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Marceline Desbordes-Valmore

Stefan Zweig: Marceline Desbordes-Valmore - Kapitel 22
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typebiography
authorStefan Zweig
titleMarceline Desbordes-Valmore
publisherInsel-Verlag
year1929
correctorJosef Muehlgassner
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An meine Schwester

Das ist nun so! Ich liebte ihn, und er allein,
Nur er gefiel mir; seine Züge, seine Stimme,
Sanft wie die Liebe, fürchterlich im Grimme ...
(Erbarmen! Sieh, ich weihe dich in alles ein!)
Was er begehrt, gelobt – Gelöbnis gab ich wieder,
Ich liebte ihn, die Qual – anbetend kniet ich nieder.
Sein eifersüchtiger Vorwurf rührte mich noch mehr.
Ich starb an ihm und sagte nur: »Vergib!«
Ich war so unterjocht, daß mir kein Selbst verblieb.
Und hättest du ihn weinen sehn, du wärest sehr
Mir bös geworden; ja, du hättest nicht
Ihn hören können, ohne selbst zu weinen.
Begreifst du, daß mein Herz sich schuldig spricht
Und gerne stirbt – hinschmelzend in dem seinen? –
Das schwanke Schilf, von Sturm bedroht,
Sieht seinen Mut gebeugt; doch weht ein sanftrer Hauch,
Erhebt es sich, schaut auf aus seiner Not:
So heb an seinen sanftren Blicken ich mich auch.
Wenn dann mein Herz von neuem Leben fand –
Wie trostreich war sein Wort und wagte keine Klage;
Gleich ihm erbebend und entzückt, empfand
Ich nur des Sturmes Lust – vergaß die Niederlage!
Welch süßes Beieinander, Gott, welch irres Glück,
Wenn seine Stirn an meinem Herzen lehnte,
Wenn seine Träne sich nach meinem Lächeln sehnte –
Wenn ich ihn fühlte, mein und ganz zurück!
Mir war kein Leid geschehn, er weinte. – Doch die Zeit
Des Unrechts und der Tränen, Schwester, die ist weit;
Das Unrecht seiner Liebe, das von Reizen sprühte –
Jetzt wird mir nichts, als seine stumme Güte.

Die Güte des Unbeugsamen! Wie straft er hart,
Daß mich ein Tag genarrt,
An dem ich Macht besaß, an dem mein Friede starb,
An dem mein Glück für alle Zeit verdarb.
Für alle Zeit! Glaubst du? Sag, daß es Irrtum ist,
Daß er nur prüfen will, nicht grausam sein,
Mir wiederkehren wird – sag mir's zum Schein,
Doch sieh, daß er mich täuscht mit gleicher List.
Erbitte das von ihm, beschwöre ihn ... nein, bleibt
Uns trennt ein Stolz – ein Stolz so kalt wie Tod.
Du siehst, er flieht vor mir, du siehst auch meine Not.
Ein Mann ist grausam – daran stirbt ein Weib.
Mir bringt es Sterben – ihm war's Zeitvertreib!
Klag ihn nicht an; noch bin ich ihm ergeben,
Bin noch am Leben;
Und eh ich ihn verriete – Schwester, nein,
Viel lieber ewig stumm und ewig klaglos sein!

Nichts ist beständig, also auch nicht er.
Woher dies Murren und die herben Tränen?
Was nimmt die Liebe das Verschmähtsein schwer!
Nichts ist beständig – also auch nicht er.
Er flieht ein Glück, das ungerührt ihn ließ –
Ist's an der Liebe, ihm das vorzuhalten?
Mein Weh soll nur in dir sich neu gestalten,
Und sucht er deinen Blick, so sag ihm dies:
Sprich nur mit deinen Augen meinen Namen,
Stumm sei dein Vorwurf, dein bescheidnes Leid;
Verzeihe ihm wie ich zu jeder Zeit.
Ach, alle Flammen, die zum Sterben kamen,
Entzünden sich an keiner Reue neu!
Mag er ganz unbefangen mich beweinen
Und arglos, daß er schuldig sei,
Sein Trauern still mit deinen Tränen einen.
Sieh, Schwester, lang schon habe ich den Tod erkannt.
Denn plötzlich fiel auf ihn ein heller Strahl,
In jener Nacht, als aus erloschnem Brand
Des Liebsten kalter Blick sich zu mir stahl.
Wie schreckt die Seele auf, wenn ihr ein Wahn zerrinnt!
Der schwanke Halm erbebt nicht so im Wind,
Nicht so der Vogel, den ein Blitz erregte –
Ich fühlte, wie ein Unheil seine Netze legte.
Zum ersten Mal – wie stets voll Überlegenheit –
Schien er mein Sein von eignem Sein zu trennen:
Er sprach von Glück, doch ohne Zärtlichkeit,
Sprach von der Zukunft – ohne mich zu nennen!

Und seine Hand, die sonst wie er so freundlich tat,
Blieb kalt bei meinen Sorgen,
Sein Auge, das so oft ein Wiedersehn erbat,
Sprach nicht: »Auf Morgen!«
Bleich, fast auf Knieen, beschwörend sagte ich –
Ich sagte nichts; kann doch ein Schluchzen sprechen!
Ein stummer Schrei begehrte bitterlich
Den Busen, der ihn niederhielt, zu brechen.
Das dumpfe Schweigen, das viel eifrig spricht –
Ach, alles, alles bat in mir: er hörte nicht!
Es war zu Ende, Schwester. Unter Tränen kam
Ich zur Vernunft, doch nicht zurück zum Leben:
Ich lauschte ... bis ich seinen Schritt nicht mehr vernahm;
Ich war allein – ein Kindlein, das soeben
Verlassen von der Mutter, seine Stimme bricht
An zu viel Weinen, und dann reglos steht,
Bleich und erwartungsvoll; dies Kind fühlt nicht
Solch grauenvolle Pein, in der es untergeht,
Nicht solche dunkle Last wie würgend an der Kehle,
Nicht solche Not der Seele,
Nicht solch Gespenst, das drohend zu ihm findet,
Wenn seinem Blick der Tag – die Hoffnung, schwindet.

Was ist's, das jenen Vogel entsetzt zum Neste treibt?
Der Schatten meiner nahen Todesnacht steigt auf:
Sieh, wie er dort im Nebel schwarze Zeichen schreibt,
An meinen Fensterblumen windet sich's herauf.
O küß mich, Schwester! Seine dunklen Schwingen
Berühren mich, um mir den ewigen Schlaf zu bringen.
Der Strahl, der flieht, es ist der Tag nicht mehr,
Nicht mehr das Leid und auch die Liebe nicht;
Es ist mein letzter Blick: so kalt wie er
Ist mein Gedächtnis, wie ein Spiegel, der zerbricht.
Nichts ist beständig, Schwester, alles bleicht, vergeht –
Ich weiß, daß Friede oder Tod in meinem Herze steht.

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