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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 28
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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III

»Sie können nicht schweigen, ich weiß es«, beginnt der Notar, »Sie sprechen alles aus, denn in Ihnen ist kein Arg, bitte, lassen Sie mich reden, morgen kann ich es vielleicht nicht mehr, unterbrechen Sie mich nicht!« Dabei legt er seinen trockenen, nach Wein duftenden, wie ein Kressenblatt weich anzufühlenden Handrücken flüchtig an Balzacs Mund. »Ihre Pläne tragen Sie auf den Lippen, schweigen können nur wir Notare, wohl auch die Geistlichen, die man ihres Schweigens wegen bezahlt. Dennoch habe ich den Geistlichen abgelehnt und Sie gebeten ...«

Zerstreut langt er durch den offenen Hemdschlitz des Dichters vorn an dessen Brust, wo sich eine silberne, geschwärzte kleine Denkmünze vorgedrängt hat, die das Bild der heiligen Jungfrau von Czenstochau trägt. »Wäre es Ihnen möglich, lieber Freund, mir bei diesem Bild, an das Sie zu glauben scheinen, zu schwören, daß Sie niemals und niemandem gegenüber etwas davon verraten werden, was Sie in dieser Nacht erfahren? Gut, es bedarf keines Schwures, ich sehe es an Ihren Augen, die ich seit zwanzig Jahren kenne und die mir immer schöner erschienen sind als die Augen aller andern Menschen. Deshalb habe ich mich an Sie gewandt, als man mich verhaftet hat – und Sie sind gekommen, als man mich verurteilt hat. Liebster, hören Sie und glauben Sie mir, Reue empfinde ich nicht! Nur Scham, wie sie Männer vor Männern empfinden. Menschlich ist nur das Männliche in uns, und deshalb will ich Ihnen sagen, was ich dem Gericht verschwiegen habe. Dusmenil, der Untersuchungsrichter, hätte sich für den Triumph, mir das Geständnis herausgelockt zu haben, dankbar erwiesen, man hätte mich gnadenweise nach den Kolonien geschickt, glaube ich. Dabei liebe ich das Leben. Als ich vorhin die Lippen an den Krug setzte, hätte ich ewig so trinken mögen! Ich habe gerne gelebt. Ich möchte noch lange leben. Besonders grauenvoll ist mir der Gedanke, wie ich sterben soll. Ich möchte tausendmal lieber gehängt werden, werden Sie das für möglich halten?« Er lachte bei diesen Worten ein leichtes, halb gurrendes, halb heiseres Lachen und wühlte mit seinen weißen, weichen Fingern in dem hell kastanienfarbenen, reich gekräuselten Barte. »Es ist ein furchtbarer Gedanke, besonders für einen Notar, daß man zerstückelt und zerteilt werden soll. Das ist grauenhaft, davor fürchte ich mich, ich leugne es nicht.« Hierbei öffnete er gierig seinen Mund, zog die wie bei einem Pferde etwas vorstehenden, mattweißen, hohen Zähne des Oberkiefers über die Unterlippe bis an den Bart, den er nun mit seinen Zähnen emporkämmte. Man hörte deutlich im totenstillen Raum das zischende Knistern des Bartes. Die Augen des Notars schlossen und öffneten sich taktmäßig, seine weißen, samtartigen Wangen blähten sich auf und sanken zusammen. Er schwieg. Der unersättliche Hunger nach Leben war bei dem stummen Mann sehr ergreifend für den Dichter, dem die Tränen aufstiegen.

»Keine Gefühle!« sagte Peytel, äußerlich sofort wieder völlig beruhigt. »Was sollen Gefühle? Was gibt es zu klagen, wenn alles entschieden ist! Ich lebe gern. Ich würde, hätte ich die Wahl, mein ganzes Leben in dieser Zelle, selbst von Menschen ganz abgeschlossen, verbringen. Keine andere Erde unter mir haben als diesen steinernen, abschüssigen Fußboden, keinen andern Himmel über mir als diese kahle, graue Decke, keinen andern Laut als das Schlagen der Turmuhr, kein anderes Ruhelager und Sterbebett als diese harte Pritsche, deren Eisenstäbe man bis Mittag im Rücken eingebohrt fühlt, wenn man die Nacht auf ihnen liegend verbracht hat. Das alles wäre mir recht, aber es kann nicht sein, das sehe ich selbst. Daher muß man alles in Ordnung bringen, wie es einem gebildeten Manne geziemt, und dem Rechte seinen Lauf lassen, denn dieses Recht war unser tägliches Brot bis heute, und wir haben es geehrt, solange es für andere gelten sollte. Nun darf man ihm nicht ins Gesicht schlagen, wenn es uns selbst nahekommt. Ich weiß selbst, Menschen wie ich dürfen nicht weiterleben. Bis jetzt habe ich kein Wort davon gesagt, was mich bewegt, ich möchte beginnen, ich wage es nicht, es hält mich fest. Ich trinke den ganzen Abend schon, und doch löst es meine harte Zunge nicht. Was kann das sein? Lassen Sie mir noch Zeit, wir wollen uns von etwas anderm unterhalten ... Erinnern Sie sich noch daran, wie ich Sie in der Rue Cassini aufsuchte? Als wir die massenhaften Rechnungen in Ordnung brachten? Sie hatten eine gute Dame immer zur Seite. Lebt sie noch? Wir wußten nie, wer sie war. Sie nannten sie Dilecta, aber es war keine Italienerin. Sie gaben sie als Ihre Geliebte aus, aber es muß Ihre Tante gewesen sein. Denn sie war doppelt so alt wie Sie, mager und grau, blaß im Gesicht, und lange Schmachtlocken liefen ihr an den eingefallenen Schläfen bis auf den runzeligen Hals hinab. Jedenfalls war es ein lustiger Streich. Sie war eine Erbtante, die Sie schon zu Lebzeiten beerbten, liebster Herr Balzac, denn sie ließ ein schönes Geld in Ihrem Unternehmen, das sie nie wiedergesehen hat.

