Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Charlotte Niese >

Mamsell van Ehren

Charlotte Niese: Mamsell van Ehren - Kapitel 4
Quellenangabe
typenovelette
authorCharlotte Niese
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Fünfter Band
titleMamsell van Ehren
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeFünfter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
projectid13aa15d5
Schließen

Navigation:

Großvater hatte einen Schreiber, der Rasmus Rasmussen hieß, und der sich öfters betrank. Wenn er angeheitert war, dann erzählte er uns hin und wieder sehr lange Geschichten, die immer rührender wurden, je mehr Gläser Branntwein er getrunken hatte. Auch gehörte er zu den Menschen, die mit Kindern wie mit Erwachsenen sprechen. Aber da er uns eigentlich niemals etwas Böses, nur oft etwas Unverständliches erzählte, so war der Verkehr mit ihm weiter nicht schädlich, und wir durften viel mit ihm zusammen sein. In der Landbevölkerung hatte Rasmus eine angesehene Stellung, besonders bei den kleinen Bauern. Diese nannten ihn Herr Seckertär und fragten ihn in sehr vielen Angelegenheiten um Rat, den der Gefragte gern erteilte, um sich dann, mit einem Glase Punsch traktieren zu lassen. Rasmus hatte mit der Zeit eine große Personalkenntnis erlangt und kannte die Lebensgeschichte fast jedes Insulaners. Allerdings gab es Leute, die behaupteten, daß seine Erzählungen nicht immer der Wahrheit entsprächen; das wußten wir Kinder aber natürlich nicht zu unterscheiden, und wir hörten ihm mit großer Freude zu, wenn er uns lange Geschichten berichtete.

Es war an einem Donnerstage im September, und Jürgen und ich liefen auf dem Marktplätze herum, an dem etwas abseits unter Bäumen das erste Wirtshaus der Stadt stand. Dort ging es Donnerstags immer sehr lebhaft zu. Alle Landleute fuhren nämlich Donnerstags »zur Stadt,« wie es hieß, und gaben sich dann ein Rendezvous im Albersschen Gasthof. Hier wurde Korn und Vieh, Butter und Käse gekauft und verkauft, hier wurde Geld verliehen und geborgt, kurz, der Donnerstag war der Börsentag für die Insel, und einer, der etwas Geschäftliches besorgen wollte, fehlte gewiß nicht, und wenn er drei Stunden lang darum fahren mußte. Uns Kinder erfreute der Donnerstag schon deswegen, weil wir soviele Wagen zu sehen bekamen, Wagen mit den verschiedensten Pferden davor, über die Heinrich und Jürgen mit wichtiger Miene ihr Urteil sprachen, während ich mehr nach den Fuhrwerken selbst blickte und die Damen betrachtete, die, sehr verhüllt und sehr unkenntlich, von den Wagen herabsprangen. Denn zu springen gab es meistens etwas, und es waren nur ganz auserlesene, sehr reiche Leute, die in wackligen Kutschen angefahren kamen, aus denen die Insassen meistens rückwärts steigen und dann eine Zeitlang mit dem rechten Bein in der Luft herumtappen mußten, ehe sie den eisernen schmalen Tritt gefunden hatten. Für die Betreffenden war es vielleicht nicht angenehm, auf diese Weise ihren Wagen zu verlassen; für uns Zuschauer war es aber sehr nett. Wenn eine Kutsche über den Marktplatz geholpert kam, dann liefen wir hinter ihr her und standen erwartungsvoll bei Albers Hotel, um den Anblick des Aussteigens von Anfang bis zu Ende zu genießen. Es waren natürlich immer ältere Leute, denen das aus dem engen Wagen krabbeln schwer wurde. Manchmal, wenn der Hausknecht bei Albers durch Abwesenheit glänzte – er kam gewöhnlich nur bei der Abfahrt zum Trinkgelde – dann öffneten auch wir wohl den Schlag und leisteten hilfreiche Hand. Oder wir riefen: »Das rechte Bein nach links!« oder »mehr rechts!«, um den Aussteigenden wenigstens mit Worten zu helfen. Manchmal aber versahen wir uns in der Eile mit rechts und links, oder der, der unsern Rat empfing, verstand ihn nicht recht, und dann konnte es vorkommen, daß jemand sehr schnell aus dem Wagen fiel, der sonst immer eine Viertelstunde gebrauchte, ihn zu verlassen. Dann leisteten wir natürlich sofort hilfreiche Hand, sammelten auf und bürsteten, was aufzusammeln und zu bürsten war, und es passierte auch niemals ein ernstliches Unglück. Im Gegenteil manch freundliche Einladung, mit nach Albers zu kommen und Kaffee und Kuchen zu genießen, war uns infolge unsrer Hilfeleistung zuteil geworden. Das Annehmen solcher Einladungen war uns aber ein für allemal streng verboten, und das Ausschlagen wurde uns auch nicht schwer. Denn wir konnten uns gar nicht denken, daß es in den heißen, räucherigen Wirtsstuben so lustig sein konnte wie vor der Tür. Übrigens waren wir nicht die einzigen Zuschauer des Anfahrens der donnerstägigen Wirtshausbesucher. Verschiedne erwachsne Städter trieben sich gleichfalls auf dem Marktplatz herum, vor allem die kleinern Geschäftsleute und Handwerker, die mit den Bauern zu tun hatten; und auch Rasmus Rasmussen war eigentlich regelmäßig in der Nähe zu finden.

