Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > >

Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 37
Quellenangabe
pfad/weiss/nacht/nacht.xml
typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
Schließen

Navigation:

III

Im Traume kehrt der Arbeiter zu seinem Tagewerk, der Sündige in seine Hölle, der Selige in sein Paradies zurück und der Halbgott in seine Menschlichkeit. Balzac sah sich im Traume, wie er am Abend des dritten November durch die Hand seines alten Dieners Francois einen Brief bekam. Eben hielt er nach zwölf Stunden ununterbrochener Arbeit inne, er zog seinen Atem tief, fast rasselnd ein. Er sah sich selbst, sein Antlitz, feist, olivenfarben, rot getigert unter dem strotzenden, schwarzen, leicht ergrauten Haupthaar. Sein abwesender, großer Blick streifte die noch kahlen, am Fußende grauen und feuchten Wände seines Zimmers bis zu dem halberloschenen, in die neue Mauer schlecht eingefügten, prächtigen alten Marmorkamin aus cipoliotischem, perlenfarben und blutfarben geäderten Gestein. Schon hatte der Dichter seine volle Kraft wieder und wollte sich, mit einem wollüstigen Gefühl von Mattigkeit und sinnlichstem Verlangen zugleich, der Arbeit wieder zuwenden, als er den Diener mit dem Briefe seines Freundes vor sich sah. Wie konnte er das wiederholte Pochen überhört haben? Schwer war er zwar, mühselig; sich aus dem knarrenden, harten Stuhl zu erheben, einen Schritt zu gehen, ohne Stütze aufrecht zu stehen machte ihm Mühe, aber schwerhörig war er nicht, vernahm er doch sonst den leisesten, schüchternsten Laut, das Zirpen einer Grille, das Krachen der Fußböden, das Sausen des Windes von den fernen Wäldern her in der großen, schönen Stille hier.

Nun hielt der Alte den Brief, den bläulichen Umschlag mit den schwarzen Siegeln wie eine Hostie zwischen den faltigen Händen. Eine Hostie reichte man ihm dar, schwarz gesiegelt, einem Sterbenden bestimmt. Durch stummes Wegwenden seines mächtigen, löwenartigen Hauptes zeigte er an, daß er durch nichts, durch niemanden gestört sein wolle, und dem verschmähten Brief blieb kein anderer Platz als das Fensterbrett. Der weiß berauhten, eisigen Fensterscheibe schmiegte er sich an. Die Abendsonne begann mit einem hingehauchten Bronzeton durch das dünne Papier hindurchzuschimmern, während das Zimmer, der ihm immer noch fremde Raum, sich in einer Sekunde bis zum Unerkennbaren veränderte. Nicht mehr Herbstnachmittag, sondern vor dem Fenster und auf dem wie eine Handfläche glatten Gartengelände dunkelste Nacht. Der tiefe Absturz, der bis zu den Schluchten von Sevres abfiel, in völlige Schwärze getaucht. Der einzige Baum des Gartens nicht zu erkennen, nur ein rötliches Licht am Eisenbahnübergang nach Versailles, sehr fern, und hier eine Kerze in silbernem Leuchter auf dem Tische, die handschriftlichen Blätter auf der einen Seite, die Druckfahnen auf der andern Seite des Leuchterfußes vorsichtig aufgeschichtet und nicht in ihrer Ordnung verrückt. Links von ihm der alte Diener, in seinen abgenutzten, gelbgrünen, nur bis zu den vorstehenden, dürren Knien reichenden Gärtnerkittel gehüllt, wie er den zweiten Silberleuchter in der hocherhobenen, festen, derbknotigen Hand hält und seinem Herrn in solcher Ruhe leuchtet, daß die Kerze nicht flackert.

Um vier Uhr nachmittags ging die Sonne unter, nun muß es viel später sein. Der Diener ist uralt geworden, seine Hände fast schwarz, mumienartig vertrocknet, wie überwinterte Weinranken ganz verholzt, das Auge leer, mit weißen Ringen um den matten Stern der Mitte, die Lippen aber vom zahnlosen, weichen Munde nach innen gesaugt, als kaue er an ihnen. Aber Balzac steht aufrecht da, ebenso ein hoher Greis wie sein Diener. Seine geschrumpften, wie spätwinterliche Äpfel runzligen, mit schwellenden, schwarzblauen Adern überzogenen, vom Alter gebräunten Hände hat er in die goldene Kette verstrickt. Einst, in jungen, in guten Tagen, spannte sie sich, wenn er sie einfach um seine Hüften wand, nun ist sie doppelt geschlungen und klirrt doch, denn die Ringe sind frei und gelöst über den dürren Knochen seines biblischen Alters. Von der immer noch hohen, wie ein weißer Lampenschirm gewölbten Stirn rieseln ihm leuchtende, straffe Haare, sie sprießen in schneefarbenem Gerinnsel an den Winkeln des sehr gelösten, aber noch vollen Mundes, an den glatten Schläfen, an dem zarter gewordenen machtvollen männlichen Kinn. Peytel ist dreißig Jahre schon tot.

Es ist sehr still um den Greis. Er sieht seine Augen, im alten Leben blühend, zurückgeworfen, zurück, lange zurück durch das alte, klare Glas, welches das Porträt seiner schönen, lange schon toten Geliebten bedeckt. Die golden durchfunkelten, durchdringenden Augen des uralten Dichters sind das einzig Vertraute im Wandel der verflossenen Zeit.

Die schwarzen Siegel an dem Briefe müssen, durch einen Funken der Kerze vielleicht, Feuer gefangen haben. Sie prasseln, sie duften nach Tannennadeln tief im Walde, einst als er neben andern ging und blühte mit ihnen. Der Brief beginnt zu schwelen, zu brennen, er entgleitet den zitternden, kraftlosen Greisenhänden und fällt in schwebendem Fluge vor den Kamin, wobei sich die Flamme des lohenden Papiers in dem blutfarbenen, in dem perlenweißen Gestein noch lange spiegelt.

Nachwort und Zeittafel aus ©-Gründen gelöscht. Re.

 << Kapitel 36 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.