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Marceline Desbordes-Valmore

Stefan Zweig: Marceline Desbordes-Valmore - Kapitel 52
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typebiography
authorStefan Zweig
titleMarceline Desbordes-Valmore
publisherInsel-Verlag
year1929
correctorJosef Muehlgassner
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Aus Aufsätzen Sainte-Beuves

In »Portraits Contemporains.«

Das Leben selbst, Leidenschaften und schwere Erfahrungen, haben diese Frau, die keinen anderen Lehrmeister hatte als die innere Stimme und das Leid, dahin geführt, ihr Schluchzen zu modulieren. Es gibt zwei Arten von Dichtern: jene, die Erfindungsgabe haben, deutlicher gesagt, die Kunst haben, Phantasie, Schöpferkraft und nicht nur Empfänglichkeit, deren Geist sich jedem Stoff anzupassen vermag, eine Gabe, die man Talent nennt. Und es gibt andere, bei denen dieses Talent von den persönlichen Empfindungen nicht zu trennen ist und die infolge einer rührenden Schwäche nur Dichter sind, weil sie Liebende und solange sie es sind.

Madame Desbordes-Valmore ist auch ein Dichter durch die Liebe. Ihr Talent ist an ihr Fühlen gebunden, wie das Echo an die brandende Woge, wie die Woge an den stürmenden See. Wenn dieses Talent nie aufgehört hat, sein Klagelied zu singen und in die Höhe zu wachsen, so ist es, weil die Seele selbst, trotz so viel vergossener Fluten, sich unerschöpflich erwiesen hat:

»Denn ich bin nur ein schwaches Weib,
Ich wußte nur zu lieben, Leid zu tragen,
Nur meine Seele im Gesang zu klagen ...«

1839. Sie gehört nicht zu jenen Seelen, für welche die Poesie nur ein kurzes Alter hat und die, je weiter sie in die immer ödere Steppe vordringen, die man das Leben nennt, sich verschließen, sich fortstehlen und von nun ab schweigen. Sie ist als klingende Harfe geboren und dennoch als zerbrochene. Was konnte sie so vorzeitig zerbrechen? Für sie ist jedes Leid ein Lied: das heißt also, daß sie seit fünf Jahren, in allem Mißgeschick ihres herumirrenden Lebens, das Singen nie gelassen hat. Jede aufsteigende Klage, jedes flüchtige Lächeln, jede zärtliche Regung des Mutterherzens, jeder wie schnell zerstörte Versuch zu einer frohen Melodie, jeder herbe Blick in eine Vergangenheit, deren Flammen noch immer nicht alle erloschen sind – alles das nach und nach, meist in Hast hingeworfen, wieder aufgegriffen, gesammelt und flüchtig verknüpft bildet den Band, dem sie den Namen »Arme Blumen« gegeben hat. Es ist ein voller Erntekorb, hoch und eng geschichtet, dicht geschüttelt, mehr als voll von Farben und Düften, den die bescheidene Dichterin nicht eigentlich uns darbietet, sondern wie ermattet zu unsern Füßen niederfallen ließ.

In einem Gedicht mit dem Titel »Vor Dir!« zeigt uns die Dichterin in kindlicher Liebe das Sterben ihrer Mutter, das Vermächtnis leidvoller Sensibilität, das diese ihr hinterlassen hat, und die zuerst unerkannt, dann allzu geweckt und bewußt immer in ihrem Herzen gelebt hat. Und dieses Herz, das von Anbeginn als Opfer der Liebe bestimmt war, – es »hatte noch kein Lied, sein Leid zu offenbaren« – wie weiß sie es in seiner Unschuld und stummen Bedrängnis zu malen:

