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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 32
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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VII

Draußen ist noch tiefe Nacht. Man kann, da das Zellenfenster unerreichbar hoch ist, bloß vom Boden her einen kleinen Streifen des schwarzen Nachthimmels sehen, wenn man sich auf den Rücken legt. Man hört Schritte auf dem Hofe, die ersten an diesem Tage.

»Der Boden ist hart. Es friert. Es wird ein schöner Tag. Wir müssen ruhen. Beide. Ich brauche meine Kräfte für morgen.« Peytel zieht seinen warmen, gelblichbraunen Gefängniskittel ab, verschränkt die Ärmel des Kleidungsstückes, als wäre dies ein lebendes Wesen, auf dem Rückenteil und breitet das Ganze sachte auf dem abschüssigen, kalten Boden der Zelle aus. Hier ist das Lager, auf dem man den Rest der Nacht verbringen kann. Balzac hat seine geschlossene Weste am Leibe geöffnet, denn er braucht viel Luft zum Atmen. Nun streckt er sich hin, unter das herabgelassene Gefängnisbett, unter die grüne, dünne Matratze, die seinen Kopf vor dem Lichte der Laterne bewahrt. Er hat seinen Schädel auf die machtvoll geäderten, kreuzweise hinter dem Haupte verschränkten Arme gebettet. Neben ihm Peytel, der Fensterwand zugekehrt, dort, wo früher der Weinkrug seinen Platz gefunden hat. Dieser wird nun zwischen den ruhenden Männern geschützt untergebracht. Beide trinken abwechselnd, in langen Zügen, an der gleichen Stelle des scharfen Randes, die aber nun durch die Lippen der Männer erwärmt und ihrer Schärfe beraubt wird. Die goldene Uhr schimmert am steinernen Fußboden und tickt laut. Nach kurzem Schweigen beginnt Peytel, ohne seinen Freund anzusehen:

»Ich dachte vorige Nacht daran. Selbst die schlimmen Tage in Paris waren besser als die guten hier. Ich war im Jahre 1830 krank, Sie pflegten mich. Ich hatte die schwarzen Pocken, Sie waren nicht abzuschrecken. Sie waren in Geldnöten – wann waren Sie dies nicht? –, brachten mir doch eine frische Ananas an mein Bett. Es war dunkel im Zimmer, meiner entzündeten Augen wegen. Sie blieben eine Stunde bei mir. Als ich, mit Gottes und Ihrer Hilfe genesen, Ihnen nach ein paar Wochen danken wollte, traf ich Sie nicht an, Sie bezahlten drei Wohnungen und nächtigten in einer vierten. Endlich sagt man mir: ›Sie dürfen nie nach Balzac fragen, sondern nur nach Doktor Mège, nach Madame Durand oder Vicomte Allonzé, denn Balzac soll die Wache als Bürgergardist beziehen, das tut er nicht, und wenn sie ihn in vier Teile teilen; nun jagen sie ihm nach, Polizei und Platzmajor hetzen hinter ihm her, er soll acht Tage Arrest absitzen.« Gut, ich folge diesem Rat, aber vergebens. Ich muß eine Entscheidung treffen, eine wichtige, eine tödliche, ich begegne allen Menschen, nur Ihnen nicht, endlich sehe ich Sie plötzlich an der Ecke des Boulevard des Italiens vor mir. Mein bekümmertes Aussehen fällt Ihnen auf. ›Was haben Sie, Peytel? Wie geht unsere Zeitschrift, der Voleur?‹ ›Oh, warum soll sie nicht gehen? Es hält sie doch niemand. Mit einem Wort, sie ist gewesen. Und wie eine treue Ehefrau hat sie nichts hinterlassen als Schulden.‹ ›Schulden‹, sagen Sie, ›ich bin an sie so gewöhnt, daß ich ohne Schulden mir das Leben gar nicht mehr vorstellen kann. Aber, wollen Sie wetten, daß es mir diesmal gelingt, innerhalb dreier Wochen alle Schulden loszuwerden und noch so viel übrigzubehalten, daß ich Papiere kaufen kann, die mir der Baron Rothschild unter dem Siegel des strengsten Geheimnisses namhaft gemacht hat (Nordbahn! Kohlen!) und die auf das Dreifache steigen müssen?‹ ›Ich wünsche es Ihnen‹, sage ich. ›Wieviel ist es eigentlich?‹ fragen Sie, als ich mich bereits verabschieden will. ›Eintausendfünfhundert, lieber Balzac.‹ ›Ist das alles?‹ ›Alles.‹ ›Nun, lieber Notar‹, sagen Sie, denn damals war ich wieder Notar und bewarb mich um die Stelle in Macon, und Sie wußten das, ich hatte meine Entscheidung getroffen, aber es war nicht die rechte, ›lieber Notar‹, sagen Sie, ›haben Sie die Rechnungen zufällig hier?‹ ›Ich trenne mich auch im Schlafe nicht von ihnen.‹ ›Nun, dann geben Sie her. Das ist für mich eine Kleinigkeit. Meine Schulden belaufen sich heute auf gut 180 000 Franken. Ich stehe im Augenblick vor dem Abschluß eines fabelhaften Generalvertrages mit meinem Verleger. Ich nehme Ihre Rechnungen zu den meinen. Gott wird für alles sorgen und in seiner Stellvertretung auf Erden Werdet, mein großer Verleger, den ich mit meinen neuen vierzehn Romanen zum Millionär machen will!‹«

