentücher kamen zum Vorschein und wurden von dem Astrologen mit einem grimmigen Herabziehen der Mundwinkel begrüßt; hierauf das kleine Parfümflakon von Coty und schließlich eine Börse. Die Börse wurde geöffnet und zwei Banknoten herausgefischt. Sie legte sie feierlich auf den Tisch vor ihrem Nachbar hin.

»Bitte sehr«, sagte sie. »Tausend Lire, die ich mir heute nachmittag ausgeliehen habe, ohne daß Sie es merkten!«

Signor Donatis sonst festgeschlossene Lippen standen vor Staunen halb offen.

»Was ist das?« murmelte er. »Wo haben Sie das her?«

»Pfui, ist das eine Frage!«

»Aber wie konnten Sie Taschentücher und Parfüm kaufen, wenn Sie mir das Geld zurückgeben!«

Sie lächelte.

»Das sind Geschäftsgeheimnisse.«

Er sah ernster und ernster drein.

»Sie haben doch nicht –«

»Was denn?«

»Gekauft, ohne zu bezahlen?«

»Auf Kredit?«

»Nein, ich meine, gekauft, ohne daß jemand es gesehen hat.«

Sie brach in ein klingendes Lachen aus.

»Welche diskrete Umschreibung! Wenn ich das getan habe, ist das dann nicht auch infolge Merkurischer Bestrahlung eines der zwölf Häuser, von denen Sie beständig sprechen? Merkur beschützt ja nicht nur leichtfertige Gaukeleien. Wenn meine Erinnerung mich nicht täuscht, ist er auch der Schutzpatron der Diebe. Nicht?«

Er begann, direkt unruhig auszusehen.

»Sie haben also wirklich –«

Er guckte sich vorsichtig um. Sie lachte so, daß ihr die Tränen in die Augen kamen.

»Sie haben Angst, daß man mir schon auf den Fersen ist? Ja, das Signalement ist ja leicht gegeben, also wer weiß?«

Er hob flehend die Hand.

»Sagen Sie, daß Sie es nicht getan haben!«

»Warum? Fürchten Sie, als Mitschuldiger arretiert zu werden?«

»Nein. Ich fürchte, meine Ideale zusammenstürzen zu sehen.«

»Gehöre ich zu Ihren Idealen?«

Er runzelte erzürnt die Augenbrauen.

»Ich meine meine astrologischen Ideale.«

»Ja richtig, für Sie bin ich ja ein astrologisches Experiment und sonst nichts. Ich kann Sie beruhigen. Ich habe nicht gekauft, ohne daß jemand es gesehen hat. Ich bin in einer Bank gewesen.«

Er wurde immer verwirrter.

»In der Bank? Aber –«

»Seien Sie beruhigt. Ich habe auch keinen Bankcoup gemacht. Ich habe ganz einfach eine Anweisung behoben, die gestern nachmittag mit der Post gekommen ist. Mein armer Papa hatte einen ökonomischen Wahlspruch, den er mir vererbte. Er lautete: Wenn es sich nur um Geld handelt, das kommt schon in Ordnung. Davon ausgehend, lieh er Geld nach rechts und links aus, wenn er welches hatte, und manchmal kam es vor, daß er es zurückbekam. Es passiert sogar noch nach seinem Tode, daß Geld als eine Art Erbschaft an mich zurückkommt. Vorhin kam eine kleine Zahlung, und darum erhalten Sie Ihre tausend Lire zurück. Lassen Sie mich Ihnen für das Darlehen danken.«

Er neigte ernst den Kopf und steckte das Geld ein, endlich beruhigt. Dann dachte er eine Weile nach und sagte schließlich:

»Wenn es Ihnen gelänge, alle außenstehenden Forderungen Ihres Vaters einzutreiben, könnten Sie sich dann nicht zur Ruhe setzen und –«

»Und ein makelloses Leben beginnen? Schon möglich, daran habe ich noch nicht gedacht. Aber dann müßte ich ja eine Masse Menschen mahnen, die das Geld vielleicht nötiger brauchen als ich. Und übrigens –«

»Was?«

»Übrigens ist das ja nicht nötig! Haben Sie schon vergessen, was Ihr Horoskop mir verspricht?«

Er zuckte zusammen.

