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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 31
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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VI

Die Gefängnisuhr schlägt. »Wir haben noch viel Zeit vor uns«, sagt Peytel, »denn gegen elf Uhr müssen Sie gekommen sein, nun ist es erst Mitternacht, es ist eine Stunde vergangen, wir haben noch viermal soviel Zeit vor uns. Oft dachte ich: Hättest du Paris nie verlassen! Ich bin Ihnen, das wissen Sie, sehr nahe gestanden. Vielleicht wissen Sie es nicht, denn wie viele Menschen mögen Sie bewundern! Ich kannte nie einen großen Menschen außer Ihnen. Hätte ich nur immer neben Ihnen leben dürfen! Geschäftliche Transaktionen sind Ihnen nichts Fremdes. Ich hätte Ihnen dienen können. Ich bin Notar, Sie sind Dichter. Ich bin Kaufmann, Sie sind Poet. Wir bleiben getrennt, aber eine tiefe Sympathie verbindet uns auf immer. Nun keine Gefühle mehr. Ich muß weiter, bis dorthin, wo es kein Weiter mehr gibt. Felice und ich sind ein Ehepaar. Hier bin ich, ein fünfunddreißigjähriger Mann, ernst, nicht ohne Ehrgeiz, nicht ohne Wünsche. Ich kann mich nicht ändern, ich gebe mich, wie ich bin, erfülle alles, wozu mich mein Beruf, meine Ehre, mein Gefühl verpflichten. Wir hatten kaum einige hundert Worte vor unserer Ehe miteinander gesprochen, das will die Sitte so in der Provinz, man lernt einander erst nach der Trauung kennen. Ich trete in die Ehe mit hohen Erwartungen reiner Freude ein, trotz allem. Es ist doch viel, ein lebendes Wesen neben sich zu wissen. Kehre ich von meiner Arbeit zurück, dann habe ich oft auf dem Heimweg das Gefühl beseligender Unruhe. Aber mich erwartet nicht das, was ich erwarte.

Wie oft muß ich von den Dienstboten hören, meine Frau sei, statt auf mich zu warten, der ich zu regelmäßiger Stunde heimkehre, zu ihrer Mutter in das früher von ihr bewohnte Haus gegangen und erwarte mich dort. Weiß sie, die Alcazar, nicht, daß ich dieses Haus wie die Hölle hasse, daß ich nie die Demütigung vergessen kann, die sie mir dort bereitet hat? Ich gehe hin, es treibt mich zu ihr, ich steige sogar die Treppe hinauf, höre Felices Stimme, ihr Lachen, ihr Gurren – alles frei und losgelassen wie nie, wenn sie bei mir ist. Ich blicke auf die steinernen Fliesen, auf den türkischen Teppich, aber ich wage mich nicht in den Raum, der für mein Gefühl immer vergiftet bleibt, ich stehle mich wieder lautlos hinab, warte unten auf sie, die oben tanzt und tollt, und es ist schon lange nach Mitternacht, da erst tritt sie, in meinen schönen spanischen Schal gehüllt, schlank und flink, als käme sie von einem Geliebten, nur von meinem Diener Louis Rey begleitet, unter den Torweg. Ich gehe seitlich hinter ihnen her, sie sehen mich nicht, weil das Licht von Louis' Laterne mehr auf den Boden als nach oben fällt, aber ich sehe sie und höre ihr Geplauder, das sich auf die nichtigsten Dinge bezieht. Warum erzähle ich diese minimale häusliche Szene, die sich schon deshalb nicht mehr oft wiederholte, weil Felices Mutter, an eine zweite Ehe denkend, die allzu häufigen Besuche der Tochter in ihrem Hause nicht gern sah? Warum klammere ich mich immer an das Bild der jungen, blühenden Frau? Sie ist von dem Lichte des Dieners untenher sanft beleuchtet, so daß die bauschigen Rüschen und gekräuselten Besatzstücke ihres weiten seidenen Rockes, wie aus biegsamem Metall gemacht, in Schlangenwindungen und in Schlangenglanz aufleuchten, dabei sendet die alte, große, mit Messingfäden übersponnene Laterne auch einen sehr ruhigen, rötlichen Schimmer nach oben, auf das Gesicht meiner Frau, das nun, wie von einem Bühnenlicht getroffen, einen zauberhaften, frischen, ganz kindlichen Ausdruck erhält. Wenn man sterben muß, wie mir morgen bestimmt ist, dann will man lieber das Bild dieser jungen, lebenstrahlenden Frau vor Augen haben, aber nicht das zerbrochene, das in Fleisch und Gebein aufgerissene, das stumme, aus dem Blut fließt und immer fließen wird. Man klammert sich an die guten, an die besseren Tage, und doch reißt es einen vorwärts zu dem unseligsten Muß , das je einen mittelmäßigen (mittelmäßig sage ich, nicht unschuldig) Notar und Staatsbürger zu dem gemacht hat, was ich heute bin.

