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Marceline Desbordes-Valmore

Stefan Zweig: Marceline Desbordes-Valmore - Kapitel 49
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typebiography
authorStefan Zweig
titleMarceline Desbordes-Valmore
publisherInsel-Verlag
year1929
correctorJosef Muehlgassner
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Briefe über Henri de Latouche

Sollte, wie die französische Forschung immer eindringlicher behauptet (ohne jedoch vollgültigen Beweis erbringen zu können), tatsächlich Henri de Latouche der Verführer Marcelinens und der Vater ihres unehelichen Kindes gewesen sein, derjenige, dem diese »Zettelgen« galten, so sind die folgenden Briefe psychologisch von besonderem Reiz. Denn sie sind (die beiden ersten) dreißig Jahre nach jener Episode an ihren Mann gerichtet, als Latouche der Tochter Marcelinens nachstellte, und atmen die äußerste Verachtung und Erbitterung gegen ihn.

Um so großartiger kontrastiert dagegen der Brief nach seinem Tode an Sainte-Beuve. Der in allen Privatverhältnissen unbändig neugierige Kritiker, dieser Voyeur in psychologicis hatte sofort nach Latouches Tod an Marceline einen Brief gerichtet, sie möchte ihm Latouches Charakter schildern (als ob er ihn selbst nicht genug gekannt hätte). Er hoffte, ihr bei diesem Anlaß einen verräterischen Aufschrei zu entreißen. Und tatsächlich ist dieser Brief eine erschütternde Fürbitte um Verzeihung für einen geworden, der sie selbst maßlos gekränkt und gequält: das gütige, großmütige Herz wirft sich schützend über den längst verhaßten Toten, um ihm für den Nachruf etwas Milde zu retten. Ob die darin erwähnte Kränkung durch Latouche jene erste war, die Verführung und das brüske Verlassen, ob die zweite gemeint ist, die Nachstellung gegen die Tochter – dies verhüllt sich in diesem Brief, der ganz nur die Güte des Verzeihens offenbart und eines der wichtigsten Dokumente ihrer Lebenstragödie bildet.

*

An ihren Gatten

6. Mai 1839.

Mit Herrn Latouche bin ich mehr denn je in Verlegenheit, was mir, wie ich glaube, eine Art Kälte gibt, die ich nicht überwinden kann, obwohl ich ihn sehr liebe. Aber zu den Befürchtungen, die mir schon sein Charakter einflößte, mengen sich nun auch die schrecklichen Geständnisse jener unglücklichen Dame, und mein Aufenthalt auf diesem Landsitz versetzt mich in große Unruhe. Ich suche einen Weg zu finden, wie ich weder die eine noch die andere Person beleidige. Er gibt uns Beweise von Anhänglichkeit, die mich zu Dank verpflichten, und wenn ich mich ihrer zu erwehren versuche, so sagt er, Du seiest es, der es ihm für die Zeit Deines Fernseins zur Pflicht gemacht hätte. Ich weiß jetzt, daß es meine Aufgabe ist, mich nicht zwischen zwei Herzen zu stellen, die sich einander nähern wollen, und daß ich um keinen Preis dorthin zurückkehren darf.

23. Juli 1839.

Was, Herr von L... schreibt Dir noch? und er ist nicht im Berry? und beklagt sich über meine Härte! Mein guter Engel, das sähe wirklich wie ein Scherz aus, wenn ich ihn nicht für einen sehr bösen Menschen hielte. Bei Gott, ich habe ihn ganz und gar anständig und mit Sanftmut empfangen, mit dem Vorsatz, all die Verachtung, die er mir einflößt, zu verbergen. Er kam, um uns vor einer Geschäftsreise einen Abschiedsbesuch zu machen ... Vorläufig habe ich Dir genug gesagt, um Dir die gerechte Abwehr gegen einen Charakter verständlich zu machen, der mit dem Haß aller Welt beladen ist. Überall, wohin er gekommen ist, hat er nur Unruhe und Verzweiflung gebracht. Glaub an meine instinktive Abscheu und erinnere Dich, daß meine Schuld nur darin bestanden hat, daß ich gegen Böse zu nachsichtig war. Schonen wir ihn durch den Anschein von Achtung, denn es ist ihm besonders darum zu tun, geehrt zu sein. Aber Vertraulichkeit mit diesem Menschen! Gefälligkeiten von ihm annehmen! Lieber Gott, da möchte ich lieber betteln gehen. Branchu ist unschuldig wie ein neugeborenes Kind und Pauline. Ich sage das nur Dir, durch den ich ihn kenne.

An Sainte-Beuve nach dem Tode von A. M. H. Latouche

18. März 1851.

Eine große Erschöpfung hat mich gehindert, Ihnen zu antworten. Verzeihen Sie mir, ich habe es mehrere Male versucht; aber in welchem Schlupfwinkel meines arbeitsreichen Daseins soll ich Ruhe finden, mich zu sammeln?

Bedenken Sie, diesmal muß ich beinahe auf einem Grabe meinem niedergeschlagenen Geiste sich zu ordnen gebieten. Wie könnte ich von da aus wagen, über einen anderen Geist zu urteilen. Was für ein Urteil kann man mit Tränen in den Augen niederschreiben! Ja, Sie haben recht, es könnte, ohne daß ich dessen mir bewußt würde, wie durch einen Blitz »Und wer kann mir besser von ihm sprechen als Sie und mir eine Idee von ihm geben, blitzartig ihn beleuchten«, hatte Sainte-Beuve ihr geschrieben. geschehen, daß Sie die Eindrücke meines Gedächtnisses erfaßten, die Summe der Erinnerungen an diesen unverständlichen Geist, der Sie beschäftigt. Aber wir begegnen einander nicht. Wie soll man es da beginnen? Ihre Stimme würde mich aufrichten, und ich fände Worte, Ihnen zu antworten. Hier bin ich zu sehr in mich zurückgeflüchtet, und dies ist wahrlich eine traurige Zuflucht, und ich möchte doch nicht ein Wort von persönlicher Traurigkeit diesem Briefe beigeben. Aber ich bin durch so viele unersetzliche Verluste zu Boden geschlagen! Diese dumpfen Schreie erreichen mich von überallher wie eine schreckliche Elektrizität, und ich fühle wohl, daß mir diesen letzten Blitzschlag niemand in Anrechnung bringt als vielleicht Gott, der alles weiß, für alles Mitleid hat! Ich war bereits in Trauer: kaum habe ich den Schleier emporgeschlagen, so muß ich ihn schon wieder auf meine Seele herabsenken, und ich kann nicht mehr weiter.

Außerdem habe ich für dieses glänzende und geheimnisvolle Rätsel mir weder eine Erklärung gesucht, noch es erraten. Es wirkte auf mich blendend und beängstigend, zuweilen war es dunkel wie Schmiedefeuer im Walde, bald leicht, hell wie ein Kinderfest. Aufrichtigkeit, die er liebte, ein unschuldiges Wort, konnten in ihm das Lachen einer wiedergefundenen Freudigkeit, einer wiedergewonnenen Hoffnung zum Ausbruch bringen. So lebhaft malte sich da Dankbarkeit in diesem Blick, daß Ängstliche sich wieder sicher fühlten. Da lebte in seinem gequälten, recht mißtrauischen Herzen, das, wie mir dünkt, sehr nach menschlicher Vollkommenheit, an die er noch glauben wollte, verlangte, der gute Geist wieder auf.

Oft schien es, als wäre es ihm lästig, zu leben; welche Bitterkeit breitete sich da über dies flüchtige Fest, wenn er der schönen Hoffnungen müde wurde! Bewunderung war, glaube ich, leidenschaftlichstes Bedürfnis seiner kranken Natur, denn krank war er sehr oft und sehr unglücklich! Nein, er war kein Böser, sondern ein Kranker, denn wenn an seinen Idolen ein einziger Fehler in Erscheinung trat, so war er schon in tiefe Verzweiflung versetzt, und das ist nicht zu viel gesagt. In einer solchen befand er sich, als wir ihn kennen lernten. Offen sprach er nie davon während unserer Gespräche, die er scheinbar suchte, um die Erinnerung einer sehr stürmischen Vergangenheit zu verscheuchen. Welche innere Verfassung war je geheimnisvoller als die seine? Dennoch hielt ihn mein Onkel, den er ganz und gar liebte, mein Onkel, der einen aufgeschlossenen, romantischen und dabei religiösen Charakter besaß, seines reizvollen Wesens, seiner aufrichtigen Sanftmut willen, für schlicht, kindlich, rein und warmherzig. Er war es auch! Er war es! Und glücklich und getröstet, ermutigt, so sein zu können durch diese ungetrübte Zuneigung.

Man hielt ihn im engen Sinn des Wortes für neidisch. Er ist es niemals gewesen. Aber ungerecht, voreingenommen, dies – ja! Sein Zorn, seine Verachtung waren so groß, wenn ihn ein Talent, etwas Wertvolles, Schönes enttäuschte, dessen Entdeckung ihn mit Freude erfüllt hatte. Wie ironisch war er dann gegen seine eigene Einfältigkeit! Wie schmerzlich berührt war er nach seinem eigenen Wort: durch sich selbst bestohlen worden zu sein! Er litt viel, glauben Sie es und vergessen Sie es nie. Er konnte über eine Blume gerührt sein und grüßte sie mit frommer Ehrfurcht. Dann regte er sich darüber auf, daß er ihre Vergänglichkeit vergessen konnte. Er zuckte die Achseln und warf sie ins Feuer. Dies ist wirklich geschehen?

Hat nicht auch sein heftiger politischer Standpunkt die natürliche Anmut, die sich seiner Tatkraft gesellte, vertrübt? Ich habe mir das oft gedacht. Eine unbeeinflußbare Selbstlosigkeit, die ihn Elend und Klagen hätte ertragen lassen, machte ihn mitleidlos gegen die Schwächen des Ehrgeizes oder die Indolenz, die er im patriotischen Gefühl ein Verbrechen nannte. Hier mag das Geheimnis seiner großen Vereinsamung liegen.

Die sorgfältige Beharrlichkeit bei der Arbeit trieb er bis zum Exzeß, der seine Gesundheit, wie seine Erfolge gefährdete. Er band sich wie ein Märtyrer an sie. Man hätte sagen mögen (ich weiß das von anderen), daß sein Herz und sein Kopf sich langsam mit Rauch erfüllten und dieser manchmal den Schwung, die Hingabe, das Fluidum, die Eingebung erstickte, so daß es sich wie bei einer Lampe verhielt, die keine Luft hat. Wenn ich mich, wie mir scheint, schlecht ausdrücke, so werden Sie den tieferen Sinn dennoch verstehen. Ich schreibe ja da nicht Kritik, mein Gott: ich beklage sein Unglück und seine Qual!

