Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charlotte Niese >

Mamsell van Ehren

Charlotte Niese: Mamsell van Ehren - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorCharlotte Niese
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Fünfter Band
titleMamsell van Ehren
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeFünfter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid13aa15d5
Schließen

Navigation:

Und Mamsell zeigte ihre dicken, ledernen Handschuhe, die blank und nagelneu aussahen. Ich hatte nur halb zugehört, denn meine Gedanken waren doch wieder zu dem Kalbe und den dummen Jungen gegangen. Besonders grollte ich mit Fritz, denn wenn er nicht gewesen wäre, würde Jürgen anders gehandelt haben.

»Fritz van Ehren ist auch hier!« sagte ich plötzlich, und Mamsell sah mich scharf an.

»Was hat der bei euch zu tun?« fragte sie, und ich zuckte die Achseln.

»Er wollte uns besuchen. Nun zeigt Jürgen ihm das Kalb in Großvaters Stall. Sein Vater ist bei Moses!«

»Bei Moses!« wiederholte die Alte.

»Jawohl, bei Moses. Fritz sagt, sein Vater könnte sonst nirgendwo Geld erhalten, und seine Mutter weint!«

»Sie weint?« Mamsells Augen leuchteten triumphierend. »So, so! Is sie all so weit? Nu, Hab ich das nich ümmer gesagt? Ümmer und ümmerlos! Damals, als Michel sie partuh haben wollte – hab ich da nich gesagt: Michel, nimm ihr nich! Denn sie hat kein Geld, und wo kein Geld is, da is auch kein Glück! Nee, ganzen gewißlich nich! Und leiden mocht ich ihr sowieso nich – denn sie lachte ümmer, und alle Mannspersonen sagten, sie wär so hübsch! Was'n Idee, ümmer lächerlich zu sein, wenn man nich den geringsten Schilling in den Beutel hat, und denn mit die Augen zu smeißen und zu tun, as wenn man furchtbar vergnügt is. Ich hatt so'n schöne Frau für Michel! Zehntausend Taler bar mit, und denn zwei unverheiratete Swestern, die beide kränklich waren und bald mit Tode abgehn mußten. Das war so gut wie zwanzigtausend auf'n Tisch! Einen ganzen kleinen Verdruß hatt Male ja. Abersten Michel braucht ihr ja nich ümmerlos von hinten anzukucken! Und wenn ein soviel Geld hat, denn is so was bloß ein klein Unbequemlichkeit for die Sneiderin! Michel, sag ich, nehm Male! Sie is ein guten Partie und ein guten Kurakter! Er abers meint, ein gute Partie wär sie woll, aber ganz und gar nich ein guten Kurakter, weil daß sie ihr Dienstmädchen mal mit'n glühende Feuerzange durchgeprügelt hatt. Du lieber himmlischer Vater! Als wenn einen nich mannichmal die Fingers juckten, um allens, was bei einen in Dienst steht, durchzuhauen. Und mit'n glühende Feuerzange fühlen sie es, wenn sie auch sonsten kein Gefühl haben. Das sagt ich auch an Michel. Male is edel, sag ich; wenn man zehntausend bar hat, is das nich anners möglich. Nimm ihr, sonsten werd ich böse! Denn werd man böse, sagt er; wer mein Frau sein soll, die muß ich ein klein büschen lieb haben, sonst fühl ich mir nich gemütlich. Mit Stina fühl ich mir gemütlich, und ich hab ihr auch lieb. Und er hat gar nich darauf gehört, daß ich ihn ausgelümmelt und ihn gesagt hab, wenn er mich mein Willen nich tät, denn erbte er auch nix von mich. Da wurd er noch frech und sagte, er möchte auch gar nix erben! Von sein Hände Arbeit zu leben, wär besser, als auf den Tod von sein nächste Anverwandten zu warten. Auch so'n dummen Snack! Denn mich hat das Erben ümmer Spaß gemacht, wenn ich auch zuerst furchtbar traurig war. Abers sterben müssen wir doch alle! Auf so'n vernünftiges Wort hört er nu nich und heiratet Stina, wo ich ihr nu nich im geringsten leiden mochte. Da hab ich beide auch gesagt, daß ich nix mit sie zu tun haben wollte, und wenn sie mir zu Kindtauf eingeladen haben, denn bin ich nich hingegangen, und wenn Michel zu mich kam, denn hab ich mein Tür verschlossen und mir zu Bett gelegt. Allmählich is er das denn müde geworden, zu mich zu kommen. Ich seh ihm nich, und er sieht mir nich. Er is arm, und ich bin reich. Er hat ein Frau und vier Kinners, und ich hab nix, rein gar nix!«

Mamsell schwieg. Sie hatte sich vollständig atemlos geredet und seufzte nun erschöpft.

»Wie schade,« sagte ich, »daß du keine Kinder hast! Warum hast du keine? Ist es nicht langweilig?«

»Ganzen und gar nich!« versicherte Mamsell eifrig. »O, was freu ich mir, daß ich kein Kinner hab! Nix als Verdruß hat man von die Dingers!«

»Wer leistet dir denn im Winter Gesellschaft?« erkundigte ich mich, und sie zuckte mit den Schultern.