»Das ist mir leider nicht ganz gelungen«, antwortet plötzlich Balzac unter seinem grünen Matratzendach hervor. »Werdet, der nie einen Kreuzer besaß, mußte Bankrott machen. Er hätte mich beinahe in den Abgrund mitgerissen, denn ich hatte die Schwachheit, ihm Wechsel zu unterschreiben, für die ich nie Gegenwert bekam. Ich mußte die Wohnung Rue Cassini auf immer verlassen. Mit großer Mühe sicherte ich mir mein Mobiliar vor jeglicher Verfolgung. Das Jahr 1830 war ein wahres Beresina für mich. Sie dürfen sich nicht wundern, wenn ich Sie etwas aus den Augen verloren habe.«

Peytel, auf seinem Kittel neben Balzac ausgestreckt, liegt Balzac gegenüber, denn der Raum der Zelle ist klein. Doch berühren sich weder die Hände noch Knie, noch die Füße. Auf Peytels schöner, breiter, glatter Brust, die von obenher der hell kastanienfarbene, stark gelockte Bart beschattet und mit seinem Zittern die feine Haut zu streicheln scheint, leuchtet das geschwärzte silberne, in der düsteren Zelle funkelnde Muttergottesbild, das er sich umgehangen hat, weil sonst in dem Raum keine Möglichkeit besteht, es vor dem Zertretenwerden zu schützen. Die goldene Uhr hat Balzac zu sich genommen. Die Hände des Notars sind vor seinem nun doch sehr blassen, samtartig angerauhten Gesichte gekreuzt, und seine Stimme klingt durch diese Hände stark gedämpft. Sie hat jetzt in so hohem Maße die Klangfarbe von Balzacs Stimme angenommen, daß Balzac das Echo seiner eigenen Rede zu vernehmen glaubt. Das wirkt um so geheimnisvoller, als Peytel jetzt einen Satz wiederholt, den Balzac in seiner Napoleonerzählung ausgesprochen hat, der freilich noch aus einem früheren Gespräch mit dem Notar stammen kann, denn es ist in der Pariser Zeit oft vorgekommen, daß die beiden Freunde einander bis nach Hause begleitet haben, und zwar hat erst Peytel den Dichter zu seiner Wohnung geleitet, dann gingen beide zurück nach Peytels Wohnung, dann wieder zurück nach Balzacs Wohnung, in immerwährendem Gespräch über Geld, Ruhm, Verleger und Napoleon, bis die Sonne aufging und beide etwas beschämt sich in der Mitte des Weges trennten.

»Es gibt Begegnungen zwischen Menschen«, sagt Peytel, »auch wenn sie einander nie begegnen. Wir blieben einander nahe. Wenn ich einen Menschen bewundert habe, waren Sie es. Sie waren für mich der Gott. Man muß etwas anbeten können. Es gibt Menschen, die Sie einen Halb-Gascogner, einen herkulischen Silen, ein spätreifes Wasserkopfkind, einen dicken Königsprinzen nannten; einen lauten Schreier, einen gewaltigen Arbeiter, einen von sich selbst betrogenen Betrüger, ein von Gehirn und Geist betrunkenes Genie, das nicht einmal die ewige Misere nüchtern machen kann. Ich aber begriff das nicht. Sie sind nicht aus unserm Stoff gemacht. Ich denke an meine Frau. Das soll ebenso leben und sterben können wie Sie? Ich habe nie etwas Schöneres gesehen, als wenn sich Ihr Gesicht im Sprechen belebte, es war ein Neues, die Geburt Balzacs aus Balzac. Einst besuchte ich Sie, zitternd vor Erwartung, man kann es nicht anders nennen, man läßt mich nur ungern vor, man sagt, er arbeite. Ich stehe vor Ihrem Kabinett. ›Er ist nicht allein‹, denke ich, denn ich höre ein Stöhnen, ein Wolluststöhnen, verzeihen Sie mir das widerliche Wort. Aber es kann doch nicht sein, denn es gibt kein Kleiderrascheln, bloß Ihr schweres Atmen, das Kritzeln Ihres Kieles, das leichte Aufstoßen der Feder auf dem Grunde des Tintenfasses, dann kracht Ihr Fauteuil, eine Weile herrscht Ruhe, Sie seufzen herzzerbrechend, Sie gehen mit schnellen, federnden Schritten, wie ein gefangener Bär in seinem Zwinger hin und her, Sie blasen die Luft von sich, Sie stampfen auf den Boden, Sie sprechen zu sich, aber ich will nicht hören, was es ist, denn ich schäme mich vor Ihnen. Zart schleiche ich mich von der Tür fort, trete sacht auf den weißen, herrlichen Teppich, der Ihren Salon bedeckt. Damals war ich zum letztenmal bei Ihnen. Es war im Sommer 33, ein herrlicher Abend, denn ich vergesse ihn nie.«

