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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 29
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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IV

Sie müssen trinken, Sie müssen Ihrem Wein Ehre antun. Denn ich habe Ihnen eine kleine Überraschung zugedacht. Sie sollte erst nach meinem Tode Ihnen zu Ohren kommen, aber ich kann es mir nicht versagen, Ihnen heute schon zu geben, was Sie aus der Hand eines Lebenden leichter nehmen können als aus der eines Toten. Das Weingut, auf denn dieser Wein wächst, muß nach meinem Tode parzelliert werden. Das beste Stück Grund ist Ihnen zugedacht. Sie können den Wein hier keltern lassen, man sendet Ihnen dann ein Gebinde zu. Dies ist nur ein kleiner Dank für Ihre Rede. Carneton, mein Lehrer, hätte sie nicht schöner aufgebaut. Trinken Sie, es wird Ihnen wohltun. Ich bin nüchtern und berauscht zugleich. Das kann dieser Wein.

Zur Sache nun. Man hat mich des Mordes an Felice Annunciata Alcazar, einundzwanzig Jahre alt, angeklagt, und ich habe vor den Assisen gesagt: Nein, ich bin nicht schuldig. Vor Ihnen, Honoré de Balzac, sage und erkläre ich: Ja, ich bin schuldig. Bitte, unterbrechen Sie mich mit keinem Wort, keiner Silbe, denn es muß sein. Ich bin bereit, Generalbeichte abzulegen. Als ich Ihnen schrieb, als ich Sie hierher zerrte, wollte ich, daß ein Mensch wenigstens an meine Unschuld glaube. Ich schrieb Ihnen: ›Würden Sie an mich glauben können, dann würden Sie mir, gleich, ob ich verurteilt werde oder nicht, nicht mehr wie ein Mensch erscheinen, wie zu einem Gott würde ich aufschauen zu Ihnen.‹ Nun ist es so gekommen, daß man mich verurteilt hat. Nun ist es gekommen, daß Sie bei mir in den letzten Tagen meines Lebens weilen. Vor der Welt kann es nichts mehr ändern, ob ich gestehe oder nicht. Aber in Ihnen kann es noch etwas ändern, in dem einzigen Menschen, den ich mit meinem ganzen Herzen und meiner ganzen Seele herbeigewünscht habe. Sie sollen mich nicht fragen noch auch mich trösten. Denn ich will sprechen und muß es, wenn ich auch nicht wollte.

Ich habe vor dieser Frau Felice Alcazar keine andere Frau besessen. Ich bin bis zu meinem vierunddreißigsten Lebensjahr keusch geblieben. Das ist möglicherweise nur Zufall, denn es erklärt nichts, entschuldigt nichts. Diese Frau hat sich vor mir aufgetan wie ein Abgrund unter einer Gletscherspalte. Ich setzte meinen Fuß darauf und dachte, es trägt. Da war ich im Sinken, und nichts mehr hielt auf Erden mich auf. Es geht um mein Leben, das weiß der fallende Mensch, aber das rettet ihn nicht. Daraus entnehmen Sie, lieber Freund, daß es keine ganz glückliche Ehe war.

