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Marceline Desbordes-Valmore

Stefan Zweig: Marceline Desbordes-Valmore - Kapitel 37
Quellenangabe
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typebiography
authorStefan Zweig
titleMarceline Desbordes-Valmore
publisherInsel-Verlag
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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An meinen Sohn

(vor seiner Reise in das Pensionat)

Ein Abend war, der Herdschein hellte sacht
Das Haus, von Arbeit und von dir belebt.
Großvater hielt mich träumend auf den Knieen
(Mit uns zu wachen wird er nimmer müde).
Er sprach: begann von Trennung, von der Schule,
Von Arbeit, vom Erfolg, der sie erleichtert –
Und dankbar, daß ihn einst, so jung er war,
Die Mutter hingebracht ... er sprach's für mich ...
Auch breitet' er vor deine Blicke Bilder,
Wies neue, weite Horizonte auf,
Erzählte, wie, so klein er war, er doch
Die Mutter unterwegs gestützt, geführt,
Als diese einsichtsvolle Frau ihn trotz
So inniger Liebe von sich fortgeleitet.
Sein Blick war feucht, der mich von unten streifte.

*

O ja, das Kind will stets voran, das weite
Gebiet der Welt durchziehn und heiß betrachten;
Sein Sinn ist gleich dem Vogel ohne Rast,
Der überall dem Tag entgegenfliegt.
Nun wußte ich, daß mir ein Traum zerronnen,
Daß alles Abschied nimmt, daß jedes Glück
Versiegt – und meine Pflicht verwirrte mich.
Doch tat ich sie? ... Mein Vater konnt es sehn!
Am andern Tag entführt ich eine Seele
Dem trauten Nest der Heimat, und vorbei
An unsrer Buchenhecke und den Tauben,
Die zusahn, wie wir gingen, wußt ich nicht
Die Türe hinter dir zu schließen; nein
Wie eine, dreimal willig umzukehren,
Im Glauben, irgend etwas sei vergessen –
So war ich dreimal zögernd, fortzugehn.
Der Wagenführer rief. Ich hört ihn ja,
Indes ich immer noch nach rückwärts sah!

Und du! Hell lachte deine Seele in die Welt
Und überall, wo unser Wagen hielt,
Du lieber Hüter meiner rauhen Pfade,
Stiegst du herab, mir zart die Hand zu reichen.
Man freute sich des so eilfertigen Pagen,
Des so ergebnen, liebevollen Kindes,
Und in mir sprach ein letzter Traum von Glück:
»Nie machst du ohne ihn den Weg zurück!«

Die wir auf Erden unsre Früchte tragen,
– Der Männer zarte Schwestern, aber stark
In Liebe – ach, wir Mütter, warum geben
Wir ihnen Leben, da man sie uns raubt?
Kaum sind sie unser, nimmt man sie uns wieder.
O Mütter, wißt ihr denn, was man sie lehrt?
Vor Herrenzorn erzittern und aus Pflicht
Im Jahr nur einmal bitten, uns zu sehn,
Und ihr Erinnern von uns abzuwenden.
Was aber wissen sie? Von fremden Sprachen,
Vom unterdrückten Aufstand armer Völker,
Auf die nur stets die Geißel niedersaust;
Und nur die Zeit wird sie das Rechte lehren.
Du Reinheit meines Kindes wirst vernichtet!
Und kehrt mein Sohn mir wieder, o, so ist
Er gar gelehrt und wird Lateinisch reden.
Mein armes Kind! Ich aber wage nicht
Wie früher deinen blonden Kopf zu kämmen.
Du wirst Lateinisch reden! Und du wirst
Mit mir kein lang Gespräch mehr führen können
Und wirst dir sagen, Mutter weiß ja nichts!
Geh doch! die Liebe selber weiß nicht mehr;
Sie leitet alles ohne Wort und Worte.

So viel, als meine Füße mich nur trugen,
Hab ich, um deine Tage zu bereichern,
Herbeigesucht, was deine Phantasie
Antreiben könnte; das ist unser Mühn
Und unsre Poesie. Auch goß ich manche
Recht ernste Lehre in dein weiches Herz,
Das meine sanften Lieder sonst gewiegt.
War's nicht genug für dein so junges Alter?
Noch hast du nicht zehn Jahre, kleine Seele!
Und schade ist es und gefahrvoll auch,
Schon deiner Jugend all die fremden Schrecken
So vieler Heimlichkeiten aufzudecken ...

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