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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 34
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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IX

Diesem langen Bekenntnis folgte während einer vollen Stunde Schweigen. Die Männer waren nebeneinander auf der Erde gelagert, kaum daß sie sich lautlos erhoben, um den Krug mit Wein an die Lippen zu führen.

Als es vier Uhr schlug, begann Balzac, während er sich aus seiner liegenden Haltung auf die Ellbogen aufrichtete und mit seinen goldgesprenkelten, blauen Augen, mit seinem schrägen Löwenblick den Notar umfaßte:

»Und Sie wollen wirklich, lieber Freund, daß ich Ihnen so Furchtbares glaube? Nein, Sie erfinden für einen Notar gut genug, aber doch nicht so, daß man glauben muß. Ich weiß, warum Sie das erzählen. Sie sind ein Märtyrer Ihrer Ehe. Sie sind ein echter Katholik. Den Mörder Rey machen Sie zum redlichen Diener, die ehebrecherische Kreolin zur liebenden Gattin. An Ihnen, hier im Kerker, bewährt sich die Nachfolge Christi. Es gibt eine Vornehmheit des Charakters – lassen Sie mich ausreden, Sie haben es mir zugesagt, mein liebster, armer Freund –, welche die Menschen nie verstehen werden. Aber ich verstehe Sie. Ein Mörder fühlt nicht wie Sie. Spricht nicht, schweigt nicht wie dieser Mann, der seinen letzten Kittel ausgezogen hat, um mich weicher zu betten. Klebt Blut an Ihren Händen, dann habe ich Menschen nie gekannt. Es ist im tiefsten Sinne christlich, was Sie tun. Sie nehmen die Sünde des Rey auf sich. Wenn einer ruhig sterben kann, sind Sie es. Ich habe Sie durch eine ungeschickte Verteidigungsrede ins Verderben gebracht. Ohne mich wären Sie vielleicht frei. Zum Lohne dafür wollen Sie mir einen Weinberg vererben. Sehen Sie mich an. Das Leben hat die Tränenorgane bei mir ausgedörrt wie bei dem alten Goriot, aber jetzt möchte ich weinen. Sie müssen sterben. Statt Verwünschungen auf Ihre Feinde zu häufen, wollen Sie sie segnen. Wenn Sie diese Nacht zu Gottes Füßen niederlegen, werden Ihnen viele Sünden vergeben sein.«

Peytel sprang auf. Den hohen, geschmeidigen Körper preßte er an die Wand, sein weißes, leicht gekörntes Gesicht beugte er nach rückwärts, um den Freund aus besserer Entfernung sehen zu können. Er hob die grüne Matratze in die Höhe, damit mehr Licht auf die Züge Balzacs falle. Sein Mund war aufgerissen, so daß die wie bei einem Pferde etwas vorstehenden, elfenbeinfarbenen, starken Zähne, in dem dunklen Zahnfleisch eingepflanzt, in ihrer ganzen Länge sichtbar wurden, sein Bart begann zu zittern, und bald zitterte der ganze, hohe Mann, so daß der Weinkrug erklirrte. Er wollte sprechen und konnte es nicht. Endlich ballte er seine Hände, so daß die Nägel ihm nach innen schlugen, faßte sich durch den entstandenen Schmerz und sagte: »Sie mißverstehen mich, Herr von Balzac. Ich habe die Wahrheit gesagt, so wahr ich in wenigen Stunden vor Gott zu treten habe. Ich habe getan, was ich getan habe, und, wie Sie sehen, zweifelt auch niemand daran.«

»Aber ich zweifle daran und werde zweifeln, solange ich lebe.« Balzacs Stimme hat lauten Metallklang, der sich in der engen Zelle dröhnend bricht. »Ich werde nicht ruhen, auch wenn Sie es nicht erleben, bevor Ihre Ehre, Ihr Andenken wiederhergestellt sind. Vor allem aber werde ich Ihr Leben retten. Ich lasse Sie nicht zugrunde gehen. Ich will es nicht. Ich falle dem Präsidenten zu Füßen. Mein Wille ist der Bruder des Willens Napoleons. Ein Mann wie Sie darf nicht unrühmlich untergehen. Und wenn es doch sein soll, dann werde ich Sie wiedererwecken. Mit zehn Flaschen Tinte und zehn Ries Papier, unterstützt von einem kräftigen Willen, hat Martin Luther ganz Europa umgekehrt. Ich werde das Meinige tun. Sie sind nicht einfach Sebastian Peytel, ein Notar wie tausend andere in Südfrankreich. Für mich sind Sie der wahre Heilige unserer Zeit.«

