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Mamsell van Ehren

Charlotte Niese: Mamsell van Ehren - Kapitel 2
Quellenangabe
typenovelette
authorCharlotte Niese
booktitleMeisterwerke neuerer Novellistik - Fünfter Band
titleMamsell van Ehren
publisherMax Hesses Verlag
seriesMeisterwerke neuerer Novellistik
volumeFünfter Band
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20081022
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Mamsell van Ehren

»O mein Gott, Kinners, mir könntet ihr doch auch mal besuchen!« sagte Mamsell van Ehren. Sie stand in Großvaters Schreibstube, die damals Kontor genannt wurde, und zog sich die schwarzseidnen Halbhandschuhe über die breiten, ausgearbeiteten Hände. – »Nicht wahr, Herr Justizrat, wenn Sie nach Petersdorf aufs Gericht fahren, denn bringen Sie mich die Kleinen mal vor!«

Das war nämlich in der Zeit vor 1864, wo unsre kleine Ostseeinsel noch ihre besondre Verfassung hatte, und wo unser Großvater an mehreren Wochentagen unter Beisitz der bäuerlichen Richter auf den Dörfern Gericht abhielt.

Mamsell van Ehren wiederholte noch einmal ihre Einladung, dann nahm sie ihren großen schwarzgestrickten Arbeitssack in die Hand, machte meinem Großvater einen altmodischen Knicks und ging würdevoll aus der Tür.

Sie hatte auch alle Ursache, würdevoll zu sein, denn die ältliche, hagere Jungfrau mit den großen Gliedern und der schlechten Haltung war eine der reichsten Hofbesitzerinnen der Insel. »Hof« sagte man allerdings nicht bei uns. Die Insulaner nannten ihre stattlichen Häuser, bei denen sich die ausgedehnten Korn- und Weideländer befanden, nicht »Hof,« sondern »Stelle«. Eine »Stelle« sein eigen zu nennen, ist wohl noch heute der dringende Wunsch jedes Inselbewohners, aber in vielen Dörfern sind die größer« Landbesitze durch übergroße Elternliebe und Erbschaft geteilt worden und daher nicht mehr so begehrenswert wie ehemals. Mamsell van Ehren saß aber auf ihrer »Stelle« von so und soviel »Drömpsaat« Land und hatte darauf gesessen, solange die meisten Menschen denken konnten. Sie war reich, sehr reich. In dem Beutel, den sie hin und wieder meinem Großvater brachte, waren lauter blanke dänische Speziestaler, die sie ihm zum Anlegen gab, oder über deren Verwendung sie sich sonst Rat holte. Kein andrer Bauer hatte so gutes Vieh im Stalle und so ausgezeichnete Pferde. Damals gab es wenig gute Pferde auf unsrer Insel. Wenn aber Mamsell van Ehren auf ihrem hohen Stuhlwagen zur Stadt gefahren kam, dann sahen sich alle Leute nach den zwei stattlichen Braunen um, die den Wagen mit einer gewissen vornehmen Nachlässigkeit über das schlechte Pflaster zogen, als wenn sie sagen wollten, daß solche Arbeit sich eigentlich nicht für sie schicke.

»Kremper Marschpferde!« sagte mein Bruder Heinrich, der immer viel von der Landwirtschaft verstand. Und dabei spuckte er aus. Denn das gehörte sich so, wenn man von vornehmen Dingen sprach.

Wir, d. h. etliche aus unsrer zahlreichen Geschwisterschar, standen an der Ecke des großelterlichen Hauses und sahen Mamsell van Ehren abfahren. Dies geschah in einem großen Stuhlwagen, der Platz für vier Stühle und auch noch für Kornsäcke hatte. Unter dem Wagen hing ein kleiner Behälter, worin sich Teer und ein Quast befanden. Die waren für den Fall bestimmt, daß eins der Räder nicht mehr weiter wollte. Dann wurde seine Achse so lange mit Teer bepinselt, bis das Rad sich wieder wie ein Kreisel drehte. Wir fuhren selten in einem solchen Wagen, der so hoch war, daß man nur mit einer Leiter in ihn hineinkommen konnte, und der, wie Großvaters Kutscher behauptete, so stoßen sollte, daß alle Knochen im Leibe an eine verkehrte Stelle kämen. Dies hätten wir nun gar zu gern einmal probiert, und deshalb standen wir an Mamsell van Ehrens Wagen und dachten, da sie uns nun doch schon eingeladen hätte, so könnte sie uns jetzt auch auffordern, eine kleine Probefahrt durch die Stadt mit ihr zu machen.