Die Alcazar war schön. Schwarzblau das Haar wie angelaufener Stahl, aber weich wie gesponnene Faser, unbeschreiblich die Augen, schräg geschnitten, amarantbraun mit goldenen Punkten, fast wie die Ihren. Man sagt, die Luchse hätten ähnliche. Rings um die Augensterne war viel Weißes, Bläuliches, das sollen alle haben, die aus den Tropen stammen. Diese Frau heiratete ich aus Liebe. Ihr Vermögen war nicht übel, ich konnte es brauchen, aber es gibt in der Provinz viel reichere Erbinnen, es lebt noch manche Eugenie Grandet, wenn auch nicht mit dreiundzwanzig Millionen wie die Ihre. Ich kannte sie von einem Ball ihres Schwagers, des Herrn Montrichard, Sie erinnern sich seiner aus der Verhandlung; ein großer, spazierstockdünner, brauner Mann, mit einem Gesicht, wie aus altem Zeitungspapier gemacht. – Ich hatte bei dem Balle meinen Platz rechts neben Felice; die Musik begann, ihr Kavalier hatte sich entfernt, um ein wenig Eis am Büfett zu besorgen, sie sah sich um, ihr Blick fiel auf mich, er fiel, im wahrsten Sinn des Wortes, wie ein scharfer Metallsplitter sich von einer Drehbank löst und auf einen Menschen fällt, der zu seinem Unglück zufällig in der Nähe ist; kein Mensch freut sich solch einer Wunde. Was soll das sein? fragte ich mich, stand aber doch auf und wandte mich zu ihr. Dieses braune Geschöpf mit den wulstigen, fast weißen Lippen, dieses Mädchen mit den rot funkelnden, großen Negeraugen, sie schielt ja, sie schielt – so schön die Augen an sich sein mögen, das Schielen entscheidet. Denn nichts habe ich mehr gehaßt als schielende Frauen, und eine schielende Frau heiratete ich. Sie wich aus, als ich aufstand und mich vor ihr verbeugte, sie hob die Schultern, schöne, runde, makellose Schultern, perlmutterfarben glänzend – manche Frauen haben einen geradezu farbigen, regenbogenschimmernden Glanz in ihrer Haut, aber vielleicht nicht immer, nur an so verfluchten, fürchterlichen Tagen, wo das kommen muß, was nie kommen soll, denn sie hebt die Schultern, hilflos und abwehrend zugleich, so daß die Achseln aus den Trägern des Kleides (es war silberne Spitze) hervorsteigen und sie jetzt mit beiden Händen das Kleid zurechtrückt, dabei den Kopf zurücklegt, die Schultern wie frierend einander nähert und die Brüste zwischen ihren Armen derart zusammenpreßt, daß sie in furchtbar lockender und abstoßender Weise zugleich hervortreten und dadurch die weiße Seide knisternd fast bis zum Reißen anspannen. Sie spricht kein Wort, kräuselt nur die unter dem dunklen Haar blasse, niedrige Stirn, zieht die Lippen zwischen ihre schönen, kleinen Zähne, als schäme sie sich dessen, daß die Lippen so breit und wulstig sind. Oder scheinen sie nur so auf den ersten Blick? Sie sieht sich nach ihrem Kavalier und Tischherrn um, einem reichen und ihr sehr ergebenen Gutsbesitzer aus der Umgegend hier, mit dem sie so gut wie verlobt war; er kann aber nicht kommen. Wir stehen stumm und ohne Regung einander gegenüber. Schon will ich gehen, da reicht sie mir aus eigenem Willen den Arm, sie geht neben mir, eine ebenmäßige, schlanke Gestalt, nicht viel kleiner als ich.

Als sie nun schlangenhaft weich und schwer sich an meinen Arm hängt, atme ich den Geruch nach heißem Harze, wie es im Sommer schwitzend aus den strotzenden Nadelhölzern bricht, und plötzlich greift mir eine grauenvolle und mit Worten in ihrer Wollust nicht zu schildernde Empfindung an das Innerste, nämlich in dem Augenblick, da ich ihre linke Brust meine rechte Achsel streifen fühle. Sie drängt sich heraus, nun durch den stolzen Gang nach vorwärts gehoben, ganz wie die mit schweren, prallen, schütteren Beeren behangenen Weinreben, wenn sie, unter dem dünnen, heißen, knisternden Laube noch verborgen, aber nur um so heißer von der Mittagssonne erhitzt und in ihrer Schwere fast metallisch, einem Mann beim Durchwandern seines Weinberges die Knöchel streifen. Noch jetzt werde ich, so gering der Anlaß scheint, dieses Gefühl von äußerstem Entsetzen und furchtbarster (furchtbar muß es heißen, und furchtbar wurde es), furchtbarer Wollust nicht los; ich ahne es, so ferne und so bestimmt, als ich damals an diesem Abend alles Kommende vorher wußte, daß mich jetzt, daß mich morgen, wenn die weiche, schwere Hand des Henkers meine Achseln faßt, um sie nach rückwärts zu wenden, damit er freies Spiel habe, daß sie mich nicht anders streifen wird, als damals Felice mich streifte. Auch sie scheint es getroffen zu haben, wenn auch nicht so stark. Sie findet Kraft zu einem Gespräch, das sie mit unsicherer Stimme zwar, aber sonst wie üblich beginnt. Denn es bringt das hervor, was alle Mädchen der Provinz sagen, wenn sie sich zum Sprechen verpflichtet fühlen. Warum dann nicht lieber schweigen!

Meine Freude sind sanfte, tiefe, holde Stimmen. Ihnen, liebster Balzac, könnte ich stundenlang zuhören. Ich tat es schon vor Jahren, ohne zu erfassen, was Sie erzählten, und Sie erzählten so gut! So tief war ich bezaubert vom bloßen Klang Ihrer Stimme. In meinem Zimmer versuchte ich Ihre Stimme nachzuahmen, aber mir fehlten Ihre Gedanken, ich ahnte sie mit dem Gefühl, aber ich traf sie nie. Wie könnte es denn auch sein? Der Mann, der eine ganze Gesellschaft in seinem Kopfe geschaffen hat, wie sollte man als ein gewöhnlicher Sterblicher seine Stimme nachahmen können? Die Götter wohnen nicht unter den Menschen. Oder doch! Sie wohnen da, sind aber hier nicht zu Hause. Es ist mir ein Trost, daß Sie in dieser Stunde bei mir sind. Vielleicht wird mir in dieser Nacht alles klar, ich kann beichten und frei sein. Das ist schön.