»Aber wo sind Sie denn?« sagt Peytel. »Welches Motiv sollte ich jetzt, in articulo mortis, haben, zu lügen und mich fälschlich zu beschuldigen? Sagten Sie mir nicht selbst, solche Dinge erfindet man nicht?«

»Was habe ich, Balzac, nicht schon alles erfunden!«

»Aber warum? Warum sollte ich lügen?«

»Ich weiß es, auch das weiß ich!« wiederholt Balzac, immer noch kräftig schreiend, wobei rostrote Flecken sein olivenfarbiges Gesicht bedecken. »Ich weiß es.«

»Ich will noch mehr tun«, beginnt Peytel von neuem, indem er sich von Balzac wegwendet, den linken Arm gegen die an der Decke brennende Gefängnislampe ausstreckt und das Licht auf seiner Hand aufzufangen sucht, bis die Hand rot durchleuchtet wird, »ich muß noch mehr tun, da es Gottes Wille zu sein scheint, daß ich nichts zurückbehalten soll. Meine Beichte war nicht vollständig. Vielleicht wehren Sie sich deshalb dagegen. Ich habe immer noch nicht das Letzte gesagt. Vielleicht hat meine Beichte deshalb nicht überzeugt. Ich habe gemordet auch des Geldes wegen. Ich hatte Schulden. Die Rechnung, die Sie damals im Untersuchungsgefängnis aufgestellt haben, stimmte nicht. Mein Geschäft ging schlecht. Die dreiprozentigen Renten werden sich nie mehr in meinem Tische zusammenfinden. Ich habe alles verloren. Ich hatte sogar bei Rey Schulden, das sagt doch alles, besonders in der Provinz. Ich wollte zu Ihnen. Zurück nach Paris. Ich wollte nicht als Bettler bei Ihnen, Lieber, in Paris anklopfen. Verstehen Sie das nicht? Ferner, die Notariatskammer hatte mit ihrer Ablehnung nicht unrecht. Die Leute wußten Belastendes, sie haben es großmütigerweise nicht zu Protokoll gegeben. Der Appell in Ihrer Rede, worin Sie die Notare dort schmähten, war unrecht. Die waren großmütiger, als es zu erwarten war. Und noch etwas gibt es, was mich drückt. Ich hätte Felice nicht roh bei den Haaren packen sollen, als ich ihr hinüberhalf. Ich vergesse es nie. Ich hätte es nicht tun sollen.«

»Was tun sollen? Nein, liebster Freund, nichts mehr von ›tun sollen‹. Lassen Sie mich vor Ihnen niederknien« (Balzac tut es), »lassen Sie mich in diesem feierlichen Augenblick die wundertätige Medaille an Ihrer Märtyrerbrust küssen!« (Balzac tut es.) »Sie opfern sich für mich, das ist zuviel. Sie haben meinetwillen diese kühne, kraftvolle Dichtung vom Mörder Peytel geschaffen. Sie sagten sich: Balzac hat viel für mich geopfert. Er läßt sein Haus im Stich, er hat die Arbeit an seinem Napoleon, vielleicht seinem besten Werk, mir zuliebe unterbrochen, denn hier läßt sie sich nicht fortsetzen, er wendet viel Geld an meine Sache, er, der im Augenblick so arm ist, daß er seine Wirtshausrechnung nicht bezahlen, einen Brief an seine Braut nicht frankieren kann, er hat seine unsterbliche Aufgabe im Stich gelassen, er weiß nur noch von einem Roman, der heißt Peytel. Er hat sich in die Bresche geworfen, er hat mich verteidigt, mit bestem Wissen und Gewissen, meisterhaft, viel zu meisterhaft. Es ist nicht gelungen. Balzac denkt bedrückt: Einen Unschuldigen verteidigen und ihm nicht zum Heil, sondern zum Untergang verholfen haben! Balzac muß unter Gewissensbissen leiden, schlaflose Nächte werden ihn quälen, jetzt und später noch viel mehr. Nun will Peytel, der edelste der Edlen, seine Dienste mit dem herrlichsten Gegendienst erwidern: Er nennt sich freiwillig Mörder. Denn nur dann ist Balzac unschuldig an Peytels furchtbarem Geschick! Besser, tausendmal besser ist es, so denkst du, Peytel, daß mich mein Balzac für einen Mörder hält, als daß er meinetwegen die Ruhe seines Herzens verliert! So erklärt sich alles, so wird alles gelöst.«

Peytel antwortet lange nicht. Er ist erblaßt und zittert, doch vermag er sich zu beherrschen. Er schlägt die Matratze ganz in ihre Höhlung hinein, sie fällt mit einem Klappen, ähnlich wie ein Küchenmesser, in ihre Ruhelage zurück. Jetzt endlich hat sich Peytel gefaßt, und seine eben noch wie Mörtel brüchigen, kalkweißen Züge färben sich besser, sie sammeln sich zu einem festen, starren Ausdruck. Herrlich ernst ist sein Blick, dabei doch völlig fern, gerade jetzt, wenn er Balzac voll von vorne ins Gesicht blickt.