»Ja, gewiß. Ja, das ist ja wahr, aber –«

»Aber was? Zweifeln Sie an dem Horoskop?«

»Nein – aber alle Zeitbestimmungen in der Astrologie sind ja – es liegt dies in der Natur der Sache – ziemlich unbestimmt, und es wäre ja denkbar – ich will nicht leugnen, daß –«

Sie unterbrach ihn plötzlich. Schon vor einigen Minuten hatte sie den Hut wieder aufgesetzt. Jetzt entfaltete sie plötzlich einen Fächer vor dem Gesicht. In dessen Schutz spähte sie eifrig über den Markusplatz. Der Astrolog beobachtete sie verständnislos. Sie winkte ihm, sich etwas vorzubeugen, und er tat es. Er fühlte, wie ihr warmer Atem seine Wange streifte.

»Sehen Sie den Mann dort drüben?« fragte sie flüsternd. »Ein schlanker junger Mann mit einem roten Mund und feuchten Augen! Jetzt nimmt er an einem Tisch Platz! Er hält eine Zeitung in der Hand – ja, der!«

Der Astrolog sah in der Richtung, die seine schöne Nachbarin andeutete, und fand den Mann, von dem sie gesprochen hatte. Dann kehrte sein Blick zu ihr zurück. Ihr Gesicht drückte ein intensives Interesse für den Mann mit der Zeitung aus. Signor Donati konnte ihre Gefühle nicht teilen und ließ sie nicht im unklaren darüber.

»Ich verstehe nicht, was Sie an diesem jungen Mann sehen«, sagte er. »In meinen Augen ist das ein ganz gewöhnlicher italienischer Typus. Kennen Sie ihn?«

Sie nickte bejahend.

»Was kann er in Venedig vorhaben?« murmelte sie. »Das letztemal sah ich ihn in Amsterdam, das heißt, ich weiß nicht, ob er es war, aber ich glaube schon. Und jetzt ist er hier. Man könnte glauben, daß er –«

Sie sprach den Satz nicht zu Ende. Der Astrolog folgte wieder ihrem Blick. Der ließ nicht von dem jungen Mann mit der Zeitung ab, der sich ein Glas Wermut bestellt hatte und mit gleichgültiger Miene die vorbeiströmenden Menschenscharen musterte. Der veilchenblaue Ton des Himmels hatte sich zu Hyazinthenviolett vertieft; die letzten Sonnenuntergangswölkchen brannten noch hoch oben im Äther; und einige Schritte davon entfernt glühte die Fassade der Markuskirche wie ein seltsames morgenländisches Geschmeide aus Chalzedon, Jaspis, Lapislazuli und Onyx. Plötzlich spürte der Astrolog ihren Atemhauch in kurzen unruhigen Rhythmen an seiner Wange. Etwas war vorgefallen, was ihre Spannung noch gesteigert hatte. Was mochte es sein? Und noch einmal, wer war jener Unbekannte, dem sie ein so übertriebenes Interesse widmete? Er lieh beiden Fragen Worte.

»Wer er ist?« wiederholte sie halb abwesend. »Er ist einer jener Leute, von denen wir vorhin sprachen, einer der vielen Schuldner meines armen Papas, aber nicht gerade derjenige, zu dem ich das größte Vertrauen habe, wenn es sich um Rückzahlung handelt. Ich habe faktisch den leisen Verdacht, daß es Herr della Croce ist – das ist sein Name –, der mir in meinem Zimmer in Amsterdam eine inoffizielle Visite machte, nach der ich unter anderem die Liste der Schuldner vermißte! Aber sehen Sie doch, sehen Sie doch!«

»Was soll ich denn sehen?« fragte der Astrologe verwirrt.

»Sehen Sie denn nicht, was er macht?«

»Was er macht? Er macht doch nichts Merkwürdiges, soviel ich sehen kann.«

Sie lachte ironisch.

