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Marceline Desbordes-Valmore

Stefan Zweig: Marceline Desbordes-Valmore - Kapitel 42
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authorStefan Zweig
titleMarceline Desbordes-Valmore
publisherInsel-Verlag
year1929
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Dritter Teil. Autobiographische Fragmente

Marceline Desbordes-Valmore hat wenig Autobiographisches hinterlassen (außer ihren Gedichten und Briefen, die ja nichts sind als ein einziger leidenschaftlicher Selbstverrat ihres Lebens und Gefühls). Nie hat sie, die Bescheidene, ihr Dasein, ihr Werk für wichtig genug befunden, um es dokumentarisch zu erörtern oder festzulegen. Die folgenden biographischen Selbstdarstellungen sind darum nur Fragmente, aus Briefen und Werken beinahe zufällig gewählt: ihr ganzes tragisches Leben zu schildern, hat die Dichterin nur in Versen den Mut gefunden.

An Sainte-Beuve

Ich bin in Douai zur Welt gekommen, der Heimatstadt meines Vaters, am 20. Juni 1786. Ich war sein jüngstes Kind und das einzige, das blond war. Man begrüßte mich mit Begeisterung, entzückt über mein helles Haar, das man an meiner Mutter so bewunderte. Sie war schön wie eine Heilige, man hoffte, ich würde ihr völlig gleichen; aber ich habe ihr nur wenig ähnlich gesehen, und wenn man mich lieb hatte, so war es um anderer Eigenschaften als der Schönheit willen.

Mein Vater war Wappenmaler für Equipagen und Chorstühle. Sein Haus lag neben dem Kirchhof der kleinen Pfarrgemeinde Notre-Dame in Douai. Ich hielt es für groß, dieses liebe Haus, das ich mit sieben Jahren verlassen hatte. Seitdem habe ich es wiedergesehen, es ist eines der ärmsten in der Stadt. Und dennoch liebe ich dieses Wahrzeichen einer schönen, vielbeweinten Zeit über alles in der Welt. Ich habe nur dort den Frieden und das Glück gekannt, aber auch ein großes, abgrundtiefes Leid, als mein Vater keine Wappen mehr zu malen hatte.

Ich war vier Jahre alt, als der große Umsturz in Frankreich erfolgte (die Revolution von 1789). Zwei Großonkel meines Vaters, die bei der Aufhebung des Edikts von Nantes nach Holland geflüchtet waren, boten meiner Familie ihr ungeheures Erbe an, sofern man uns Kinder zum protestantischen Glauben übertreten ließe. Diese beiden Onkel waren hundertjährige Greise. Sie lebten als Junggesellen in Amsterdam, wo sie einen Buchverlag gegründet hatten. Sie haben auch von mir Bücher gedruckt.

Man hielt einen Familienrat. Meine Mutter weinte sehr. Mein Vater war unschlüssig und drückte uns ans Herz. Schließlich lehnte man das Anerbieten ab, um nicht unsere Seelen zu verkaufen, und wir verblieben in einer Not, die von Monat zu Monat grausamer wurde und zu solcher inneren Zerrissenheit führte, daß ich seitdem für alle Zeit schwermütig geblieben bin.

Meine Mutter, voll Mut und Unbedacht, ließ sich von der Hoffnung hinreißen, ihrer Familie das Dasein zu erleichtern, indem sie sich zu einer in Amerika lebenden und reich gewordenen Verwandten aufmachte. Von den vier Kindern, die vor dieser Reise zitterten, nahm sie nur mich mit. Ich tat es gern; aber als ich das Opfer gebracht, hatte ich für immer meinen Frohsinn verloren. Ich verehrte meinen Vater, als wäre er der liebe Gott selber. Die Städte, die Straßen und Hafenplätze, wo er nicht zu finden war, flößten mir Entsetzen ein; ich hing mich an das Kleid meiner Mutter, als wäre dort mein einziger Schutz.

Als wir in Amerika, in Guadeloupe, ankamen, war die Cousine inzwischen verwitwet und durch die Neger von ihrer Besitzung vertrieben; die Kolonie stand in hellem Aufruhr, und das gelbe Fieber herrschte überall. Die Mutter konnte den Schlag nicht ertragen. Sie starb – mit einundvierzig Jahren! Ich selbst an ihrer Seite war dem Tode nahe. Man führte mich fort, fort von dieser durch den Tod fast entvölkerten Insel, und von Schiff zu Schiff wurde ich meinen nun völlig verarmten Verwandten in Frankreich wieder zugeführt.

Damals war das Theater für sie und für mich eine Art Hilfsquelle geworden. Man lehrte mich singen. – Ich versuchte, die Muntere zu spielen, aber ich war besser in schwermütigen und leidenschaftlichen Rollen. Das entspricht auch besser meinem Schicksal. Ich lebte oft allein, weil es mir so gefiel. Man berief mich ans Theater Feydeau. Alles deutete auf eine glänzende Zukunft; mit sechzehn Jahren war ich Sozietärin, ohne es verlangt oder erhofft zu haben. Aber mein bescheidener Anteil beschränkte sich damals auf achtzig Franken im Monat, und ich kämpfte mit einer unsäglichen Armut.

Ich mußte meine Zukunftsaussichten der momentanen Not opfern und kehrte, im Interesse meines Vaters, in die Provinz zurück.

Mit zwanzig Jahren mußte ich dem Gesang entsagen, weil ich Schmerzen dabei hatte und weinen mußte – aber mein kranker Kopf war stets voll Melodieen, und ein immer gleicher Rhythmus gab, mir unbewußt, meinen Gedanken Form.

Ich mußte sie niederschreiben, um den fiebernden Klängen zu entgehen, und man sagte mir, es sei eine Elegie.

Herr Alibert, der meine sehr angegriffene Gesundheit zu heilen suchte, riet mir, da kein anderes Mittel helfen wollte, damit fortzufahren. Das versuchte ich, ohne je etwas gelesen oder gelernt zu haben, so daß es mir qualvolle Mühe schuf, meine Gedanken in Worte zu kleiden. Dies ist gewiß der Grund der Unklarheiten, die man mir zum Vorwurf macht, die ich jedoch selbst nicht beheben konnte. Ich änderte, ohne bessern zu können, und ich hatte nie die Kraft, mich mit diesen Aufzeichnungen von Dingen, die ich vergessen wollte, lange zu beschäftigen, – ich hatte so viel anderes zu tragen! Ich bin, wie jedermann, zum Leiden auf der Welt – und man sollte eher richtig denken, als richtig sprechen lernen. Wenn ich gut sprechen höre, fühle ich mich hingerissen, ohne mehr dabei zu empfinden als eine köstliche Träumerei. Zur Selbsterkenntnis aber hilft es mir gar nichts.

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