Aber die gute Mamsell dachte nicht an solche Sachen. Sie war schon sehr wohl verwahrt, als sie aus Großvaters Hause kam; jetzt aber langte ihr der Kutscher noch ein dunkelgrünes Kleidungsstück herunter, das unser höchstes Entzücken erregte. Es war ein riesengroßer Mantel mit sieben Kragen, und als die Mamsell ihn nach einiger Mühe umgelegt hatte, sah sie unbeschreiblich aus.

»Größer, als unsre größte Turmglocke,« sagte Heinrich, und er war so begeistert, daß er ganz vergaß, auszuspucken.

»Wie ein Wigwam,« bemerkte Jürgen, der augenblicklich John Fennimore Cooper las.

»In diesen Wigwam kann aber vielmehr als eine Familie hinein!« bemerkte ich. Denn auch ich hatte etwas vom Lederstrumpf und von Unkas gehört, der immer »Ugh« sagte, wenn er durchaus nichts weiter wußte. Heinrich aber meinte, ich sollte still sein, weil ich noch zu klein wäre, und dann beobachteten wir Mamsell van Ehren weiter. Sie war mit Hilfe einer Leiter und eines Mädchens in den Wagen gekommen, hatte sich noch eine Decke über die Knie gebreitet und sagte: »Nu man jüh!« zum Kutscher.

Der aber hielt noch ganz still, und als seine Herrin den Befehl in einer etwas schrillern Stimme wiederholte, deutete er schweigend mit der Peitsche auf die Straße. Dort kam, ganz langsam, ein kleiner Einspänner hergerollt. So einer, wie man ihn alle Tage sah. Ein großer Mann, der eine Zeitung las, hielt lässig die Zügel und ließ sein häßliches, knochiges Pferd gehn, wohin es wollte. Als Mamsell das Gefährt und seinen Insassen erblickte, saß sie ganz still. Wie ihr Gesicht aussah, kann ich nicht sagen, denn sie war so eingewickelt, daß man nicht einmal ihre Nasenspitze sehen konnte. Sie kauerte nur ein wenig in sich zusammen und sagte kein Wort. Langsam und anscheinend achtlos fuhr der Mann an dem stattlichen Wagen vorbei. Keinen Augenblick erhob er die Augen, und wir hätten ihn uns ganz genau ansehen können, wenn wir gewollt hätten. Aber wir wollten gar nicht. Was ging uns ein ganz gewöhnlicher Einspänner mit einem gewöhnlichen Manne darin an? Wir fanden Mamsell van Ehren viel interessanter und wunderten uns nur, daß sie so geduldig wartete, bis der kleine Wagen vorüber war, denn es war genug Platz auf dem Fahrdamm: zwei Gefährte konnten sich dort gut begegnen. Nun fuhr sie auch fort. »Nu man los!« sagte sie ganz leise zu ihrem Kutscher. Die stattlichen Braunen nickten ein wenig mit den Köpfen, und im schlanken Trabe ging es davon. Da passierte noch etwas Merkwürdiges. Die Mamsell, die so eingepackt war, daß sie sich kaum von der Stelle rühren konnte, stand plötzlich in dem heftig stoßenden Wagen auf und blickte die Fahrstraße entlang. Es war sonderbar, aber sie sah sich nach dem elenden Einspänner um, der wirklich keine Beachtung verdiente. Sie konnte ihn übrigens auch nicht mehr erspähen, denn er war trotz seiner Langsamkeit doch schon vorübergefahren.

