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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 14
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
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XIV

Am 1. März hat der Imperator Frankreichs Boden bei Cannes betreten. Am 21. desselben Monats hält er siegreich Einzug mit seinem Heere in Paris. Der Thron ist wiedererobert, aber noch wankt er. Die Mutter kehrt zu ihrem Sohne nach Paris zurück. Man hat auf sie gewartet, und am Tage nach ihrer Ankunft leistet der Kaiser auf dem Maifelde den Eid auf die Verfassung und verteilt die Fahnen. Im Krönungswagen, der achtspännig bespannt ist, fährt er zur Feier. Er trägt ein weißes Seidengewand, sein Kopf ist mit einem Hute mit Federbüschen und Diamantagraffen geschmückt, den Krönungsmantel, Hermelin und Gold, hat man ihm über die Schultern geworfen. Der Erzkanzler Cambacérès ist in einen mit silbernen Bienen übersäten blauen Samtmantel gehüllt. Die Marschälle des Kaisers reiten neben den Wagenschlägen. Großoffiziere des Hofes, Kammerherren, Pagen, bewaffnete Herolde, alles ist in gleißender Pracht um den Kaiser versammelt. Still wogt und unabsehbar die ungeheure Menschenmasse. Im Sonnenlichte funkeln die Uniformen, über den riesengroßen, ehernen Adlern blähen sich die unvergeßlichen, verschlissenen, zerschossenen Fahnen von Marengo und Austerlitz. Bis an die Wolken dringt der Jubel, unbeschreiblich ist der Ausdruck der Freude auf den Gesichtern der alten Soldaten.

Aber er ist düster. Er fühlt sich leidend. Er entbehrt des Schlafs.

Am 12. Juni begibt er sich zum Heere.

Nun berichte ich die Schlacht bei Waterloo. Napoleon hat 300 000 Mann in der Linie. Die Kerntruppen enthält die Nordarmee, die der Kaiser selbst kommandiert. Das alte Feuer, die unverminderte Hingebung bei den Gemeinen, bei den Frontoffizieren. Aber Napoleon ist nicht mehr der gleiche.

Er hatte die andere Seite der Welt gesehen, die sonnenabgewandte, die man nicht durch Lichtstrahlen erkennt. Sein Genie konnte ihm die Gottheit nicht entreißen, nachdem sie es ihm einmal gegeben, aber sein Wille war im Schwanken. Er glaubte sich selbst nicht mehr.

Zwei große Heere traten ihm entgegen. Lord Wellington, bis dahin unbesiegt, mit den Engländern, Norddeutschen, Holländern, Belgiern, steht in Nordwestbelgien. In dem südöstlichen Teil Belgiens haben Sie das zweite Heer, das preußische unter Blücher. Das erste Heer ist nicht stärker als 90 000, das zweite umfaßt 120 000 Soldaten. Kann Napoleon die Gegner vor ihrer Vereinigung schlagen, ist er wieder Herr der Welt. Gerade das gelingt. Unerwartet überschreitet Napoleon am 15. Juni morgens die belgische Grenze zwischen den Gegnern. In seiner Hand sind Truppen, stark wie Erz, im Feuer tausendmal geglüht. Beim Feinde stehen ungeübte, frisch ausgehobene Soldaten, schlecht bewaffnet, schlechter noch geführt. Napoleon wirft die schwachen preußischen Bataillone zurück, dringt gegen die Hauptmacht der Preußen vor und schlägt sie am 16. in der furchtbar blutigen Schlacht bei Ligny. Blücher hatte seine Truppen nicht vollzählig gesammelt, es waren Fehler über Fehler begangen worden. Die Verluste der Preußen sind ungeheure, 28 000 Mann, aber Napoleon hat nur 8500 Mann eingebüßt. Kann er jetzt Blüchers Armee rücksichtslos verfolgen, so wird die Blüchersche Armee zersprengt. Was tut Napoleon? Oder was tut Gott mit ihm? Napoleon schläft ein. Der Mann, der 18 Stunden täglich arbeiten konnte, wie ich es kann, schläft ein wie ein Kind nach dem Spiel. Aber als er erwacht, wäre es immer noch Zeit, wenn auch unter Schwierigkeiten, zur rücksichtslosen Verfolgung. Statt aber selbst alles anzuordnen, verläßt er sich auf Ney. Ney verläßt sich auf Marschall Grouchy und Grouchy auf den lieben Gott. Grouchy verschiebt die Verfolgung des geschlagenen Feindes auf den nächsten Tag, obwohl er heute nur zwei Stunden marschiert ist, und sonst war er doch der treueste der Treuen, hatte 20 Jahre lang seine Reitereskadronen ohne Tadel geführt und mit Bravour!

Nun wendet sich der Kaiser gegen die Engländer, um ihnen das Schicksal der Preußen zu bereiten. Die Briten begaben sich in eine im voraus gewählte, aber schlecht gewählte Stellung bei Mont Saint-Jean, wodurch sie sich die Straße nach Brüssel sperrten. Wellington will nicht kämpfen, er will fort, und nur weil er infolge der elenden Rückzugslinien es nicht kann, muß er bleiben und die Entscheidungsschlacht annehmen.

