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Marceline Desbordes-Valmore

Stefan Zweig: Marceline Desbordes-Valmore - Kapitel 45
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typebiography
authorStefan Zweig
titleMarceline Desbordes-Valmore
publisherInsel-Verlag
year1929
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Aufzeichnungen aus Italien

Meine erste Sorge bei der Ankunft in Mailand war, zur Post zu eilen. Die Sonne, der Staub hatten uns durstig gemacht nach einem Brief von meinem Sohn und von Dir, und ich habe noch immer nichts vorgefunden, trotz der sechs Tage Reise-Verzögerung in Lyon und Turin. Ich werde Dir erst in einigen Tagen von jener Stadt berichten. Ein trauriges Herz verfinstert jede Schönheit. Ich wage augenblicklich nicht zu sagen, welchen Eindruck sie mir gemacht hat, sondern will es aufschieben, bis ich Eure ersten Nachrichten erhalten habe. Der Bericht würde heute ganz anders ausfallen.

Nach der langen Fahrt auf völlig schattenloser Straße in glühender Hitze waren wir von der Sonne verbrannt und glichen jeder einem lebendigen Staubhaufen. – Die Direktoren erwarteten uns freundlicherweise am Posthof und luden uns ein, andere Wagen zu besteigen, die uns mit solcher Schnelligkeit mitten durch die Stadt führten, daß es mir war, als würde ich von einem Traum gefächelt.

Alle Straßen sind mit blauen Quadern eingefaßt, die nur für Fußgänger bestimmt sind, so daß man beim Spazierengehen die Häuserwände streift. Die Straßenmitte gehört den Wagen; deren Eleganz bemerkenswert ist. Viele haben vier Pferde, Wagenzier und reiches Zaumzeug. Die Damen sitzen zur Schau wie in den Logen, sehr würdevoll und mit viel Geschmack gekleidet. Vor allem wissen sie sich mit ihrem meist schönen Haar wundervoll zu schmücken: sie lassen es von der Schläfe bis zur Brust in langen Ringeln niederfallen, denen sie, trotz der ungewöhnlichen Hitze, der sie sich aussetzen, Haltbarkeit zu verleihen wissen. Ich habe viele entzückende Frauen gesehen ... Ihr Blick ist auf der Promenade kalt und hochmütig, ihre Haltung aufrecht, frei und würdig.

Die Bevölkerung scheint in zwei Gattungen zu zerfallen, die voneinander sehr verschieden sind: die eine gesund, hochgewachsen, vollkommen; die andere verkrüppelt, elend, schleppend. Vor den Türen, auf den Wegen, in den Kirchen – überall mißgestaltete Zwerge, mit Kröpfen behaftet oder verkrüppelten Gliedern, die sie auf Krücken stützen. Es ist für alle, die nicht durch die Gewohnheit abgestumpft sind, ein trauriger Anblick. Unter der ärmeren Klasse sind nur wenige Familien von der Heimsuchung verschont. Zum Glück knüpft sich daran ein frommer Aberglaube; man hütet diese Unglücklichen als den guten Genius der Familie, der die bescheidene Gestalt angenommen hat, um das Haus vor allem Unheil zu bewahren.

... Unser Hausherr führte uns eines Abends zur Kirche San Ambrosio, die so hochberühmt ist, daß wir sehr danach verlangten, sie zu sehen.

... Ich glaubte, wie damals von Santa Maria, gleich beim ersten Anblick ergriffen und geblendet zu werden von dem leichten, aufstrebenden Schwung des Bauwerks – das ist aber nicht so. Alles ist streng und düster; man glaubt in die frühen Mysterien des Christentums einzutreten. Das Kloster, das die Kirche umgibt, die nackten Mauern, die Höfe, in denen das Unkraut wuchert, die kaum noch erkennbaren Freskomalereien, die gotischen massiven Tore – alles zeugt von den Kämpfen, denen die Religion in ihren Anfängen ausgesetzt war. Ich glaubte mich unter der Erde zu befinden, gleichsam erdrückt von den vierzehn Jahrhunderten, die diese Kirche bedrängt haben, die sich dennoch unerschütterlich zu halten weiß. Man berichtet, daß eine eherne Schlange, hoch oben auf einer Marmorsäule, sich aufgerichtet und die Geburt des heiligen Ambrosius verkündet habe. – Zwei eiserne Portale bieten alles, was Menschenarbeit Wundersames leisten kann: Kunst, Ausdauer, glühende Gottesverehrung sprechen aus jeder, mit unbeschreiblicher Feinheit ziselierten Gruppe. Man ist ein Nichts vor solchen Dingen. Ihre Besitzer kennen ihren Wert so gut, daß sie diese Wunder der Kunst hinter doppelten Gittern und zweimal verschlossenen Türen verwahren. Eins der Schlösser ist ein Löwenkopf, und der Schlüssel wird in sein Maul gesteckt ...

