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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 35
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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Vierter Teil

I

Als Balzac gegen vier Uhr morgens in den Gasthof zurückkehrte, sagte man ihm, seine Mutter hätte sich vor wenigen Stunden, ohne eine Mahlzeit eingenommen zu haben, zur Ruhe begeben. Sie erwarte ihn morgen zu passender Zeit. Aber Balzac war nicht imstande, diesen Augenblick abzuwarten, er stieg die Treppe zu ihrem Zimmer empor, bekreuzigte sich auf dem Treppenabsatz vor dem Bilde der Jungfrau, faßte in den Schlitz seines Hemdes, an die kühle, schweißbedeckte Brust, wo er durch lange Jahre die wundertätige Medaille der schwarzen Jungfrau von Czenstochau getragen hatte, und breitete die Fläche seiner Hand über die leere Stelle aus. Dies tat ihm wohl. Er fand das Zimmer seiner Mutter und pochte leise an die Tür.

»Wer da?« fragt ihre helle, klare, trotz des plötzlichen Erwachens ruhige Stimme.

»Ich bin es, Ihr Sohn.«

»Warum wecken Sie mich tief in der Nacht?«

»Ich muß mit Ihnen sprechen. Verzeihen Sie mir!«

»Es ist gut«, sagte sie, kam mit hörbaren Schritten aus dem Bett, schob den Türriegel zurück, kehrte ebenso still wieder in das Bett zurück, während sie halblaut flüsterte: »Warten Sie doch noch!« Denn schon trat mit schweren Schritten der Sohn in das dunkle Zimmer. »Hierher!« sagte sie und streckte dem Dichter ihre sehr warme, weiche, zarte Hand entgegen, die ein wenig nach Blumen, ein wenig nach Seife roch, eine gewichtlose Greisenhand, die, wie ein halbverdorrtes Blumenblatt, von Balzacs starken, durstigen Lippen angesogen, sich ihm an den Mund schmiegte.

»Zürnen Sie mir nicht«, begann mit sonderbar stumpfer Stimme der Sohn, »daß ich Sie aus Ihrem Schlaf störe. Zu jeder andern Stunde meines Lebens wäre mir Ihr Schlummer heilig gewesen. Denn ich weiß, was Schlafen bedeutet. Aber... ich kann es nicht allein ertragen, ich bitte, hören Sie mich an, bevor es mich erdrückt.«

»Willst du dich nicht setzen, mein Sohn? Du findest einen Lehnstuhl am Kamin. Ich hoffe, du befindest dich wohl und hast hier den gewünschten Erfolg gehabt. Ich bin nachts gekommen. Das Wetter war schlecht, der Postwagen hatte eine starke Verspätung. Mein erster Weg war zu dir. Die Tür war offen, deine Kerzen brannten noch an deinem Tische, wir dachten an alles mögliche, endlich erfuhr ich, du hättest vor einer Minute mit dem Anwalt Lablanche das Haus verlassen.«

»Ich habe dich nicht erwartet. Warum keine Nachricht vorher?«

»Zu einem Briefwechsel reichte die Zeit nicht mehr. Nun zu den Tatsachen: Dein Besitz in Les Jardies ist in höchster Gefahr. Du mußt innerhalb von fünf Tagen 70 000 Franken zusammenbringen, oder das Haus ist verloren.«

»Was soll mir jetzt Les Jardies? Meine Gedanken sind anderswo. Ich bin hier, um meinen Freund Peytel zu retten. Du weißt es. Ich habe ihn tiefer in sein Elend gestoßen, als es sein bösester Feind mit Willen hätte tun können.«