Seine Begeisterung für die deutsche Literatur und für die Wandlung der unseren hat ihn sehr beherrscht. Seither war ich so kühn, Erstaunen zu empfinden, daß seine Dichtung, obwohl elegant, wenn auch feierlich, sich kaum von Abhängigkeit frei gemacht hatte, die er doch verabscheute; ein Beweis dafür waren seine Bewunderungsausbrüche für die ritterlichen Kühnheiten des Herrn von Musset und die neue Art von Ihnen allen, die ihn mit Hoffnung beglückte.

Seitdem weiß ich nichts Genaues mehr, noch vermochte ich dieses Genie, das so bitter geworden war, aus der Nähe zu betrachten. Durch entfernten, seltenen und auch traurigen Widerhall nur, suchte er uns zu begegnen. Sein Buch über Clemens XIV. hat uns die reizendsten Gespräche mit unserem Onkel in Erinnerung gebracht, der ihn dazu angestachelt hatte; Fragoletta hat mich mit Erstaunen und Schrecken erfüllt; seither hat uns Grangeneuve auf unsere Instinkte, für ihn zu hoffen, ihn zu bemitleiden, hingewiesen. Und von jener Zeit ab hat er vielleicht, weil er seine Phantasie und sein geschriebenes Wort im Zaume hielt, deren Freiheit und Glanz um so mehr verraten. Seine letzten Bücher habe ich nicht mehr zu lesen gewagt ... Vielleicht wiederhole ich Ihnen etwas da überflüssigerweise: aber sein Geist, wenn er sprach, war unwiderstehlich, wußte er, daß man ihm gut zuhörte und ihn verstand und er von seinem schwarzen Übel aufatmen konnte. Nur, daß er zu viel an das Publikum dachte, das kalt urteilende, diesen mächtigen Richter, gegen den es keinen Einspruch gibt! Die Flamme war dann durch eine zu lang andauernde Träumerei beeinträchtigt. Furcht vor Lächerlichkeit lähmte ihm jene Kühnheit, der er bei anderen Beifall zollte. Er war nicht der Mann, irdische Demütigung zu ertragen, und aus Furcht, zu stürzen, wagte er nicht mehr, sich emporzuschwingen ...

Lieber wollte er ohne eine Hand zu rühren untergehen, als Lachen durch seine Tätigkeit hervorzurufen, jenes Lachen, das er anderen nicht immer ersparte und über das er sich oft Vorwürfe machte! Glauben Sie das nicht auch? Sie haben es ja selber sehr fein beobachtet, daß er weit entfernt war, »das Böse getan zu haben, das er tun hätte können«? Was Sie in dieser Hinsicht sagten, ist von tiefer Warmherzigkeit.

Welch großen Sieg muß er doch über seine Zornausbrüche errungen haben! Welche stillschweigende Größe, daß er sich nicht gerächt hatte, er, dessen brennender Stolz sich so oft für tödlich beleidigt hielt, denn ihn fürchten hieß ihn beschimpfen! In diesem, seinem stummen und einsamen Mut, muß man das finden, was die Tränen aufwiegt, die er fließen ließ! Der Meinung sind Sie doch auch? Oh! seien Sie es, sprechen Sie es um der Gerechtigkeit willen aus, wie Sie alles auszudrücken vermögen. Es gibt ja Dinge, die zwischen Himmel und Erde gehört werden, die überallhin Trost bringen können.

Entscheiden Sie, ob diese argwöhnische Seele nicht selber ihren Aufschwung, ob die körperlichen Leiden nicht diesen Ruhm, der sich so hoch ankündigte, verdunkelt haben!

Dies ist alles, was ich für Sie aus meinen Gedanken formen kann ..., mögen sie doch den Ihren dienlich sein! Zumindest bin ich bereit, sie Ihnen in dieser Welt und überall immer wieder in dieser Weise zu vermitteln, weil ich an Sie glaube, an Ihre nachsichtige Freundschaft für mich und meinen geringen Verstand.

Marceline Desbordes-Valmore

Die folgenden Briefe schildern (für mein Gefühl in herrlichster Unmittelbarkeit) die Gefühle Marcelinens, als sie, seit sieben Jahren verlassen von ihrem Geliebten und ein Jahr nach dem Verlust ihres unehelichen Kindes, längst jedes Glück in ihrem Leben für eine Unmöglichkeit hielt und plötzlich die Werbung des bedeutend Jüngeren, des »schönen Valmore«, empfing (so nannte man, und das Bildnis billigt das Beiwort, im Brüsseler Theater ihren Partner). Sie war ihm als einem Kinde zu Beginn ihrer Schauspielerlaufbahn in Bordeaux begegnet und fand ihn nach zwanzig Jahren auf der gleichen Bühne als Neuling und jugendlichen Liebhaber. Von ihrer Sanftmut und Schwermut angezogen, versuchte er sich ihr zu nähern und schrieb ihr einen Werbungsbrief, den sie – erschreckt beinahe – mit dem ersten der hier nachfolgenden Schreiben erwiderte, um dann doch nach kurzem und liebendem Widerstand am 4. September 1817 seine Gattin zu werden.

An Valmore

Brüssel, 1817.

Nein, mein Herr, ich habe nicht geantwortet. Ich wollte auf das, was ich für ein Spiel hielt, ganz und gar nicht eingehen. Der Gedanke daran ließ mich vor Angst erstarren.

Welch einen Brief schreiben Sie mir heute! Wie hat er mich verwirrt! Treiben Sie keinen Mißbrauch mit leidenschaftlichen Worten, treiben Sie nur niemals Mißbrauch damit. Mein Herz ist wahrhaftig und aufrichtig. Ich kann es nicht wieder vergeben, ohne daß mein Leben daran hängt, und in Ihren jungen Jahren, von tausend Versuchungen umgeben, verspricht man nicht eine grenzenlose Liebe, eine Liebe bis zum Grab! ... Darum versuchen Sie nicht, mir das einzureden, – ich habe so viel gelitten!

Ja, Sie werden gut tun, mich zu meiden. Das ist das einzig Vernünftige in Ihren, im übrigen unbegreiflichen Vorschlägen. Auch ich werde Ihnen aus dem Wege gehen – ich habe mir das schon zur traurigen Gewohnheit gemacht. Was täte ich nicht um meines inneren Friedens willen! Würden Sie es nicht bedauern, mich inniger ans Leben zu fesseln, um mir dann eines Tages einen anderen, tieferen Schmerz zu bereiten? Oh, lassen Sie nach, ich bitte Sie; ich bin traurig und nicht geschaffen, um zu lieben, auch nicht um geliebt zu werden. Ich glaube nicht an das Glück!

Warum sagen Sie, Ihre Schwermut entfremde Ihnen mein Herz? Meinen Sie das wirklich? Schreiben Sie das in aufrichtigem Glauben?

Sie machen unserm unglücklichen Stand den Vorwurf, uns zusammengeführt zu haben. Sie drücken sich da sehr hart aus. Wenn Sie sich darüber beklagen – welches Recht hätte erst ich, ihn zu hassen? Immerhin, verzeihen Sie es ihm, unser Beruf kann ja alles wieder gutmachen, indem er uns bald trennt. Um diese Trennung zur Tatsache werden zu lassen, bleibt mir nur zu wissen, daß Sie es wünschen.

Nein, nicht Ihre Zuneigung kann Ihnen den Rat gegeben haben, mir zu schreiben, – ebensowenig kann Ihre vortreffliche Mutter Sie bestimmt haben, mir meinen Seelenfrieden zu nehmen; ich meinerseits möchte nicht um die Welt Ihrer Seele wehe getan haben, verstehen Sie mich? Was werfen Sie mir denn vor? Welchen anderen Beweis kann ich Ihnen gegenwärtig von meiner Hochachtung geben, deren ich Sie hiermit nochmals für alle Zeiten versichere.

M. Desbordes

Brüssel, 1817.

Mein Herr, Sie sagen, ich hätte Ihre Scheu und Zurückhaltung für Stolz gehalten. Sie haben meine Traurigkeit für Mißachtung angesehen. Wir haben uns alle beide getäuscht. Wie könnte man jemanden mißachten, den man seit langem tief schätzen gelernt hat? Aber wozu Entschuldigungen mir gegenüber? Habe ich irgendeinen Vorwurf gemacht? Hätte ich einen Grund, ein Recht dazu gehabt? Sie haben die Güte, meiner Meinung einen gewissen Wert beizumessen, und Sie möchten diese hören. Nun gut, mein Herr, hier ist sie: Ich glaube, daß Sie alle Vorzüge eines rechtschaffenen Mannes besitzen, verbunden mit den Neigungen Ihrer Jugend.

Nun kennen Sie meine Auffassung. Lassen Sie sich also nicht mehr verletzen durch eine dem leidvollen Menschen ganz selbstverständliche Zurückhaltung. Halten Sie diese niemals für Verachtung – wenn es wahr ist, daß Sie so gedacht haben –, und seien Sie versichert, daß es mir zeit meines Lebens Freude machen wird, Ihnen – mehr als es mein Frohsinn könnte – zu beweisen, welche Hochachtung ich Ihrer Familie und Ihnen, mein Herr, entgegenbringe. Ist das nicht alles, was Sie zu wissen wünschen?

Sie dürfen nun überzeugt sein, daß niemand aufrichtiger ist als Ihre ergebene Dienerin

M. Desbordes

Brüssel, 1817.

Glauben Sie, mein Freund, ich könnte schildern, was in mir vorgeht? Glauben Sie das? Überwältigt von Glück und Überraschung, fürchte ich ... vergeben Sie mir, fürchte ich die auf mich einstürmenden Empfindungen; ja, diese Trunkenheit der Seele ist fast Schmerz. – Oh, schonen Sie mein Leben! Es ist noch gebrechlich und unsicher. Seit es Ihnen gehört, fürchte ich alles, was ihm Gefahr bringt, und die Aussicht auf ein ungeahntes, unsagbares Glück scheint meine Kraft zu übersteigen.

Und sagen Sie, mein Geliebter, wissen Sie auch den vertraulichen Beziehungen des Lebens diesen Reiz, diese rührende Zartheit zu geben, die mich so zu Ihnen hinzieht? Welch ein Glück ist es dann, Sie zu lieben, ganz und einzig von Ihnen geliebt zu sein! So würde nichts den Zauber brechen, der uns bei unseren ersten Blicken umfing? Ich dürfte nun wagen, ihn festzuhalten, darin meine Bestimmung zu lesen, ein zärtliches Geschick, die innige und feierliche Verheißung der Bande, die uns ewig aneinander fesseln sollen?