Aber sehen Sie jetzt, wie ich an einem andern Tage mit Felice lebe. Wir sitzen abends nach dem Spaziergang im Walde, von dem ich Ihnen schon berichtet habe, daheim bei der Lampe. Ich fühle, während wir beide schweigen, mit der klarsten Deutlichkeit ihren schielenden Blick, mit Haß und mehr noch mit Furcht getränkt, auf mir haften, wie die Indianer ihre Pfeile mit Gift tränken, niemand sonst könnte es sehen, nur der, den es trifft. Entschuldigen Sie den romantischen Vergleich, es ist der Vergleich eines Provinznotars. Nun tritt der Diener ein, Louis Rey, den ich auf ihren Wunsch aufgenommen habe und der mit ihr zugrunde gegangen ist, Sie wissen es. Kaum ist er über die Schwelle, da hellt sich ihr Gesicht auf. ›Ziehe mir die Schuhe aus, Dummer! Knöpfe mir die Stiefelchen auf!‹ sagt sie und hält ihm ihre in diesen Schuhen besonders winzig wirkenden Füßchen hin, denn die Schuhe sind schmutzig geworden beim Gehen über die immer etwas feuchten Waldwege; bei uns hier in der bergigen, stark bewaldeten Gegend trocknen die Wälder nie aus, das macht sie so üppig, so prachtvoll, so strotzend an Duft und blühendem Gewächs. Ich blicke auf. ›Nein, warte doch‹, sagt sie und hebt den Diener am Kragen seines Kittels in die Höhe, denn er hat sich schon wortlos gebückt. ›Warte! Laß es sein!‹ In ihre Augen tritt ein Ausdruck von Frechheit und Angst zugleich: ›Unser Herr, unser Herr erlaubt es nicht. Er traut dir nicht!‹ Der Diener geht. Auf seinem undurchsichtigen Gesicht ist nichts zu lesen. Ich fasse den Klingelzug, und die Kammerfrau erscheint. Aber Felice blickt sie erstaunt an und fragt: ›Wozu?‹ Ich entlasse durch stummen Wink die Kammerfrau, denn man kann vor dem Dienstpersonal in der Provinz kein lautes Wort reden, ebensogut könnte man seine häuslichen Zerwürfnisse auf dem Marktplatz abmachen. Ich schweige, bis wir, spät, zu Bett gehen, und selbst dann schweige ich. Aber ich hasse sie von neuem. Ohne Eifersucht, glauben Sie mir. Eine Frau in Paris ist zu allem fähig, man sieht es an Ihrer Madame Marneffe, eine Frau in der Provinz nicht. Ich haßte sie und wußte doch, es erreicht sie nicht. Sowenig die Dornen bei ihr faßten, wenn sie sich mit ihren zarten Armen und ihrer feinen Haut in die Brombeerbüsche hineinwagte, sowenig scheint sie jetzt, als wir stumm nebeneinander in den hohen Kissen liegen und mit offenen Augen vor uns hinbrüten, von dem berührt, was zwischen uns vorgefallen ist. Aber das ist nur Schein.