»Wer saß in dem Einspänner?« fragte jetzt Heinrich, indem er sich an Großvaters Kutscher wandte, der bis dahin Mamsell van Ehrens Pferde gehalten hatte.

Hinrich nahm langsam die Tressenmütze ab und kratzte sich auf dem Kopfe. »Michel van Ehren!« sagte er dann.

»Michel van Ehren? Ist das ein Verwandter von Mamsell van Ehren?« »Ihr Bruder!« lautete die einsilbige Antwort. Denn Hinrich sprach nie mehr, als er irgend mußte.

»Ihr Bruder? Aber er fährt gar nicht in einein guten Wagen, und sein Pferd war jämmerlich!«

»Er hat auch nix!« sagte Hinrich mit dem Tone äußerster Verachtung.

»Warum hat er nichts?« fragten wir, aber Hinrich schien keine Lust zu weiterer Unterhaltung zu haben und wandte sich kurz ab. Da fingen wir auch an, Michel van Ehren zu verachten. Denn soviel begriffen wir gleichfalls von der Welt und ihren Ansichten, daß es das größte Verbrechen ist, wenn einer nichts hat.

Seitdem Mamsell van Ehren uns eingeladen hatte, ließen wir unserm Großvater keine Ruhe, bis er uns eines Tages mit auf eine seiner Gerichtsfahrten nahm, um uns bei der alten Dame abzusetzen. Diesmal waren es Jürgen, Milo und ich, die diese Fahrt mitmachten. Heinrich sagte, er wolle lieber einmal allein hin, wenn die Ernte begänne, und dann möchte er auch nicht mit so kleinen Gören ankommen, die immer unvernünftig wären und dummes Zeug machten. Das war nun ein Urteil, das uns in seiner Ungerechtigkeit tief kränkte, uns aber zugleich mit dem schönen Gefühl des Verkanntseins erfüllte und uns dadurch neue Lebensfreude gewährte.

Es war auch ein so schöner, warmer Sommermorgen, wie er bei uns nicht häufig vorkommt. Die Vögel sangen, und Großvaters Pferde waren mutig und frisch, was bei ihnen ebenfalls nicht immer der Fall war. Wir hatten der zu Hause gebliebnen Familie viele Versprechungen unausgesetzter Artigkeit geben müssen, und als Großvater uns vor einem blendend weiß gestrichnen Hoftor absetzte, rief er auch noch einige Worte, die von Bescheidenheit handelten. Wir nickten flüchtig – hörten noch halb gedankenlos, daß der Wagen uns nach etlichen Stunden wieder abholen sollte, und liefen dann in großer Eile den breiten, mit Kies bestreuten Fahrweg hinauf, der zum Hause Mamsells van Ehren führte. Das Haus lag unter grünen Linden und Erlen versteckt. Es war alt, mit lauter kleinen Fenstern und einem tief herunterhängenden Dache. Die Wirtschaftsgebäude jedoch, die zu beiden Seiten des Wohnhauses standen, mußten erst kürzlich erbaut sein. Sie sahen funkelnagelneu aus, und der ganze Hof glänzte so von Sauberkeit und Ordnung, daß selbst unsre Kinderaugen davon angenehm berührt wurden. Wir standen an der Schwelle des Wohnhauses und nickten wohlgefällig. »Hier ist's hübsch!« sagte ich, aber Jürgen steckte seine Nase in die Türöffnung.

»Hier wird gewaschen!« bemerkte er, und der weißgraue Qualm, der uns plötzlich entgegenschlug, bewies, daß er recht hatte.

In diesem Augenblick erschien Mamsell van Ehren auf der dunkeln Hausflur. Sie war sehr leicht und nicht übermäßig elegant gekleidet. Als sie uns erblickte, schlug sie die Hände über dem Kopfe zusammen.