Auch an diesem Donnerstag im September. Er stand, an eine der Gasthoflinden gelehnt, und erteilte einem Landmann, der eben zu Pferde gekommen war, juristischen Rat. Wenigstens sprach er mit erhobner Stimme von irgend einem Gesetzesparagraphen, und der andre nahm einen kleinen karierten Geldbeutel aus der Tasche und steckte seine Finger hinein. Ich hatte mich gerade auf die Zehen erhoben, um zu sehen, wieviel Rasmus für seinen Gesetzesparagraphen bekam, da stieß Jürgen mich an.

»Da kommen Mamsell van Ehrens Pferde, und sie hat eine Kutsche!«

So war es in der Tat. Der Stuhlwagen war verschwunden und hatte einem geschlossenen Gefährt Platz gemacht, das sehr hoch in den Rädern hing und mit gelbseidnen Vorhängen geziert war.

»Die ist aber nicht so schön wie Großvaters Kutsche!« bemerkte ich, und Jürgen meinte auch, es wäre ein richtiger »Rummelkasten«. Dennoch liefen wir sofort an die Wagentür, als die Pferde stillstanden, und rissen an dem Türgriff.

»Man nich so hitzig!« sagte die verhüllte Gestalt, die im Innern saß und sich jetzt aus dem Fenster beugte. »Macht man nich allens twei! Fufzig Spezies hat er mich gekostet und is aus Eutin. Is ein Wagen von den Großherzog. Den sein Urgroßonkel is da ümmer mit spazieren gefahren. Abers die Tür –«

Wir hatten wohl Mamsells Worte gehört, aber nicht gerade auf ihren Inhalt geachtet, sondern munter weiter an der Tür gerissen. Sie sprang denn auch mit einem Knall auf und fiel nun auf uns, weil ihr Gehänge in Unordnung war. Da das Fenster in ihr heruntergelassen war, schadete sie uns nicht viel, und wir brachen natürlich in ein Triumphgeschrei aus, weil wir ein solches Ereignis noch gar nicht erlebt hatten.

»Nu seh einer an!« schalt Mamsell. »Konntet ihr meine Tür nich in Ruh lassen? Aus'n Fenster klettern tu ich sonsten ümmer und mach das Tür gar nich offen! O, was'n Schaden, und fufzig Spezies hat er mich gekostet!« Sie war ziemlich schnell ohne unsre Hilfe aus dem Wagen gekommen, und da sich ihr gleich ein Handwerker näherte, der den Schaden betrachtete und ihn wunderbar gut zu reparieren versprach, so standen wir ziemlich betrübt abseits. Wir hatten es gut gemeint und hatten auch mit Mamsell van Ehren, die wir so lange nicht gesehen hatten, sprechen wollen: nun kamen wir uns selbst etwas unartig vor. Rasmus, der die kleine Szene aus der Ferne angesehen, und der schon einige Schnäpse genossen hatte, kam jetzt zu uns.