»Ich brauch kein Gesellschaft! Ich hab meine Kisten mit Leinzeug nnd Savjetten und Silber. Die kuck ich mich an, wenn ich mir langweile!«

Darauf wußte ich nun nichts zu erwidern. Nach meinem Dafürhalten war es viel interessanter, mit andern Kindern Versteck zu spielen, als sich einige silberne Löffel anzusehen, aber das wollte ich Mamsell schon deswegen nicht sagen, weil ich diesem Gedanken keinen rechten Ausdruck zu geben vermochte. Mir fiel etwas andres ein.

»Wer bekommt eigentlich alle deine Sachen?«

»Wer die kriegt?« fragte Mamsell argwöhnisch. »Die hab ich! Die kriegt niemand anders!«

»Ich meine, wenn du tot bist! Oder willst du alle deine Sachen mit dir begraben lassen?« Die Aussicht auf diese ungewöhnliche Begebenheit veranlaßte mich, ganz nahe zu ihr zu rücken. »Dann hast du wohl ein Begräbnis mit sechs Särgen oder noch mehr?«

»Nee,« sagte Mamsell. »Silber wird swarz in die Erde, und for die Savjetten is das auch nich gut. Tot bleib ich abers noch lange nich, Kind, da brauchst nich bange vor zu sein. Ich hab eine gute Natur, und später wird mich das woll einfallen, wer mir beerben soll. Was meinst, willst ein büschen von mich erben?«

Ich schüttelte den Kopf. »Nein, ich habe einen silbernen Löffel, das ist genug für mich, sagt Papa, und jeden Sonntag bekomme ich eine reine Serviette. Wenn es Kirschenkompott gibt, muß ich manchmal in der Woche noch eine haben – dann aber setzt es Schelte. Ich darf auch gar nichts von dir erben!« setzte ich hinzu.

»Warum nich?« Mamsell van Ehren hatte mir still lächelnd zugehört, und nun wurde sie aufmerksam.

»Nein, du darfst mich nicht erben lassen! Wenn du dein Geld an Fremde vermachst, dann hast du keine Ruhe im Grabe und mußt jede Nacht umgehn!«

»Wo weißt du das her?« Die Alte war blaß geworden, während ich eifrig weiter sprach.

»O, das hat Mahlmann mir erzählt! Kennst du Mahlmann nicht? Früher war er im Zuchthause und hat sehr viel gelernt. Nun ist er alt, und ich besuche ihn manchmal. Er weiß viele schöne Geistergeschichten, und er weiß auch, daß man sein Geld nicht an fremde Leute vermachen darf, wenn man ruhig im Grabe liegen will. In der Familie muß es bleiben, sonst gibt es ein Unglück! Hier in der Stadt hat ein Mann gelebt, und der –«

Aber ehe ich meine Weisheit zum besten geben konnte, standen Jürgen und Fritz vor uns, und Fritz nickte mir wohlgefällig zu.

»So'n schönes Kalb!« sagte er, und dann gab er mir die Hand. »Mudder wartet. Adjö auch!«

Er hatte aus angeborner Schüchternheit Mamsell van Ehren gar nicht gegrüßt und wollte still an ihr vorübergehn. Sie hielt ihn plötzlich am Jackenärmel fest und zog ihn ein wenig zu sich.

»Nu, kannst mir nich sehen? Mich nich Tag sagen?«

»'N Tag!« murmelte er.

»Und Vater is bei Moses?« fragte sie spöttisch. Er nickte ernsthaft, während er unwillkürlich seine Mütze abnahm.

»Ich denk mich nich, daß Vadder von Moses was kriegt!« sagte er zweifelnd, und seine weichen Züge nahmen einen Ausdruck von Sorge an.

»Was tut er dann?« fragte Mamsell hastig.

»O, dann müssen wir fort von Krümpitz, ganz fort!«

»Slimm genug für dein Vater!« murrte die Tante. Aber sie hatte den Jungen doch an sich gezogen und strich ihm über die Haare. »Ja, wer nich hören will, muß fühlen! Sag das man an dem Vater von mich! von Mamsell van Ehren, hörst woll? Und sag ihn, daß Male zehntausend Taler hatt'! Nu geh!«

Fritz ging. Mamsells Worte schienen keinen Eindruck auf ihn zu machen – wenigstens sah er ganz gleichmütig aus. Beide Hände steckte er in die Taschen seiner viel zu weiten Beinkleider, und dann ging er pfeifend davon. Ich sehe ihn noch deutlich vor mir. Die Sonne schien hell auf sein weißliches Haar und in seine trotzigen Augen. Er machte sich nicht viel aus der Welt – das konnte jeder merken.

Jetzt kam Großvater zurück, und Mamsell van Ehren begleitete ihn ins Haus, während Jürgen und ich es richtiger fanden, gleichfalls heim zu gehn. Wir fühlten an unserm Hunger, daß die Stunde des Abendbrots geschlagen hatte.