O Gott! wenn ich furchtsam bin, so müssen Sie das mir verzeihen! Es ist die Liebe, die vor der Liebe zittert. Ist sie auch scheu in ihren Geständnissen, ihren Hoffnungen, so wissen Sie, daß sie darum nicht weniger stark und getreu ist. Ein jeder meiner Tage wird in unserer Zukunft Zeugnis dafür ablegen, mein Herzgeliebter! Ja, heut abend werden wir uns sehen. – Welch süßer Gedanke! Meine ganze Schwermut schwindet. – Gott, der uns wohlwill, sucht dieser köstlichen Vereinigung jedes Wölkchen zu nehmen. Ihre Mutter wird also die meine sein! Ihr Vater wird den meinen ersetzen, den ich noch immer beweine! ... Können Sie ermessen, wie lieb ich ihn haben werde? ... Sagen Sie, daß Sie es wissen. Doch wird man auch mich lieb haben? – Oh, bitten Sie darum – –

An Valmore zur Zeit des Verlöbnisses

Brüssel, 1817.

Weißt Du, Prosper, was ich in Deinem Briefe gefunden habe? – Eine Seele, die die meine erwartet hatte! ... Gestern ... all die Tage, die für die andern verflossen scheinen, für mich sind sie es nicht; sie umgeben mich – die Zeit hält stille, um mir Muße zu lassen, frei zu atmen – ich stürbe, wenn sie zu rasch entschwänden – Tomy, mein angebeteter Tomy! wenn Dein Herz erregt ist – sieh, wie doch meine Hand bebt!

Ich bin glücklich. – Wie meine Seele sich bei diesem vergessenen, seit jener Zeit ... für immer – erloschenen – Worte öffnet! Du hast es für mich in den Himmel, in diese Welt, überall ... eingegraben. Ich werde es in Deinen Augen lesen! Wie! ist also doch das Leben das Glück? ... Möge Dich Gott mit jener Glückseligkeit überhäufen, in der ich mich befinde: Ich weiß nicht, wo ich bin: sag es mir, mein Lieb! Ach ja, Tomy, gib acht auf mein Leben, man kann vor Freude sterben.

Hast Du gestern, hast Du meine Zärtlichkeit gesehen? im Schmerz, im Rausch, der ihr folgte? Oh, warum einige Stunden so heftiger Qual bereuen! Von welchem Entzücken waren sie aufgewogen. Was für eine Seele hast Du mir gegeben! Oh, ich kann wahrhaftig nicht mehr schreiben. Lebwohl, Prosper, mein Gemahl!

Dein Vater liebt mich sehr. In dem Maße als ich Dich – ein wenig – liebe, bin ich voll Aufmerksamkeit für ihn. Und bin ich denn nicht recht artig? Ihr werdet dann gleich meine graziöse Verbeugung sehen. Oh, laß mich doch wieder einen teuren Brief lesen, der mir das Herz verbrennt!

Von der fünfunddreißigjährigen und erst durch den Tod gelösten Ehe mit Prosper Valmore geben die folgenden Briefe ein Bild. Nie ist ihr Beisammenleben wirklich erschüttert gewesen, es erschien nur flüchtig bedroht durch der beiden gegensätzliches Verhältnis zu ihrer Kunst. Prosper Valmore war (und nicht mit Unrecht) eifersüchtig auf Marcelinens Gedichte, die mit der bei ihr unbedingten Ehrlichkeit des Gefühls immer nur ihre Liebe zu – dem ersten Geliebten, zu dem Verführer schildern, dem ihre Sinne, ihre Seele trotz aller Erniedrigungen unwandelbar treu blieben. Im geheimen hatte Prosper gehofft, nun werde er der Gegenstand ihrer Dichtung sein, und sah den Nebenbuhler, der sie schmählich verlassen, lebendig in ihrem innern Leben, ja, die Qual war ihm auferlegt, die Verse an jenen andern und Unvergeßbaren korrigieren zu müssen. Diese Eifersucht gegen den Abwesenden und aus ihrem Herzen doch Unverjagbaren hat geradezu einen Haß gegen Marcelinens Dichtung in ihm erweckt, so daß die Gütige oft ganz der Poesie entsagen wollte. Und sie hätte es getan, wäre nicht der Zwang zur Aussage elementar in ihr gewesen.

Ihr wiederum bereitet Prospers Kunst schwere Stunden oder vielmehr seine Nichtkunst. Denn er ist ein schlechter Musikant, Valmore, nirgends gefällt der Pathetische auf der Bühne, ja, er wird sogar ausgepfiffen, und sie hat die anstrengende Aufgabe, gegen ein inneres Wissen, das falsche Selbstbewußtsein des armseligen Provinzkomödianten zu stützen. Erst als er von der Kunst (wie weit war er von ihr!) endlich Abschied nimmt und ein kleiner Staatsbeamter wird, schwindet die Unruhe. Dann bindet das gemeinsam verlebte Elend, das gemeinsam erlittene Unglück sie immer enger zusammen, und die Ehe verdämmert in bescheidenem Glück, obzwar ihre letzten Bekenntnisse immer über ihn hinweg an die Freundin ihrer Seele gehen und das letzte Geheimnis, die Liebe zu Olivier, nie vollkommen in ihrer Seele verlischt.

*

An Valmore

St. Rémi, den 22. März 1820.

Nie mehr, mein Liebes, nie mehr will ich mich von Dir trennen; das hieße, sich freiwillig das Herz ausreißen. Du kannst aber unbesorgt sein: meine Reise ist gut verlaufen. Ich bin um sechs Uhr angekommen. Vor dem Hause, das Deinen Sohn beherbergt, erwarteten mich die Amme, die Mutter, der Vater und Drapier. Ich bin nur so gerannt, sage ich Dir, ohne zu spüren, daß ich eine Nacht im Wagen zugebracht hatte. Ich habe den kleinen Liebling eine Stunde lang um mich gehabt. Er ist lebendig wie ein Fisch, alle seine Bewegungen sind so lebhaft, daß man die eifrigen und hübschen kleinen Züge kaum mit Muße betrachten kann. Sein Gesicht ist ein wahres Kaleidoskop, immer anders und immer anmutig. Seine Haut ist blendend weiß, seine Augen sind prachtvoll blau, – aber nicht so groß wie die Deinen. Der Mund steht nur im Schlafe still, aber ich habe den Kleinen nicht schlafen gesehen, und so ist mir der Mund bald groß, bald klein erschienen und von immer anderer Form. – Er hält sich ganz gerade, und wenn man ihn niederlegt, richtet er sich stolz auf seinen kleinen Händen auf, um alle Welt zu betrachten. Er nimmt seine Nahrung mit Hingabe und leert die Brust seiner Amme bis auf den letzten Tropfen. Seine Haare sind viel blonder als bei der Geburt. Er ist entzückt, wenn man ihm den Kopf streichelt; es ist ein wonniges kleines Lämmchen. Ich habe zweimal seiner Toilette beigewohnt; er erscheint mir erstaunlich groß, und er ist von tadelloser Gestalt. Ich könnte Dir stundenlang von ihm erzählen, und es würde uns noch zu wenig sein. Alles um ihn her, das ganze Häuschen, ist von herzerfreuender Sauberkeit.

Lieber Prosper, komm in den Ostertagen, und sieh ihn Dir an.

Paris, den 5. April 1827.

Heut gönne ich mir einen ganzen Ruhetag, und ein großer Teil davon soll Dir gehören, mein Lieb. Ich habe Dir so viel zu sagen, so viel Liebe Dir zu geben! Deinen letzten, so wundervollen Brief habe ich gestern bei meinem Onkel in Empfang genommen; welch ein Trost ist er mir gewesen! Du mußt nicht denken, daß alles glatt geht auf dieser Reise; vor allem – ohne Dich fühle ich immer eine Leere, die ich nicht lange ertragen kann, ohne daran krank zu werden. Doch die Gewißheit, sehr bald wieder bei Dir zu sein, läßt mich diese Abweichung von meinen lieben Gewohnheiten leichter erdulden. Du weißt also nicht, wie sehr Du mein Ich bist, wie ich jetzt nur durch Dich allein lebe, nur lebe im Verlangen, bei Dir zu sein, Deine Hände, Deine Blicke zu fühlen, Deine Liebe, Deine edle und getreue Seele, Beistern meines Lebens, das ohne Dich mir unerträglich wäre! Ja, was Du mir auch gibst, ich habe genug, um es zu erwidern, und wenn Du das Glück hast, Deine Frau zu lieben, so ist es mein Glück, Dich einem ganzen Weltall vorzuziehen! Ich will nur Dich, ich liebe nur Dich. Ich bitte Dich, sprich mir nicht von Ruhmeskränzen, von Talent; sprich mir von nichts. Die Eitelkeit hat keinen Platz in meinem Herzen, das so sehr erfüllt ist von Innigkeit und Tränen, denn Du weißt, daß ich oft weine, heimlich, und nicht immer aus Kummer.

Grenoble, den 18. November 1832.

Hoffnung und Grenoble! Und beides heute früh um sieben Uhr, mein guter Prosper; ich habe Herrn Froussard gesehen! O teile meine Freude darüber, daß er alle unsere Erwartungen übertrifft. Hippolyte wird das glücklichste von allen den Kindern sein, die fern vom Elternhause leben müssen ... Wie undankbar bin ich, andere als Freudentränen zu vergießen ... Doch was nützt der Vorsatz? Nein, ich fühle keine Freute. Die Sache ist viel bitterer, als ich mir je geträumt hatte ... Mir bleibt nichts, als mich zu fügen, wie jene, die den Kopf unters Beil legen ...