»Ich hoffe, Sie gebrauchen Ihre Augen besser, wenn Sie die Sterne studieren«, sagte sie. »Sehen Sie denn nicht, daß er sich vor jemanden versteckt?«

»Sich versteckt? Er liest die Zeitung.«

»Ja, genau in derselben Art und Weise, wie ich mich mit meinem Fächer fächle und aus demselben Anlaß«, flüsterte sie ungeduldig. »Er versteckt sich, aber vor wem? Vor mir nicht, denn mich hat er nicht gesehen – ach, da ist der Mann, von dem er nicht gesehen werden will. Aber warum in aller Welt versteckt er sich vor einem Chauffeur?«

Der Astrolog suchte verwirrt ihrem Monolog und den Ereignissen, die er kommentierte, zu folgen. Indem er eine gerade Linie von Signor della Croces Gesicht zu seiner Zeitung und von dort weiter zog, fand er endlich die Person, von der sie gesprochen hatte. Ein junger blonder Mann in Lederjoppe und Kniehosen kam langsam an den Cafétischchen vorbeiflaniert. Seine Augen glitten forschend über die Reihe der Gäste. Gerade vor Herrn della Croces Tisch blieb er stehen, aber dieser war jetzt bis über die Ohren in den ›Corriere della Sera‹ vertieft. Der junge Mann ging weiter, und der ›Corriere della Sera‹ senkte sich langsam.

»Ein Chauffeur!« wiederholte Gräfin Sandra. »Warum versteckt er sich vor einem Chauffeur? Er kann ihm doch hier in Venedig nicht mit dem Zahlen durchgebrannt sein. Hier gibt es ja keine Autos! Beeilen Sie sich! Das Schauspiel ist noch nicht vorbei, ich will sehen, wie es –«

»Was geht denn vor? Was soll ich tun?« fragte Signor Donati, jetzt vollständig konfus gemacht.

»Bezahlen Sie, was wir genommen haben«, flüsterte sie ungeduldig. »Ich will meinen Freund della Croce im Auge behalten – das ist sehr notwendig. Rasch, rasch!«

Es gelang ihm, die Aufmerksamkeit des Kellners auf sich zu lenken und zu bezahlen. Als er wieder Zeit fand, sich anderen Dingen zuzuwenden, hatte sich die Szene verändert. Der junge Mann im Lederanzug war in der Richtung zum Canal Grande weitergeschlendert; ein paar Dutzend Schritte hinter ihm ging Signor della Croce, und Gräfin Sandra stand auf dem Markusplatz und winkte dem Astrologen eifrig zu kommen.

»Was ist geschehen?« fragte er. »Und was gedenken Sie zu tun?«

Sie vertraute ihm beides an, während sie ihn mitzog, dem schlanken jungen Manne nach.

»Kaum war der Chauffeur ein paar Schritte weitergegangen, als mein Freund della Croce einen Mann auf dem Platze heranwinkte. Einen jener Typen, die hier den ganzen Tag herumlungern und sich den Fremden als Führer durch die Markuskirche anbieten, Sie wissen doch! Aber es war ein ungewöhnlich häßliches Exemplar der Rasse, die schon an sich nicht schön ist. Dieser Mann folgte sofort den Spuren des Chauffeurs. Unmittelbar darauf bezahlte della Croce und ging ihm nach. Und jetzt folgen wir beide wieder ihm! Verstehen Sie?«

»Aber –«, begann er.

»Kein Aber«, entschied sie. »Ich habe Gelegenheit, einem anderen Abenteurer in die Karten zu gucken, und ich gedenke, sie zu benützen. Die Familie ist ja immer am ärgsten, das wissen Sie ja.«

Sie lachte vergnügt hinter dem Fächer. Die Züge des Astrologen hingegen waren finster, als sie Seite an Seite den Markusplatz kreuzten und an dem Dogenpalast vorbeigingen. Infolge seiner Länge war Herr della Croce nicht schwer zu verfolgen. Hingegen hatte er offenbar die ganze Abneigung des Geschäftsmannes, sich in die Karten gucken zu lassen, denn ein Mal ums andere drehte er sich um, um zu sehen, ob jemand seinen Spuren folgte. Gräfin Sandra fand sofort ein ebenso einfaches wie wirksames Mittel, jeden Verdacht gegen sich zu paralysieren; sie hängte sich in den Arm des Astrologen ein, schmiegte den Kopf an seine Brust und ließ ihren Fächer spielen. Signor Donati zuckte zusammen, wie von einer Tarantel oder einem Skorpion gestochen. Niemand konnte sie für etwas anderes halten als ein Liebespaar, das in der venezianischen Dämmerung schwärmte. Und die List wirkte. Herrn della Croces feuchte Augen glitten gleichgültig und leicht hohnvoll über sie hinweg. Jetzt passierten sie die Seufzerbrücke und kamen auf die Riva degli Schiavoni hinunter. Der Mann, dem sie folgten, machte plötzlich rechtsum, und sie sahen gleich, weshalb.