»Geht nur nach Hause!« riet er. »Ihr macht hier doch nur Unfug, und wenn ich an Papa erzähle, was ihr eben getan habt, dann gibt's was!« .

Wenn Rasmus schlechter Laune war, dann verklagte er uns manchmal an höchster Stelle wegen unsrer Missetaten, und da er dann auch oft die Tatsachen entstellte, so liebten wir seine Berichte über uns durchaus nicht. Wir zogen es also vor, seinem Rate zu folgen, und gingen davon, während er uns ein Stückchen begleitete.

»Mit Mamsell van Ehren ist nicht zu spaßen,« begann er wichtig. Es schmeichelte nämlich seiner Eitelkeit, daß wir ihm so ohne weiteres folgten, was nicht oft geschah.

»Wir haben ihr nichts getan!« erklärte Jürgen. »Solche Wagentüren kennen wir aber nicht. Wir wollten ihr nur guten Tag sagen, weil wir sie so lange nicht gesehen haben!«

»Sie war böse auf euch!« sagte Rasmus, dem die geistigen Getränke die Zunge gelöst hatten. »Was brachtet ihr auch Fritz van Ehren auf ihren Hof? Das hat sie übel genommen!«

»Ich weiß nicht, daß sie Fritz van Ehren nicht leiden kann,« rief Jürgen. »Warum mag sie ihn denn nicht? Ist Michel van Ehren nicht ihr Bruder?«

»Natürlich ist er ihr Bruder. Aber den mag sie ja auch nicht!«

»Warum denn nicht?« fragte mein Bruder ungeduldig, und Rasmus zuckte die Achseln. »Was verstehst du davon? Kleine Jungen dürfen noch nicht alles wissen!«

Aber dann erzählte er doch unaufgefordert weiter.

Michel war der Stiefbruder von Mamsell und ziemlich viel jünger. Der alte van Ehren hatte zuerst eine reiche Frau gehabt und dann eine arme. Mamsell war aus der ersten Ehe, und Michel aus der zweiten. Der alte van Ehren hatte von sich selbst eigentlich nicht viel gehabt; die erste Frau hatte die Schulden bezahlt, die auf der Stelle waren, und alles in Ordnung gebracht. Als sie starb, hatte sie ein Testament gemacht, nach dem ihre Tochter Jakobine alles erbte und ihr Mann nur die Nutznießung bekam, solange er lebte. Er war eigentlich nur eine Art Großknecht seiner Tochter, die damals eben erwachsen war. Das war dem Alten wohl nicht sehr angenehm; jedenfalls heiratete er plötzlich wieder, und das war wieder der Tochter nicht recht. Mit der zweiten Mutter hatte sie nicht gut gelebt und ihr immer gesagt, sie sei die Herrin, und sie hätte das Geld. Als der alte Ehren starb, war die Stiefmutter mit Michel in ein Häuschen gezogen, das der Alte ihr vermacht hatte. Aber es stellte sich heraus, daß auch dies Häuschen der Mamsell gehörte, und wenn nicht der Herr Justizrat dazwischen gekommen wäre und Jakobine Vorstellungen gemacht hätte, dann wäre Michels Mutter beinahe verhungert. Unter diesem Zank war nun Michel groß geworden. Als er noch klein war, hatte seine Schwester ihn gut leiden können und mit ihm gespielt; als er groß wurde, sollte er nur tun, was sie wollte. Aber er war eigensinnig und hatte seinen eignen Willen, und deshalb erzürnten sich die Geschwister. Von Michel war dies eine Dummheit, weil er arm war, und sie immer reicher wurde. Sie hatte nämlich noch einen reichen unverheirateten Bruder ihrer Mutter beerbt und wußte nun gar nicht, wohin mit ihrem Gelde. »Wenn Michel nach ihrem Willen gelebt hätte,« schloß Rasmus, »dann würde sie ihm doch helfen, daß er aus den Schulden herauskäme! Denn von der kleinen Stelle, auf der er sitzt, gehört ihm fast gar nichts, und es kann leicht geschehen, daß er von seinen Gläubigern hinausgeworfen wird. Dann hat er nichts als eine Frau und vier Kinder. Das ist wohl viel, aber zum Leben ist es zuviel, viel zuviel!«

Rasmus lachte herzlich, weil es ihm vorkam, als wäre er witzig gewesen. Und dann erklärte er, dringende Geschäfte in Albers Hotel zu haben, und ging eilig dorthin zurück.