Dein Brief, den ich kurz vor der Abreise von Lyon erhielt, Dein letzter aus Paris – dieser Brief, mein Freund, hat mich viel weinen machen. Er hat mich in Zeiten von Qual und Elend zurückversetzt, die man nicht heraufbeschwören sollte, da es mir möglich war, sie zu überstehen. – Wie! Ich sollte Dich täuschen? Ich, damals so erdrückt von dem Bewußtsein, Dir Verachtung einzuflößen, bin ich es, von der Du sprichst? Sieh, ich sage es ja, man lebt wie blind dahin, an der Seite des andern, man versteht sich nicht. Sind meine Gedanken denn so undurchsichtig, mein Freund? An mir, die ich so aufrichtig, ich wage zu sagen, so naiv zu allen andern bin, an mir hast Du gezweifelt! Gezweifelt, während mein Herz gemartert war von Deiner Kälte und Deinem Überdruß an mir. Das glaubte ich wenigstens! Warum sagst Du, ich liebte nicht die Einmischung Dritter in unsere Beziehungen? Kannst Du auch nur das geringste Mittel zur Annäherung zweier Wesen, die eins werden, die einander lieben und glücklich machen wollen, darin erblicken, daß man sie gegeneinander aufzubringen sucht, daß eine Mutter, erbittert, ihren kleinlichen Anspruch auf Autorität bedroht zu sehen, in ihrer Eifersucht die beiden gegeneinander hetzt? Ach, Prosper, wie traurig stimmt es, Ursachen nachzugehen, aus denen so viele unserer Tränen geflossen sind. Glaube mir, lieber Freund, es ist die Quelle, aus der Du, ohne Dein Wissen, tausend unklare Vorurteile gegen mich geschöpft hast, Du hast oft genug das recht getrübte Urteil Deiner Mutter über mich auch zu dem Deinigen gemacht. Ich achte die wirklichen Werte, die sie gehabt hat, aber sie ist, gewiß ohne böse Absicht, recht grausam zu uns gewesen. Sei Du selbst! Sieh mich, wie ich bin: Deine Dir ganz ergebene, Dir innig vertraute und, ich wage es zu sagen, Deine gute Marceline! Und Deine einzige wahre Freundin!

Lyon, den 23. November 1832.

Und dann höre! Du sprichst mir von Andeutungen, die Dir weh getan hätten. Ich – Dir weh getan! Ich, die ich mein Blut für Dich hingegeben, die ich Dir bis ans Ende der Welt folgen würde – überallhin und um jeden Preis? Oh! Gut, nimm hier meinen getreuen Eid, daß nie ein Wort Dir wissentlich von der Vergangenheit reden soll, daß sie für mich abgetan ist, und daß ich auch Dich beschwöre, sie zu vergessen. Anderseits: wie kannst Du mich so falsch verstehen? Du bist zu streng gegen Dich selbst und willst nicht daran glauben, daß andere Dich lieben, und Dich lieben, und Dich lieben! Sei gut, sei furchtlos, ich hege gegen keine Seele Groll, und sollte es gegen Dich? Komm, geben wir uns einen Kuß, Prosper, willst Du?

1. Dezember 1832.

Ich lese und lese immer wieder, was Du grausam genug bist mir über meine Zärtlichkeit zu sagen; ich weine, und in meiner Verblüffung darüber klage ich Dich an. Wie! diese qualvolle Ausdauer, Dir meinen Kummer verborgen zu haben, wird mir nicht besser belohnt, teurer undankbarer Freund! Ausbrüche, die Dich unglücklich gemacht hätten und die ich für Deine Ruhe fürchtete ... und von denen ich meinte, daß sie mich noch mehr von Dir entfernen müßten, all dies hast Du für Kälte gehalten! Ach! das ist zu schmerzlich, und das wollte man ausnützen, Dich von mir zu reißen! Ich wäre beinahe daran gestorben und vor Schweigen erstickt. Du hast nichts begriffen, Verblendung eines Herzens, aus dem ich so lange ausgelöscht zu sein glaubte. Du wirst es bereuen, nicht wahr? Du wirst mit mir über das weinen, was mich in diesem Augenblick Tränen vergießen läßt! Du siehst nicht klar über Dich und mich. Ich selber war auch sehr argwöhnisch. Was, Du liebtest mich, Prosper, liebtest mich, sag es mir hundertmal: dies hoffen zu dürfen, tut mir so not! All dies hat mich niedergeschlagen.

2. Dezember 1832.

Es kränkt mich heute, diese Gedichte, die Dein Herz bedrücken, geschrieben zu haben. Ich wiederhole Dir in Aufrichtigkeit, daß sie aus unserer Verbindung entstanden sind: es ist Musik, wie sie Dalayrac machte; es sind Eindrücke, die ich bei anderen Frauen beobachtet habe, die vor meinen Augen litten. Ich sagte: »Ich empfand dies oder jenes, in dieser Lage« und machte daraus, abseits für mich, Musik, Gott weiß es!

10. Dezember 1832.

Ich bin aufgewacht und hielt noch den Kopf des Kindes (Hippolyte) an mein Herz gedrückt. Ich hatte geträumt, daß er (aus dem Institut) davongelaufen war, um mich wiederzusehen, er weinte, und ich überschüttete ihn mit Liebkosungen.

*

An ihren Sohn

Rouen, den 23. April 1833.

Dein Brief hat uns sehr gefreut, mein kleiner Freund! Warum kann ich Dir hier nicht in Wirklichkeit den Kuß geben, als Dank dafür, daß Du bist, was Du sein sollst, daß Du die Mühen Deines Lehrers belohnst, den ich immer wieder segne! Dein Fleiß und Deine Bravheit trösten mich über die schmerzliche Trennung. Wie lieb habe ich Dich, mein guter Sohn, daß Du Dein Versprechen hältst und versuchst, Dich für alles, was Du Herrn Froussard schuldest, dankbar zu erzeigen. Eines Tages wirst Du verstehen, wie ungeheuer Du ihm verpflichtet bist. Wo könntest Du besser lernen, ein tüchtiger, ehrenhafter Mann zu werden und Dir die Unschuld des Herzens zu bewahren? Und mit wie viel Annehmlichkeiten er Dir die Pflicht versüßt! Wenn Du wüßtest, mein kleiner Liebling, welche Rührung mich bei dem Gedanken erfaßt! Danke ihm in meinem Namen durch Deinen Gehorsam und Deine Liebe zu ihm. Da das Schicksal Dir kein anderes Gut als die Rechtschaffenheit mitgeben kann, so muß dieses eine wenigstens beständig und unerschöpflich sein. Dein Vater und Dein Großvater haben den Keim dazu in Dein Herz gepflanzt; wer könnte ihn zu edlerer Entfaltung bringen als der beste der Menschen, der Dich zu seinem Zögling und »Emile« erwählt hat? Bevor Du einschläfst, wende Deine Gedanken zu Gott! Danke ihm, mein liebes Kind, für den Mentor, den er Dir gegeben hat. Verliere nie das Grauen vor der Lüge, der Lügner ist niemals ehrenhaft. Hüte Dich, jemals etwas zu versprechen, was Du nicht erfüllen kannst. Sei gern gefällig, hab gut acht auf das wenige, was Dein ist, und vor allem auf das Eigentum der andern; sei nicht zudringlich und rühre nicht daran. Leihe Dir nur, was Du bestimmt und pünktlich wiedergeben kannst, und möge die Reinlichkeit Dein ganzes Leben erhellen. Sie ist die harmlose Freude des Armen. Gott hat überall für Wasser gesorgt, mit dem man sich läutern kann. Ergib Dich niemals dem Spott. Die innigsten Freundschaften müssen darunter leiden. Man glaubt nicht mehr an die Zuneigung dessen, der sich über uns lustig gemacht hat. Es ist eine große Bitternis und ein kleiner Triumph!

*

An Valmore

Paris, 5. Juni 1833.

Beharre doch nicht bei dem Glauben, es sei Dein Lebensstern, der den meinen vertrübe; damit würdest Du mir Reue einflößen, indem Du mich daran gemahnst, daß das Gegenteil der Fall ist. Haben wir nicht auch ohne solche Einbildungen genug wirklichen Kummer! ...

16. Jänner 1834 (abends).

... Wie, Du hast an mein Schuhwerk gedacht, mein guter Prosper! Ich versichere Dich, dieser Gedanke hat mich gerührt, um so mehr, als es sich mit unseren kleinen Arbeitsplänen für unsere so langen Abende begegnet hat. Line Line (Ondine), die Tochter. hat Dir Trikotärmel gemacht. Ich bin eigens ausgegangen, um dazu die Wolle zu kaufen. Wie wundervoll ist es für uns beide, uns um Dich zu kümmern.

*

An ihren Sohn

(Paris,) 8. Dezember 1833.

Mein lieber Hippolyte! Wieviel Küsse und Zärtlichkeit liegen in diesen drei Worten: mein lieber Hippolyte! Mein kleiner Freund, ist es nicht, als hätte ich Dir einen ganzen Brief geschrieben, indem ich Dir das schreibe? ...

Ich habe keine Augenschmerzen mehr, aber ich bin recht matt. Die Arbeit übersteigt meine Kräfte. Vielleicht werden wir nicht mehr lange in Paris sein, trotz der Schritte, die wir für ein Bleiben unternehmen, im Interesse Deiner Zukunft und der Deiner Schwestern. Ein Hoffnungsfädchen ist uns noch geblieben, und auch Gott ist da. Du kennst mein Vertrauen in ihn und meine Unterwürfigkeit in seinen Willen, der weiser ist als unsere Wünsche.

Unser nächster Brief, mein guter Junge, wird Dir sagen, ob wir Mittel und Wege gefunden haben, uns in Paris festzusetzen. Der Vater möchte gern das Theater verlassen, und ich bitte Gott, daß er zustimmt. Bitte ihn auch, Lieber! Du hast uns so lieb, nicht wahr, daß Du es aus ganzem Herzen tun wirst?

Lausche auf die Schläge der Uhr, die wir Dir hier schicken, und denke an die Schläge meines Herzens für Dich, liebes Kind! Bestätige uns sogleich den Empfang des Kästchens.

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An Valmore

Paris, 2. Februar 1834.

... Wenn Du einen festen und letzten Entschluß über das Engagement in Lyon gefaßt hast, unabhängig davon, ob Du eines an das Théâtre-Français angeboten bekommst, werde ich mich sogleich um meine Abreise kümmern: denn ich bekenne Dir, Deine Aversion läßt mich vor dieser Hilfsquelle in Paris zurückscheuen, und ich sehe keinen Vorteil für unsere Zukunft darin, wenn Du ein Opfer bringst, das Dich unglücklich macht; Du weißt, ich habe seinerzeit ebensowohl Dein Grauen vor einer Rückkehr nach Lyon begriffen. Du kennst noch immer nicht genug meine Selbstverleugnung Deinem Willen gegenüber, lieber Prosper. Wie in aller Welt könnte ich zufrieden sein, wenn Deine Position Dir falsch erscheint oder Deinen Neigungen nicht entspricht? Du beunruhigst Dich zu sehr um mich: ein ruhiger Winkel, meine Kinder, Tinte und Papier – und ich fühle mich hier so wohl wie da, vorausgesetzt, daß man mich Atem holen läßt ...

Paris, den 25. April 1839.