Der Chauffeur im Lederanzug und der Mann, der ihm nachgeschickt worden war, hatten jetzt miteinander Bekanntschaft geschlossen. Sie befanden sich in einem lebhaften Gespräch, das ziemlich bald einen äußerst natürlichen Abschluß fand: sie verschwanden in ein Café, das sich infolge einiger Hufeisen für berechtigt hielt, den Namen Café Orientale zu führen. Dort blieben sie eine Zeitlang, und als sie wieder herauskamen, waren ihre Stimmen schon aus der Ferne deutlich hörbar. Signor della Croces Abgesandter hatte seinen Arm unter den des Chauffeurs gesteckt und führte ihn unmerklich zum Kai hinunter. Die Hyazinthen des Himmels waren verwelkt; die Mondsichel segelte weiß und dünn wie ein Silberbug durch die frühen Nachtwolken. Das Paar, das Gegenstand des Interesses von Herrn della Croce war, stand jetzt unten auf dem Kai und sah über die Lagune hin.

»Ein Chauffeur!« murmelte Gräfin Sandra. »Was um Himmels willen kann er mit ihm wollen? Er wird doch nicht so tief gesunken sein, daß er einen Chauffeur ausplündert!«

»Ihr Freund, der Chauffeur, spricht französisch«, bemerkte der Astrologe. »Sein Begleiter auch – aber sein Französisch ist entsetzlich.«

Der Mann im Lederanzug und sein Begleiter hatten offenbar einen Entschluß gefaßt. Sie wollten den mondhellen Abend zu einer Bootsfahrt durch die Lagunen benützen. Der Begleiter pfiff dreimal durch die Finger, und eine Gondel glitt aus den Schatten wie ein dunkler Schwan. Sie sahen die weißen Zähne des Gondoliers aufblitzen, als er ihnen bewillkommnend zulächelte. Dann sahen sie die zwei neuen Freunde in die Gondel hinabsteigen. Sie glitt über die glucksenden Wellen. Eine halbe Minute später glitt eine andere Gondel in der silberschimmernden Kielfurche der ersten dahin. Ihr Insasse war Signor della Croce. Noch eine halbe Minute später glitt eine dritte Gondel mit Gräfin Sandra und dem Astrologen an Bord hinaus.

»Wohin?« fragte der Gondolier mit einem strahlenden Lächeln.

»Dem dort nach«, murmelte Gräfin Sandra heiser. »Wohin er auch rudert! Es ist mein Mann!«

Der Gondolier sah leicht desorientiert aus, denn sie hing noch immer am Arm des Astrologen.

»So ist es!« beteuerte sie. »Wenn wir so nahe kommen sollten, daß er Verdacht schöpft, so singe! – Laß ihn glauben, daß wir zwei alberne Touristen sind! Laß ihn irgend etwas glauben, aber laß ihn nicht Verdacht schöpfen! Hundert Lire für die Tour und una buona mancia! Verstehst du?«

Der Gondolier nickte zustimmend, obgleich er sicherlich noch weniger verstand als früher. Sie glitten den Canal Grande hinab, vorbei an Santa Maria della Salute, vorbei an den erleuchteten Fassaden der großen Hotels, unter der widerwärtigen Eisenbrücke hindurch hinauf zum Rialto. Der Mond goß Silber über die geborstenen Fassaden der Paläste und legte Gloriolen um die feuchtigkeitsmorschen Anlegepfeiler. Vor ihnen zeichnete sich der aufwärtsgeschwungene Schnabel der Gondel wie ein Notenzeichen gegen die Luft ab, das letzte Notenzeichen in dem Sange von Venedigs Größe und Macht. Der Kanal trug eine ganze Prozession von Gondeln; die Lieder der Ruderer stiegen und sanken in der Frühlingsnacht. Jetzt passierten sie den Rialto. Plötzlich bog der Kahn, dem sie folgten, nach rechts in einen Querkanal ab. Sie folgten ihm und glitten über ein pechschwarzes Gewässer, im Schatten von Häusern, die seit Hunderten von Jahren ausgestorben schienen.