Aber auch das ist es nicht, was ich Ihnen sagen wollte. Wenn mir diese kleine schwarze Heilige einen Wunsch offen ließe, was würde Peytel verlangen? Perus Gold, Balzacs Ruhm, Napoleons Macht? Mein Wunsch wäre viel bescheidener. Ich möchte noch einmal ein achtjähriger Junge sein. In diesem Alter aß ich gelbe, kernige, frische Karotten so gern. Ich stahl sie aus den Feldern, nein, ich riß sie aus den Beeten der Gärten, denn es ist ein edles Gemüse, die Karotten sind die Artischocken der Provinz. Ich stopfte meine Taschen damit voll, man erwischte mich und nannte mich ›le voleur‹. So nannte ich dann meine Zeitschrift, an der in Paris mitzuarbeiten Sie mir einst die Ehre erwiesen ... was Ihnen unvergessen sei.

Wir waren einmal jung, beide«, dabei hob er seine leichte Hand über Balzacs Scheitel, ohne ihn zu berühren, »wir konnten uns in früheren Tagen den Tod nicht vorstellen, erinnern Sie sich, Sie gehen mit mir aus Ihrer Wohnung, nicht Rue de Cassini, es war Rue de Roi Doré, den Seine-Quai entlang, wir hatten uns zu Tode gerechnet, tausend neue Pläne geschmiedet, wir wollten trinken, lachen, uns zerstreuen, da kommt Ihnen der Gedanke, oder hatte ich ihn? Wir beschließen, uns die Hände mit einem Taschentuch zusammenzubinden und uns über die Böschung in die Seine hinabrollen zu lassen, wir dachten nicht, wir konnten es uns nicht denken noch vorstellen mit aller unserer jungen Phantasie, daß man sterben, ertrinken könnte, wir lachten, daß die Häuserwände dröhnten, ich binde Ihnen die Hände zusammen, knüpfe meinen Knoten, Sie können mir dann dasselbe nicht tun, sondern ich verpflichte mich, mit meinen Zähnen den Knoten an meinen Händen festzuhalten, so wollten wir uns das Leben nehmen, konnten das Lachen aber nicht einen Augenblick unterdrücken, wir stoßen ab, es ist dunkel, das Wasser zieht, wir rollen wie Äpfel den Abhang hinunter, der Himmel rollt über uns, jetzt kommt die steinerne Böschung, man spürt das trotz des Rausches an den krachenden und schmerzenden Schultern, dauert es jetzt noch eine Sekunde, man könnte sich nicht mehr halten, selbst wenn man wollte, so rasend geht es, man ist drei Sekunden vor dem Tode oder ein halbes Jahr oder ein halbes Jahrhundert. Morgen wird es sein, gutes, klares Wetter, kalt, aber klar. So enden wir, weil wer es gewollt hat? Nicht in der Seine, sondern in einer häßlichen, aber warmen Kneipe in der Nähe der Hallen, wo Sie drei Dutzend englische Austern essen und ich sechs Koteletts, wir enden nicht, oder wir enden doch, wer weiß es? Sie werden es verstehen, daß einer, der morgen sterben muß, sich noch einmal an dem Klange seiner Stimme freut, und das bin ich! Ich ende so, Sie enden so. Mich tötet der Scharfrichter mit seinem Beil, und Sie tötet ein guter Arzt mit seiner Medizin und die Undankbarkeit der Welt.«