Ich fühle Deine Ankunft dort. Ich erlebe in meiner tiefen Einsamkeit Dein Erwachen ohne mich. Ich weiß, wie traurig das ist, Du! Ich weiß alles. Du tust mir leid, ich weine, und ich liebe Dich über alles. Und so rufe ich Dir jetzt zu: Mut, Hoffnung! ...

Lieber Gott! Wie die armen Kinder Dich bedauern und Sehnsucht nach Dir haben! Kannst Du ihnen nicht ins Herz sehen? Hast Du nicht zum mindesten den unendlichen Trost in dieser schweren Prüfungszeit, geliebt zu sein? Dieses Bewußtsein erhält bei Kräften. Ich habe nur eine Bitte an Dich: schone Dich für uns; sei glücklich, wenn Dir daran liegt, daß ich aufatmen und aushalten kann!

26. morgens.

Ich küsse Dich im Namen Molières, von dem ich soeben geträumt habe. Er hat in einem hübschen kleinen Haus, das Dein war, mit uns diniert. Du warst zufrieden, und ich – das kannst Du Dir denken! Er bat mich um einen meiner Ringe und küßte mich auf die Stirne, ehe er sich an die Arbeit begab – ich ersuchte ihn, sich mit Dumas zusammenzutun und ein Theater zu gründen; ich wußte ja, wie gern Du ihn hast und daß Du Dich darüber freuen würdest. Er lächelte uns zu und hatte nur einzuwenden, daß er zu viel zu arbeiten habe.

Ich wollte Dir diesen friedvollen Traum berichten. Das Wetter bessert sich ein wenig. Ich werde einen Ausflug aufs Land wagen. Im übrigen ist mir alles Äußere gleichgültig. Nein, mein lieber Freund, kein Glück nimmt mir die bittere Last vom Herzen, die Deine Abwesenheit mir bringt.

29. April 1839.

... Seit Deiner Abreise habe ich meine große Verstimmung noch nicht überwinden können. Schlafengehen, Aufstehen, dies ist von einer Traurigkeit, die ich nicht unterdrücken kann. Ach! mein liebes Kind, könnte man, bevor man bestimmte Opfer bringt, die eigene Seele durchschauen, hätte man im Innersten sie zu unterschreiben kaum den Mut? Denkst Du nicht auch so, mein armer Freund? Ich beschwöre Dich, zumindest Deine Gedanken zu zerstreuen. Dein Glück ist mir weit mehr als das meine! Großer Gott, mit welchem Preise wollte ich es doch erkaufen, wenn ich etwas besäße.

Orléans, 8. Mai 1839.

Niemals werde ich Dir die Schönheit der Kathedrale wiedergeben können; man verläßt sie nur, um sie dann von außen zu bewundern. Wie bedaure ich es, daß Du nicht da bist, um mich zu begleiten! Wie schade, daß ich nicht zeichnen kann, um Dir eine Idee von diesem herrlichen Schiff zu geben, dessen Segel durchbrochene Flügel sind, wie ungefähr jene, die den Dom von Mailand in die Höhe erheben. Wie rasch die Zeit vergeht, und sie entflieht mir mit Dir.

Orléans, den 14. Mai 1839.

Bei aller Freude über Dein mir so wohltuendes Lob – es wird der einzige Erfolg meines Buches sein –erweckst Du mir mit der Frage, ob ich es störend empfände, Deine Frau zu sein, tiefen Kummer. Höre, Valmore, ich bin außer mir, daß Du mich für ein so oberflächliches und niedriges Geschöpf hältst. Mir ehrgeizige Absichten, Habgier oder Verlangen nach weltlichen Genüssen zuzuschreiben –, es zerreißt mir das. Herz, das nur von Dir erfüllt ist und dem Wunsche, Dich glücklich zu sehen. Ich würde Dir mit Freuden in die Tiefen des Gefängnisses oder in die Fremde folgen. Das weißt Du, und diese Gedanken befallen Dich zu meinem Schmerz immer nur nach der Lektüre des elenden Gestammels, dessen ich mich schäme, wenn ich es mit den schönen Werken vergleiche, die Dein Geschmack mich schätzen gelehrt hat. Nunmehr sage ich Dir aufrichtig und vor Gott, daß es auf Erden keinen Menschen gibt, dem ich durch die Bande verknüpft sein möchte, die uns einen. Der Charakter aller andern flößt mir nur Entsetzen ein. Habe ich es Dir nicht oft genug gesagt, um Dich zu überzeugen? Doch ach! es ist also wahr: man kann dem andern nicht ins Herz sehen.

Paris, den 23. Juni 1839.

Wenn Du in dem bißchen Talent, dessen Ausübung ich verabscheue, nun nach Beweisen suchst, die Deine Vernunft irreführen, wohin kann ich mein Herz dann flüchten? Es ist ausschließlich Dein. Die Dichtkunst ist ein schreckliches Ungeheuer, wenn sie meine einzige Glückseligkeit, unsere Vereinigung zerstört. Ich habe Dir hundertmal gesagt, und ich wiederhole es hier, daß ich viele Elegieen und Romanzen auf Bestellung geschrieben habe, deren Thema gegeben war und von denen manche nicht bestimmt waren, ans Licht gezogen zu werden. Unsere elende Lage erforderte es anders. Wie viele Tränen und Klagen Paulinens haben sich in diese Verse gewandelt, die Du liebst, und deren Urheber eigentlich sie ist. Unser Leben aber war so einsam, so auf sich selbst gestellt und hastend, daß ich, wie ich Dir gestehe, der Zusammenstellung dieser Bücher, die unser Geschick uns zu verkaufen zwingt, keine allzu große Aufmerksamkeit gewidmet habe. All Deine Nachsicht für eine Begabung – die ich völlig geringschätzen würde, ohne den Wert, den Dein Gefallen ihr beimißt, kann mich nicht über eine heimliche und peinliche Erkenntnis trösten, die dadurch in mir entstanden ist. Molière hatte recht, Rousseau sprach die Wahrheit, und Mademoiselle Lenormand war also wirklich hellsehend, als sie mir in orakelhaftem Ton sagte: »Schreiben Sie nie!« Du siehst nun wohl, daß ich recht habe, mein guter Freund, wenn ich auch nicht den Schatten von Befriedigung verspüre, soviel Papier bekritzelt zu haben, anstatt unsere Hemden zu nähen; obschon ich mich bemüht habe, auch diese in Ordnung zu halten; Du weißt das, Du teurer Gefährte eines Lebens, das niemandem zur Last gefallen ist.

Paris, 10. Juli 1839.

Wie liebe ich Dich, bei der Vorstellung, wie Du Dir Deine Kappe nähst! Welch merkwürdige Biographie würde man von uns machen, wenn man uns in all unserer beherzten Armut erblickte!

28. Juli 1839.

Sag niemandem, wann ich ankommen werde, damit wir allein bleiben, einen Tag wenigstens! Sag mir, mein guter Engel, hast Du ein Kanapee, um Dich während des Tages ausstrecken zu können? Ich denke fortwährend daran, Du mein armer Freund! Herrgott, was ersinne ich nicht alles, Dir zu schenken! ...

Paris, 2. August 1839.

Ach, nein! Du nörgelst ja nicht, und ich verstehe, daß Deine Bemerkungen alle und immer aus einer anbetungswürdigen Quelle von Zartgefühl stammen, wie sie sich selten findet ...

Ich liebe Dich! und überdies achte ich Dich leidenschaftlich.

2. August 1839.

Du siehst, ich fordere niemals als Erste unsere Kinder auf, Dir zu schreiben, in dieser Hinsicht habe ich denselben Herzensstolz. Ich warte. Nein, nein, ich setze nichts auf Erden neben unser Gefühl füreinander. Ich mache mir keine Illusionen mehr, dennoch glaube ich zutiefst an das Herz Hippolytes; es ist für immer an das unsere angewurzelt.

Paris, den 13. August 1839.

Alle (Menschen), die ich jetzt kenne, flößen mir nur noch mehr Zärtlichkeit für Dich ein! Bedurfte es unserer Trennung, damit wir uns noch mehr lieben? Gute Nacht, lieber Prosper! Ich gehe zur Ruhe, das Herz erfüllt von Dir, schlafe wohl. Liebe mich, die ich Dich einzig liebe.

Paris, 8. November 1839.

Oh! Mein lieber Freund, warum willst Du nicht mehr lachen. Überlaß diesen Ernst den Bösen. Das Leben hat Anmut und Sonne, solange es Liebe hat. Wer hat dies nur gesagt: »Nichts bleibt vom Leben, wenn nicht dies: geliebt zu haben.« Wird in dem Sinne nicht Deine Hand den Druck der meinen erwidern können?

Paris, 25. November 1839.

Wir vermuten bei unseren Kindern tiefere Wurzeln, als sie jeweils an bestimmten Orten besitzen: Überall ist in diesem Alter das Glück. Inès ist augenblicklich ganz Musik, Schneiderei und Englischstudium und auf diese Weise also geordneter Beschäftigung hingegeben ... Die Hauptsache ist, daß sie Dich und mich sehr lieb haben, was wir in diesem stürmischen Alter zu sehr vergessen.

Paris, den 25. November 1839.

... Eines bedenke wohl –, es soll Dir beistehen im Kampfe gegen Dich selbst, wenn Du Dich in Deinen Gram vergräbst –, bedenke, daß meine Gesundheit in Deinen Händen liegt. Wenn die Deinige wankend wird, bekomme ich Fieber, und wenn Deine Seele herabgestimmt ist, so sinkt die meine gleich noch tiefer. Wir haben einer beim andern so viel durchgemacht, daß wir wie Zwillinge geworden sind.

Paris, 3. Dezember 1839.

Ich habe einige schlechte Tage und, wie Du, recht traurige Nächte verbracht. Diese Jahreszeit gibt einem keinerlei Möglichkeit, Mut zu bewahren. Die Kraft, die mir von außen kommt, ist, wie Du weißt, die Sonne. Sehe ich sie nicht mehr, fühle ich sie nicht über Dir, glaube ich mich vom Schicksal, das Dich mißhandelt, noch ärger verlassen, denn ich weiß, wie empfindlich Du gegen die Grausamkeit des Winters bist, mein armer Freund! ...

(Paris,) den 12. Januar 1840.

