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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 20
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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II

Diesem Protokoll fügte Peytel hinzu: Wenn sein verehrter, geliebter Freund Balzac dies gelesen habe und noch an seine, Peytels, Unschuld glauben könne, dann solle er so schnell als nur möglich nach Bourg kommen. Die Hauptverhandlung sei für den 8. Dezember angesetzt. Die Verteidigung sei in mittelmäßigen Händen, Lablanche hätte sie bis jetzt geführt. Er, Peytel, verzweifle nicht an einem Erfolg, wenn Balzac die Zügel ergreife. Das Gutachten der Ärzte sei günstig. Er bitte um Nachricht, wenn Balzac nicht kommen wolle. Würde aber Balzac an ihn glauben können, dann werde er, Peytel, möge er verurteilt werden oder nicht, zu ihm nicht wie zu einem Menschen, sondern wie zu einem Gott aufsehen!

Diesen Worten konnte Balzac nicht widerstehen. Er beschloß, die Entscheidungsschlacht anzunehmen und alles an die Rettung des Notars zu setzen.

Der durch diese Ereignisse unterbrochene Brief Balzacs an die Gräfin Hanska hatte folgenden Wortlaut:

»Ich erhielt Ihren letzten Brief und finde, daß unsere doppelte Existenz etwas Verwunderliches hat. Bei Ihnen tiefster Frieden, bei mir erbitterter Krieg. Bei Ihnen Ruhe, bei mir beständige Unruhe. Sie ahnen nichts von den neuentstandenen Qualen, deren Beute ich bin. Aber ich weiß nicht, weshalb ich zu Ihnen davon rede, denn Sie haben mir bewiesen, daß es meine Schuld ist und daß ich unrecht habe. Ich fühle mich weder körperlich noch geistig wohl, ich bin so entsetzlich abgemattet, daß es nicht ohne Gefahr für meinen Kopf ist. Ich habe weder Kraft mehr noch Mut. Die Hindernisse, die ich zu überwinden gewohnt bin, wachsen ins Ungeheure! Sie flößen mir Schrecken ein. Die Geldsorgen werden für mich allmählich, was für Orest die Furien waren. Ich übertreibe nicht. Ich habe so Fürchterliches durchgemacht, daß es mir unmöglich ist, Ihnen auch nur ein Wort davon zu schreiben, denn es wäre, als müßte ich es dann ein zweites Mal durchmachen. Ich war auf dem Punkt, ohne Brot zu sein, keine Kerzen, kein Papier mehr zu haben. Für mich gibt es keine Freuden mehr außer denen des Herzens. Ich habe Tag und Nacht gearbeitet.

Die Reparaturen an der Mauer gehen ihrem Ende entgegen. Aber ich werde erst, wenn ich abgezahlt, was ich schulde – und was ich schulde, ist ein ganzes Vermögen –, einen ruhigen Genuß davon haben. Mein Haus verschlingt Tausendfrankenscheine wie das Meer Schiffe. Die Sorgen um die literarische Produktion vermehren und komplizieren sich infolge der Ansprüche der Verleger, die alle Bücher auf einmal von mir haben wollen, während die Kritiker finden, daß ich zuviel auf einmal mache. Wenn Sie mich wiedersehen, werden Sie mich tatsächlich sehr verändert finden, aber nur körperlich. Ich bin schrecklich gealtert. Ein alter Mann.

In diesen letzten Tagen hat mich eine schreckliche Lust gepackt, aus diesem Leben zu gehen. Nicht durch Selbstmord, den ich immer für eine Dummheit gehalten habe, sondern indem ich nach Maître Jaques' berühmtem Muster meinen Kutscherkittel gegen das Gewand eines Koches austausche, das heißt: ich setze den Fall, daß meine Werke, mein Jardies, meine Schulden, meine Familie, mein Name, daß alles, was ich bin, tot und begraben sei oder nie existiert hätte und daß ich dann unter einem andern Namen, ja sogar ein anderes Aussehen annehmend, in ein fernes Land ginge, nach Nord- oder Südamerika, um dort ein anderes Leben zu beginnen, eine bessere Form des Daseins zu finden.«

Bis dahin war der Dichter gekommen, als der Brief Peytels eingetroffen war.

Nun setzte er folgende Nachschrift hinzu:

»Ich bin über die Maßen aufgeregt über eine entsetzliche Sache, die Sache Peytel. Des Mordes angeklagt. Unschuldig. Ich muß den armen Jungen sehen. Ich reise in zwei Stunden nach Bourg.«

Zweite Nachschrift:

»Ich bin noch nicht fort. Ich suchte Geld. Endlich habe ich das Nötigste. Alles geht gut.«

Plötzlich waren dem Dichter Mut und Lust am Leben wiedergekehrt. Er dachte an nichts, als daß er Peytel helfen, daß er den Unschuldigen retten müsse und daß er, Balzac, der einzige auf der Welt sei, der dies vermag.

Er reiste ab. Die Verwaltung seiner Angelegenheiten in Les Jardies mußte auf seine Bitte seine alte Mutter übernehmen.

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