Alles, was ich an Musik in Mailand höre: abends im Theater, in den Schulen, den Kirchen, bis hinauf zum Klang der Glocken, ist weit entfernt von Träumerei und sanftem Leid: alles hat den Charakter eines a cantate, einer Bravour-Arie, und es ist kein leichtsinniges Urteil, das ich da ausspreche. Die Stimmen der Leute, so ansprechend in Béarn, so feierlich in Deutschland, sind hier fast ebenso roh und kreischend wie in Lyon; das Land der Falschsinger und Schreier – bis auf einige schöne Ausnahmen. Wenn ich Dich hier hätte, so würde ich Dich vor allem in den Dom führen und rund um die Stadtmauern, von wo man allerorten diesen Dom wie eine köstliche Vision erblickt ...

Ich beginne stündlich ein paar Aufzeichnungen für Dich, und ich werde durch tausend kleine Pflichten, die mich nicht aufatmen lassen, daran gehindert. In Paris war es die Hausglocke, die mich jeden Augenblick aufscheuchte, um die oft so öden, so anstrengenden Besuche über mich ergehen zu lassen, denen ich mich nicht entziehen konnte, weil mein Dienstmädchen ein zartes Gewissen hatte und ihr Seelenheil nicht mit der Lüge, ich sei nicht zu Hause, aufs Spiel setzen wollte. Hier bin ich davor geborgen, keine Seele sucht mich. Das Läuten der Glocken, das Krähen der Hähne, die Schüsse in den Trauerspielen des Theaters – aus dessen Wandelgängen man in dasselbe Gärtchen hinuntersieht, das unten vor meinem einzigen Fenster liegt –, das ist die ganze Begleitung zu dem immer eiligen Takt meines Herzens, das stets voll Liebe für Dich ist; aber ich muß mich oft bescheiden, an Dich zu denken, ohne zum Schreiben Zeit finden zu können. Wir haben keine Hilfe im Haushalt, und meine Tage erschöpfen sich in dieser Tätigkeit, die mir in ihrer vollen Schwere nicht leicht wird, denn die Hitze ist ungeheuer und der Mangel an Küchengeräten groß. Oft, wenn ich durch die Straßen irre, auf dem Wege zur Post oder sonstwohin, verweilt meine Vorstellung bei der seltsamen Lage, in der ich mich mit meiner Familie befinde. Da vor allem mache ich von der traurigen Freiheit Gebrauch, herumzulaufen, zu reden, zu weinen, während ich durch verlassene Gassen eile, vorbei an fremden Häusern bis zu einer gastlichen Kirche, in die ich mich flüchte, als suchte ich durch eine Hintertür im Hause meines Vaters Zuflucht. Hier bin ich gewiß, daß man mich hört. Ich werfe mich auf die Kniee, schlage das Kreuz und verweile kummervoll auf diesen Marmorfliesen, von denen niemand mich vertreiben darf – das ist eine große Gnade, die ich mit Dir teile, denn Dein Herz ist in mir. –

