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Marceline Desbordes-Valmore

Stefan Zweig: Marceline Desbordes-Valmore - Kapitel 19
Quellenangabe
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typebiography
authorStefan Zweig
titleMarceline Desbordes-Valmore
publisherInsel-Verlag
year1929
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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Herbstanfang

Gedenkst du noch, mein, Herz, mein armes Leben,
Des bleichen Herbsttags, der so traurig schien?
Die Wälder seufzten und beklagten ihn,
Der zögernd nur sein Lebewohl gegeben.
Die Vögel sangen keine Zuversicht –
Ein kalter Reif bedrängte ihre Schwingen –
Und wie sie stumm an kahlen Ästen hingen,
Ersehnte man die Blüten und das Licht.

Ich war allein, dem lauten Fest enteilt
Und deinem Blick, um zur Vernunft zu finden,
Doch Schwermut der Natur ist nichts, das heilt,
Wird nur mit unsrer Schwermut sich verbinden.
Ziellos und hoffnungslos und ganz versunken,
Mit langsam scheuen Schritten ging ich hin:
Nun schien der Herbsttag schwül und feuertrunken.
Denn dein geliebtes Bild trug ich im Sinn.

Mit letzter Kraft entfloh ich deinen Ketten
Und meinte so, mich vor mir selbst zu retten.
Mein Auge aber, das in Tränen glühte,
Empfand ein Wirken, das herübersprühte;
Und durch den Nebel kam es auf mich zu,
Ließ mich in Schreck und Zärtlichkeit erbeben:
Vom neuen Sonnenglanz verklärt, umgeben –
Die Himmel öffnen sich – erschienest du!
Ich wagte nicht zu reden; tief betört,
Vom Zauber der Begegnung heiß benommen,
Vermocht ich nicht zu reden, wie verstört,
Daß deine Seele nun zu mir gekommen.
Doch als du meine Hand, mit deinen Händen
Umspanntest und ein Schauer mich durchfloß,
Als Röte meine Stirne übergoß –

Mein Gott! Wie flog mein Blut in heißen Bränden!
Nichts mehr von Flucht und gar nichts mehr von Grauen;
Zum erstenmal gestandest du dein Herz.
Mein eignes Leid verband sich deinem Schmerz,
Und meine Seele gab dir ihr Vertrauen.
Ich weiß es noch! Weißt du es noch, mein Leben?
Die köstlich süße Pein
Der Worte, dir von Schwermut eingegeben:
»Ich leide, doch dies Leiden muß vom Himmel sein!«

Vom Walde brach kein andrer Laut das Schweigen.
Der Tag war unsrer Tage hellstes Glück;
Ob nah am Schwinden, hielt er noch zurück.
Und seine Flucht schien deine anzuzeigen!
Das Licht der Welt beglänzte unsern Frieden,
Doch eine Wolke schlang sein Feuer ein –
In unsern Herzen, ewig jetzt geschieden,
Blieb nichts zurück als nur der Widerschein.

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