Am andern Tage bekamen wir plötzlich und unerwartet sehr starke Schelte. Rasmus hatte sich veranlaßt gesehen, eine Mordgeschichte von uns zu erzählen. des Inhalts, daß wir Mamsell van Ehrens Wagen absichtlich zertrümmert hätten. Wir beteuerten unsre vollständige Sündenreinheit, aber wir durften zwei Tage lang nur im Garten spazieren, und in die Stadt eine Zeitlang nur unter starker Bedeckung gehn. Das war unerträglich langweilig, und wir freuten uns nicht wenig, als plötzlich Mamsell van Ehrens Stuhlwagen erschien, der uns zu einem Besuche bei ihr abholen sollte.

Es war an einem Mittwoch Nachmittag, fast acht Tage nach ihrem letzten Besuch in der Stadt. Wir hatten Zeit, ihrer Einladung zu folgen, und bekamen auch die Erlaubnis dazu, allerdings mit einigen Ermahnungen verbrämt. Unsre Familie schien aber doch zu merken, wie sehr wir in der Wagenangelegenheit verleumdet worden waren, und als wir jetzt an Rasmus, der aus einem Wirtshause trat, vorüberfuhren, grüßten wir ihn mit vornehmer Überlegenheit.

Krischan brachte uns schnell zu Mamsell van Ehrens Stelle, dann wandte er seine Pferde, und als wir kaum ausgestiegen waren, fuhr er nach der entgegengesetzten Richtung, als von wo wir gekommen waren, davon.

»Wohin fährt er?« fragten wir neugierig. Die alte Mamsell aber, die uns an der Haustür empfing, lachte geheimnisvoll. »Nu seid man nich so fragig! Kommt ein und trinkt Kaffee – alles andre findt sich! Ich hab auch Kuchen gebacken, und nachher geb ich euch Äpfel, Gravensteiner, und ihr könnt ein Korb voll mit nach Hause nehmen!«

Mamsell war so aufgeräumt, wie wir sie noch gar nicht gesehen hatten. Sie behandelte uns ganz zärtlich und streichelte mich sogar ein wenig, was mich sehr verlegen machte. Denn ich war nicht gewohnt gestreichelt zu werden.

Eigentlich sollten wir in der täglichen Wohnstube Kaffee trinken. Weil wir aber so dringend baten, im Saal sitzen zu dürfen, wurde das Kaffeegeschirr in dieses Heiligtum getragen.

»Nu man nich gleich wieder an den Ofen!« rief Mamsell, als Milo sich wieder vor dieses Möbel kauerte. »Nu man her und Kaffee trinken! Biblische Geschichte weiß ich all genug, da braucht mich kein ein mehr zu belehren. Und wenn da auch ein reichen Mann in die Hölle sitzt, so weiß ich ganzen genau, daß ich da nich ein komme, weil daß ich Gotts Wort kenn und auch danach tue. Vergeben und vergessen will ich, und wenn mich das auch swer genug fällt, so will ich mir doch zwingen und zeigen, was ich for'n gutes Herz hab! So – nun trinkt man, und kuckt man nich so nach die leere Tasse, die bei mich steht – da kommt noch ein, der aus die Tasse trinken soll – den wird's abers smecken, kann ich euch sagen!«

Wir hatten die leere Tasse natürlich gar nicht bemerkt, und auf die Reden der Mamsell achteten wir nur wenig. Sie hatte unsre Teller so mit Kuchen bepackt, daß wir damit genug zu tun hatten und ihre Worte ziemlich gleichgültig über uns ergehn ließen. Sie saß nicht lange bei uns, sondern stand aller Augenblicke auf, um aus der Tür zu horchen. Dann setzte sie sich wieder und lachte uns an.

»Ja, Kinners, ihr sollt euch wundern, was ich für'n guten Menschen bin! Vergeben und vergessen will ich, wenn ich mir auch noch ümmer über Stina ärgere und ihr nich in mein Haus lassen will. Natürlicherweise nich! Abers ihren Jungen – das is was andres! Der is ein van Ehren! Ganz und gar! Soll auch auf'n Schaukelpferd reiten und nahstens –«

Sie hatte sich neben mich gesetzt und strich mir das Haar aus dem Gesicht. »Was hat der alte Kerl, der Mahlmann, noch vons Erben gesagt? Wenn man das Geld aus der Familie gehn läßt, was dann?«

»Dann hat man keine Ruhe im Grabe!« berichtete ich und biß eifrig in meinen Kuchen. »Mahlmann der hat einen Mann gekannt, der eine silberne Uhr hatte und eine Tabakspfeife. Er hatte auch einen Bruder, aber –«

Ein Wagen fuhr vor, und Mamsell schnellte in die Höhe. Dann setzte sie sich aber wieder.

»Er kann ja von selbsten ein kommen!« sagte sie halb zu sich selbst. »Ich brauch ihn nich entgegen zu gehn. Nee, das brauch ich auch nich!«

Es kam aber niemand an die Tür, und Mamsell rieb sich die Hände voller Ungeduld. Endlich klopfte es leise.

Mit scharfer Stimme rief sie: »Man flink herein!«

Krischan, der Kutscher, steckte den Kopf in den Saal, und als er außer seiner Herrin nur uns erblickte, trat er vorsichtig herein.

»Wo is Fritz?« fragte Mamsell scharf, und der Gefragte fuhr sich mit der Hand über seinen kurzgeschornen Kopf.

