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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 30
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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V

Wußte je ein Mensch genau, was er tun sollte, war ich es. Es war richtig, den Salon zu verlassen, sich heimzubegeben. Für ein großes Glück mußte es gelten, als Notar in der kleinen, aber reichen Stadt angenommen zu sein. Damit hätte ich mich zufriedengeben können. Statt dessen bleibe ich. Erkundige mich, wenn auch unauffällig, nach dem Namen des Mädchens, ihrer Familie, ihrem Vermögen, denn dieses gehört mit zur Personenbeschreibung. Ich hätte ruhig arbeiten, meine Notariatsakte sauber formulieren, die Parteien, die bestellt waren, zu einer wichtigen Verhandlung in mein Arbeitszimmer bitten sollen. Statt dessen gehe ich am nächsten Tage zu dem Schwager, kaum daß es Mittag geworden ist. Statt dort ein paar Dankesworte für die Einladung auszusprechen, die mir ohnehin als Standesperson zukam, halte ich bei dem Schwager unvermittelt um Felices (schon nenne ich sie so), um der jungen Alcazar Hand an.

Felice liebt mich nicht. Denn was sollte sie an mir lieben? Meine gesellschaftliche Stellung ist umstritten, da die Notariatskammer in Macon mich vor aller Welt abgewiesen hat und ich hier, in Belley, nur gnadenweise aufgenommen bin. Mein Vermögen kann man bei bestem Willen nur als mäßig bezeichnen, die Schulden, wenn auch nicht drückend, sind bedeutend genug, das Einkommen künftiger Zeiten noch unsicher wie alles. Schön bin ich nicht, mit Blattern gezeichnet, Frauen gegenüber außerdem sehr schüchtern. Und doch! Das Blut entscheidet. Nicht der Wille. Felice gibt nach wenigen Tagen ihr Jawort. Sie liebt mich nicht. Denn ihr Blick, halb verachtungsvoll, halb furchtsam, sagt alles. Sagt er nicht alles? Hat sie etwas zu verbergen, etwa eine unerwünschte Leibesfrucht, die mein trotz allem ehrlicher Name decken soll? Nichts, nichts von dieser Art. Keine Frau wurde in der Hochzeitsnacht reiner befunden als sie.

Aber ist es noch Reinheit zu nennen, wenn eine Frau, nein, ein Mädchen sich an ihrem Hochzeitstage, völlig angekleidet, bräutlich geschmückt, vor allen Menschen, ja vor der eigenen Mutter verkriecht und jeden mit ihren kleinen Fäusten, mit ihren scharfen Nägeln zurückschreckt?

Ich finde mich, pünktlich, wie es einem Notar geziemt, in meinem Bräutigamsfrack im Hochzeitshause ein. Der Schwager, Herr von Montrichard, empfängt mich, und sein birnenförmiges, aus altem Zeitungspapier fabriziertes Gesicht ist noch mehr in die Länge gezogen als sonst. Ich schweige. Er schweigt. So sitzen wir, beide in Frack, weißer Binde und weit ausgeschnittener weißer Weste einander gegenüber, ich mit meinen Blumen im Arm, die mir mit jedem Augenblick lästiger werden. Die Mutter stürzt herein. Sie schluchzt. Da sie sich gepudert und geschminkt hat, bestrebt sie sich, die Tränen noch innerhalb ihrer großen, goldbraunen, bläulich-weiß umspiegelten Augen aufzufangen, aber es ist vergeblich, denn sie strömen so fessellos, daß sie den Weg über die vollen, bereits etwas hängenden, wachsfarbenen Wangen schnell gefunden haben und sich nun auf der Korsage des ausgeschnittenen zitronengelben Seidenkleides sammeln. Man erzählt mir alles. Niemand kennt den Grund. Die Braut hat freiwillig gewählt. Aber ich? Soll ich mich endlich zurückziehen? Man weiß es nicht. Soll ich es versuchen, meine Braut zu bewegen, vernünftig zu werden, soll ich mich bemühen, sie zur Realität zurückzuführen, wie Sie es nennen, der große Meister des Realen? Man wird mich nicht hindern! Ich bin frei, im engsten und weitesten Sinn des Wortes. Im Grunde aber so furchtbar unfrei, daß mir der jetzige Augenblick in dieser fensterlosen Gefängniszelle (die Luke oben kann als Fenster nicht gelten), auf dieser erbärmlichen Pritsche, in diesem fürchterlichen Raum, wo nichts Halt hat, denn auch der Boden ist abschüssig wie in der Hölle, daß mir selbst diese sicherlich strenge Haft als etwas Freies erscheint, gehalten gegen den Vormittag meines Hochzeitstages.