Ich will mich außerhalb des Hauses zerstreuen; als einziges Vergnügen bleibt uns die Jagd. Ich schaffe hierzu einen ausgezeichneten, langhaarigen Schäferhund an. Felice freut sich wie ein Kind, als sie das schlanke, hochgewachsene, gut dressierte Tier zu Gesicht bekommt. Es ist noch nicht viel über ein Jahr alt, und seiner Klugheit ungeachtet ist es jederzeit zum Spielen aufgelegt. Nun spielen wir zu dritt im Speisezimmer, und der Schwager, als Landjunker ebenfalls ein Hundefreund, sieht, als er uns besucht, in der Mitte des Zimmers unter umgeworfenen Stühlen und herabgezerrten Decken einen einzigen Knäuel, die Frau, den Notar und den Hund. Wir lachen, wir sind unbekümmert, und mein Herz geht wieder auf. Das ihre nicht. Nachts will ich mich ihr nähern. Sie wehrt mich ab, indem sie pfeift. Den Hund hört man in seinem Zwinger bellen.

›Felice, pfeife nicht!‹ sage ich. ›Du sollst es nicht!‹ ›Warum sollte ich nicht? Mein Pfeifen verstößt nicht gegen unsern Kontrakt.‹ ›Alle Welt hört es‹, sage ich flüsternd, meinen Mund an ihr kleines, im Lampenlichte rosenrot schimmerndes Ohr gepreßt. ›Sei stille, ich bitte dich darum sehr.‹ Sie pfeift weiter, wie ein auf der Landstraße angegriffener Mensch seinem vagierenden Hunde, so durchdringend, daß nun nicht nur der Hund in seiner Hütte tobt, sondern auch alle Leute in meinem Hause unruhig werden. In mir geht etwas über, ich fühle, in mir bricht etwas, es hat sich etwas gelöst, ich kann mich nicht halten, ich fasse ihre Hand, ich kann mich nicht beherrschen, ich beginne das Händchen wie unter einer Weinkelter zu pressen und warte, daß auch hier, wie unter einer Weinkelter, rote, trübe Tropfen zu fließen anfangen. Ihre langen Fingernägel schneiden mir ins Fleisch. Wenn einer blutet, bin ich es, aber es geht weiter, denn es muß sein; denn was aus mir kommt, kommt so, als hätte sie es mit Gewalt aus mir herausgesaugt. Nie habe ich bis dahin solche Dinge getan noch solche Worte gesagt: ›Ich will dich noch klein machen‹, flüstere ich, während ihr furchtsames Pfeifen in ein angstvolles Wimmern übergeht, ›so klein.‹ Nun verstummt sie. Draußen jagt der Wind, es gibt Regen und unruhige, stürmische Zeit. Ich kleide mich an, doch kann ich das Haus nicht verlassen, da mich dies in dem kleinen Orte unmöglich machen würde. Ich gehe in dem Schlafzimmer hin und her, und sie folgt mir mit ihrem rötlich funkelnden, schielenden Blick nach. In dieser Nacht beschloß ich, mich von ihr zu befreien.