»Du mein Heiland! Nu hab ich die Kinners jeden und jeden Tag erwartet, und nu kommen sie gerade, wenn ich Wäsche hab'! O, was'n Unglück! Hundertundfünfundachentig Savjetten, und denn noch all das Bettleinen! Du meine Zeit! Und zwei Waschfrauens sind dabei, und ich hab' auch schon seit heute morgen Klock zwei an die Waschbütte gestanden! Nu wollte ich mich gerade ein büschen verpusten und mich eine Tasse Tee kochen!«

»Ich trinke keinen Tee,« sagte Jürgen. »Gib mir lieber Milch!«

»Mir auch!« beeilte ich mich hinzuzusetzen, und Mamsell van Ehren sah uns nachdenklich an, während sie ihre bis zum Ellbogen aufgekrempten Ärmel wieder über die knochigen Arme streifte.

»Hundertundfünfundachentig Savjetten!« bemerkte sie dann noch einmal. »Und denn all das Bettleinen! Kinners, das is ein Arbeit!«

»Was für seine Treppengeländer!« sagte Milo mit glänzenden Augen. »Darf man darauf wohl auf und nieder rutschen?«

»Nu natürlich!« lachte Mamsell van Ehren. Sie sah wohl ein, daß wir noch nicht in das Alter der Überlegung gekommen waren, in dem man jemand, der hundertundfünfundachtzig Servietten auf einmal wäscht, scheu aus dem Wege geht.

Unsre Wirtin verschwand auf einige Augenblicke, und als sie zurückkehrte, trug sie ein Brett, auf dem nicht allein einige Gläser Milch standen, sondern auch ein sehr netter Teller mit belegtem Butterbrot. Es war gut, daß sie kam, denn wir waren in ziemlicher Aufregung. Jürgen und Milo prügelten sich wegen des Treppengeländers, auf dem jeder zuerst hatte rutschen wollen, und ich weinte. Nicht aus Mitgefühl mit Milo, der eben von Jürgen geohrfeigt wurde, sondern weil ich auf einem kleinen Privattreppengeländer, das hinten auf dem Flur war, für mich ganz allein hatte rutschen wollen. Dieses war nun mit mir umgefallen, denn ich hatte nicht bemerkt, daß es nur lose neben den vier Stufen stand, die zu einer etwas höher gelegnen Tür führten.

»Is die Möglichkeit!« sagte Mamsell van Ehren, während sie das Teebrett auf einen Tisch setzte und uns dann betrachtete. »Wie könnt ihr doch in su'n kleinen Momang soviel Spengtakel machen! Na, nu kommt mal mit in den Döns, da könnt ihr was besehen!«

Was sie »Döns« nannte, war die nach hinten gelegne Stube, zu der einige Stufen hinaufführten, und als wir ihr dorthin folgten, sah sie das Treppengeländer, das auf dem Fußboden lag. Sie hob es auf und stellte es wieder an seinen Platz.

»Da sind schon mehr Leute mit umgefallen!« sagte sie. »Ein ganzen Berg Kinners. Damals, als es noch Kinners hier gab!«

»Du mußt das Geländer festmachen, damit man darauf rutschen kann!« bemerkte Jürgen. Sie aber schüttelte den Kopf.

»Nu nich mehr! Nu is das allens einerlei!«

Wir vergaßen zu fragen, weshalb nun gerade alles einerlei sei. Denn wir mochten uns gern umsehen, und beim Eintritt in den langen Saal fanden wir hierzu die beste Gelegenheit. Der Döns war ein großes Zimmer, dessen Fenster nach dem Garten gingen. Daher kam es, daß eine Anzahl von Gebüschen von draußen her eine grüne Dämmerung in dem Raume verbreitete. Es mochte lange her sein, daß diese Fenster einmal geöffnet worden Waren; eine dicke, etwas modrige Luft schlug uns entgegen, die wir ungewöhnlich und deswegen auch sehr schön fanden.