»Sein schwaches Schlagen, das der Zeiten Maß
Nur zögernd wiedergab, verriet, wie wenig Leben
In diesem Herzen war; und wie ein Kind, das eben
Halb eingeschlummert über seinen Büchern saß,
Hielt meine Hand mein Schicksalsbuch verschlossen;
Mein schwarzer Gürtel, meine dunkle Trauer band
Mich an der Mutter Grab – was hatte noch Bestand?
Die Welt war groß und leer; es fehlte ihr die Stimme,
Die einzige, die das wüste Lärmen und Gebraus
Zur Heimat machte; nein! die Welt war nicht mein Haus!
Ich scheute ihr Gesetz, ihr Urteil, ihre schlimme
Verlockung und Bedrohung – und von Angst gehetzt,
Fand ich das Wort, den Ruf, das laute Lied zuletzt!«

Wenn man solche Verse liest, verzeiht man die Schwächen, mit denen sie erkauft worden. Ja, die Qual der Seele ist oft lebendig in die Verse mit hinübergenommen. Die Tonfarbe spiegelt sie wider. Wenn die Träne im Auge von einem Sonnenstrahl getroffen wird, so hindert uns das am Sehen, alles bebt und schimmert. Der schluchzende Aufschrei kann nicht alles, was hinter ihm lebt, erkennen lassen.

Ein ganzer Herzensroman durchwebt dieses Buch, hie und da etwas gemindert, bald aber wird die Leidenschaft wieder übermächtig und kann nicht mehr an sich halten. Unerwartet, in einem Aufschwung, den nur sie unter den Dichterinnen von heute besitzt, ruft sie ihr Weh hinaus ... Sappho muß solchen Aufschrei gehabt haben; oder vielmehr, man fühlt, daß diese Tochter Douais und Flanderns dort etliche Funken spanischer Glut mitbekommen hat, sie, die mit stetem Glauben zur Madonna aufsieht, wie die portugiesische Nonne ...

1842. Als ich die leidvollen Briefe der Madame Valmore durchsah, ist mir oft eine andere Dichterin in den Sinn gekommen, und ich habe ihre Briefe mit denen Mademoiselle Eugénie de Guérins verglichen, die einige auserlesene Bücher veröffentlicht hat. Doch welch ein Unterschied, so sagte ich mir, zwischen den Schmerzen der einen und der andern. Die eine, edle Schloßherrin von Cayla, unter dem schönen Himmel des Südens, in trauter Umgebung, in ländlicher Einschränkung oder Armut, die doch noch immer Fülle ist, mit allem Geschmack eines jungfräulichen Interieurs. Die andere, im Staub und Schmutz der Großstadt, der Landstraße, stets auf der Suche nach einer Unterkunft, fünf Stockwerke erklimmend, überall anstoßend, – das Herz zerrissen ruft sie verzweifelt aus: »Wo sind die friedlichen Leiden des Provinzlebens?« Und wer Madame Valmore in den langen Jahren schwerer Prüfung gekannt, wer sie in ihren bescheidenen und engen Wohnungen besucht hat, wo sie so viel Mühe hatte, den Haushalt zusammenzuhalten, wer sie da gesehen, liebenswürdig, heiter, anziehend, gastfreundlich sogar, wie sie allem einen Anstrich von Sauberkeit und künstlerischem Geschmack zu geben wußte und ihre Tränen hinter einer natürlichen Anmut verbarg, sie, der Zartesten und Empfindsamsten eine, doch immer tapfer und wachsam, wer sie so gesehen und ihren Lebens- und Leidensweg kennt, der wird sie noch weit mehr bewundern. Wenn man ferner bedenkt, welche endlosen Mühen und Sorgen um ihren Unterhalt diese so ehrenwerte und bedeutende Familie, diese kleine Gruppe auserlesener Menschen, die mit vielen befreundet und von sehr vielen, scheint es, protegiert war, die von allen geachtet, geliebt und bewundert wurde, zu bestehen gehabt, so fragt man sich: wo bleibt eigentlich unsere vielgerühmte Zivilisation? Man errötet für sie ...

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