»Nein, lieber Peytel«, sagt Balzac, der sich jetzt erst völlig gefaßt hat, »wir haben jetzt keine Zeit, an meinen Arzt zu denken. Kehren wir zur Wirklichkeit zurück. Ich will heute nacht noch mit der Eilpost nach Paris. Vorher muß ich den Präsidenten dazu bewegen, die Vollstreckung des Urteils aufzuschieben. Ich verbürge mich dafür. Ich kenne meine Wirkung auf Menschen. Wenn ich will, bin ich Napoleon. Was er zu tun auf Erden übriggelassen hat, will ich, in meiner Weise, vollenden. Sie sind mir lieb geworden, Peytel, ich könnte es nicht ertragen, Sie unschuldig dahingemordet zu wissen. Der König sehnt sich danach, uns, den Legitimisten und Katholiken, einen Dienst zu erweisen; ich baue darauf, daß er mich empfängt; und empfängt er mich, ist alles gewonnen!«

»Was kann ich gewinnen?« fragt Peytel mit kalter Stimme.

»Das Leben! Die Partie kann unmöglich höher gespielt werden.« »Ich bin verloren.«

»Nein. Alles gegen alles. Wie Sie sieht einer nicht aus, der morgen sterben soll. Ich plane ein Drama, Mercadet, darin kommt eine Szene ähnlicher Art vor. Sie wissen, der große Finanzier, der Brigant der Börse. Sie kennen die Geschäftswelt, Sie können mir bei der Arbeit behilflich sein.«

»Wie ich? Hier in der Zelle?«

»Aber ich rechne doch sicher mit Ihrem Freispruch. Der Wille kann alles! In vierzehn Tagen sind Sie frei. Ich addiere meine Energie zu der Ihren, die Summe übersteigt alles menschliche Maß. Ich habe bis jetzt alles erreicht. Wir schreiben Mercadet in zehn Tagen. Sie übersiedeln zu mir nach Les Jardies. Es ist für alles gesorgt. Die Aufführungen sind auf drei Monate ausverkauft, wenn unsere beiden Namen auf den Affichen stehen.«

»Aber ich bin doch hier!«

»Nein, Sie sind dort. Jedes Haus trägt 5000 Franken. Meine Schulden sind gedeckt. Wir reisen. Ich habe Europa satt, ebenso wie Sie! Wir reisen! Vielleicht in einem eigenen Schiff, das ein Freund von mir in Amsterdam chartert. Ich habe Paris geschildert und damit Europa erledigt. Wir werden Asien, Afrika, China schildern. Vorher will ich nach Sankt Helena, denn ich will einen Roman Napoleons, etwa in acht Bänden, schreiben. Erst will ich die Weltgeschichte darin zusammenfassend erledigen, dann will ich der Kolumbus der tropischen Kontinente sein. Wir werden um die Welt fahren, werden schwarze Diener und Sklavinnen haben. Wir werden uns in Java niederlassen, in dem besten Klima der Welt, wo alles hundert Jahre alt wird.«

»Liebster Balzac, wo sind Sie? Sehen Sie mich doch einen Augenblick an! Sind wir beide berauscht? Ich bin nüchtern, ich bin bei Verstand. Die Kassation ist verworfen. Mein Gnadengesuch ist zwar mit Unterstützung des Präsidenten auf dem Wege, durch eine eilige Stafette abgesandt. Aber kann ich noch auf einen Erfolg zählen? Rechnet sonst jemand damit? Die Guillotine ist aufgerichtet. Was sollen da Napoleon und alle Romane? Lablanche hat von mir Abschied genommen. Ich habe in seine Hände testiert. Der Geistliche wartet unten in der Kanzlei, auf seinem Feldbette ruhend, daß ich ihn rufen lasse. Alles ist bereit. Ich sollte es nicht sein? Sie sprechen von der Gnade des Königs. Sie ist wie die Gnade Gottes. Jeder kann darauf hoffen, aber keiner darauf bauen. Jeder andere Schuldige hat mehr Anspruch darauf, begnadigt zu werden, als ich, selbst ein Lacénaire. Denn mein Verbrechen fällt aus der Reihe. Ein Notar darf stehlen. Blut gehört nicht zu seinem Geschäft. Sie wollen Louis Philippe um Gnade anflehen. Es wird vergebens sein. Denn er war früher Lehrer, Sie wissen es, und die Lehrer lieben das Mittelmäßige zu sehr! Es ist nichts zu tun. Er wird mich nicht begnadigen. Er wird es wollen und es nicht wagen, denn Mut ist heute die Sache der Könige nicht mehr! Er hat noch Fieschis Höllenmaschine in den Gliedern. Es gibt nichts Grausameres als die Furchtsamen!«

»Nichts kann ich tun?« ruft Balzac mit so schmerzlichem Ausdruck, daß Peytel sich nahe an ihn drängt und flüstert: »Leise! Leise, liebster Freund! Wir dürfen uns nicht vergessen! Sie fragen: Nichts kann ich tun? Doch! Doch! Sie sollen mir zuhören, wenn ich meine Seele befreien will, und in diesem Augenblick fühle ich, ich kann es.

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