»Ganz recht«, antwortete die Mutter von ihren hohen, ebenmäßig geschichteten Kissen her, wo sie mit ihrem kleinen, dreieckigen Gesichtchen, den silbernen, zierlich gesträhnten und gelockten Haaren ruhte, eben noch erkennbar im hingehauchten Morgenschein, »es ist im Grunde sehr gut so. Dein Haus und Grundstück, alles wird formell subhastiert. Ein Strohmann wird es erwerben. Oder, besser gesagt, es wird einen Kampf zwischen zwei Strohmännern geben. Der eine ist von deinen Gläubigern bestimmt (Pivisquart, du kennst ihn nicht). Den Taxator in Sèvres, La Fleur, haben sie bestochen, ich kenne das Gesindel. Das erste Angebot wird unverschämt niedrig sein. Tun wir nichts dagegen, so geht dein Haus, das ich (ich rechne dabei die unselige Mauer für nichts), das dich also 217 000 Franken gekostet hat, für 60 bis 70 000 Franken weg. Stellen wir aber, und das ist der Zweck dieser mühevollen Reise, einen Strohmann hin und geben wir ihm einen Betrag von 70 000, ja auch nur von 60 000 in die Hand (darum mußt du dich eben kümmern), dann, verlasse dich auf meinen Rat, dann bleibt das Haus dein eigen, du magst es in den nächsten Wochen zurückkaufen, du brauchst es nicht für einen Tag auch nur zu verlassen, du kannst arbeiten, das Nötige verdienen, und nichts hindert dich, dein schönes Leben weiterzuführen wie bisher.«

»Nichts hindert mich! Nichts hindert mich!« schrie Balzac und sank an dem Bette in seiner ganzen schweren Leibesfülle zusammen. Erstickend wogte die dumpfe Luft unter dem Bette zu dem mühselig atmenden Manne empor. »Ich kann nicht mehr mit Tinte schreiben, wenn ein anderer mit Blut schreibt. Sie haben, teuerste Mutter, Ihren so viel beneideten Sohn oft unter seinen Mühen und Nöten stöhnen oder lachen gehört, aber so zu Tode getroffen war er nie wie heute. Wie sollen Sie das je begreifen, daß mein liebster, einziger Freund mit vollem Recht zum Tode verurteilt ist? Ist es nicht komisch zum Sterben, daß ich unter den unzähligen Menschen, die ich hätte gewinnen können, gerade den infamsten mir zum Freunde ausgewählt habe, daß ich mich wohl fühlte neben ihm, ich vermag nicht zu sagen, wie sehr!«

»Weshalb soll ich das nicht begreifen?« sagte die Mutter ruhig.

»Das alles ist einfach genug. Du suchst Modelle für deine blutigen Romane, und in Peytel hast du eines gefunden.«

»Ja, blutig ist er«, sagte Balzac, »und seine Strafe ist zu milde eher als zu streng. Aber sage mir nur das eine: weshalb werde ich gestraft? Wie rettet ein Mensch meiner Art sich vor solch einem Peytel, wie rettet er sich?

Glaube mir, meine Mutter, jetzt spreche ich zu dir vom Grunde meines Herzens. Es wäre schön gewesen, in Frieden neben diesem Manne zu leben. Schön ist es, sich selbst zu begraben und sich nicht nachzutrauern. Alles hinter sich zu lassen und in später Jugend, ein Vierzigjähriger, sich gewinnen. Ich habe noch Kraft zu ungeheurer Arbeit in mir, Freude zu grenzenlosem Leben, denn alles Frühere bis zum heutigen Tage, bis zum 16. Januar, ist nur ein Beginn. Nein, nicht heute beginnt es, sondern an dem Tage, als ich Peytels Brief abends spät in Les Jardies empfing.

Mir ist, als hätte ich Bruder und Schwester nicht gekannt, bevor ich Peytel kannte.

Es soll nicht sein, daß ein irdischer Mensch, mit seinen irdischen, wenn auch reinen Wünschen, sich dem verlorenen Sünder, dem verworfenen Verbrecher nähert, denn da ist sein Platz nicht mehr. An Gottes Statt waltet der geweihte Priester. Der hat keinen Namen, er hat kein eigenes Herz, keinen eigenen Willen, sondern sein Name heißt Christus, sein Herz heißt Heiland, sein Wille nennt sich Evangelium.