»Dies ist der Styx«, flüsterte eine Stimme dem Astrologen ins Ohr, »der Gondolier ist Charon, und wir sind auf dem Wege in das Reich der Schatten. Gott sei Dank, daß wir den Obolus bereit haben! Der Hades gibt ja keinen Kredit!«

Er sah sie vorwurfsvoll an. Sie glitten langsamer und langsamer dahin. Im Boot vor ihnen schien man mißtrauisch geworden zu sein. Zum Glück kam hinter ihnen ein anderes Boot; man konnte seine Ruderschläge hören, aber es war nicht zu sehen. Sie murmelte dem Gondolier eine Weisung zu, worauf das Tempo ihrer Fahrt so langsam wurde, daß sie Signor della Croce beinahe aus den Augen verloren.

Plötzlich hallte die Luft von einem Geheul wider, als wäre ein wilder Büffel von einem geschickt geschleuderten Lasso zu Boden geworfen worden und kämpfte um seine Freiheit und sein Leben. Es hagelte Flüche; man hörte das dumpfe Echo von Schlägen und Stößen. Das Boot vor ihnen beschleunigte das Tempo und sauste wie ein Schatten unter Schatten dahin. Die Gräfin winkte dem Gondolier, und sie schlugen dasselbe Tempo ein. Die Flüche und der Lärm hörten auf. Was war geschehen? Hatte man den Franzosen überfallen? Und bedeutete die Stille, daß er besiegt worden war?

Ohne daß sie etwas gesagt hatte, begann der Gondolier zu singen. Es war, als hätte in der Dunkelheit und Stille eine Blume plötzlich ihre Blätter entfaltet. Das Boot flog rasch wie eine Fledermaus dahin. Hinter ihnen vermeinten sie die Ruderschläge der anderen Gondel zu hören, wenn auch so schwach, daß sie kaum wußten, ob es Wirklichkeit war. Dann begannen die Flüche wieder.

Nun waren sie der Lautquelle so nahe, daß sie undeutlich sehen konnten, was vorging. Was sie geahnt hatten, traf zu. Ein in Leder gekleideter Mann kämpfte mit zwei anderen, dem Gondolier und dem Manne vom Markusplatz. Aber der Kampf war schon entschieden. In diesem Augenblick wurde der in Leder Gekleidete über eine Landungstreppe in ein Haus hineingeschleppt, das ebenso dunkel und ausgestorben war wie die anderen an dem engen Kanal. Die Wände trieften vor Nässe. Über dem Eingang sahen sie die Ziffer 27.

Das Ganze hatte kaum eine halbe Minute gedauert. Gleich hinter der Gondel des Franzosen wiegte sich Signor della Croce in der seinen. Niemand hatte dem Lärm des Kampfes Aufmerksamkeit geschenkt, doch bei den leisen Ruderschlägen der herankommenden Gondel fuhren sowohl die Gondoliere wie der Mann vom Markusplatz und Signor della Croce in die Höhe. Doch sie beruhigten sich rasch.

Der Gondolier der Gräfin Sandra sang wie eine Nachtigall im Mai, sie selbst ruhte an der Brust des Astrologen; und aus dem Dunkel hinter ihnen stieg aus noch einem Boote Gesang auf. Touristen! Keine Frage, nichts von Bedeutung! Die Gondoliere wechselten im Vorbeifahren ein paar unverständliche Worte; einige Sekunden darauf schwenkten sie um die Ecke in einen neuen dunklen Rio ein. Vorher hatte Gräfin Sandra noch den Namen des Kanals aufgefangen, den sie soeben passiert hatten. Es war der Rio San Geronimo.

Kurz darauf legten sie an der Landungsbrücke des Bacino Orscolo an. Dahin hatte sie dem Gondolier Order gegeben zu rudern. Sie standen noch auf der obersten Stufe, als sie hörten, wie eine neue Gondel anlegte. Jemand kam die Stufen herauf, und plötzlich hörten sie eine Stimme sagen:

»Verzeihen Sie einen guten Rat, aber lassen Sie uns weitergehen! Signor della Croce ist nicht ganz so leicht zu täuschen, als man glauben sollte. Vielleicht hat er uns trotz alledem nicht für Touristen gehalten.«

Sie drehten sich rasch um. Es war Dr. Zimmertür.

Bevor sie sich noch von ihrem Staunen erholt hatten, fügte der Doktor hinzu:

»Auch diese Runde ist zugunsten Saturns ausgegangen, Signor Donati, aber ich tippe auf Merkur als Sieger beim Knock-out der dritten Runde!«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.