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Männer in der Nacht

: Männer in der Nacht - Kapitel 13
Quellenangabe
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typefiction
authorErnst Weiß
titleMänner in der Nacht
publisherSuhrkamp
seriessuhrkamp taschenbuch
volume791
printrunErste Auflage
editorPeter Engel
year1982
firstpub1925
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20101125
projectidf0bcb8d6
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XIII

Aber Napoleon herrscht, er bleibt der ewige Herrscher selbst über einen winzigen Raum, über die kleinste aller Inseln. Denn man sieht von Elbas Hügeln die See von allen Seiten gegen das Eiland fluten. Aber selbst hier verleugnet sich Napoleons wahrhaft königliches Genie nicht. Er baut Kanäle, läßt die Hafeneinfahrt ausbaggern, verbessert den Boden der Insel, gründet Schulen, baut Straßen, schlägt Brücken. Steuer, Gerichtsverwaltung, Gesundheitszustand, nichts ist vergessen, mit Ausnahme der Rekruten. Seine greise Mutter hat den Kaiser nach Elba begleitet. Seine Frau hält sich fern. So leben in Porto-Ferraio drei Menschen schlicht: der Kaiser, seine Mutter und seine Schwester Pauline Borghese. Warum kam die Gattin nicht? Napoleon war nicht allein ein General, der danach hungert, sich wieder an die Spitze seiner Truppen zu stellen, nicht nur der Herrscher, der seine Krone zurückgewinnen will, er war nicht nur eine welthistorische Persönlichkeit, sondern auch ein Mann des privaten Lebens, ein Verbannter ohne Heim, ein Gatte ohne Frau und ein Vater, von seinem Sohne getrennt. Hier haben Sie die eine Wurzel seiner Flucht aus Elba.

Auch die zweite bewegt sich im privaten Leben, nicht anders wie bei meinen Helden Rastignac oder Vater Goriot. Sehen Sie nun, wie sich alles auswirkt, wie Ursache und Wirkung wie zwei Mühlsteine zwischen sich eine ganze Welt zerreiben und zertrümmern. Stellen Sie sich vor, Napoleon mußte Elba verlassen, in Frankreich landen, die Besatzung der Städte Südfrankreichs durch Handstreich gewinnen, Paris erobern, Ludwig den Achtzehnten stürzen von seinem Throne, den Franzosen eine Verfassung geben, die Adler auf dem Maifelde weihen und die Standarten segnen, er mußte Belle-Alliance gewinnen und Waterloo verlieren, viele Hunderttausende von Menschen opfern und, rasender als die aus dem Himmel herabgejagten Cherubim, von dem Sitze des wiedereroberten Thrones herabsausen, niederbrechend unter ungeheurem Getöse; er mußte in Verbannung gehen, in tausendmal bitterere, schmählichere als auf Elba, in den furchtbaren Tod auf der verseuchten Insel, die er auf einem Schiffe mit der gelben Quarantäneflagge erreichen sollte – das alles, das alles bloß deshalb, weil er kein Geld hatte, weil die Verbündeten mit abgrundtiefer Gemeinheit ihm das Geld versagten. Fünf Millionen waren ihm jährlich zugesprochen, man hatte sie feierlich verbürgt, als er nach Elba ging, und nie hat man einen Sou bezahlt. Sehen Sie doch, was uns alle Tage bedrückt, was uns am Leben frißt, die Geldmisere ohne Ende; dasselbe Los traf den größten aller Lebenden.

Leicht ist noch diese Geldmisere zu ertragen, wenn man zwanzig Jahre alt ist, wenn man, wie ich einmal, in einer Kammer im sechsten Stockwerk wohnt und mit 60 Franken im Monat lebt oder sich einredet zu leben. Noch im Alter von 30 Jahren war mein Ideal eine Rente von 1200 Franken im Jahr, eine Hütte an der Loire und die Freiheit. Nun muß ich Jahr für Jahr eine Viertelmillion verdienen oder zugrunde gehen. Denken Sie sich aber Napoleons Lage aus, der nicht einen Heller wirklich empfing. Er unterhielt einen Hofstaat, der winzig war für einen Napoleon, aber groß für einen Bankrotteur. Er hatte kein Geld zur Besoldung seiner Treuen. Wovon lebte also Napoleon auf Elba, wenn er nicht verhungern wollte? Von den Mitteln seiner alten Mutter, genauso, wie ich bis in mein 29. Jahr, und zwar nach meinem geschäftlichen Zusammenbruch, ausschließlich von den Mitteln meiner Mutter gelebt habe.