»Dat weer nix, Mamsell!« murmelte er.

»Kannst nich hochdeutsch mit mich snacken?« fuhr sie ihn an. »Womit war das nix? Wo is Fritz? Wo is mein klein Brudersohn?«

»Dat weer nix!« murmelte Krischan noch einmal.

»Da is Stina an schuld!« rief die Alte mit schriller Stimme. »Sie will mich den Jungen nich gönnen – nu denn, so –«

»Nee nee,« sagte Krischan etwas heiser. »Da is kein ein an schuld – ganzen gewiß nich, Mamsell. Bloß das Scharlachenfieber, einzig und allein das Scharlachenfieber. Den Donnerstag is er noch so vergnügt aus die Stadt gekommen, abersten Freitag hatt er schon Halsweh. Da is es denn mit einmal snell gegangen. Montag hat er noch ganz von selbst gelacht und gesagt: rsaquo;Wer nich hören will, muß fühlen!rlsaquo; Das abers ist das letzte gewesen!«

»Wo so?« fragte Mamsell. Sie war dicht an Krischan herangetreten und faßte ihn am Arm.

Er räusperte sich. »Nu ja, Mamsell, er is tot. Scharlachenfieber is es gewesen, und kein ein weiß, wo er es gekriegt hat, weil daß die Krankheit in die Stadt bloß bei Slachter Suhr war, und Fritz da gar nich gewesen is. Zwei von die annern Kinner haben es auch, und Frau van Ehren is auch krank, und Michel muß woll bald von sein Stelle, weil daß er gar kein Geld mehr hat und auch kein geliehen kriegt –«

Er hatte die letzten Worte nur undeutlich gesprochen. Nun schlich er leise hinaus, und Mamsell lehnte sich gegen den Ofen, auf dem alle die biblischen Bilder waren, die Bilder von Kain und Abel, von Esau und Jakob, von dem reichen Manne, dem sein Geld nichts geholfen hatte. Es war still im Saale geworden, denn auch wir sagten kein Wort. Wir waren traurig, und der schöne Kuchen wollte uns nicht mehr schmecken. Da fingen wir denn an, uns leise zu unterhalten.

»Er war noch so lustig!« murmelte Jürgen. »Er mochte Großvaters Kalb so gern leiden, daß ich es ihm gern geschenkt hätte. Aber Großvater hätte das nicht gemocht!«

»Im Himmel bekommt er gewiß ein schöneres Kalb!« meinte Milo, der sich von den himmlischen Freuden stets die angenehmsten Vorstellungen machte.

»Ob er auch wohl Kuchen bekommt?« fragte ich, und Milo nickte.

»Ganz gewiß, viel besser, als dieser ist! Überhaupt –« der Sprecher erhob seine Stimme ein wenig – »überhaupt – Fritz hat es im Himmel viel besser als hier, wo sein Vater nie Geld hatte, und wo seine Mutter immer weint. Im Himmel singen die Engel, und da weint niemand!«

»Im Himmel hat man auch immer Geld!« meinte Jürgen, der schon wieder angefangen hatte, Kuchen zu essen.

Davon wußte Milo nun nichts, und beide Brüder unterhielten sich darüber, ob die Engel wohl Portemonnaies, wie Onkel Heinrich, oder grünseidne Geldbeutel mit goldnen Ringen, wie Großvater, hätten. Dabei aßen wir Kuchen und tranken Kaffee, und Mamsell hatte sich neben den Ofen gekauert und sah sich in ihrem großen Zimmer um.

»Wer nich hören will, muß fühlen!« sagte sie plötzlich und trat dicht an uns heran. »Hat er das nich zu allerletzt gesagt?«

Wir nickten, und sie stöhnte tief auf. Dann setzte sie sich und schenkte sich Kaffee ein. »Ich weiß auch gar nich, was ich den lieben Herrgott getan hab, daß er mir so behandelt, wo ich doch ümmer allens tat, was Rechtens is. Wenn ich in die Kirche geh, geb ich ümmer sechzehn Bankschillinge in den Klingelbeutel, was doch gewiß anständig is. Und nu, wo ich mein Brudersohn zum Kaffee insitiere, muß er tot bleiben. Tot an Scharlachenfieber! Tot!«

Sie griff nach der Rahmkanne, aber ihre Hände zitterten, und das schwere silberne Gerät fiel um. Sein Inhalt floß über den ganzen Tisch, und wir mußten alle aufstehn, nur Mamsell van Ehren blieb sitzen. »Wer nich hören will, muß fühlen!« sagte sie, und der Ausdruck ihres Gesichts war so sonderbar, daß Milo plötzlich bange wurde.

»Ich will nach Hause!« rief er und stellte sich wie Schutz suchend an den Ofen. »Ich will zu Mama und zu Line!«

Line war das Kindermädchen, nach der Jürgen und ich uns niemals sehnten. Heute aber fanden wir doch, daß ihre Gesellschaft der von Mamsell entschieden vorzuziehn sei, und auch uns überwältigte die Sehnsucht nach den Freuden der Heimat. Wir wollten auch nach Hause, erklärten wir, und Mamsell hielt uns nicht zurück, Sie nickte nur und sagte, Krischan solle uns fortbringen. Aber als der Stuhlwagen mit dem bestürzt aussehenden Kutscher vor dem Hause hielt, und wir einstiegen, erschien, zu unserm Erstaunen, Mamsell. Sie war in ihren grünen Mantel gehüllt und stieg zuerst ein.