Ich erzähle, wie Felice spricht. Aber wie das schildern? Wenn sie aus ihrer schmalen, lichten, hellbraunen, mit feinsten queren Fältchen gerunzelten Kehle rollend einen Papageienschrei nach dem andern hervorstößt, rauh, kreischend, sich überschlagend – wobei sich in den Tropen auf Guadeloupe auf Papageienkörpern grüne Federn starr erheben mögen ... hier in diesen Zügen regt sich nichts. Mich aber überläuft es kalt, es graut mir, und doch kann ich nicht genug davon bekommen, ja es zieht meine armselige Phantasie weiter, ich muß daran denken, mit dieser Frau mußt du leben, abends nach der Arbeit, morgens nach dem Erwachen wirst du diese Papageienschreie hören und darfst nicht einmal durch aufgerissene Augen, durch sich zusammenkrampfende Hände andeuten, wie verhaßt sie dir sind. Denn: Hast du nicht gewählt? Du hast also gewählt? An diesen wulstigen, ebenfalls quer gerunzelten Lippen, die trotz ihrer Jugend schon Falten tragen, mußt du hängen, zwischen diese kleinen, scharfen, meißelartigen, wie geschliffenen Zähne mußt du deine eigenen Lippen zwängen, die noch nie den Mund einer Frau berührt haben. Diese schweren und doch schlanken, an sich gehaltenen und sich bei jedem Schritte füllenden Hüften müssen sich dir nähern, näher, als du einen Körper, welches Menschen oder welchen Tieres immer, in deiner Nähe geduldet hast, man wird aneinandergepreßt heißen Atem in der kühlen Kirche aushauchen, auf weißem Teppich knien, und über dem Dufte des Weihrauchs wird lebhafter, lebendiger, glühender die Welle von glühendem Harz zu dir strömen, die von diesem Mädchen ausgeht und ausgehen wird, Nacht für Nacht und Jahr für Jahr – bis sie müde, vertrocknet, alt und grau geworden, neben dir, der du müde, vertrocknet, grau geworden bist, auf der Bank vor deinem Hause oder auf einer Terrasse deines Weinberges sitzt.

Alle diese Gedanken nehmen nicht mehr als den Zeitraum von einer Minute ein, freilich einer entscheidenden. Sie entschied gegen mich. Schon kommt ihr Kavalier, der Gutsbesitzer, mit dem Glase voll Orangenwasser, ich verabschiede mich, sie schaut mich mit einem furchtsamen, aber zugleich verächtlichen Blick an, vor dem ich meine Augen senken muß. Als ich aufsehe und sie nicht mehr vor mir habe, fühle ich, daß etwas Bindendes zwischen uns bestehen muß. Ich verschwinde. Wäre ich verschwunden! Mein Herzblut gäbe ich darum, Gott weiß es, mein bestes Blut gäbe ich dafür, ihr das Leben zurückzugeben, an dem sie mit so großer Liebe hing.

Man muß es gesehen haben, wie sie, wenn sie sich allein glaubte, mit der einen Hand die andere wie einen wundervollen Apfel betastete, nicht anders als es Kinder tun, sehr kleine, völlig unmündige Kinder, die mit einem Teil ihres winzigen Körpers spielen, als wäre es ein Spielzeug. Denn sie fühlte sich so gern leben.

Wenn sie mit mir im Walde spazierenging, wenn sie über die knisternden Tannennadeln leise lief, wenn sie ein kleines, im Sommer halb versiegtes Bächlein überschritt, über dem, im grünen Waldesdunst unbeweglich stehend, die Mücken schwärmten, sie konnte es nicht lassen, ihr Köpfchen über das Wasser zu halten, die Gerüche in ihre feinen Nüstern einzusaugen, die über dem Waldwasser standen, die Mücken bissen sie nicht, ihr Gesicht war grünlich angehaucht, ihr Haar voll Tannennadeln, sie schließt die Augen; damit man ihr Schielen nicht sieht, tut sie, als blende sie die Sonne. Es knistert, saust im Walde, ihr Körper duftet nach Wald, nach frischem Harze, nach ihren einundzwanzig Jahren.

Mit ihrer schönen schlanken Hand strich sie durch die klebrigen, mit üppigen Pollen reich besetzten Farne, sie wagte sich im Herbst in die Brombeerbüsche und kletterte zwischen die wilden Rosensträucher, die eine rote, kleine, harte Frucht tragen, die ich nie gekostet hatte, da ich sie für gefährlich hielt. Die Dornen faßten bei ihr nicht, die giftigen Rosenfrüchte aß sie ohne Schaden, man hätte ihr Gift reichen können, es hätte bei ihr nicht gewirkt. Sie konnte tun, was sie wollte, alles tat ihr gut, bis zu ihrem letzten Tag. Sie ist jung gestorben, vielleicht hat sie deshalb ihr Leben so rein genossen. Ich aber tue nicht, was ich muß.

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