Es hat stark geregnet, die Luft ist feucht und undurchsichtig, der aufgeweichte Lehmboden (dieselbe Erde, wie ich sie hier in Les Jardies habe) erschwert die Bewegung, man kann die Truppen im Nebel und Regen nicht richtig führen, muß warten, bis sich die Sicht aufhellt, und an dieser Tücke des Wetters und des Bodens entscheidet sich Napoleons Untergang. Hätte man um vier Uhr morgens die Franzosen in Stellung bringen können, um sieben Uhr wäre der Sieg unser gewesen, ja selbst bis zwölf, bis drei nachmittags. Aber es wurde Abend. Alles lag daran, sich zu schlagen, bevor die Feinde sich gesammelt hatten, und mit jeder Stunde wurde diese Gefahr dringender. Man konnte auf Grouchy rechnen, aber er kam nicht. Man hatte ihn vor zwei Tagen mit 38 000 Mann, mit 108 Geschützen die Preußen verfolgen lassen, und er war noch nicht zurück! Er mußte den entsetzlichen Kanonendonner hören und jeden Augenblick erscheinen!

Aber es wird Dämmerung, es wird Nacht und niemand kommt. Aber er konnte doch nicht mit 38 000 Mann in eine Schlucht gefallen sein, konnte doch nicht vom Erdboden spurlos verschwinden? Nein, Grouchy hielt sich buchstäblich an seinen Befehl, gegen jede Vernunft, er wußte, was er hätte tun müssen, und tat es dennoch nicht. Eine unbegreifliche Verblendung hatte ihn ergriffen, man kann sie kaum nachzeichnen, eine infernalische Dummheit, die man verstandesmäßig nicht erfassen wird. Außer daß Gott es so wollte.

Grouchy hält mit seinen Truppen zwischen Ligny und Wavre. General Exelmans, der die Kavallerie befehligte, reitet in gestrecktem Galopp zu Grouchy. Man hört an dem furchtbaren Getöse, daß sich aus 1000 Kanonen zwei Riesenarmeen gegenseitig den Tod durch ihre Feuerschlünde zusenden. Der Blinde hätte es mit dem Stock fühlen müssen, denn der Boden wankte! Der General sagt in höchster Aufregung: »Der Kaiser steht im Kampf mit der englischen Armee. Ein so furchtbares Feuer bedeutet kein bloßes Treffen. Herr Marschall, wir müssen auf den Kanonendonner zumarschieren! Ich bin ein alter Soldat der italienischen Armee, ich habe Marengo mitgemacht. Tausendmal habe ich Bonaparte den Grundsatz aussprechen hören, immer auf den Kanonendonner loszumarschieren. Schwenken wir links ab, sind wir in zwei Stunden auf dem Schlachtfelde.«

»Ich glaube, Sie haben recht«, erwiderte der unselige Grouchy, »aber ich komme dann in Gefahr, daß ich meinem Befehl nicht gehorcht habe. Mein Befehl lautet aber dahin, gegen Blücher nach Wavre zu marschieren.« Und dabei blieb es.

Wäre Grouchy auf dem Schlachtfelde von Saint-Jean gewesen, wie es der englische und preußische Feldherr noch am Morgen des 18. Juni geglaubt hatten, hätte es das Wetter erlaubt, die französischen Truppen um vier Uhr morgens aufzustellen, wir hätten gesiegt, sie hätten alles verloren!

Wellington wollte flüchten, konnte es wegen der schlecht gewählten Stellung nicht und mußte gegen seinen Willen abwarten, bis der Sieg wie ein Hagelwetter über ihn herabprasselte!

Unsere Truppen herrlich, todesmutig, bewunderungswürdig im Sturm. Fußvolk, Reiterregiment auf Reiterregiment, zum Schluß die kaiserliche Garde. Aber ohne Grouchy kann sich der Kaiser nicht halten. Am Abend treffen die Preußen ein. Wellington dringt von vorne durch, von der Seite stoßen die Preußen ins Herz der Stellung. Um den Kaiser wird es leer. Lange hält er sich auf dem breiten Rücken des im Kanonendonner unbeweglichen, durch den Pulverrauch unbekümmert groß blickenden arabischen Pferdes. Ein kleiner Mann, olivengelb von Gesichtsfarbe, hellblaues, kaltes Licht in den tiefliegenden Augen, buschige, schöngeschwungene Augenbrauen darüber, das schwarze, straffe Haar schräg in die hellere Stirn gezogen, die Hände über dem Sattelknopf auf der goldverbrämten Purpurschabracke ineinander verschränkt.

Das Feuer der Preußen nähert sich auf 500 Schritt. Es ist dunkel. Dörfer brennen. Man hört Schreien, Kreischen, Wiehern der Pferde, Flüchtige und Verwundete drängen sich im Dunkel, dazu immer noch der Donner der Geschütze, das Pfeifen der Infanteriegeschosse. Aber es schießen nur die Preußen und Engländer noch. Frankreichs Artillerie schweigt, es feuert kein einziges Stück.

Der Kaiser reitet querfeldein. Sein Reisewagen mit seinem persönlichen Gepäck und der Bibliothek, die ihn nie verließ, ist schon in den Händen der Engländer. Die Schlacht von Waterloo ist verloren.

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