Wir waren inzwischen vor unserm elterlichen Hause angelangt und beratschlagten, ob wir hineingehn sollten. Dann war es mit unsrer Freiheit für heute zu Ende, das wußten wir ganz genau. Uns ahnte überhaupt, daß irgend jemand uns schon irgendwo suchte, und deshalb sahen wir mit einiger Bekümmernis in die Septembersonne, die noch so hoch am Himmel stand und das Verlangen in uns erweckte, noch etliche Stunden in ihr umherzustrolchen.

Da faßte jemand Jürgen an den Arm. »Dag ok, Jürgen!«

Es war Fritz van Ehren, der uns etwas verlegen lachend begrüßte und von uns sehr erfreut empfangen wurde. Wir kannten ihn ja wenig, aber er gefiel uns.

»Ist dein Vater zur Stadt?« fragten wir, und er nickte.

»Ja, er is zur Stadt und hat mir mitgenommen. Mudder is auch mit!«

»Komm herein, du sollst was zu essen haben!« rief Jürgen. Der andre schüttelte den Kopf. »Laß man, ich bin nicht hungrig; bei Schmidt hat Vadder mich Käsbutterbrot geben lassen.« Schmidt war ein Gasthaus dritten Ranges.

»Willst du denn nach Großvaters Scheune und die Pferde und die Kühe sehen?« rief Jürgen, der das natürliche Gefühl hatte, seinen Gast unterhalten zu müssen. Dessen Augen leuchteten auf. Aber dann blieb er plötzlich stehn.

»Ich darf nich lange bleiben,« sagte er. »Vadder sagt, ich soll gleich wieder kommen.«

»Aber dein Vater hat hier doch gewiß viel zu tun. Es ist ja noch ganz hell, und er fährt noch nicht wieder fort!«

»Ich glaub doch,« meinte Fritz. »Vadder sein Geschäft is snell vorbei gewesen. Er wollte Geld – abers kein ein wollt ihn was geben. Mudder hat geweint. Mudder hat schon viel geweint. Nu is Vadder noch zu Moses gegangen – vielleicht daß er ihm was gibt!«

Moses war Herr Regensburger, ein alter, würdig aussehender Herr, hinter dem wir in unsern unartigen Momenten herliefen und sangen:

»Jude, Jude, schachre nich! Weißt du nicht, was Moses spricht? Moses spricht: Du darfst nicht schachern, Sonst will ich dir den Buckel wackeln!«

Das waren aber, wie gesagt, unsre unartigen Stunden. Zu andrer Zeit ließen wir uns von Moses Osterkuchen schenken, oder wir sahen in seinen Garten, wenn er mit seiner zahlreichen Familie Laubhütten feierte. Im ganzen hatten wir also gar nichts gegen ihn einzuwenden. Wir wußten aber, daß er Geld auslieh, und daß es nicht gut war, wenn man Geld von ihm brauchte.

Deshalb wurden wir auch etwas nachdenklich bei Fritzens Mitteilung. Dann aber meinte Jürgen, wir wollten doch in Großvaters Scheune gehn. Dort sei eine weißbunte Kuh, die solch niedliches Kalb habe, das könne Fritz noch schnell besehen. Unser Gast war es zufrieden, und wir gingen einträchtig zusammen dahin, bis es Jürgen plötzlich einfiel, mir zu sagen, ich brauchte nicht mitzugehn. Im ganzen ließ er sich meine Gesellschaft nur zu gern gefallen; fremden Jungen gegenüber verleugnete er mich aber manchmal und tat, als wenn ich nicht würdig wäre, mit ihm zusammen Kühe oder andres Viehzeug zu besehen. So auch heute.