Am nächsten Tage kehre ich von meiner Arbeitsstube in mein Haus zurück. Hier sehe ich die Frau, spielend mit dem Hunde beschäftigt. Kaum bin ich eingetreten, als sie dem Tiere befiehlt, sich hinzulegen. Es tut, was ihm befohlen. ›Pfeife!‹ sagt sie zu dem Hunde. Das Tier ist still und blickt treu auf zu ihr, die mit ihrem hellbraun getönten Gesicht, mit den großen, amarantfarbenen, goldfunkelnden Augen, mit den weißen, wulstigen, quer gerunzelten Lippen über ihm steht und lächelt. Nun setzt sie ihren kleinen Fuß im silbergestickten Pantoffel dem liegenden Hunde auf den Kopf. ›Pfeife! Er ist da!‹ Das Tier vermag nichts anderes, als zu keuchen. Nun tritt sie fester auf. ›Ich will dich klein machen!‹ und steht nun mit ihrem ganzen Gewicht auf dem schmalen Kopfe des gequälten Hundes, aber ihr schielender, goldbrauner Blick gilt nicht ihm, sondern mir. ›So klein will ich dich machen.‹ Sie wiegt sich in den vollen, anschmiegenden Hüften und lacht. Ich reiße sie mit Gewalt herunter. Der Hund, der nur durch ein Wunder einer stärkeren Verletzung entgangen ist, schleicht, während er aus Angst Wasser verliert, zur Türe, die er erst durch Kratzen mit den Pfoten, dann mit dem aufgerissenen nassen Maul zu öffnen versucht. Ich lasse ihn denn auch sofort hinaus. Hier ist der Anfang. Verstehen Sie das, Liebster, verstehen Sie eine Frau, die so handelt?«

Balzac steht von der Pritsche auf, wo sein schwerer Körper eine tiefe Delle hinterlassen hat. Wie er hin und her geht, erfüllt er mit seinem gewaltigen Körper fast die ganze Zelle.

»Ich kann Ihnen nur mit Ihren eigenen Worten antworten«, sagt er. »Als der Untersuchungsrichter Sie bei dem ersten Verhör fragte, wie zwei Schüsse aus einer Ladung hervorgehen konnten, haben Sie ihm geantwortet: ›Es gibt seltsame Kombinationen in der Wirkung der Feuerwaffen.‹ Aber wie seltsam sind erst die Kombinationen in den Waffen der Seele! Wer weiß das besser als ich? Dürfte ich erzählen, wie Sie erzählen, Sie würden vieles in meinem beneideten Leben ähnlich finden mit dem Ihren. Sprechen Sie! Ich höre. Ich glaube Ihnen. Was Sie erzählen, erfindet man nicht.«

Auch Peytel war aufgestanden. Die Männer, nebeneinander in dem engen Raum einhergehend, umkreisten einander in stetiger Bewegung. Der Krug wanderte aus einer Hand in die andere.

»Die Alcazar hatte kleine Hände mit milchweißen, langen, ovalen, glänzenden Fingernägeln. Meine Eltern waren Bauern, sie hatten ihre Felder und Gärten unweit Lyon. Sie gruben ihren Weinberg, ihren Ackergrund um, fütterten das Vieh, und meine Mutter wusch im Flusse wie alle andern Frauen des Ortes. Ihre Hände waren grob, gröber als ihr Brot. Meine Schwester hatte Fingernägel, wie aus Baumrinde geschnitzt. Die meinen, obgleich gepflegt (das habe ich in Paris zuerst gelernt), waren verdorben durch die Schreiberarbeit, denn man wühlt nicht ohne üble Wirkung zehn Stunden des Tages in staubigen Aktenfaszikeln. Aber mein Mädchen hatte Nägel, geschliffenes Perlmutter, rosenfarbig oder milchweiß durchschimmernd, je nachdem sie die Hände hob oder senkte. Nun hören Sie! An dem Abend, welcher der erzählten Szene folgt, komme ich heim. Die Arme sitzt weinend über ihrem Nähtischchen aus Rosenholz, ihre Hände bluten, besonders die linke. Sie hat die Nägel mit der Stickereischere so tief abgeschnitten, daß das arme Fleisch darunter blutet. ›Hier‹, sagt sie und hält mir das Pfötchen halb lachend, halb weinend vor die Augen, ›bist du zufrieden?‹ Ich verstehe. Es ist geschehen, weil ihre Nägel gestern, als ich sie strafte, mir ins Fleisch gegangen sind, ich habe Mitleid mit der Unseligen. ›Hier‹, sagt sie noch einmal und hält mir die Fingerspitzen an die Lippen, ›weil du Blut so sehr liebst.‹ Das Mitleid mit der Frau ist verschwunden. Ich sehe bloß von ihren weit auseinander schielenden Augen Tränen rinnen. Ich streite aber nicht, und die Versöhnung kommt auf die übliche Weise zustande. Aus dieser Zeit stammt das schriftliche Bekenntnis, das auch dem Untersuchungsrichter aufgefallen ist. Es ist um so merkwürdiger, als es ganz ohne Zwang abgegeben worden ist.