»Ich kann da nich allein in das alte große Haus bleiben!« sagte sie kurz, als wir sie verwundert betrachteten. »Ich will zur Stadt. Da muß ich doch hin. Mach einen kleinen Umweg, Krischan, weil daß die Luft schön is!«

Es war auch schön. Leise fuhr der Wind über die gelben Stoppelfelder, und weiße Fäden zitterten in der klaren Luft. In der Ferne schien die Nachmittagssonne auf einen blauen Streifen, und bei seinem Anblick nickte Mamsell.

»Fahr ein büschen auf'n Berg, Krischan, daß wir das Wasser sehen können. Nich, Kinners, nix is doch so schön as das Wasser!«

Berge waren auf unsrer Insel wenig zu finden, und was davon dort war, verdiente kaum den Namen eines Hügels. Krischan aber fand doch eine Anhöhe, wo er die Pferde halten ließ und wir auf das blaue Meer sehen konnten. Die untergehende Sonne warf goldne Streifen auf die leise zitternde Fläche, und hier und dort tauchte ein Segel auf.

»Nu man zu Stadt!« sagte Mamsell, nachdem sie eine Weile starr auf das friedliche Bild geblickt hatte, und dann fuhren wir weiter. Wir hatten, beim Suchen der Anhöhe, einen großen Umweg gemacht und kamen nun auf eine ganz andre Landstraße, als die, auf der Mamsell van Ehren sonst zu fahren pflegte. Die Pferde aber griffen munter aus, sie schienen nicht müde zu sein, und Mamsell nickte vor sich hin.

»Man ordentlich flink, Krischan. Ich mag gern ein büschen snell fahren, und dann hab ich auch noch was beim Doktor zu tun. Ich will ihm was fragen! Man ümmer snell!« Krischan fuhr denn auch lustig drauf los, bis wir ganz in die Nähe der Stadt kamen und ein kleines Gefährt fast eingeholt hatten, das langsam, unendlich langsam fuhr. Es war ein Kastenwagen, wie ihn die Landleute gebrauchen. Vorn saß ein Mann in vorgebeugter Haltung, und hinter ihm, im Kasten, stand etwas, das halb mit einem Leinentuch bedeckt war. Langsam ging das Pferd. Es ließ auch den Kopf hängen, wie sein Herr, aber Jürgen erkannte es doch.

»Das ist Robert,« begann er, »und der Mann ist –«

» Man snell an die alte Karrete vorbei!« rief Mamsell. Krischan sah sie indessen zweifelnd über die Schulter an.

»Mamsell, das is Fritz. Sein Vater fährt ihn woll zur Stadt, damit er morgen früh auf'n Kirchhof kommt!«

Mamsell sagte kein Wort, und als der Kutscher nun die mutigen Pferde langsam hinter dem kleinen Wagen hergehn ließ, hüllte sie sich fester in ihren Mantel und murmelte einige Worte. Aber sie hatte die Unruhe in den Gliedern. Als der kleine Wagen dicht vor der Stadt in einen Seitenweg einbiegen wollte, richtete sie sich plötzlich auf und rief schrill: »Michel, Michel van Ehren! Komm her! Ich will dich was sagen!«

Der also Angerufne hob den Kopf und sah sich nach seiner Stiefschwester um. Ob er sie schon bemerkt hatte, konnte man seinem Gesicht nicht ansehen.

»Was willst du?« fragte er dumpf.

»Komm her!« rief sie noch einmal. Er schüttelte den Kopf. »Ick hevv keen Tidt! Will min Kind begraben!«

Da sprang die Alte mit ungewohnter Behendigkeit vom Wagen und hielt plötzlich Michels Pferd an. Es schien müde zu sein und ließ sich gern anhalten.

»Michel, Michel!« rief sie laut. »Wenn du allens getan hättest, was ich wollte, denn wär dies nich passiert!«

»Weißt du das so genau?« fragte er ruhig.

»Warum konntest du Male nich heiraten?« schluchzte sie plötzlich.

»Weil ich ihr nich leiden mochte!« war die Erwiderung, und die Mamsell stampfte mit dem Fuß.

»Was hätt das geschadet! Was mach ich mich aus das Leidenmögen! Nu siehst du, was danach kommt!«

Michel van Ehren hatte den Kopf wieder auf die Brust sinken lassen. Er sah so müde aus! Aber nun blickte er seine Schwester ernsthaft an.

»Du weißt ja gar nich, was von das Leidenmögen kommt! Du magst ja nur dein Geld leiden und deine Stelle und deine Kühe und deine Pferde!« Er, stockte einen Augenblick. »Arme Jakobine,« sagte er dann. »Arme Deern! Du tust mich doch leid! Kein ein hast du in dein Leben gehabt, der dir ein büschen lieb hatte. Da mußt du auch komisch von werden. Wo oft, wenn ich doll auf dir war, hat Stina mich das auch gesagt. rsaquo;Michel,rlsaquo; sagt sie, rsaquo;laß Jakobine man in Frieden und schilt nich auf ihr. Sie hat es slecht in diese Welt, ganz slecht, und wir haben es gut, ganz gut, weil wir doch zusammen sind.rlsaquo;«

Er schwieg, und Mamsell lachte schrill. »Hast du es jetzt gut, wo du deinen Jungen nach'n Kirchhof bringst?« Michel antwortete nicht gleich, weil er an seinem rauhen Rock zu bürsten hatte. Dann nickte er.

