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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 15
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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xv

Vielleicht, fährt Balzac fort, erzähle ich Ihnen diese apokalyptische Entscheidungsschlacht eines Willensdämons nur, um den Gedanken an die Entscheidung meines eigenen Lebens zu entgehen. Die Frau, die ich liebe, ist 2000 Meilen weit entfernt und durch furchtbare Schwierigkeiten und Hindernisse von mir getrennt. Der Freund, der mir ebenso nahe steht, ist ungerecht angeklagt, in höchster Gefahr, und noch habe ich keinen Schritt zu seiner Rettung unternehmen können. Das Werk, das ich begonnen habe und das mein Land so berühmt machen wird, als es das Werk eines einzelnen vermag, ist nicht vollendet, ja, im tiefsten Sinne noch nicht einmal begonnen. Ich habe wohl ein Haus und kann Sie auf meinem eigenen Grund und Boden bewirten, aber meine Schulden lassen mir wenig Ruhe, sorgenlose Tage wie den heutigen zähle ich zu den Seltenheiten. Aus allem gibt es einen Ausweg, eine Entscheidung bietet sich in jedem Augenblick, aber noch bin ich meines Entschlusses nicht sicher und gönne mir diese Erzählung als letzte Gnadenfrist. Lassen Sie mich zu Ende erzählen, denn wir sind dem Ende dieses großen Mannes nahe. Denn nun beginnt das furchtbare Buch, das die drei Worte: Malmaison, Bellerophon, Sankt Helena kennzeichnen.

Am Tage nach der Schlacht bei Waterloo sagt Napoleon: »Alles ist noch nicht verloren. Ich vermute, daß, wenn ich meine Streitkräfte vereinige, mir 150 000 Mann bleiben. Meine Verbündeten und die Nationalgarde, die beherzt sind, werden mir 100 000 stellen, die Reserve 50000. Ich habe also 300 000 Mann, die ich gegen den Feind führen kann. Ich werde die Artillerie mit Luxuswagen bespannen. Ich werde 100 000 ausheben. Ich werde sie mit den Gewehren der Royalisten und des schlechtesten Teiles der Garde bewaffnen. Ich werde Massenaushebungen in der Dauphiné, im Lyonesischen, in Burgund, in Lothringen, in der Champagne veranstalten. Ich werde den Feind erdrücken...« Dies sagt er, tut es aber nicht, geht, in Paris angekommen, nicht in die Kammer, um die Kanaille zu bändigen, was er damals durch einen Blick vermocht hätte, sondern legt sich in die Badewanne, ißt und schläft, schläft. Sodann zieht er sich zu seiner Mutter, seiner Schwester nach Malmaison zurück. Im Anfang konnten sich die Seinen sein Auftreten nicht erklären. Man dachte, er hätte die Vernunft verloren. Zwei Tage wieder der Mann von Marengo! Aber er ist's nicht mehr! Er sah nicht, was er sah. Er hörte nicht, was er hörte. Die Verblendung des größten Geistes macht alle schaudern. Denn Napoleon versagt sich jede Anspielung auf seine gegenwärtige Lage. In Malmaison ist er, nur von. Savary begleitet, angekommen. Er blickt um sich, tut erstaunt, im Schlosse so wenig Leute zu bemerken. »Nun? Ich sehe keinen einzigen von meinen Adjutanten?« fragt er Savary. »Ja«, antwortet dieser, »viele Leute, die wir im Glück um uns sehen, verlassen uns im Unglück.« Napoleon scheint sich keine Gedanken über seine Lage zu machen. Sie ist günstig oder verzweifelt, je nachdem einer handelt. Günstig, denn die Preußen und Engländer, alte Rivalen und einander neidisch auf ihren Sieg, haben sich getrennt, sie marschieren jeder für sich nach Paris. Blücher, der der gefährlichere ist, hat nur 60 000 Mann. In Paris stehen unter Davout 70 000 Mann. Ungünstig, denn der Kaiser lebt nur in vergangenen Zeiten, erinnert sich der schönen Tage und Abende, die er in den ersten Zeiten seines Glücks mit Josephine hier verbracht hat. Die berühmten Rosen von Malmaison stehen in Blüte. Es ist herrliche, sommerliche, wolkenlose Zeit. Jede Stunde Verzögerung ist nicht einzuholen, und als sich der Kaiser besinnt, ist es zu spät. Er bittet die frech gewordene Regierung, mit dem infamen Fouché an der Spitze, man möge ihm die Reste des Heeres von Waterloo übergeben. Er verspricht, die Preußen und die Engländer einzeln zu besiegen. Er diktiert an die Regierung, statt mit dem Degen in der Hand in die Kammer zu treten, einen höflichen, herzlichen, ergreifenden Brief: »Ich erbiete mich«, schreibt er, »mich an die Spitze der Armee zu stellen, welche bei meinem Anblick ihren ganzen Mut wiedergewinnen, sich wie wahnsinnig auf den Feind stürzen und ihn für seine Frechheit strafen wird. Ich gebe mein Ehrenwort als General, als Bürger, als Soldat, daß ich das Kommando nicht eine Stunde länger behalten werde, als bis der Sieg errungen ist. Ich gelobe zu siegen, nicht für mich, sondern für Frankreich!« Das war Papier. Ein paar Kartätschen hätten alles entschieden.

