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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 9
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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IX

Nur kräftiger Wille, Charakter, Anstrengung, Kühnheit haben mich zu dem gemacht, was ich bin. Das ist das Wort Napoleons und seine Idee. Was er will, wollen alle: nicht allein den geistigen Sieg, sondern den Erfolg. Nicht bloß die moralische Überlegenheit, sondern die wirkliche Macht. Macht in der menschlichen Gesellschaft und über sie. Ihm war es gegeben, alles zu erreichen, er war dazu bestimmt, mehr als alles zu verlieren. Mit jungen Jahren noch stirbt er, vergiftet von der Sumpfluft Sankt Helenas, verhungert durch die Tücke der Engländer. Wir andern leben sein Leben zu Ende. Was er war, wird die Welt hundert Jahre lang nicht wieder sehen. Frankreich wird einen Napoleon nicht wieder tragen. Der Titel Kaiser der Franzosen war ihm genug, er wollte keine Vergleichung, nicht den Namen Imperator Augustus, nicht das Zauberwort Cäsar. Er herrschte. Auf Sankt Helena hat er gesagt: »Ich kann nur befehlen oder schweigen.« Beides hatte er nicht gelernt und konnte es doch. Macht wird im Sturm genommen, nicht ererbt und nicht erkauft. Das wissen wir alle. Der Wille entscheidet. Wenn Napoleon wollte, handelte er. Wenn Napoleon sprach, tadelte er. Sein Lob war Schweigen. Keinem Erbkönig hat man treuer gedient als ihm, als er befahl. Freilich, als er zu schweigen beginnen mußte, verließen ihn alle. Balzacs Glaube, una fides , ist nicht der Glaube der Welt. Aber welche geheimnisvolle Kraft war diesem Manne eingeboren! Dieser finstere, ungesellige Mann war der größte Meister im Verwenden von Menschen. Der steife, ungeschickte, im Grunde schüchterne korsische General spielte mit den Umständen, dem Erreichbaren, dem Möglichen, mit Wetter und Wind, Sonne und Schatten auf dem Schlachtfeld, mit den Alpengebirgen und den Grenzen der Länder. Das Leben, die Talente, die Leidenschaften seiner Marschälle, seiner Diener, seiner Staatsräte waren ihm Schachfiguren wie die, mit denen er als Leutnant der Artillerie im Café Procope gespielt hatte. Er blieb derselbe von der Zeit, da er als entlassener, kassierter Offizier hungrig durch die Straßen von Paris schlich, bis zum 18. Vendemiaire, wo er sein Geschick und damit das Geschick der französischen Revolution mit den Lafetten seiner kleinen Geschütze herumriß, entschieden, gewalttätig, ruhig, überzeugend und ein für allemal.

Hier beginnt Napoleon.

Sehen Sie den kleinen Mann (er war nicht größer als ich), olivengelb von Gesichtsfarbe; hellblaues, kaltes Licht in den tiefliegenden Augen; buschige, aber schöngeschwungene Augenbrauen darüber; das schwarze, straffe Haar schräg in die hellere Stirn gezogen; die Hände über dem Sattelknopf auf der goldverbrämten Purpurschabracke ineinander verschränkt; die magere und doch gedrungene Gestalt wie aus Erz gegossen. So hält sich Bonaparte auf dem breiten Rücken des im Kanonendonner unbeweglichen, durch den Pulverrauch unbekümmert groß blickenden arabischen Pferdes. Ich zeige Ihnen den Mann am 25. Juni 1800, drei Uhr nachmittags, auf der herrlichen Ebene von San Giuliano. 10 000 Mann feindliche Reiterei haben eben siegreich seine rechte Flanke überflügelt. Welch ein Getümmel, welch eine Szene! Bonaparte ist ruhig, er stellt die Gardegrenadiere in Schlachtordnung, er sammelt sie um eine Granitschanze in der Mitte dieser ungeheuren Ebene. Nichts kann die Unvergleichlichen erschüttern. Da konnte man wahrlich sehen, sagt Bonaparte, was eine Handvoll tapferer Leute vermag. Durch diesen hartnäckigen Widerstand wird die Linke des Feindes aufgehalten. Unsere Rechte wird derart bis zur Ankunft des Generals Monier unterstützt, daß man Zeit gewinnt. Österreichs Reiterei, Fußvolk, Artillerie wird en masse gegen das Gardebataillon geführt, aber vergeblich. Inzwischen hat General Monier das Dorf Castel-Varriolo durch einen tollen Bajonettangriff weggenommen. Da macht die feindliche Reiterei unvermutet eine schnelle Bewegung gegen meine Rechte. Desaix wird erwartet. Seine Division fehlt. Schon ist mein Heer im Wanken. Es ist erschüttert. Nun hat es bloß dieser feindlichen Attacke bedurft, und meine Truppen weichen in immer beschleunigtem Rückzug. Oder man nenne es Flucht. Denn der Feind ist voran: weit über hundert Kanonen speien Feuer gegen mich, Kartätschen und grobes Kaliber, das Feld steht in Flammen, der Himmel voll Wolken und Pulverrauch, die Wege zwischen den Feldern, die Steige in den Weinbergen, alles ist mit Flüchtigen, Verwundeten, Trümmern, Tieren und Toten bedeckt. Man hört Schreien, Kreischen, Wiehern der Hengste, und immer hindurch den Donner der Geschütze. Aber es schießen bloß die Österreicher noch. Unsere Artillerie schweigt, kein einziges Stück scheint zu feuern. Das Gewühl, die Verwirrung wird immer furchtbarer. Um mich wird alles leer. Es ist fünf Uhr nachmittags. Die Schlacht bei Marengo ist verloren.