Würdest Du die Kirche San Popolo sehen, Du würdest sie nie vergessen. Da ist eine Darstellung der Szene, wie Jesus den Aposteln die Füße wäscht, halbkreisförmig im Hintergrund eines Altars; dieser Hintergrund wirkt wie ein wirkliches Zimmer, worin die zwölf in Holz geschnittenen Gestalten in Lebensgröße einen so packenden Eindruck machen, daß man zu sehen meint, wie sie sich bewegen. Die gegenüberliegende Kapelle zeigt Jesus vor den Richtern. Ich begreife die Macht solcher Darstellungen, aus denen die wahre Kunst uns grüßt. Ist nicht eine meiner unauslöschlichsten Erinnerungen die an den gegeißelten Heiland, der hinter der verlassenen Kirche, in der ich sechs Jahre früher die Taufe empfangen hatte, im Grase lag? Und dann im Hofe eines Franziskanerklosters, wo wir Verstecken spielten, eine Mutter Gottes mit den sieben Schmerzen, eine Holzfigur, die hinter einem Gitter stand und mir so voll Leid erschien, daß ich ganze Stunden dort in Betrachtung verbrachte und in mir ihren Schmerz nachzufühlen vermeinte ...

Drei Priester singen und tragen drei brennende Kerzen durch den Tag. Ein Priester eröffnet den Zug mit einem goldenen Kruzifix. Ein Mann folgt, mit einer kleinen lackierten Kiste auf dem Rücken; sie ist von grüner Farbe, und ihre Form ist nicht so bedrückend wie jene, die wir in Frankreich unsern Särgen geben. Das war der Leichenzug eines armen Kindes aus dem Volke, dem wir durch die Straße folgten, dem »Borgo di Porta Romana«. Das Volk drängte sich in den Straßen, sang, schrie und rannte durch Staub und Sonne, und die Menge, die Platz machte, um den Priester vorüber zu lassen, hatte kein Auge für den armen kleinen Sarg.

Am andern Tag zog an der nämlichen Stelle eine lange Reihe von Priestern mit Fackeln vorüber, die mit trauriger Ohnmacht gegen die Strahlen der vollen Sonne ankämpften. Frauen, Männer, Kinder, mit brennenden Totenkerzen in den Händen, überfluteten singend die Straße. Inmitten dieses Geleites und unter einem weißen Schleier, dessen Enden von acht kleinen Klagemädchen getragen wurden, schwebte ein leichter Sarg dahin, bedeckt von weißem silberbestickten Atlas und wundervollen Blumenkränzen. Die jungen Mädchen, die Trägerinnen dieser Last, lächelten und lachten; sie waren festlich gekleidet und trugen strahlend weiße, mit Perlen und Bändern verzierte Schleier. Diesmal war es eine reiche Mutter, die weinte. Wir beteten auch für dieses Leid, das für jedes Mutterherz gleichermaßen schmerzlich ist.

Gestern, am 22. August, hat uns Valmore spazieren geführt, und wie stets, begannen wir den Weg mit einer Kirche, diesmal der Passionskirche ...

Was in diesem düsteren und geheimnisvollen Bau am meisten fesselt, das ist ein doppelter Sarkophag aus weißem Marmor, auf ungeheuren Löwenfüßen ruhend, der sich unter der dunklen Kuppel vor der Sakristei erhebt. Die ganze Struktur dieser beiden Zwillingssärge, die sich übereinander erheben, ruft den Geist zur Sammlung und schmerzlichen Bewunderung. Wir konnten uns nicht losreißen ... Während die Arbeiter auf den Gesimsen und den Sockeln der hohen Statuen standen und die schwarzen, mit gelben Tressen umsäumten Draperieen herunternahmen, die auf den Hallenboden niederrauschten, ließen die Schüler der musikalischen Lehranstalt, die hier gewissermaßen der Kirche zugeteilt scheint, ihren herrlichen Gesang ertönen, andere wieder spielten Geige oder Piano, und die Sonne ließ im Untergehen alle Engel der Hauptfront rosig erstrahlen, und die erzenen Gestalten, deren jede ein Werkzeug des Leidens Christi in Händen hielt, schienen sich schön und traumvoll hinwegschwingen zu wollen, fort von den Qualen Jesu Christi und seiner Mutter, die sie weinend umstanden. Es erfüllt mit beständiger Pein, daß man diese Szene für jene, die sie nicht mit Augen sehen können, mit dem Stift nicht festhalten kann. Und daß man anderseits keine Worte findet, um ihren Eindruck auf uns wiederzugeben, ist ein anderer großer Schmerz, der allzuspät ein trübes Licht wirft auf die Unwissenheit, derer man sich nie so sehr bewußt geworden war wie in diesem Augenblick ...