So klein, Sie verzeihen das Wort, hackt der himmlische Koch die Großen hier.

Am Vorabend des bedeutsamen Tages, am 25. Februar, zeigt sich der Kaiser heiterer als gewöhnlich. Er bittet seine Mutter und seine Schwester Pauline, eine Partie Ecarté mit ihm zu spielen. Bald danach verläßt er die beiden und zieht sich in sein Arbeitskabinett zurück. Er kommt nicht wieder, die Mutter betritt den Raum, um ihn zu rufen, trifft aber nur den Kammerherrn an, der sagt, Seine Majestät sei in den Garten gegangen. Es ist ein herrlicher, warmer Abend. Es ist Frühling. Der Mond sendet seine blitzenden Strahlen zwischen die festen, glatten Blätter der Bäume herab, die eben Blüten ansetzen. Den Kaiser sieht man mit raschen, energischen Schritten in den Alleen des Gartens auf und nieder gehen. Plötzlich bleibt er stehen und lehnt seinen herrlichen, knabenhaften, schmalen Kopf mit dem ungebleichten, starken, schwarzen, schlichten Haar an die Rinde eines Feigenbaums. »Ich muß das meiner Mutter sagen«, spricht er vor sich hin. Die Mutter hört diese Worte und geht zu ihm hin, die unerklärliche Spannung läßt ihre Stimme zittern: »Was macht Sie heute so unruhig?« Der Kaiser legt seine edlen, sehnigen, gelblichen Hände an seine unbeschreiblich klare, ebene Stirn, die nichts bis jetzt zu fürchten vermocht hat, und sagt nach einem Augenblick des Zögerns: »Ja, ich muß es Ihnen sagen, Mutter. Ich bitte Sie nur, keinem Menschen zu wiederholen, was Sie jetzt erfahren, auch meiner Schwester nicht.«

Er lächelt, er küßt seine Mutter, wie wir alle es tun. »Ich benachrichtige Sie davon, daß ich heute nacht abreise.«

»Wohin?« fragt die Mutter.

»Nach Paris! Aber vorher bitte ich Sie um Ihren Rat.«

Wie fühle ich, Balzac, in diesem Augenblick mit ihm. Ich selbst bin es, der vor seiner Mutter steht. Ich bin 22 Jahre alt und muß nach Paris, leben, siegen oder untergehen.

Sie denkt nach, wie eine Mutter über das Schicksal eines Sohnes nachdenkt, und sagt:

»Reisen Sie, mein Sohn! Folgen Sie Ihrem Schicksal. Lassen Sie mich einen Augenblick vergessen, daß ich Ihre Mutter bin. Es kann nicht der Wille des Schicksals sein, daß Sie durch Gift, Elend oder am Ende eines dürftigen, tatenlosen Lebens sterben sollen, wohl aber mit dem Schwerte in der Hand! Vielleicht wird Ihr Plan scheitern und der nahe Tod dem mißglückten Beginnen folgen.

Aber hier können Sie nicht bleiben. Ich sehe es mit Schmerz ein. Ich habe nur die eine Hoffnung, daß Gott, der Sie in soviel Schlachten beschützt hat, Sie noch einmal beschützen wird.«

Lätitia war würdig, Napoleons Mutter zu sein. Als sie ihn unter dem Herzen trug, machte sie das berühmte Treffen von Pontenuovo auf Korsika mit. Die Schlacht war verloren, die Familien der aufrührerischen Korsen mußten fliehen, darunter auch Napoleons Vater und Mutter. Man sammelte sich auf dem Monte Rotondo, eine halbe Tagereise von Corte. Ein schmaler Hirtensteig führt durch Urwald über nackte, düstere, unermeßliche Felsen auf die Spitze des Berges, der mit ewigem Schnee bedeckt ist. Hier und da finden sich in den Spalten Höhlen, in denen die Hirten im Unwetter ihre Zuflucht nehmen. Ich bin vor einigen Monaten auf Korsika gewesen (ein Millionenunternehmen führte mich hin) und habe die heilige Höhle gesehen, wo die Mutter Napoleons auf ihrer Flucht ein Versteck fand.

Solange sie lebte, war Lätitia geizig bis zur häßlichsten Knauserei. Wenn es aber um das Schicksal ihres Sohnes sich handelte, warf sie die Millionen aus ihrer Schatzkammer, als wären es Kiesel. Sehen Sie, wie sie jetzt Abschied von ihrem Sohne nimmt. Schweigend begleitet sie ihn zum Portal des Gartens. Auch er schweigt. Ein großer Mann versteht es, von dem zu schweigen, was ihn am tiefsten bewegt.

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