Es ist nicht die erste Demütigung meines Lebens noch die letzte. Selbst Napoleon, unser allergrößter Meister und stärkster Lehrer, hat von Brienne bis Helena Demütigungen genug erduldet. Wem bleiben sie erspart? Ich kann also auch diese Demütigung, meine Braut an ihrem Hochzeitstage, an unserm Tage, in Tränen und versteckt und verkrochen zu wissen, auf mich nehmen und meines Weges gehen, noch als der, der ich kam. Ich überlege klug. Ich fresse meine Pein in mich, die entsetzliche, ich muß es gestehen, die bitterste, aber sie stört mein Gesicht nicht aus meines Herzens Sanftheit, dessen bin ich sicher, denn ich beherrsche mich. Es gilt zu rechnen, und so rechne ich denn. Ziehe ich mich jetzt endgültig zurück, so wird das schlechte Licht nicht auf mich, sondern auf die Braut fallen. Denn die Provinz denkt zwangsmäßig, und daß Sie das nicht in Ihrer Rede bedacht haben, hat uns sehr geschadet. Wäre ich an meinem Hochzeitstage zurückgetreten, meine Braut hätte unter einem Makel gestanden, ich wäre an Ansehen gestiegen. Denn man kennt mich. Ich bin eine öffentliche, eine Amtsperson. Man konnte meine erste Bewerbung zurückweisen, aber nicht mich an meinem Ehrentage zurückstoßen.

So kann dieses unvorhergesehene Ereignis nur zum Schaden der Braut ausschlagen, wenn ich nun mit einer stummen Verbeugung gegen Schwager und Mutter der Braut das Zimmer verlasse und alles andere, die Absage an den Geistlichen, die amtlichen Zeremonien der Familie überlasse. Weshalb erzähle ich Ihnen, Liebster, diese Einzelheiten so sorgfältig? Weil es mir im Innersten graut vor dem Augenblick, da ich die Pistole heben werde, fester ihren vom Regen schlüpfrig gewordenen Griff fassend. Ich sage es noch einmal, es graut mir im fürchterlichsten Winkel meiner verlorenen Seele vor dem Augenblick, da ich den Hammer packe, wo ich meine Hände mit Blut beschmutze, denn Blut ist Schmutz, ich weiß es, mit Blut beschmutze, mit einem Saft, mit einer Farbe, die ich immer gehaßt habe. Denn mir graute vor dem Wein, den meine Eltern in ihrem Weingut kelterten, weil er Blut ähnlich sieht. Aber es muß sein. Ich tue nicht, was ich müßte, sondern was ich muß. Das Notwendige wird nicht erklärt.

Nachdem ich den ersten Schritt schon richtig getan, mich von den Angehörigen mit einer korrekten Verbeugung verabschiedet habe, als wäre es für immer, gehe ich auf den kühlen, schön mit Fliesen und feinen Teppichen gedeckten Vorplatz hinaus, aber statt auf die Straße trete ich in Felices Zimmer. Habe ich nicht in meiner Brust gerade hier, gerade jetzt das unbeschreibliche Gefühl, endlich bin ich dort, wohin ich mich zeit meines Lebens immer gesehnt habe? Felice muß in dem Zimmer weilen, denn es ist der Raum von einem heute besonders starken Duft nach siedendem Harze erfüllt, er scheint leer, die Dienstboten sind abwesend, in der Küche, im Hofe, ich weiß es nicht, ich rufe, meine Stimme klingt freudig, hell, voll Humor, als müsse es so sein, daß der Bräutigam am Hochzeitstage ohne die Mutter das Zimmer seiner störrischen Angebeteten betritt, daß er mit seinen zitternden Notarshänden die Bettdecke berührt, auf der sein Brautgeschenk, ein kostbarer spanischer Schal, ausgebreitet ist und in allen Regenbogenfarben wie die Schultern der schönen Dame schimmernd daliegt, aber unter der Decke sind nur Kissen, Polster, noch warm von einer menschlichen Wärme, aber kein Leben, kein menschlicher Körper. Aber wo ist denn die Unselige, wenn nicht hier? Dringt nicht jetzt eben aus einem Winkel ein unterdrücktes Stöhnen? Ich kenne die Stimme, den grauenhaft widerwärtigen und grauenhaft bezaubernden Papageienschrei, und meiner bemächtigt sich im selben Augenblick ein so herzbeklemmendes Mitleid, daß ich, wie Sie einmal zu mir, zu dem unsichtbaren Wesen flüsternd sage: ›Weinen Sie nicht!‹

Die grünen Rolläden vor den Fenstern sind herabgelassen, im nahen Garten blühen die Mandelbäume, können aber mit ihrem durchdringenden, süßbitterlichen Geruch nicht den Duft nach Harz verdrängen, der im. Zimmer fast greifbar liegt. Das Auge gewöhnt sich an die Dunkelheit, das Ohr an das Schweigen. Denn meinen Worten ist keine Antwort zuteil geworden, es herrscht Totenstille. Ich knie nieder, ich sehe Felice. Sie hat sich unter das Bett an die nackte Erde hinabgezwängt, denn der Teppich reicht nicht unter das Bett, die Hände hat sie vors Gesicht geschlagen, regungslos, als lebte sie nicht mehr. Ich spreche nicht. Ich rufe nicht; ich bitte sie auch nicht mehr, nicht zu weinen. Denn sie weint nicht, sowenig Tote weinen. Ich bitte nicht. Denn es gibt nichts mehr auf der Welt, das die Bitterkeit auflösen könnte, die mir jetzt mein Herz zusammenpreßt und die alles erstickt.