Es vergehen einige Wochen, die Ernte ist gut, wir kommen in den Herbst. Jetzt schließen die Bauern ihre Verträge ab. Mein Notariat hat Arbeit in Fülle. Ich dachte in dieser Zeit oft an Sie. Von der Alcazar halte ich mich fern. Ich liebe Blut? Nie habe ich zusehen können, wie man einer Ente den Hals durchschneidet, es schaudert mich, sehe ich ein Kalb abgestochen werden. Auf der Jagd schieße ich wohl, aber aus der Ferne. Blut bekommt man wenig zu sehen, Klagen nicht zu hören. Jetzt soll es heißen: ›Weil du Blut so sehr liebst.‹ Manchmal, es ist wahr, atme ich tief in dem Gedanken, daß Felice nicht mehr sei. Es ist wahr, ich habe den Gedanken an ihr Wegscheiden keinen Augenblick völlig vergessen. Was mich anfangs entzückt hat, der Geruch nach Wald, nach siedendem Harze, bezaubert mich lange nicht mehr. Aber von da bis zu einem Pistolenschuß, bis zu dieser ›seltsamen Kombination in der Wirkung der Feuerwaffen‹ ist es noch weit, sonst wären alle Männer Mörder und die Frauen nicht minder.

Aber sie, Felice, ist aufgeblüht. Ihre Formen sind voller geworden, ihre blauschwarzen, früher etwas dürftigen Haare üppiger. Schwebend in ihrer aufgehenden Fülle kommt sie leise hinter meinen Lehnsessel, wenn ich abends nach der stummen Mahlzeit über meinen Akten sitze, und versucht mich zu küssen. Aber dieses Wort, ich liebe Blut , hat uns geschieden, so gut, wie die königliche Kammer in Bourg unsere Ehe hätte scheiden können. Aber sie wird nicht müde. Wohl entfernt sie sich mit ihrem eigenartigen, schwebenden, sich hebenden Gange; lange verschwendet sie ihre zärtlichsten Liebkosungen an den Jagdhund, der ihr treuester Freund geworden ist und den sie zu ihren Füßen auf ihrer Bettdecke schlafen läßt. Ich aber hindere sie an keiner noch so tollen Laune mehr. Dann schleicht sie zu mir, läßt sich zu meinen Füßen, in ihrem leichten Seidenkleide zusammenrauschend, nieder, und während sie den Mund zu einem unbeschreiblich wollüstigen Lächeln verzerrt oder auflöst, rafft sie mit plötzlichem, flammendem Griff ihre Kleider am Halse zusammen, am gedämpft elfenbeinfarbenen, quer gerunzelten, bebenden Halse, als fürchte sie, jemand risse ihr die Kleider vom Leibe oder fahre nach ihrer bloßen Kehle. Dazu flüstert sie mit ihrer heiseren Papageienstimme, wobei ihre Augen im hellen Lampenlicht wie Speere zu leuchten und ganz geradeaus, tief und brennend zu schauen vermögen, das kurze Wort: ›Das läßt Sie kalt?‹ Man hat für solch eine Äußerung nur ein Achselzucken. Aber am nächsten Abend, in großer Gesellschaft (ich zähle die Namen nicht auf, es war ganz Belley), zeigte sie ihre vollen Schultern. Es sind schöne, makellose Schultern, wer weiß es, wenn nicht ich? Manche Frauen haben einen farbigen, regenbogenartigen Glanz in ihrer Haut, vielleicht nicht immer, nur an so verfluchten Tagen, wo das kommen muß, was nie kommen sollte. Denn sie hebt die Schultern, hilflos und abwehrend zugleich, so daß die nackten Achseln aus den Trägern des Kleides hervorsteigen und sie jetzt das Kleid mit beiden Händen zurechtrücken muß. Die weiße Seide spannt sich knisternd bis zum Reißen an, und knisternd kommen auch die Worte aus ihrem blassen, weißen Negerinnenmunde, auf den aller Anwesenden Augen gerichtet scheinen: ›Das läßt Sie kalt?‹ Man lacht, sie kräuselt nur ihre niedrige Stirne, zieht die Lippen ein, als schäme sie sich dessen, daß sie so dick und wulstig sind. Da war ihr Kassationsgesuch abgewiesen.