»Ich hab es vielleicht ja nich gut,« sagte er mit etwas schwerer Zunge. »Das is ja nich so furchtbar leicht, wenn so'n Jung, an den man sich freute –« er stockte. Aber nach wenig Sekunden sprach er hastig weiter. »Nu hat er es doch gut, Jakobine! Nu braucht er doch nich jeden Morgen in die Schule, wo ihn das Lernen swer wurde, und nu braucht er sich da auch nich um zu quälen, daß er sein Brot kriegt. Stina hat oft gesagt: rsaquo;Was soll doch einmal aus'n Jungen werden, wo er so hinter die Tiere her is und so gräßlich gern Landmann werden will, und wir doch kein Geld haben, ihn auch nur ne Kuh zu kaufen. Ich slaf da nich um,rlsaquo; hat sie woll gesagt, rsaquo;wenn ich mich denk, daß mein Fritz mal Knecht werden soll und nix weiter.rlsaquo; Nu kann sie geruhig slafen, und mein Fritz auch – nu hat unser Herrgott for ihm gesorgt.«

Michel war wieder heiser geworden, aber er hatte den Satz doch gut zu Ende gesprochen. Mamsell war von dem Pferde zurückgetreten. Es zog plötzlich an, und das kleine Gefährt rumpelte von dannen.

Wir Kinder und Krischan hatten die ganze Unterhaltung schweigend angehört. Als Mamsell jetzt wieder mühsam in den Wagen kletterte, rückten wir ihr näher – sie tat uns so leid. Wir versuchten auch, mit ihr zu sprechen, aber sie erwiderte uns kein Wort. So verlief das Ende unsrer Fahrt sehr trübselig, und als wir glücklich vor unserm Hause abgestiegen waren, sagte Jürgen, daß er niemals wieder Mamsell van Ehren besuchen wollte. Dort passierte immer so etwas Sonderbares, und sie sei selbst auch sehr sonderbar, denn daß sie Fritz gerade eingeladen hätte, als er schon tot gewesen wäre, sei doch merkwürdig. Milo war nun nicht Jürgens Meinung. Er hatte den Nachmittag sehr ereignisreich gefunden, und der Kaffee hatte ihm vorzüglich geschmeckt. Auch ich war bereit, jede Einladung wieder anzunehmen. Aber es wurde uns keine zuteil. Mamsell schien uns gänzlich vergessen zu haben, während wir doch täglich von ihr sprachen. Wir hatten wohl gemerkt, wie traurig sie über den Tod des kleinen Fritz gewesen war – was aber würde sie wohl zu den Ereignissen der folgenden Tage gesagt haben? Denn Michel van Ehren kam noch dreimal zur Stadt, und jedesmal mit einem Sarge. Zuerst war es seine Frau, und dann waren es noch zwei Kinder, die alle drei am Scharlachfieber gestorben waren.

Die Leute sprachen viel über sein Unglück, und wir Kinder machten die Beerdigungen mit und weinten, weil die Großen weinten. Aber dann tröstete uns der Gedanke, daß alle jetzt im Himmel seien, und wir freuten uns auf den Herbstmarkt, von dem wir uns vorher viel mehr Genüsse versprachen, als er uns nachher bot. Aber die Vorfreude ist das beste bei allen Dingen, und es war unrecht von Rasmus, uns in unsrer Erwartung zu stören und uns zu erzählen, wie krank wir im vorigen Jahre schon am zweiten Markttage gewesen seien. Das hörten wir nicht gern und gaben ihm eine ungezogne Antwort, worauf er höhnisch bemerkte, nun wolle er uns auch gar nicht das Allerneuste erzählen. Rasmus wußte nämlich immer die Neuigkeiten der Insel, besonders die traurigen, und mußte sie sehr schnell mitteilen, sonst wurde er krank. Das wußten wir und meinten spöttisch, er könne das Schweigen doch nicht aushalten, seine Nachricht würden wir wohl noch erfahren. Mit diesen Worten liefen wir aus dem Hause und stießen auf Krischan, Mamsell van Ehrens Kutscher. Dieser begrüßte uns hastig, dann faßte er mich an die Schulter: »Gut, daß du da bist. Sollst mit mich nach Albers Hotel kommen. Mamsell will dir sprechen!«

Das war für mich eine ungeheure Auszeichnung, denn ich wurde selten ganz allein eingeladen. Deshalb nahm ich nur flüchtigen Abschied von den Brüdern und folgte dem Kutscher mit dem erhabnen Gefühl von halber Wichtigkeit und derselben Portion Verlegenheit.