Es soll nicht sein, daß einer das klare Recht, wie es unter Redlichen gilt, beugt um der Liebe seines Freundes willen. Es soll nicht sein, daß ein Mann antwortet, in der Nacht, in der letzten Stunde, wenn der Beichtende im engen, abschüssigen, eisig stillen Zellenraume seine Frage an Gott richtet. Hätte ich geschwiegen! Hätte ich ihm meine geweihte Medaille mit dem Bilde der schwarzen Mutter Gottes still an die Lippen gehalten und mit ihm gebetet, Vaterunser oder Stella maris , den englischen Gruß, wir wären in Frieden geschieden, wir wären glücklich geschieden. Wie furchtbar verloren bin ich jetzt! Wir sprechen. Wir denken und forschen, er aber stirbt. Ich bin ein Mann der Tat. Ich war es. Denn Werke zu zeugen, den Lebenden gleich, nur unvergänglicher als die Lebenden, das ist meine Kraft. Nicht Menschen zu versöhnen. Ich wollte den Freund mit sich selbst versöhnen. War das Besessenheit und Eitelkeit?

Ich dachte im Ernst daran, mich unserm König zu Füßen zu werfen und ihn um die Begnadigung Peytels anzuflehen. War das Dummheit, infernalisch und unbesiegbar? Niemand konnte mich von diesem Beginnen abhalten als Peytel selbst. Das war unser beider Verderben. Denn nicht zu retten ist die Aufgabe des Priesters. Wohl sind die Hände gefaltet und aneinandergeschlossen, aber das Ohr und die Seele des Beichtvaters sind offen und wehren sich gegen nichts. Ich aber wehrte mich gegen alles. Ich bäumte mich auf. Ich wollte nicht. Ich wollte nicht sehen noch hören. Er war der Stärkere, wie ein Pferd faßte er mich an der Mähne, griff mir in die Nüstern ohne Erbarmen, drückte meinen Nacken nieder, bis meine Knie brachen, bis ich mich im Staube wälzte. Denn für diesen Mann fehlt mir die Kraft. Den Abgrund seiner Seele in den Abgrund meines Glaubens zu versenken, das wäre meine Kraft gewesen, meine Gnade, meine Barmherzigkeit. Hören. Schweigen. Mit dem Sünder beten. Lösen kann nur Gott. Begreifen Sie das, meine liebe Mutter?«

»Solange der gesunde Menschenverstand nachkommen kann, wirst du in mir stets eine aufmerksame Zuhörerin haben. Bis jetzt gebe ich dir völlig recht.«

»Nein, Teuerste, nicht um Recht handelt es sich. Denke nicht von mir: da liegt er, der gute, dicke Mann, er überlegt seine seltsamen Erlebnisse wie den Plan eines neuen Romans. Es ist nicht so. Ich fühle mich klein bis zur Vernichtung. Ich bin es. Was soll ich tun? Lasse ich meine Augen offen, sehe ich die Welt in dem klaren, weißen Morgenlicht, wie er sie sieht, der Unselige, der Verurteilte. Nein, ich schließe die Augen, aber entrinne ich ihm so? So nahe fühle ich ihn, daß meine Haare sich in seinem kalten Atemhauch knisternd heben, so nahe habe ich ihn, schon tritt er, Peytel – warum zittert noch alles in mir, wenn ich die zwei grauen, kalten Silben ausspreche? ...«

»Oh, wo bist du, mein lieber Sohn? Wo du jetzt bist, dorthin kann dir deine Mutter nicht folgen. Du hast genug erlebt, Herrliches, Trauriges und Schweres allezeit die Fülle. Was bewegt dich gerade an diesem verworfenen Notar aus Belley? Das fasse ein anderer, ein jüngerer. Ich nicht.«