»Ja, lieber Peytel, 1833, das war ein prachtvolles Jahr für mich!« sagt Balzac, der lebhaft geworden ist und der immer lebhafter wird. »Das Jahr 1833 war ein herrliches Jahr für mich. Ich hatte Unglück, aber ich war größer als mein Unglück. In der Zeit von vierzehn Tagen verkaufte ich fünfzig Spalten an die ›Chronique de Paris‹, und zwar für 1000 Franken, hundertundzwanzig Spalten an die ›Presse‹ für 8000 Franken, einen Artikel für den ›Dictionnaire‹ für 1000 Franken, das macht 10 000 Franken, hören Sie, liebster Freund, damit waren Ihre Schulden leicht gezahlt. Ich habe, wie Sie mich da sehen, dreißig Nächte durchgearbeitet, ohne zu Bett zu gehen. Ich habe geschrieben: ›Die zerbrochene Perle‹, ›Eine alte Jungfer‹, ein Werk, das Sie sicher gelesen haben, es ist eine wichtige Studie aus der Provinz, besonders für einen Notar. Ferner habe ich damals ›Das Geheimnis der Ruggieri‹ für Werdet beendet, den eben erwähnten Pseudomillionär, ich ließ die letzten zwei Bände der ›Sittenstudien‹ erscheinen, die Verbesserungen haben mich blutigen Schweiß gekostet, wahrscheinlich haben Sie mich bei dieser Beschäftigung überrascht, ferner ›Die Torpille‹ und, sehr wichtig, ›Die Leiden des Erfinders‹, das Werk heißt natürlich jetzt ›Die Suche nach dem Urstoff‹. Diese verkaufte ich zusammen mit der ›Ausgezeichneten Frau‹ um 12 800 Franken, die Rechnung ist ganz einfach, denn ›Ein großer Mann aus der Provinz in Paris‹ und die ›Heritiers Boisrouge‹ mußten mir 31 000 Franken tragen.

Ich brauchte mich nicht mehr auf die morsche Planke Werdet zu stützen, ich konnte mit einem reichen und soliden Haus für die letzten Bände, vierzehn sind es, der ›Sittenstudien‹ abschließen, die Autorentantieme dafür betrug 50 000 Franken, wovon ich 30 000 abhob. Ich hatte Pflichten. Ich mußte mir meine Unabhängigkeit schaffen. Die unbarmherzige Logik des Geldschrankes diktiert alles. Dies ist eine meiner Entdeckungen. So einfach sie klingt, bis zu meiner Zeit erkannte sie niemand in ihrer ganzen Bedeutung. Ich wiederhole: Auch der unbarmherzige Geldschrank hat seine Logik. Man muß sein, wie man ist. Jeder steht allein und ist identisch mit einem Saldo bei der Bank und bei Gott. Und doch kann ich schwacher Mensch der Versuchung nicht widerstehen, mich für Unglückliche zu interessieren. Bei mir ist der Unglückliche immer im Recht. Es ist meine innerste Natur, diesen Unglücklichen zu mir auf mein Pferd oder in meine Barke zu nehmen.«

»Wer weiß das besser als ich? Höre, Honoré, ich mag morgen mein Leben enden oder noch Jahre vor mir haben, ich werde es nie vergessen, wie du dich mir am ersten Tage der Verhandlung hier vor mir gezeigt hast. Einer beugt sich zu mir herab, einer ruft mich beim Namen... Ohne daß ich Ihnen antworten kann, nehmen Sie mich auf Ihre kraftvollen, warmen Arme. Sie betten mich auf die Pritsche, die ich, wankend nach den furchtbarsten Erregungen, nicht mehr habe erreichen können, Sie rollen Ihren Überrock zusammen, ein kostbares, neues Kleidungsstück, das Sie vielleicht sich nicht ersetzen können, pressen es zusammen, um es mir unter den Nacken zu legen, Sie atmen mit mir die abscheuliche Luft, die mit ihrem Gestank nach faulendem Kohl und noch Üblerem mir den Atem verschlägt. Sie geben mir von Ihrem Brot, Sie stärken mein Herz, Sie setzen alles an meine Sache, an die ich nicht mehr glaube.«

»Doch!« sagt Balzac. »Doch!«

»Sie sind das einzige, was mir bleibt. Denn Ihnen beichte ich. Von Ihnen erwarte ich Absolution. Und jetzt zum Schluß.

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