»De Ohlsch is ein büschen dwatsch in diese Zeit!« sagte Krischan vertraulich zu mir. »Mit ihren Bruder is das auch'n dumme Geschichte – sie sollt ihn man helfen und'n Strich über alles machen, wo er doch'n guten Menschen is und man bloß sich versehen hat, daß er ein ander Frau nahm, als sie wollt. Sonsten hat er ihr nie und nümmer was Böses getan. Abers Mamsell is von de regiersüchtige Sorte – das hast du woll auch gemerkt!«

»Was soll ich eigentlich bei ihr?« fragte ich. Krischans Äußerungen verstand ich nicht so recht, außerdem nahm ein grüner Wagen auf dem Marktplatz meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch.

»Weiß nich. Sie hat viel gesnackt, was ich nich verstand. Ich glaub abers –« Krischan blieb stehn und sah sehr schlau aus –, »das is was mit'n Testament! Wie ich man gehört hab, wollt sie all ihr Geld an die van Ehrens in Holstein vermachen. Du weißt, die van Ehrens, die ganzen weitläuftig mit unser Mamsell verwandt sind. Sie kann es natürlicheweise tun, sie is ihr eigen Herr – nu abers kommt mich das vor, als wenn sie sich besinnen tut!«

Krischan sagte noch etwas über das Erben im allgemeinen, während ich nach den kleinen Fenstern des grünen Wagens sah und leidenschaftlich wünschte, in ihm wohnen zu dürfen. Und dann stand ich in dem kleinen Damenzimmer von Albers Hotel, dessen einziger Schmuck eine Schale mit zwei fetten Goldfischen war, die ebenso langweilig aussahen wie die unbequemen Möbel. Mamsell saß auf dem Sofa und zog mich hastig zu sich.

»Verzähl mich die Geschichte nochmal!« sagte sie befehlend, und dabei spielte sie mit einem dicken Papierheft.

»Welche Geschichte?« fragte ich überrascht. Mamsell hatte mir nicht einmal guten Tag gesagt, und das fand ich doch sonderbar.

»Sei nich dumm, Kind! Was Mahlmann dich sagte, vom Erben und –« sie sah sich scheu um – »vom Liegen im Grab und sowas!«

»Oh! Du meinst die Geschichte vom Mann, der seine silberne Uhr und seine Tabakspfeife nicht an seinen Bruder vermachte? Nun, der hatte nachher keine Ruhe im Grabe! Er ist eine ganze lange Zeit nach seinem Tode jede Nacht um zwölf aufgestanden und hat gebeten, der Mann, dem er seine Uhr vermacht hatte, sollte sie doch an seinen Bruder geben. Er ist auch nicht eher ruhig geworden, bis sein Bruder alles bekommen hat. Und Mahlmann sagt, mit Geld ist es noch viel schlimmer, das darf nun keinesfalls aus der Familie! Er –«

»Kannst du mich sagen, ob der Mann, der die Uhr kriegte, noch ein büschen mit den andern verwandt war?« unterbrach Mamsell meine Mitteilung, und ich dachte lange nach, obgleich mich die Goldfische dabei sehr störten.

»Ich glaube, ein bißchen. Aber der Bruder war doch näher verwandt!«

Einen Augenblick atmete Mamsell tief auf. Dann nahm sie das große Papier und zerriß es in lauter kleine Stückchen.

»Ich will Ruhe haben in mein Grab,« murmelte sie. »Sie is ja auch tot, worüber ich mir ümmer so ärgerte, und er – nu ihn kann ich die gute Aussicht gönnen. Is doch ümmer ein guten Jung gewesen und hat neulich ganz nett mit mich gesprochen, wenn er mir auch nich gerade mit Respekt behandelte. Abers – ich will ihn das denn nich weiter nachtragen. Ich will auch seine Schulden bezahlen, und er kann mit sein klein Tochter – ein Kind is da ja man – bei mich wohnen. Still is es bei mich, und wenn ich mich recht bedenke, denn war das gar nich so slimm, als Michel klein war und Freunde hatt und sie in das Haus Spengtakel machten. Nu macht da kein ein Spengtakel bei mich – kein ein, und wenn ich mich nu noch denke, daß ich nich mal geruhig in mein Grab liegen sollt, bloß weil ich allens an die weitläuftige Verwandtschaft gegeben hab – nee! – das is mich doch zu arg – das will ich nicht! Er soll es gut haben, und für mir is es auch nett!«

Sie sprach noch mehr, aber ich hörte nicht darauf. Ich hatte mich ins Fenster gestellt und beobachtete Rasmus, der behaglichen Schrittes die Straße heraufkam. Er sah zufrieden aus, gerade so, wie er immer tat, wenn er irgend eine Neuigkeit wußte. »Da geht Rasmus Rasmussen!« sagte ich, und Mamsell stand auf.

»Ruf ihm, Kind. Er soll mich was bestellen an dein Großvater. Ich will ein neues Testament machen, und Herr Justizrat soll gern mal herauskommen, wenn er Zeit hat!«

Ich rief denn auch, und bald stand der Schreiber vor der Mamsell. Sie nickte ihm nur flüchtig zu.

»Ich wollt Ihnen man bitten, Herr Seckertähr –« er aber unterbrach sie.