Daru, der treue General, schlägt ein Kriegsgericht über Fouché vor. Die Richter waren bereits ausgewählt, verläßliche Leute, noch aus der Zeit des Herzogs von Enghien. »Sie hätten mich gut bedient«, sagt Napoleon von ihnen auf Sankt Helena. Aber dürfen sie zusammentreten und Fouché zum Tode verurteilen? Napoleon wagt es nicht, und warum? Weil er nicht im Blute waten, nicht zum Abscheu des Menschengeschlechtes werden will. So zittert ein Pferd vor seinem eigenen Schatten und stürzt.

Die Preußen haben sich Paris genähert, die Entscheidung muß fallen. Napoleon erwartet in Uniform, umgeben von seinen letzten Getreuen, die Antwort der provisorischen Regierung. General Becker kommt endlich mit der Antwort: Man wünscht Napoleons Hilfe nicht mehr!

Der Sieger von Austerlitz fügt sich dem erbärmlichen Königsmörder Fouché. Der Halbgott unterwirft sich seiner eigenen, aus Dreck zusammengekleisterten Kreatur. Napoleon muß einen andern Namen auf der Flucht annehmen und nennt sich von jetzt General Becker. Er zieht einen flohbraunen Frack an. Eine kleine, unscheinbare gelbe Kalesche wartet auf der Landstraße beim Parkausgang, denn es ist keine Zeit zu verlieren. Nun sehen Sie die infame Tücke des Schicksals. Die Ereignisse haben sich so überstürzt, daß Napoleon nicht daran gedacht hat, sich Geldmittel für seine Flucht zu verschaffen. Selbst die Mutter, der immer segensreiche Geist, kann jetzt nicht helfen. Da erbietet sich Hortense, die Tochter Josephines, der verstoßenen, vernichteten, getöteten Gattin, ihr kostbares Brillantenhalsband dem Kaiser zu geben. Er lehnt es ab. Die Mutter beschwört ihn unter Tränen. Nun erlaubt er es, und die beiden Frauen machen sich an die Arbeit, trennen eine Falte des Rockes auf und verbergen hier das kostbare Schmuckstück. Der Schauspieler Talma, der vom Kaiser Abschied nehmen wollte, war Zeuge des letzten Wortes von Mutter und Sohn. Sie reichte ihm die Hand und sagte: »Adieu, mein Sohn.« Die Antwort des Kaisers war: »Meine Mutter, leben Sie wohl!« –

In diesem Augenblick trat der alte Diener François zu dem Dichter. Er hatte schon vor längerer Zeit ihm etwas mitteilen wollen, aber nicht gewagt, ihn zu unterbrechen.

Draußen hatte sich ein mäßig starker Wind erhoben, und der Regen brach kräftig nieder.

Balzac gab dem Diener flüsternd Antwort auf seine Mitteilung und setzte seine Erzählung, wenn auch flüchtiger, fort:

Nun bringe ich die ungeheure Szene auf dem Bellerophon mit allem, was vorhergeht und was so romanhaft ist, daß es selbst meine Phantasie nicht phantastischer erfinden könnte. Ich wiederhole den Wortlaut des berühmten Protestes, des Appells an den Edelmut der Engländer oder an die Hörner der Pferde, an die Wohltätigkeit der Wucherer... oder besser, ich schweige davon...

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