Der Feind stößt mutig weiter vor bis zum Dorfe San Giuliano, als wäre alles vorbei. Desaix trifft ein, ich und er müssen entscheiden. In San Giuliano habe ich jetzt gegen halb sechs Uhr in höchster Eile, aber mit sicherster Ruhe als letzten Einsatz die Division Desaix mit nur acht Stück leichter Artillerie im rechten Winkel zur Schlachtordnung aufstellen lassen. Alle Flüchtigen sammeln sich hinter dieser lebenden Schanze. Dies das Kommando. Der Feind bläht sich im Gefühl des Sieges auf. Ich erkenne es: zu weit. Er macht Fehler. Er spreizt seine Flügel wie ein alter Hahn mit schütteren Federn. Ich reite heran. Mein arabischer Gaul sprengt vor die letzten Kolonnen. Meine Gegenwart erfüllt die Truppen mit neuem Mut. »Kinder«, sage ich zur Truppe, auf die ich von meinem Araber herabsehe und die zu mir emporblickt, »erinnert euch daran, daß ich gewohnt bin, auf dem Schlachtfelde zu schlafen.« Sie schreien, ihr Jubelruf dringt bis an die Wolken, zerstäubt den Pulvernebel der Geschütze. Unter dem Rufe: »Es lebe die Republik! Es lebe der Erste Konsul!« greift mein unvergeßlicher Desaix im Sturmschritt das Zentrum der Österreicher an. Durch die Überflügelung ist ihr Zentrum geschwächt. Unsere Leute, Desaix an der Spitze, kämpfen unvergleichlich. Die Sonne verdunkelt sich. Es wird finster. In diesem herrlichen Augenblick wird der Feind geworfen. General Kellermann, der mit seiner Brigade schwerer Reiter während der letzten Stunde den Rückzug gedeckt hat, kommt meinem Befehl zuvor. Aus eigenen Stücken ist er gegen den Ort des stärksten Kanonendonners herangestürmt, er macht einen Angriff in so gelegenem Moment und mit derart unüberwindlicher Heftigkeit, daß er siegreich durchbricht und 5000 österreichische Grenadiere und in ihrer Mitte den General Zach, den österreichischen Generalstabschef, gefangennimmt. Mehrere feindliche Generale fallen, tapfer kämpfend.

Meine ganze Armee folgt jetzt der Bewegung. Die Rechte des Feindes wird abgeschnitten. Ich habe 15 Fahnen, 40 Kanonen erobert, 8000 Gefangene gemacht. Der Feind hat in Bestürzung und Schrecken das Schlachtfeld geräumt. Desaix ist im Beginn seines Angriffes von einer Kugel getroffen worden. Er ist auf der Stelle gestorben.

Als man mitten im stärksten Feuer dem kommandierenden General den Tod des Generals Desaix meldete, sagte er nur das einzige Wort: Warum ist mir nicht erlaubt zu weinen?

Hier haben Sie Marengo. Hier beginnt Napoleon.

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