»Zuerst möchte ich Ihnen meine herzlichste Kondolation aussprechen, Mamsell van Ehren.« Sie sah ihn etwas erstaunt an.

»Nu ja – die Kinners waren ja mit mich verwandt, und der klein Fritz –« sie seufzte. »So ne slimme Krankheit!«

»Und alles von unbegreiflicher Ansteckung!« sagte Rasmus bedauernd.

Mamsell wandte sich hastig ab. »Da is nu nix weiter bei zu machen,« sagte sie. »Was tot is, is tot – abers ich will mir auch mit Michel vertragen. Das können Sie man an Herrn Justizrat bestellen! Er wird sich freuen, wo er mir schon ümmer ausgescholten hat, daß ich Michel slecht behandelte.«

Rasmus hatte sich erregt die Hände gerieben. Er war kein schlechter Mensch – er hatte nur das Bedürfnis, allen Leuten unangenehme Sachen zu sagen, und ehe er diese vom Herzen hatte, geriet er in fieberhafte Unruhe.

»Michel kann sich nicht mehr mit Ihnen vertragen!« murmelte er.

»Warum nich?« fragte Mamsell scharf. »Weinen Sie, daß er bocksch is und nich will?«

»Er kann nicht – er ist tot!« sagte Rasmus hastig. »Vorhin kam die Nachricht. Verstecktes Scharlachfieber. Der Doktor sagt, daß Erwachsene es auch bekommen können. Jeder muß sich heutzutage in acht nehmen, weil ja niemand weiß, wie die Krankheit einen anstiegen kann. Von Schlachter Suhr ist sie nach Krümpitz geflogen – kein Mensch weiß wie. Ja, es sind böse Zeiten!«

Rasmus ging wieder. Er hatte seine Neuigkeit an Ort und Stelle angebracht, nun war er befriedigt. Händereibend verließ er das Wirtshaus, und ich sah ihn über den Marktplatz gehn. Denn ich stand noch immer am Fenster, weil mir ängstlich zumute war. Mamsell van Ehren war so still, so merkwürdig still geworden. Sie stand eine Zeitlang unbeweglich auf derselben Stelle, auf der sie die Nachricht empfangen hatte, dann nahm sie die Papierschnitzel, die auf dem Tische lagen, ballte sie zusammen und warf sie wie einen Ball in die Höhe. Dabei lachte sie leise und sagte endlich: »Wer nicht hören will, muß fühlen!« Zu allerletzt aber setzte sie sich und lachte laut – so laut, daß selbst die Goldfische es zu hören schienen und mit ihren Mäulern verwundert gegen die Glaswand stießen – so laut, daß ich eilig davon lief und nachher erklärte, niemals mehr Mamsell van Ehren besuchen zu wollen.

Dieser Vorsatz war ganz unnötig. Mamsell hat nie wieder jemand von uns eingeladen. Sie ist damals ganz still nach Hause gefahren und hat später ihre Stelle nie wieder verlassen. Die Leute sagten, sie sei wohl ein wenig verkehrt im Kopfe; es sei aber nicht schlimm, man könne ganz gut mit ihr sprechen. Besonders von Korn- und Viehpreisen wisse sie gut Bescheid; es sei nur merkwürdig, daß sie kein Geld sehen könne. Dann fange sie an zu schreien und zu lachen und würde schließlich so böse, daß es ganz ängstlich sei. Deshalb besorgte der Rechtsanwalt im Städtchen ihre Geldgeschäfte, und dieser Herr hatte auch Michels kleine Tochter bei wohlhabenden Landleuten untergebracht, wo sie »standesgemäß« erzogen wurde. War sie doch, nach dem Zerreißen des Testaments, Mamsells einzige Erbin. Sie hieß Stina und sah ihrer verstorbnen Mutter sehr ähnlich – deshalb wollte ihre Tante sie nicht sehen. Mit den Jahren ist Mamsell van Ehren dann doch wieder ein wenig vernünftiger geworden. Wenigstens hat man nach ihrem Tode einen kurz vorher geschriebenen Zettel gefunden, auf dem allerhand Bestimmungen, ihre Leichenfeier betreffend, standen, unter andern die, daß auch wir, nämlich Jürgen, Milo und ich, dazu eingeladen werden sollten. Dieses Gedenken rührte uns wirklich; leider konnten wir die Einladung nicht annehmen, weil wir alle nicht mehr auf der Insel lebten. Sie hatte entschieden vergessen, daß unser Vater versetzt, und daß wir groß geworden waren. An Milo vermachte sie außerdem ihren bunten Ofen; »weil daß er doch raucht, und klein Milo so gut auf ihn Bescheid weiß!«

Das war nun wirklich sehr nett. Aber »klein Milo« bekam den Ofen doch nicht. Denn Mamsell hatte ihn schon vor einigen Jahren an den besten Freund von unserm Moses Regensburger verkauft und diese Tatsache nur vergessen. Auf der Insel sagen sie, daß dieser Ofen jetzt in einem Königsschloß stehe. Wenn dies der Fall sein sollte, dann hoffe ich nur, daß die Königskinder etwas mehr von seinen bunten Bildern lernen, als die arme Mamsell van Ehren, die nicht hören wollte und nachher fühlen mußte.

 << Kapitel 4 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.