Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Stefan Zweig >

Marceline Desbordes-Valmore

Stefan Zweig: Marceline Desbordes-Valmore - Kapitel 43
Quellenangabe
pfad/zweig/desborde/desborde.xml
typebiography
authorStefan Zweig
titleMarceline Desbordes-Valmore
publisherInsel-Verlag
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20121227
projectid9a796f6f
Schließen

Navigation:

Allererste Liebe

Ich stand an der Tür des Elternhauses; es war nicht mehr Tag und noch nicht Nacht. Ich erblickte ihn durch den zarten Schleier, der zur Abendstunde in den Straßen schwebt. Seine Schritte eilten, wie ein Engelshaupt blickte sein Kopf mit den blonden Locken nach unserm Hause. Er kam aus dem Friedhof hinter unserm alten Wall; er kam herbei. Wir sahen uns ernsthaft an, wir sprachen leise und wenig. Guten Abend, sagte er, und ich empfing aus seinen Händen, die er mir hinstreckte, eine Anzahl großer Blätter; er hatte sie von den Bäumen auf dem Wall geholt, um sie mir zu bringen. Ich nahm sie mit Freuden; ich betrachtete sie lange, und ich weiß nicht, welche Verwirrung meine Blicke schließlich zu Boden zog. Sie blieben auf seinen nackten Füßen haften, und der Gedanke, daß er sich an der Baumrinde verletzt hatte, machte mich traurig. Er erriet es, denn er sagte: »Es ist nichts!« Wieder blickten wir uns an, und plötzlich grüßte ihn mein Herz: ich sagte mit schwacher Stimme, die nicht beben sollte: »Leb wohl, Henry!« Er war zehn Jahre alt, ich sieben.

Großer Gott! Welch einen Reiz behalten doch solche kindliche Freundschaften! Sein Bild ist meinem Gedächtnis mit derselben Frische eingegraben, die jene grünen Blätter ausströmten, als Henry sie in meine Hände legte.

Was ist aus Henry geworden? Von welchen Augen mag er das eingefordert haben, was er in meinen erstaunten und vertrauenden Blicken sah? Ich erinnere mich nicht, ob er schön war. Seine Züge, sein Mund sind mir entschwunden; nur seine Augen sprechen noch zu mir. In ihnen spiegelte sich unbewußt seine Seele. Die kurzen Worte, die er mit leiser Stimme hinwarf, – mein Ohr kennt noch ihren Tonfall, und jetzt weiß ich, daß sie mich ergriffen. Damals war mir das nicht bewußt. Ich stand nur und wartete auf Henry, ohne mich von der Stelle zu rühren, ohne den Kopf von jener Richtung abzuwenden, aus der er auftauchen mußte ... und er kam. Er kam immer, ohne mir je gesagt zu haben, daß ich ihn erwarten sollte. Das Glück segne ihn dafür!

 << Kapitel 42  Kapitel 44 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.