Ich muß wieder bei Dir sein; weißt Du das? Begreifst Du das? Ich bin mir selber unerträglich geworden, und meine Seele ist nirgends mehr dabei, wohin ich meinen Körper hinzugehen zwinge, um der Fülle von Verpflichtungen zu genügen, deren Hohlheit und Anstrengung Du kennst. Es war ein zu aufreibender Monat. Manchmal bleibe ich auf der Straße oder auf einer Treppe stehen und weine, weil ich Dich so fern weiß und so gebunden, wie auch ich es bin. Dieser Kampf muß aufhören ... »Geduld, steig wieder auf zum Himmel!« Wenn ich weiß, daß ich Dich wiederfinde bei der Heimkehr – wie trotze ich dann allen Plagen, aller Müdigkeit, den Widerwärtigkeiten aller Art, denen ich jetzt ohne jeden Trost ausgeliefert bin! Diese tyrannischen Kindereien quälen mich abscheulich, lieber Junge; ich finde, daß sie wie zum Hohn unser Elend begleiten. Ich bin so sehr der Sklave dieser gleichgültigen Leute, daß ich noch dahin kommen werde, sie zu hassen, weil sie in ihrer Belanglosigkeit mit ihren Visitenkarten und ihren Briefen sich zwischen uns drängen, so daß ich mir vorkomme wie ein »bekannter« Schriftsteller. Die übrige Zeit stehe ich mit gekreuzten Armen vor der Nichtigkeit meiner erlahmten Gedanken. Ich kann keine vernünftige Arbeit beginnen noch fortführen. Da hast Du meinen Seelenzustand: Nähen, Schreiben, Umherlaufen, von Herzen weinen, mir mit Entsetzen vorhalten, daß ich nicht die Hälfte der Anforderungen erfülle, die von allen Seiten an mich herantreten – so verbringe ich meine Tage! Ich werde Dir später erzählen, welche Heuschreckenplage auf meine Wege niedergegangen ist, falls ich mich später noch an alles das erinnern kann. Inzwischen beklage mich, die ich weder morgens noch abends Deine Hände, Deine Augen finde, um mich aufrecht zu halten und mich zu grüßen! Es war eine heroische Tat, daß wir uns trennten, ich erfahre es an meiner allzu schmerzlichen Niedergeschlagenheit!

Paris, 5. März 1840.

Es ist wirklich wahr! es ist wirklich wahr! Wenn Du es in den Zeitungen liest, noch ehe meine Freude hier es Dir kündet, so glaube daran und laß uns gemeinsam für diese Gnade danken, die die Vorsehung über uns ausschüttet. Ich erhalte soeben, Donnerstag mittag, das Dekret des Ministers, Herrn Villemains, der mir, ehe er aus dem Ministerium scheidet, eine unerwartete Wohltat erweist. Er hat meine vorübergehende Pension von dreihundert Franken auf zwölfhundert Franken lebenslänglich erhöht. Ich fühle mich von einer Freude erschüttert, die zu rein ist, als daß sie nicht von jener unsichtbaren Macht herkäme, die mich in allen meinen Kümmernissen aufrecht hält. O mein Freund, glaube mit mir! Teile die Gabe und den Glauben mit der Gefährtin Deines geliebten Lebens und sorge Dich nicht um die Zukunft, die sich so angenehm ankündigt ... Oh! wie gern möchte ich Dich küssen! Und Dich zufrieden sehen, mein lieber Prosper! Ich schreibe in Eile.

Paris, den 27. August 1840, 2 Uhr.

Wie weh hat mir Dein letzter Brief getan, Prosper! Warum bist Du dermaßen traurig über die Vergangenheit? Warum Dich über Dinge quälen, die nicht mehr sind, und einem Dich beschämenden Kummer hingeben, dessen Kenntnis Du mir bisher erspart hattest? Wäre es nicht ein Wunder zu nennen, wenn Du den Versuchungen entgangen wärest, die glühende Jugend und die reichliche Gelegenheit unseres Berufes Dir boten. Du bist unbedingt der ehrenhafteste Mensch von der Welt, und ich möchte, daß Du ein für allemal diese Zufälligkeiten, die Du nicht gesucht hast und die der Unverletzlichkeit unseres Bündnisses keinerlei Schaden getan haben, nach ihrem wahren Wert beurteilst. Laß also jene Tage des Leichtsinns ruhen; sie sind durch die Anschauungen, die unsere Zeit uns eingeimpft, wohl unvermeidlich. Laß uns nicht strenger urteilen als Gott selber und seine guten Priester, die ihre reuigen Kinder aufrichten und umarmen. Ich verdenke es niemandem, Dich liebenswert gefunden zu haben, mein teurer Gemahl. Mußte man nicht mir verzeihen, Deine Frau zu sein und – offen gesagt – ein solches Glück gar nicht zu verdienen? Doch diese Verbindung war im Himmel beschlossen, von Deinem Vater und unseren Freunden gerne gesehen; und wie bin ich dankbar, daß sie mich wählten, denn wie liebte ich Dich! Und findest Du, daß ich Dich nicht mehr mit allen Fähigkeiten meiner Seele liebe? Sei meiner gewiß, lieber Freund, im Leben wie im Tode, und nimm meinen tätigen Dank für die Innigkeit hin, mit der Du die meinige erwiderst. Nichts in der Welt kann meine Gefühle ändern, und ich folge Dir mit Freuden überallhin, wo Gott uns gütig gewährt, ein gemeinsames Dasein zu führen. Ich beschwöre Dich, hierin den vollen Ausgleich einer Vergangenheit zu sehen, deren trübe Träume für mich nicht mehr bestehen. Ich bitte Dich, sie Deinerseits mit Nachsicht zu behandeln und nichts von dem zu hassen, was Dir einst Liebe gegeben hat ...

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An ihre Tochter Ondine

Paris, 30. August 1840.

Komm, mein Kind, damit ich Dir Liebe spenden, Dich in die Arme schließen kann! Wie recht hast Du getan, Dich in dieser Verwirrung, über die ich mich ebenso wundere wie Du, an mich zu wenden! Du hast Dein Herz erleichtert, und ich eile Dir zu Hilfe ... Die Zukunft allein – und vor allem eine Trennung – kann Dir deutlich zeigen, wie es um Dich steht. In Deinem Alter durchkreist ein unendliches Bedürfnis nach Liebe unser Blut und unser Herz. Es ist oft unvermeidlich, daß man sich in seiner Wahl irrt, die man stets dem »unabänderlichen« Schicksal zuschreibt. Mein liebes Herz, in Deinem Alter vor allem ist es wichtig, Dir den Irrtum zu nehmen und Dich aufmerksam zu machen, gegen vorübergehende Gemütsbewegungen auf der Hut zu sein, die so viele reine und ehrbare Herzen täuschen. Man sagt: »Diese neue und seltsame Verwirrung beweist mir, daß er es ist, auf den meine Liebe gewartet hat!« ... Mein liebes Kind, vertraue meinem innigen Rat, Du würdest Dich täuschen und in aller Unschuld andere täuschen. Gehe den Gelegenheiten, die solche Versuchungen herbeiführen könnten, aus dem Wege. Im übrigen wirst Du sehen, daß ein junger Mann, sei er noch so schüchtern, zurückhaltend, noch so rein, sobald er seinem Instinkt gehorcht, dennoch recht kühn ist. Daher die vielen unüberlegten Bündnisse, die so oft zwei übereilt aneinander gekettete Existenzen unglücklich machen. Solche Träume muß man teuer bezahlen! Und das Leben ist lang für den, der erwacht ist. Glaube mir, die Freude zu gefallen begleitet stets solche Erschütterungen, selbst wenn eine Enttäuschung alle Hoffnungen eines jungen Kindes vernichtet hat.

Die Frauen tun am klügsten, einem derartigen bei den Männern sehr beliebten Ansturm nicht zu viel Wert beizumessen und sich schamhaft davor zu schützen, ohne Schrecken oder Kummer zu empfinden und ohne sich übertriebene Selbstvorwürfe zu machen. Du darfst keinen ermuntern. Bleibe klug und unbefangen. Laß Dich nicht von einem trügerischen Mitleid für jene befallen, die Du anscheinend unglücklich gemacht hast. Ist ein junger Mann von wahrer Liebe ergriffen, von einer Liebe, die Bestand hat, so sei überzeugt, daß er sich an die Eltern wendet, wenn nicht, so ist es ein wenig ehrenvolles Spiel, das er mit unserer Schwachheit treibt, und Gott weiß, was daraus entsteht.

Flüchte Dich zu mir, nur zu mir! Mein Herz gehört Dir: es ist voller Nachsicht mit Dir – mehr als Du selbst –, aber es ist auch voll Klarheit, und Du hast nichts zu fürchten, solange Du Dich an mich hältst, selbst in der Ferne nicht.

An Valmore

Paris, 20. September 1840, morgens.

Dies ist einmal ein dicker Brief! Sag mir, ob er Dich viel gekostet hat. Bist Du nicht durch so viel Porti ruiniert? Vergiß nicht morgens Schokolade zu nehmen. Oh, wie gerne möchte ich sie Dir zubereiten.

Paris, 25. September 1840.

... Ich kehre von der Hochzeitsmesse heim, während der ich nur Dich sah. Welch süße und schreckliche Gemütsbewegungen harren doch unser im Leben, in der Trennung! Was für Wünsche und was für Erinnerungen habe ich doch Gott in meinem Gebet für diesen guten Charpentier dargebracht; ich habe recht geweint. Und Dich geliebt! Ach Du! Ich bin ganz Dein.

Paris, 4. Oktober 1840.

Sonntag ist es und traurig, mein lieber Freund! Dieser Tag hat für Dich und mich dieses Vorrecht. Die Heilige Schrift sagt: »und die da weinen am Tage des Herrn, werden getröstet sein.« Die Heilige Schrift sei bedankt, sie verheißt uns viel Glück.

Paris, 4. Oktober 1840.

Ach, ich vergaß einen Augenblick lang, Dich zu trösten, verzeih mir! ich bin ganz niedergeschlagen in der Erinnerung an das, was Du schreibst. Es gibt nichts Ärgeres als unwürdige Richter. Geist vermag ein wenig dafür zu entschädigen, gehaßt oder verfolgt zu werden. Da gibt man sich zumindest über das Ausmaß der zugefügten Kränkung Rechenschaft, aber ein literarisches Hornvieh schreibt mit unserem eigenen Blut und glaubt, es sei Tinte ...

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An ihre Kinder

Brüssel, 1. November 1840, 10 Uhr abends.