»Einer konnte ihm helfen. Das war ich. Er wollte sich vor mir beugen, wie man sich vor Gott beugt. Aber als er mich sah, wie ich in Wirklichkeit bin, wusch er sich seine Mörderhände in dem Wein, an dem ich meinen Durst gelöscht habe. Er ist ein Verbrecher und über und über mit Blut bedeckt. Aber bin ich deshalb nicht doch ein eitler, hartherziger, verworfener, von sich selbst besessener Narr, ein Don Quichotte, der sich statt der Ritterrüstung ein Meßgewand umgetan hat? In meiner Hand trage ich ein falsches Viatikum, und an meinen Hostien erstickt der Beichtende, er muß verzweifeln. Den letzten Blick Peytels glüht das schärfste Glüheisen nicht aus meiner Seele, dieses Zeichen ist mir eingebrannt bis ans Ende wie meinem Vautrin.«

»Nur weiter mit Vautrin! Mehr noch von dem glühenden Stempel der Galeerensträflinge! Jetzt kommst du dorthin, wo du zu Hause bist, da findest du Ruhe und Frieden und ich, deine Mutter, mit dir!«

»Aber er nicht! Aber er nie Er wollte Absolution! Er sehnte sich mit der letzten Kraft seiner elenden Seele nach einem, der ihn anhörte. An Bord schiffbrüchiger Kauffahrteischiffe ist es Sitte, daß ein Matrose dem andern die Beichte abnimmt, wenn alles im Sturm verloren ist. Unter allen Menschen gilt dieses Recht. Ich habe es mit Füßen getreten. Er wollte doch nur, daß ich ihn anhöre. Daß ich schweige, auf seinem Mantel auf der Erde ruhend, unter dem kleinen Dach der grünen Matratze, während er spricht. Er war freigebig, vornehm, ein bürgerlicher Fürst. Er gab mir meinen Lohn im voraus, einen Weinberg bei Macon. Den treuen Geistlichen, der die ganze Nacht auf einem Feldbette in der Kanzlei wartend verbrachte, wies er entschlossen von sich, um meinetwegen. Denn mich liebte er, der tausendmal vom Schicksal Verdammte. Ich kann es nicht einmal ausdenken, daß er um meinetwillen seine furchtbare Tat getan hat, daß er, um einmal in meiner Nähe leben zu können, die geliebte Frau um des geliebten Mannes willen verraten, vernichtet hat! Ich wußte, was er nicht wußte, denn er schämte sich vor mir, er schämte sich vor sich selbst. Ich wußte es, und doch habe ich ihn, Peytel, meinen Freund, trotz allem meinen Freund, verlassen, ich habe ihn nicht gehört, ich habe ihn verleugnet, ich habe ihn seelisch guillotiniert, bevor er diese barbarische Strafe körperlich erleidet. Nun sag und richte mich, als meine Mutter, die ich wie die Gerechtigkeit immer gefürchtet habe und geliebt, ist meine Sünde nicht ebenso groß wie seine?«

»Ich sage nicht ja, nicht nein. Wenn du morgen oder, besser gesagt, heute im Laufe des Vormittags mein Urteil hören willst, werde ich es dir nicht vorenthalten. Lebendig machst du damit deinen Freund nicht mehr. Aber es kann den Seelendeuter und Herzensschauer immer interessieren. Jetzt aber schlafe! Schlafe um meinetwillen. Denn du bist meine Stütze. Auch ich habe Rechte auf dich, da ich dir mein ganzes Vermögen geopfert habe zum Schaden deiner Geschwister. Schlafe, denn deine Aufgaben sind noch groß.«

»Schlafen! Mit solchen Bildern vor Augen?«

»Du fürchtest dich? So laß deine alte Mutter ihrem großen, allzu großen Sohn eine Anekdote zum Einschlafen erzählen, es ist derselbe Fall wie der deine, die Ähnlichkeit ist nicht zu verkennen. Und wenn die Anekdote vielleicht nicht ganz wahr ist, echt ist sie doch und kann dich zerstreuen, so Gott will.«

»Sprich, liebste Mutter.«

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