»Geh du nur nach Hause,« sagte er plötzlich, »Mädchen verstehn noch nichts von Kälbern, nicht wahr, Fritz?« Der Gefragte nickte.

»Nee, Mädgens verstehn nix von so was!« meinte er dann mit einem nachsichtigen Lächeln. »Abers, for meinswegen kann sie mit. Ich mach mich da nix aus, ob sie mit is oder nich!«

Aber Jürgen beharrte auf seinem Worte, daß ich das Kalb nicht besehen sollte, worauf ich mich denn beleidigt abwandte und erklärte, es fiele mir auch gar nicht ein, mit den dummen Jungen zu gehn. Es erfolgte ein kurzes geschwisterliches Wortgefecht, und dann setzte ich mich auf die Treppe vor Großvaters Haustür und sah den beiden Knaben nach. Ich hatte ausgiebige Gelegenheit, den Sprößling von »Wittbunt« alle Tage zu sehen, und benutzte diese Gelegenheit gar nicht sehr häufig. Heute aber sehnte ich mich glühend nach dem kleinen Kalbe, das auf so zittrigen Beinen stand und so unglaublich dumm aussah, und dann nahm ich mir vor, morgen mit Jürgen kein Wort zu sprechen. Er sollte merken, was er an mir verloren hatte.

»Is Großvater woll zu Hause?« fragte eine Stimme neben mir. Es war Mamsell van Ehren. Sie trug eine grasgrüne seidne Mantille und einen Hut mit kirschroten Bändern und sah so fein aus, daß ich den Kummer über das Kalb vergaß und sie bewundernd betrachtete.

»Du bist aber mal wunderhübsch angezogen, Mamsell!«

»Nich wahr, klein Deern? Ja, das muß man bloß verstehn, und wenn man das Geld dazu hat, denn kann man es auch. So'n Mantilje kost auch ein Heidengeld. Mehr als ein fettes Swein! Abers wers lang hätt, de lett dat ok lang hängen! Na, wo is das denn mit Großvater?«

Ich lief ins Haus, kam aber mit der Botschaft zurück, daß Großvater ausgegangen sei und erst nach einer halben Stunde zurückkehre.

»Da will ich auf ihm warten!« sagte Mamsell. »Komm, wir wollen vor die Tür sitzen und auf die Straße gucken. Gott o Gott, was gehn hier für Menschens auf die Straße! Hier ein und da ein, und da zwei auf einmal. Herrjemineh, was is da doch forn Leben in so'n Stadt! Da bin ich eben bei Slachter Suhr gewesen und hab ihn ein paar Kälber und ein paar Ferkeln verkauft, und während ich bei ihn sitze, sind woll an zwanzig Personen an sein Fenster vorbeigegangen!«

Wir saßen zusammen auf der Bank, die vor dem großelterlichen Hause stand, und Mamsell blickte sich zufrieden um.

»Ja ja, so'n Stadt is doch nett. Vielleicht, daß ich auch noch zu Stadt zieh, wenn mich das zu einsam wird auf mein Stelle. Bloß, daß hier zuviel Menschens sind! Da kann man nich zwischen durchfinden. Slachter Suhr sagt auch, ich soll mir besinnen!«

»Schlachter Suhr seine Kinder sind krank!« bemerkte ich. Ich war sehr erleichtert, daß Mamsell gar nichts mehr von ihrer Wagentür sagte – eigentlich hatte ich gefürchtet, sie sei zu Großvater gekommen, um uns zu verklagen. Dies war entschieden nicht der Fall, und ich bemühte mich nun auch, meinen Besuch zu unterhalten.

Sie nickte gleichgültig.

»Jawoll, da war so was von Krankheit.Scharlachenfieber nennen sie das ja woll, und is ne Krankheit, die sonsten noch nich auf die Insel war. So'n neumodisch Zeug, was früher gar nich gewesen is. Als ich die Kinners die Hand gab, krieg ich ein büschen Haut an mein Finger – sie sagen, das is Schelber. Suhr sagt, das steckt an. Abers ich hatt Handschuhe an; denn tut mich das nix!«

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.