Meine geliebten Seelen, ich schreibe euch, und alle Glocken Brüssels läuten dazu. Es ist ein einiges Geläut für die Heiligen und die Toten. Kein Pariser kann sich eine Vorstellung von diesen Feierlichkeiten machen, die hier Himmel und Erde in Bewegung setzen. Die Kirchen, die wir uns angesehen haben, waren voller Frauen mit flandrischem Kopfputz, jenem Seidentuch, das bis auf die Füße fällt. Die Kirchen wirken so ganz italienisch, daß ich gar zu gerne wünschte, ihr könntet sie sehen. Hippolyte wäre begeistert. Wir haben heute die Mutter Gottes und das Jesuskind schwarz verhüllt gesehen. Diese Gebräuche bestürmen mein Herz mit tausend Erinnerungen. Sie sind ganz kunstlos, aber das Andenken an meinen ersten süßen Glauben macht, daß ich die starren rosenbestickten Schleier und die steifen Blumenkränze, denen selbst der heftigste Sturmwind kein Blättchen entreißen könnte, anbeten muß.

Ich muß euch von einer Gemäldesammlung berichten, die wir gestern beim Herzog von Arenberg gesehen haben. Welch schweigende Pracht! Welch strahlende feierliche Einsamkeit! Eine Fülle von Rubens, seine beiden Frauen, die sein Pinsel lebenswarm gestaltet hat, er selbst, von eigener Hand gemalt; man meint, die Lippen bewegten sich! Wahrhaftig, hier ist das Refugium der Malerei, man spürt, daß sie wie eine tiefe Religion verehrt wird, ohne viele Worte. Doch was werdet ihr sagen, wenn ihr hört, daß wir den wahren Kopf des Laokoon gesehen haben, den der Herzog von Arenberg für hundertsechzigtausend Franken gekauft hat? Wenn ich tausend Jahre lebte, könnte ich dies Wunderwerk nicht vergessen, das mich nicht mehr losläßt. Dieses von Schmerz und bittern Selbstvorwürfen wie überströmte Haupt! Die Venezianer haben es bei ihren Ausgrabungen gefunden, lange nach der Entdeckung der wundervollen Gruppe, deren eigentlicher Kopf nie gefunden worden war. Sein Anblick ist herzzerreißend, und man erwartet, den in Seelenqual weit aufgerissenen Mund aufschreien zu hören. Der Anblick der freiliegenden Zahnreihen, ganz ohne Verzerrung, trägt viel zu dem martervollen Eindruck bei. Es ist kein Greis, wie bei der Gruppe, sondern ein Mann in der Kraft und Schönheit seiner Jahre. Er weint, wie ich nie Marmor weinen sah, wie man fühlt, daß nur ein Vater weinen kann, der seine Kinder rettungslos verloren sieht. Hippolyte hat einmal die Beobachtung gemacht, daß diese recht jung aussehen, als Kinder eines solchen Greises. Er würde hier mit Begeisterung sehen, wie gut ihre Jugend zu seinen Jahren paßt. Sie dürften fünfzehn Jahre alt sein. – Doch was erzähle ich da! Alles, was ich darüber sage, ist so blaß, daß es mehr Sinn hat, zu unserer Wirklichkeit zurückzukehren.

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An Valmore

Douai, 9. November 1840.

Es gelang mir nicht, das Fenster der Wagentüre herabzulassen, die uns trennte, um Dir noch einmal die Hand zu drücken. Ich gestehe Dir, daß es mir ein trautes Gefühl war, Dich mit einer Person zu wissen, die ich nicht mehr als Fremden betrachten kann. Es war wenigstens kein kaltes Herz, das neben dem Deinen schlug, mein lieber Mann.

Mit großer Bewegung habe ich die Glocken läuten hören, die einst für meinen Vater und meine Mutter die Stunden geschlagen. Von weitem sehe ich den Eingang zu unserer Gasse ... Innige Erinnerung ist der unfehlbarste Garant der Unsterblichkeit. Wie werden doch wir beide Seite an Seite durch sie schreiten! Wir haben so viel in dieser Sparkasse angelegt! Ich umarme Dich, mein guter Engel, und ich trenne mich nicht mehr von Dir, als ob Du im Nebenzimmer wärest.

15. Dezember 1840.

Du glaubst es wohl, daß ich zu jeder Stunde ein zartes und trauriges Entbehren empfinde, Dich nicht zu jeder Zeit um mich zu haben; selbst um mich anzukleiden, was Du oft mit einer Güte tatest, die mich rührt und mir durch und durch geht, o Du!

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An ihre Tochter Ondine

Paris, 26. August 1841.

Ich will Dir nicht sagen, was ich empfand, als ich Dich wegfahren sah, und am folgenden Tag, mein guter Engel. Dein Brief hat mir so viel Glück gebracht, daß ich mich nicht beklagen darf, es mir erkauft zu haben ... Line, ich hab Dich lieb, ich liebe alles, was Dich glücklich macht ... Das Meer bedeutet Dir dasselbe, was es mir gewesen ist. Du hast es wiedererkannt, weil Du es mit meinen Augen gesehen hast, als ich ungefähr in Deinem Alter war. Bist Du denn nicht seit damals in einem Winkel meines Selbst verborgen? Ich habe viele Jahre gebraucht, um Dich in die Welt zu setzen. Wir sind ja nur eins, mein Kind, zwei geworden durch Gottes Willen. Deshalb beklage ich es immer, Dich nicht nahe genug zu fühlen. Wie glücklich aber bin ich, daß Du dies Meer liebst. Es wird Dir die Gesundheit wiedergeben, dessen bin ich gewiß ...

*

An Valmore

Orléans, 16. Jänner 1842.

... Ich habe die Kathedrale wieder gesehen. Überall, wo es etwas Schönes gibt, umschweben mich Deine Gedanken. Du hast meine Bewunderung für all das sehr entwickelt. Italien hat mir einen Schleier vom Auge genommen. Ich erbitte von Gott immer dies: leben zu können, um Dich zu lieben und seine Werke zu bewundern.

16. Mai 1846.

Warum liest Du die Künsteleien, die ich geschrieben habe. Solange dieses Ärgernis währt, von dem ich Dich so gerne heilte, ist das weder klug noch gesund. Nein, ich habe nicht all das gelitten, was diese Seiten erzählen. Ich werde Dir Briefe von unserer armen Pauline zeigen, die mir als Text zu den Elegieen gedient haben, deren Grundempfinden allerdings in meiner Veranlagung vorhanden waren. Die Gemütsbewegungen, von denen sie mir erzählte, formte ich zu Versen; auch ich habe solche erlebt, aber bedaure mich nicht wegen all dieser, die Du mit Rührung liest; und dann, mein Vielgeliebter, diese traurigen Vögel haben sanftem Seelenfrieden den Platz geräumt. Ernsteres Mißgeschick hat aus Dir und mir eine Beute gemacht, die sich weniger harmonisch ausnimmt. Wenn ich aber von dem Schrecken des Elends, das wir seit einem Jahre erleiden, absehe, würde ich mich als die glücklichste aller Frauen fühlen.

Paris, 17. Juni 1846.

Niemals habe ich mehr in Erwartung gelebt – zu leben. Es ist, als ob ich mich in einer Herberge befände, an irgendeiner großen Landstraße, und ausschaute, ob die Pferde kommen. Zumindest erhellt die Sonne das Warten. Du weißt, für mich ist sie die Lampe des Paradieses, und ich sehe Dich durch dieses schöne Licht, das alle Schatten meines Lebens schwinden läßt.

Paris, den 12. September 1846.

Ich erhalte Deinen lieben Brief vom 10. Ich möchte sogleich auf alle Deine Fragen Antwort geben, um Dein Herz zu beruhigen. Die immer wesentliche Frage ist wohl die, von Paris fortzuziehen, dessen ich zehntausendmal müder bin als Du. Du hast mich in dieser Hinsicht nicht richtig beurteilt; ich habe es immer verabscheut. So kann Wahrheit nie den ersten falschen Eindruck auslöschen? Ich habe aus Pflichtbewußtsein, aus Mutterliebe, aus Liebe für Dich diese Stadt den abenteuerlichen Reisen, den Fehlschlägen in der Provinz vorgezogen. Doch ein sicheres Heim – wo immer es sei und fern von Intrigen und Mißverständnissen, dem falschen Schein, dem grauenhaften Antichambrieren – einen Blumentopf am Fenster und Dich zufrieden im bescheidensten Häuschen, – das allein würde mir allzeit zu meinem inneren Glück genügen. – Ich habe nicht fälschlich, noch leichthin, noch um des Reimes willen gesagt: »Ich bin nicht für die laute Welt.« Ich habe die Wahrheit gesagt. Paris wäre mir nur dann erträglich gewesen, wenn ich euch alle zufrieden gesehen hätte. Das sage ich vor Gott.

Paris, 29. Oktober 1846.

Ich würde mir große Vorwürfe machen, wenn ich Dich wissen ließe, welche Martern mich hier Tag und Nacht zerreißen; doch hast Du nicht alles erraten? Weißt Du es nicht, daß ich wirklich und seit langem nur darum noch Hoffnung habe für dieses geliebte Kind, weil Gott groß ist und sich zuweilen von glühenden Gebeten erweichen läßt? Aber weder die Ärzte, die ich befrage, noch sonst etwas auf Erden könnte mich blind machen gegen die ungeheure Gefahr dieser verhängnisvollen Krankheit. Erwäge nun, welche Schrecken meine einsamen Nächte mir gebracht haben, und Du wirst entsetzt sein oder doch überzeugt von meinem wahren Mut und meiner tiefen Liebe zu euch allen, denen ich meine Verzweiflung fern zu halten suche, wirst überzeugt sein von meinem heiligen Bestreben, meine zugleich geliebte und schreckliche Mission zu erfüllen, ohne von euch zu verlangen, daß ihr allzusehr die Qualen mit mir teilt. Darum habe ich Dein Fernsein mit mehr als Entsagung ertragen, darum Ondine zu Dir gesandt; sie ist zu zart für solche Prüfungen. Du weißt alles. Ich verlange also nichts von unserm prächtigen Doktor Veyne, als was er mir geben kann und gerne gibt: seine Gegenwart. Er tut in jeder Weise seine Pflicht: wenn er ohne Hoffnung ist, so sagt er es mir nicht. Er kommt! Dafür segne ich ihn. Du weißt, daß ich mich über die Wissenschaft der Ärzte keiner tröstlichen Täuschung hingebe. Ich glaube an Gott. Wenn er mich schlägt, so weiß ich dennoch, daß es Gott ist, und ich preise ihn dafür. Ich habe Dich unsagbar lieb! Das Verlangen Deines oft so traurigen Herzens nach der glühenden Zuneigung des meinigen ist mir immer gegenwärtig. Ich gebe um Deinetwillen treulich acht auf meine Gesundheit, und ich küsse Dich! Hundertmal am Tag!