»Wer sind Sie eigentlich? Ist das der Mann, den ich geliebt habe? Kann einer so von sich besessen sein, daß er mir um seinetwillen eine derartige Komödie zutraut? Wenn ich in drei Stunden sterben soll, dann soll ich an Balzacs schlaflose Nächte denken, an seine allzu meisterhafte Rede? Sind Sie wahnsinnig? Gegendienste!! Sind Sie Napoleon vor dem Brande von Moskau? Sind Sie Nero, der lebendig gewordene Gott des Größenwahns? Gibt es keinen Gott als Balzac, und Balzac ist sein eigener Prophet?«

Als Balzac, sehr betroffen, schwieg, kam ihm Peytel nach, die Zelle war eng, das Bett zurückgeräumt, man konnte sich vor dem Notar nicht retten, und so spricht er Balzac leise ins Ohr:

»Das Böse in uns, lieber Honore von Balzac, so quälend, so grauenhaft es ist, man kann es doch beherrschen, es wäre einem Untertan, wenn man unbedingt wollte. Aber das infernalisch Dumme nie. Mir waren Sie mehr als der größte Dichter Europas. An Sie, nicht an meine Rettung, habe ich geglaubt. An Sie habe ich geglaubt wie an einen Gott, dem jeder einmal begegnen will. Nun machen Sie mir das Sterben leicht. Ich lasse nichts Lebenswertes hinter mir. Gestern, liebster Herr, schämte ich mich vor Ihnen. Heute, mein großer, allzu großer Freund, schäme ich mich für Sie. Sie heißen Balzac, aber Sie sind es nicht. Gestern fragten Sie: ›Nichts kann ich für Sie tun?‹ Doch! sage ich heute, lassen Sie mich allein.«

Als Balzac unbeweglich stehen bleibt, die großen Füße in die dicken Säume des auf der Erde verknäulten Gefängniskittels verstrickt, faßt ihn Peytel lächelnd an den Schultern und wiegt den massigen, gewaltigen Mann sachte hin und her: »Leben Sie wohl! Ihr Fanatismus wird mich leicht überleben. Sie sind der Stärkere. Ich füge mich. Es ist unbegreiflich, was mir eben begegnet ist, aber, und das tröstet mich, ebenso unbegreiflich wie alles andere...«

Während sich Peytels Stimme ins Unverständliche verliert, drängen seine Hände sanft den Dichter zur Gefängnistür, als wäre sie ebenso leicht zu öffnen und zu schließen wie einst die Tür seiner Notariatsstube. Aber so groß die Stille während der ganzen Nacht war, es müssen Leute doch draußen gehorcht haben. Denn im gleichen Augenblick öffnet sich die Tür, es treten die Wächter mit Lichtern ein, denen in der nächsten Minute schon Lablanche und der Präsident auf den Fersen folgen. Balzac erbleicht, er denkt, Peytels letzte Stunde sei gekommen. Aber dies ist nicht der Fall. Der Erzbischof von Lyon ist bereit, ein neues Gnadengesuch zu unterstützen, man verspricht sich viel davon, denn er ist mit dem König eng befreundet. Die Vollstreckung des Urteils wird bis dahin trotz des Unwillens der Bevölkerung verschoben. Auch für Balzac bringt Lablanche eine Nachricht. Die greise Mutter Balzacs ist nachts aus Paris angekommen und erwartet Balzac im Gasthofe.

Der Mörder bleibt immer noch mit starrem Blick an Balzac geheftet. Nun aber tritt er, ohne auf den Präsidenten noch auf Lablanche zu achten, zurück in den Winkel der Zelle, wo er neben Balzac gelegen, hebt vorsichtig das Bein über den verknäuelten Gefängniskittel, ergreift den blechernen Krug, aus dem die Freunde den letzten Wein getrunken hatten, wäscht sich mit dem roten, berauschend riechenden Wein die im Kerzenlicht funkelnden schönen Hände.

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