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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 25
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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VII

Die von Balzac verfaßte Rede hatte bei dem Richterkollegium trotz allem ihre Spuren hinterlassen, und als Lablanche mit Balzac auf Grund einiger formaler Fehler ein Kassationsgesuch eingereicht hatte, wurde dieses an die höhere Stelle weitergegeben. Balzac wurde auch weiterhin der Zutritt zu dem Gefangenen gestattet, obwohl die Haft jetzt schärfer geworden war. Um so weniger zu erklären war es, daß Peytel, der im übrigen völlig ruhig und gefaßt sich zeigte, die Besuche des Dichters nicht annehmen wollte.

Balzac hatte den Freund, den er nach dem Beisammensein in Paris, so viele Jahre vorher, fast vergessen hatte, von neuem liebgewonnen. Er dachte oft mit einem unerklärlichen Gefühl der Zärtlichkeit an ihn, wie es zwischen Männern in reiferem Alter selten ist, er rechnete auf seine Freilassung, bereitete alles für ein neues Gerichtsverfahren vor, dem dann der Freispruch unbedingt folgen mußte, worauf er mit ihm an der Hand ohne weiteren Aufenthalt Europa verlassen wollte.

Tagsüber arbeitete Balzac in gewohnter Weise. Täglich holte er Erkundigungen von Peytel ein, doch erhielt er täglich denselben Bescheid: daß es Peytel gut ginge, daß er für Balzacs Anteilnahme dankbar sei. Doch lud er ihn nicht zu sich ein, der Anwalt schwieg verlegen still, wenn die Rede darauf kam, und erschien Balzac unaufgefordert im Gefängnisgebäude, wurde er nicht vorgelassen. So ging es durch mehr als acht Tage.

In der zehnten Nacht träumte Balzac, den der Schlaf am Schreibtische in der schlecht geheizten und beleuchteten Gasthofstube (denn er hat kaum Geld für das Nötigste) über seinen Manuskriptseiten überrascht hatte, folgenden Traum von seinem Freunde Peytel: Man hat eben Peytel zum Richtplatz geführt. Nun kniet er mit entblößtem Oberkörper auf dem Schafott, Balzac gerade gegenüber. Auf seiner schönen, breiten, glatten Brust, die von oben her der hell kastanienfarbene, stark gelockte Bart beschattet und der mit seinem Zittern die feine Haut zu streicheln scheint, leuchtet ein aus Brillanten gebildetes, russisches, doppelarmiges Kreuz, wie es einmal die Gräfin Hanska getragen hat. Sie muß irgendwo den Dichter so an ihre Brust gepreßt haben, daß das Kreuz sich auf seiner Brust, in roten Striemen allerdings und in schmerzvoller Zeichnung, abgebildet hat. Doch von der Geliebten tut selbst der Schmerz wohl. Um so gespenstischer ist es jetzt, dasselbe Kreuz mit den zwei Querbalken an der Brust des knienden Delinquenten anzutreffen, der doch der Gräfin nie im Leben begegnet ist.

Aber es ist keine Zeit zu verlieren, der entscheidende Augenblick naht, man merkt es an der besonders vollkommenen Stille.

Die Guillotine blitzt, sie fällt von selbst, denn es ist niemand auf der Richtstelle zu sehen, bloß in weitem Umkreis eine unzählbare, aber ebenfalls totenstille, regungslose Menschenmasse. Nur das Fallen des Messers durchbricht die lautlose Stille, es klingt hölzern, fast wie das Klappern eines Küchenmessers auf dem Hackbrette, wenn der Koch das »Große klein schneidet«. Die Hände des Verurteilten, bis dahin jammervoll verkrampft, lösen sich im Augenblick. Kein Tropfen Blut strömt aus dem in der Mitte scharf bis auf die Locken und feinen Nackenhaare zerteilten, kreisrunden, rosenroten Hals. Die Sonne, eben erst völlig aufgehend, bricht sich mit unbeschreibbarem Glanze auf der perlenweißen, durch keinen Blutstropfen verunreinigten Brust, wo das helle, wie aus kochendem Licht gebildete Edelsteinkreuz trotz der Enthauptung sich nicht von seinem Platze gerührt hat. So bleibt das Bild durch lange Zeit, ohne daß sich das Geringste ändert. Bloß die Sonne wandert höher; stumm die versammelte Menge; der schwarze, von Menschen erfüllte Platz; weiß die Brust des immer knienden Toten; unter ihm, zwischen seine Hände herabgeglitten, das abgeschlagene Haupt. Die beiden Hände des Toten oder Märtyrers umgeben das abgeschlagene Haupt mit einem Ringe, der aus beiden ausgestreckten Zeigefingern und beiden Daumen gebildet wird. Die geliebten Züge des Freundes, leicht von Blattern gekörnt und doch nichts von ihrer blumenblattartigen Zartheit verlierend, strahlen nur um so feuriger, sammeln sich fester. Keine Glocke läutet. Keine Trommel schlägt. Kein Priester spricht. Kein Blut fließt. So steht das Bild unerschütterlich da.

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