Vielleicht können nur Männer neben Männern in Frieden leben. Ich sehe, Sie sind müde, Balzac. Aber welches Lager kann ich Ihnen anbieten? Auf der Pritsche hält es niemand lange aus, die Stäbe schneiden ins Fleisch, ich weiß es.

Ich fahre fort. Das Verfahren muß seinen Fortgang nehmen, da, wie ich sagte, das Kassationsgesuch verworfen ist.«

»Ihres?«

»Meines nicht minder als das meiner Frau. Wir machen die späte Hochzeitsreise. Wir lassen unsern schönen Wagen mit den zwar alten, aber kräftigen Gäulen bespannen und gehen auf ein paar Tage aus Belley fort. Zuerst nach Macon. Ich hatte Geld mit, ich konnte darüber verfügen, es entweder als Bürgschaft bei der Präfektur in Macon hinterlegen oder damit flüchten. Es reichte für lange. Das Wetter war. schön. Wie sonderbar ist der klare Herbst, der warme Himmel, der wolkenlose – die Berge in gesättigtem Grün, in feuchter, unverwelkter Frische – die Weinberge in Stufen und Terrassen auf den Hängen, bunt gesprenkelt, kupferrot, honiggelb und braun – die düsterroten Trauben dazwischen und die blauschwarzen, die, mit zartestem Reif bedeckt, unter dem vielfach vertrockneten, raschelnden Laube sich vordrängen und matt wie Perlen in der Abendsonne glitzern. Wie sonderbar, die Menschen zwischen den Weinbergmauern zur Arbeit gehen zu sehen am Morgen, wie sie zurückkehren am Abend. Sie grüßen mich, weil sie mich kennen. Weil sie mich nicht kennen? Einerlei. Ich sitze im Wagen, der nach altem Leder, nach den Messingbeschlägen riecht, nach den mitgenommenen Speisen, nach einigen Tropfen vergossenen Weines, denn beim Rütteln des Wagens fällt wohl ein Tropfen daneben. Ich kenne den Geruch gut, da ich das Fuhrwerk schon seit Jahren benutze. Zu zweit sitzen wir in den glänzenden, schon etwas zerschlissenen, aber bequemen Kissen. Zu zweit gehen wir fort, einer kehrt zurück. Wir sind heiter, scheint es. Wir streiten nicht, scheint es. Ich knacke Nüsse und schäle sie, denn man will die junge Frau verwöhnen, es scheint so. Ich hebe die Frau an der gefährlichsten Stelle aus dem Wagen, und sie lacht wie ein Kind, es scheint so. Die Frau schmiegt sich an mich und vertraut mir, es scheint so. Hier ist die Situation vor der Tat. Man ist Notar, Standesperson. Wenn man Pläne hat, wie Peytel sie hat, bringt man sie draußen zu Ende, nicht daheim. Das weiß ich.«

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