Paris, den 18. November 1846.

Ich küsse Dich von ganzer Seele! Mitten durch die Winterdunkelheit komme ich zu Dir, um Deine Einsamkeit zu trösten und aufzuatmen von dieser harten Trennung, die so entsetzlich ist, daß ich sie ertrage, ohne mir doch vorstellen zu können, daß es möglich sei, sie zu ertragen.

Es wollte heute gar nicht Tag werden. Alle Zimmer waren voll schwerer giftiger Nebel, denn die nachbarlichen Kamine speien ihre Rauchfluten über uns aus. Man hat nicht einmal das Behagen einer warmen Kaminecke, denn man muß Fenster und Türen aufreißen. Ich spreche Dir von all diesen häuslichen Kleinigkeiten, weil ich mich nicht entschließen kann, Dein Herz mit den Einzelheiten einer Krankheit zu betrüben, die uns alle wie angebunden hält und unter dem beständigen Druck der unerwartetsten Ereignisse. Der häufige Schlaf, der oft gewaltige Appetit vermögen nicht die verschiedenen Leiden des lieben Kindes zu lindern. Ihr Widerstreben gegen den so guten Arzt, gegen die Mittel, die er verordnet, zeigt sich von betrübender Heftigkeit. Sie entwickelt dann eine Kraft und Willensstärke, die mich geradezu verwirrt. Wir haben den Vormittag dazu benutzt, ihr Zimmer durch meinen Schreibsekretär zu verschönen, nebst einem Fauteuil, den sie sich schon seit Tagen mit glühender Freude wünschte. Was ihr aber aufs heftigste mißfällt, das ist das Bett Ondinens, darin ich nun bei ihr Nachtwache halte. Armes eifersüchtiges Kind, sie läßt sich ganz hinreißen von ihrer Abneigung gegen die Schwester. Herr Veyne sagte mir gestern, wenn die gegenwärtige Krisis überstanden sei, so werde sie wieder vernünftig werden. Sonderbare Sache! Diese Krankheit ist so eigentümlich veränderlich! Oft spricht sie mit ihrer natürlichen Stimme und ißt, als sei sie ganz wohl; überdies schläft sie besser, als seit drei Jahren. Gott ist so groß, so mächtig, daß ich alle diese Dinge mitansehe, als lebte ich zur Zeit des Lazarus. Doch ich würde mich gern in Deine Arme schmiegen, die mich so oft beschützt haben, mein lieber, mein geliebter Mann! Du herrlicher Vater eines herrlichen Sohnes! Segne mit mir dieses unsägliche Glück, diesen unwiderleglichen Beweis von der Liebe Gottes. Er ist wie ein Freudenfeuer zwischen uns, um die schlimmen Wege zu erhellen.

... Herr Balzac hat gestern einen sehr herzlichen Brief an unsere kleine Kranke geschrieben, hat ihr Früchte, Wein und Blumen gesandt und ihr mitgeteilt, daß er alles daransetzen werde, um Dich ganz ernstlich uns wieder zuzuführen. Möge der Himmel ihm beistehen!

1847.

Meine armen, nach Dir ausgespannten Schwingen müssen sich jeden Augenblick rückwärts wenden. Ich finde nur dann Ruhe und Aufatmen, wenn dies liebe kleine Mädchen mich aufatmen läßt. Gestern ist sie mit unbeschreiblichem Entzücken von ein Uhr bis halb neun Uhr aufgewesen. Herr Veyne ist verblüfft. Sie schläft und ißt gut. Ich sage Dir, für den Zuschauer ist es wie ein Wunder. Herr Blanchet, gesprächiger als unser Arzt, hat mir über die Phänomene dieser Krankheit Dinge gesagt, die den Verstand verwirren können. Was mich betrifft, so wandle ich mit geschlossenen Augen unter einem Willen, der stärker ist als der meine!

Ich habe heute keine Neuigkeiten für Dich. Die schlechten – daran hast Du nur allzu viele! Die guten sind aber selten.

*

Nach dem Tod ihres Kindes

Paris, den 20. Februar 1847.

Mein Freund! Da von allen auf der Erde Du allein, nur Du allein mich trösten kannst, so bitte ich Dich darum bei allen Kümmernissen der Vergangenheit, bei meinem entschlossenen und unerschütterlichen Willen, aus Liebe zu Dir allem standzuhalten; ich verlange tausendmal mehr als mein Leben, ich fordere, daß Du mich liebst! Du hast nur eine Möglichkeit, mir das zu beweisen, mein lieber Freund, nämlich die, diese kurze Wartezeit beherzt mit mir gemeinsam durchzuhalten und nun für mich zu tun, was ich für Dich getan habe, weil Du für mich alles: Freund, Geliebter, Gatte, Bruder, Vater und Kind bist. Dies gesagt, dies aus tiefstem Innern uns zugeschworen, erbitte ich von Dir die einzige Sicherung, an die ich glaube, die mir genügen und mich wieder aufleben lassen wird, aber gib sie mir! Dein Wort, mir zu gehören, wie ich Dir gehöre, für uns beide und die geliebten Wesen, die Dich lieben und anbeten, weiterzuleben und ihnen statt einer grausigen eine ungetrübte Zukunft zu bereiten. Bei dem Andenken an unser heiliges totes Kind – mußt Du nicht weinen über den Sturm, der mich schüttelt? Wirst Du mich nicht ans Herz schließen und mich glücklich machen durch dieses Ehrenwort, das ich von Dir erbitte und das die wahre Ehre Dich verpflichtet mir zu geben? Zögere nicht! Ich glaube an Gott im Himmel und an Dich auf Erden!

Beim Durchlesen Deines Briefes, mein Guter, sehe ich, daß Du an meinem festen Willen zu zweifeln scheinst, uns gemeinsam einzuschränken, diese Abzahlungen zu erreichen. Du selbst kannst nicht eifriger wünschen, die Schulden zu tilgen, wie ich, und ich arbeite alle Tage daran. Merk nur auf und schenk mir das gleiche Vertrauen, das Du zu Vater und Mutter haben würdest. Ich werde Dir alles aufrichtig mitteilen, und dann werden wir beide einmütig das tun, was Du zu unserer Herzensruhe für das beste hältst. O wären unsere Herzen doch eins! Verlaß mich nicht! Vergib mir, wenn ich irgendeine Zärtlichkeit unterlassen, wenn ich Dir nicht genug gesagt habe, daß ich überall hingehen würde, aber mit Dir! Wie! Noch fühle ich lebendig Deine letzten Küsse, und Du schreibst mir das? Du, so gut, so edelmütig, so herzergeben? Großer Gott! Was würdest Du sagen, wenn ich oder Dein Sohn Dir so etwas schriebe! Du würdest es nicht glauben. Du hast also nicht bedacht, daß ich Dir überallhin folgen würde! ... Und was tat ich sonst, als nur Dich lieben, was ließ Dich glauben, ich würde zurückbleiben ... Ach! es ist das erstemal, daß Du mir das Herz zerreißt. Und schließlich, beachte das wohl: ich ertrage alles mit Dir, aber nichts ohne Dich! – Also, lieber Geliebter, komm zurück zu mir, beginn nicht wieder den Brüsseler Leidensweg, oder laß mich neues Leben finden, indem ich Dich dorthin begleite. Ich beschwöre Dich um das eine oder andere! Dein Wille entscheide sich für mein Glück.

Sag! Bedeutet es Dir nichts, mir das Leben zu retten? Es ist in Deiner Hand, und ich glaubte, Du habest gefühlt, welche Anstrengungen es mich nach dem furchtbaren Schlag kostete, mich für Dich zu erhalten. Du, der ehrenhafteste Mann, den ich kenne, Du bedenkst also nicht, daß Du durch eine falsche Art zu sehen aufhören würdest, ein Ehrenmann zu sein, denn eine grauenhafte Tat von uns beiden würde nichts gutmachen und würde unsere Kinder ins tiefste Elend stürzen, von ihrer Verzweiflung ganz zu schweigen. In welch sonderbarer grausamen Stimmung hast Du mir geschrieben? Du, der Du sonst schon zitterst, wenn ich nur in eine Diligence stieg, Du willst mich nun durch diese Preisgabe zerschmettern ... Ach, ich bin Dein Weib, Dein armes Weib, und Du schuldest mir meinen Gatten, den ich auf den Knieen von Dir erbitte!

Ich sende Dir diesen Brief, ohne den Sonntag abzuwarten; ich möchte mit ihm forteilen, ich bin an Leib und Seele in solcher Verwirrung, daß ich mich nicht mehr zurechtfinde. Mein einziges Leben! Du, der Du um meinetwillen alles entbehrst, Du bist besorgt, mir zu wenig zu schicken! Du darfst in dieser Hinsicht beruhigt sein, ich habe alles, was wir brauchen, selbst für den Fall eines Umzugs. – Schreibe mir also hierher; was mich nicht mehr erreicht, wird nachgesandt. Frankiere nicht, ich kann das bezahlen.

Mit wie viel Sehnsucht erwarte ich Deine Antwort! Möge der Himmel und die Liebe Dir beistehen, Deiner Frau und innigen Gefährtin nicht das Leben zu nehmen.

Marceline Valmore

Ich habe manches zu sagen vergessen: hoffnungsvolle Schritte, Zukunftsaussichten. Ich sende Dir nur meine Seele! Stoße sie nicht zurück, Du tätest ein Verbrechen!

Paris, 25. Februar 1847.

Deinen letzten Brief trage ich auf meinem Herzen, wie Balsam für meine Wunden ... Ein Wort und das Deine wiegt alle falschen Schwüre auf, die uns betrogen haben. Ah, es fällt mir leicht, allen zu verzeihen, wenn mein Leben auf Deine Zuverlässigkeit sich stützen kann.

13. September 1851.

Die Gewohnheit, zu Dir zu sprechen, wenn ich allein bin, macht, daß ich glaube, Du hättest mich gehört ... so verlasse ich mich oft Dir gegenüber auf ein Wort und halte tausend zurück, die sich alsbald in Seufzer und Tränen verwandeln. Ja, oft weine ich das, was ich Dir nicht sage. Es ist nicht immer aus Trauer, mein Geliebter; die Liebe ist ja so reich an Gemütsbewegungen! Nimm alles von der Quelle, die Dein eigen ist; und wenn Du mir in Deiner Wahrhaftigkeit, an die ich glaube wie an Gott, sagst, daß Du Dein Leben von neuem mit mir wieder beginnen wolltest, so antworte ich Dir vor Gott, daß dies auch mein innigster Gedanke ist.

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