 

Das Glockenläuten ist hier unerträglich. Es zerreißt die Luft und ist so schrill wie die Stimmen der Frauen in Italien. Wenn sie sich unterhalten, meint man, sie seien zornwütend; ihre Stimme springt mit unglaublicher Leichtigkeit von den höchsten Tönen zum dröhnenden Kontra-Alt hinab, so daß man gar nicht fassen kann, die wegen ihrer Reize und ihres Adels berühmteste aller Sprachen zu vernehmen, es sei denn, daß man sie liest oder singen hört; gesprochen aber ist es, um davonzulaufen. War das der Grund, weshalb die sanfte und reine Stimme, der fließende Vortrag und die gefühlvolle Tongebung von Mademoiselle Mars, ihr perlendes Lachen, ihr ergreifendes Weinen hier ein Erstaunen und eine Begeisterung geweckt haben, die unbeschreiblich ist? ...

 

31. August. Wir haben etwas unendlich Trauriges gesehen – mir wenigstens erschien es so. Wir haben Maria-Louise gesehen, über ihre Jahre hinaus gealtert, trotz ihrer reichen Kleidung und ihrer Jasminhaube – die rätselhafte Maria-Louise, deren Herz undurchdringlich bleibt, deren verschlossenes Antlitz keine Bewegung verrät. Ich aber war ergriffen, als ich in dem schmalen Gang, der ihre und unsere Loge verband, notgedrungen ganz nah an ihr vorüber mußte, so daß ihr Kleid mich streifte. Ich gestehe es, zum erstenmal im Leben suchte ich einem Menschen ins Gesicht zu sehen, der in einer recht bescheidenen und dunklen Loge verborgen sein wollte. Aber der Fürst Metternich – und vor allem seine weiß und goldene Uniform hatten sie verraten. Mademoiselle Mars, der ich eilends mitteilte, daß der Arm, den sie soeben berührte, der Maria-Louisens sei, tat alles, was man nur tun kann, ohne den Anstand zu verletzen, um diese reglose Frau zu veranlassen, sich umzuschauen. Sie kam nicht zum Ziel. Als ich sah, daß sie sich erhob und fortging, fand ich mich wie unwillkürlich neben ihr. Sie schritt vorgebeugt, als suche sie die schlecht erhellten Treppenstufen zu erkennen. Ihr sehr leichtes und sehr weites weißes Gewand berührte mich. Ihr Antlitz erschien mir auffällig schmal und gerötet, doch sanft und ruhig. In diesem ergreifenden Moment hatte ich fast eine Vision ich sah den Kaiser tot und den König von Rom, gleichfalls wie einen Schatten, die in diesem frostigen Korridor hinter ihr herschritten, und es wurde mir schwer, das Ende von »Jeanne de Naples« abzuwarten, dessen schrecklichen Schluß sie wahrscheinlich nicht hatte mitansehen wollen ...

 

19. September. Ich denke und schreibe an Dich beim dumpfen Lärm des Rades, das drunten im Hofe gedreht wird, um Sorbett zu bereiten; dies ständig brausende Geräusch macht meine Gedanken, wie mir scheint, zu summenden Fliegen, die sich nicht aufschwingen können. Meine Gedanken kriechen am Boden und summen und beschweren mir das Herz. Drüben in der italienischen Schule singen die Kinder mit absichtlich kreischender Stimme ihre Choräle. Auf den umliegenden Dächern, in gleicher Höhe mit unserem Fenster, klatscht der Regen in Strömen, und das Zimmer ist so feucht, daß die untapezierten Wände Tränen weinen. – Italien! Sage mir, lehre mich, was dein schöner Himmel den Elenden bietet, wenn Wolken ihn verhüllen! Und es gibt viele Elende um uns her, viel Unglück außer unserm Unglück. – Mailand, immer noch Mailand! Ist es nicht in Italien, wo Tasso den Verstand verloren hat? ... Diese anscheinend so öde Stadt birgt in einem Hospiz zweitausend Kranke und Sieche.

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