Sie, lieber, wirklich geliebter Freund, haben gewiß auch Bitternisse im Leben ausgekostet, ohne Bitterkeit wird man nicht so groß wie Sie. Aber ich bitte Gott, er möge Ihnen Augenblicke wie diesen ersparen. Sprechen Sie nicht! Was ich sagen muß, ist so schwer, daß ich, einmal unterbrochen, nicht weiter könnte, und weiter muß ich doch, und heute nacht ist der letzte Termin, denn an einen späteren glaube ich nicht mehr. Sehen Sie mich nun in meinem Feiertagskleide vor dem Bette knien, sehen Sie, was außer mir und Ihnen kein anderer Mensch gesehen und erlebt hat, wie das Mädchen mich mit ihren nackten, trotz der Dunkelheit perlmutterfarben schimmernden Armen noch näher an sich zieht, wie sie mir den nackten Mund mit den vollen, blassen, quer gerunzelten Lippen bietet, wie sie sich im Halbdunkel an meine Kehle drängt, wie sie sich mit ihren scharfen, meißelartigen, eng aneinandergereihten Zähnen an meinem Hals festsaugt und dabei die Stirne, die an der Haargrenze etwas lichter gefärbt ist, runzelt, als wolle sie weinen, und wirklich, ohne mich freizulassen, ohne sich aus ihrer fürchterlichen Lage fortzurühren, beginnt ein kreischendes Schluchzen, das mit einem girrenden Lachen abwechselt, aber nur um so bitterer klingt. Tränen füllen ihre schönen, großen Augen, sie sieht mich nicht deutlich, fühlt nur, daß ich wegstrebe, und will mich fester halten, enger noch an sich pressen, mich, der die allzu nahe Berührung mit Frauen zeit seines Lebens gescheut hat, so wie er seine Hände von Blut und seinen Kopf von Wein freihielt.

Nichts von alledem ist mir gelungen. Ich, ein kluger, sanfter Provinznotar, bin auf die fürchterlichste Weise verloren, Sie sehen es selbst, und weiß den Grund nicht. Aber vielleicht wissen Sie ihn, denn vor Ihnen tun sich alle Herzen wie Bücher auf. Vor Ihnen sind wir wie vor Gott. Wir haben keine Geheimnisse, wir schütten unsern Abgrund (es ist nicht das rechte Wort, aber ich weiß kein besseres) in Gottes Abgrund, unsern Zwiespalt in seinen, und das tut uns wohl.

Was war es: Liebe? Haß? Wahnsinn? Allzu klarer Blick? Völlige Verkennung der Wirklichkeit? Prophetisches Erschauen der Zukunft? Lüge? Mangelnde Erziehung? Schlechte Rasse? Negerblut? Komödie? Kehren wir zu den Tatsachen zurück: eine halbe Stunde später stehen wir vor dem Priester, ohne daß er sich über eine Verzögerung beklagen kann, eine Stunde später vor dem Standesamt. Man übergibt mir die Titel der Wertpapiere, dreiprozentige Staatspapiere, die man heute noch unangetastet in meinem Tische finden wird, abends vereinigt sich an unserer Hochzeitstafel die Blüte der Gesellschaft unserer Stadt, der Bischof, der Präsident der Ackerbaugesellschaft, die drei Seidenfabrikanten, die großen Kaufleute, der Seminardirektor und alle andern Größen. Denn von diesem Tage an bin ich einer von ihnen. Meine Frau blickt mich an. Ich sitze ihr gegenüber. Sie lächelt in einem, wie es scheint, reinen und ungetrübten Glück. Sie schielt nicht. Ja, selten hat mich ein Blick tiefer getroffen, selten strahlte er offener aus einer Seele in eine andere. Ich bin still, ich habe erreicht, was ich wollte. Ich wollte Bürger dieser Stadt sein und geachtet, ich bin es. Ich wollte dieses Mädchen, Felice Alcazar, besitzen und werde es. Mein Dasein ist gesichert, mein Haus gut gebaut, gut gegründet und gestützt. Ich bin Notar, habe Anspruch auf die hiesigen Testamente, Ehekontrakte, Kodifizierung von Verträgen, Erbschaftsklauseln aller Art. Alle Güterkäufe gehen durch meine Hand. Keine Hütte, kein Wiesengrund, keine Kuh oder Schafherde wechselt den Besitzer, ohne daß man sich in meiner Stube trifft. Ich kann mit einem gesicherten Wohlstand rechnen, mit einem arbeitsreichen, aber an Erfolg nicht armen Mannesalter, mit einem friedlichen, sorgenlosen Greisenalter. Nachts die Freuden, tagsüber die Arbeit und der Beruf. Das ist das Ideal des Bürgers. So bin ich. Nachts ist Felice still, zärtlich, schüchtern, mädchenhaft.

Ich liebe sie mehr als je zuvor.«

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