»Nu setzt euch man!« sagte die Mamsell, auf eine Reihe von Stühlen deutend, die nebeneinander an der Wand standen. Wir folgten dieser Aufforderung aber nicht, sondern sahen uns erst eine Weile schweigend um, um dann in allgemeines Bewundern auszubrechen. Denn an der Wand über den Stühlen war ein langes Wandbrett, auf dem Teller und Schalen aus Porzellan, sowie allerhand Geräte aus Messing und Silber standen, Becher und getriebne Kannen, sogar vierarmige Leuchter. Und je mehr wir uns weiter umsahen, desto mehr fanden wir, das des Betrachtens wert war. Da war ein großer Schrank mit geschnitzten Türen, eine Truhe, deren Deckel bunte Malereien trug, und endlich noch ein Ofen, dessen Kacheln mit Darstellungen versehen waren, die uns sehr bekannt vorkamen. Da war ein brennender Busch, den wir aus der Kinderbibel kannten, und dann ringelte sich eine Schlange um einen köstlichen Apfelbaum, und vor ihr standen zwei Menschen, deren äußere Erscheinung so wohlgenährt war, daß man sich ihre Lust nach einem noch so schönen Apfel doch nicht ganz erklären konnte.

»Kinners, seid ihr denn gar nicht hungrig?« fragte Mamsell van Ehren endlich. Sie hatte einen kleinen Tisch mit den erwähnten Eßwaren vor die Stuhlreihe geschoben und sich hingesetzt. »Wenn ihr nich kommt, dann fang ich an,« setzte sie hinzu, und dann erzählte sie wieder etwas von ihren Servietten.

Wir aber saßen vorläufig wie festgenagelt vor dem Ofen, und jeder wollte dem andern erzählen, was er entdeckte. Jede Kachel trug ein Bild aus dem Alten Testament. Da fanden wir nicht allein Adam und Eva, Kain und Abel – auch der Turm von Babel war zu sehen, und das Rote Meer mit den großen Wellen und den nachstürzenden Ägypterscharen.

Jürgen wußte immer gleich, was alles bedeute. Aber auch Milo behauptete von jedem Bilde, daß er die Geschichte dazu wisse, und so wurde die Unterhaltung wieder etwas erregt, weil jeder seine Weisheit an den Mann bringen wollte.

»Kinners, Kinners,« sagte da die Mamsell wieder, »verzürnt euch man nich. Da kommt nix bei heraus, ganz und gar nix, kann ich euch sagen!«

Und sie schien ein wenig zu seufzen, aß aber mit vortrefflichem Appetit ein Stück Butterbrot nach dem andern und erreichte durch ihr gutes Beispiel, daß wir uns endlich doch von dem Ofen trennten und uns von ihr füttern ließen.

»Ein famoser Ofen!« sagte Jürgen enthusiastisch. »Wenn wir den doch hätten!«

»Er raucht bannig!« meinte die Mamsell behaglich. »Weißt du, mein Junge, zum Gebrauch is er ganz und gar nix. Ich hab ihn zuletzt gebrannt, als Vater sein Leichenbier hier war. Das war nämlich im Jannuvarmonat und furchtbar kalt. Sonsten heiz' ich ja natürlich nich in Winter, wo ich noch all die guten Feuerkiekens Kohlenfässer, auf die man die Füße setzte. von mein Vater und Großvater hab', die ich doch nich wegsmeißen kann. Abers bein Leichenbier, da muß man sich doch ordentlich benehmen, und wo hier an die fufzig Personen ein ganzen Abend und Nacht essen sollten, so durften sie ja auch nich frieren. Aber der alt' Ofen raucht so furchtbar, daß ich alles Holz wieder rausnehmen mußte, sonstens wäre da wirklich kein Vergnügen gewesen!«

»Haben die Gäste denn gefroren?« fragten wir. Sie schüttelte aber den Kopf.

»Nee, zum Glück nich. Ich gab gleich Punsch, und denn aßen sie mit'n guten Appetit. Ich hatt' acht Kalbskeulen und fünf Sweinebraten, und denn gefüllte Rippen und zehn Gänse, und denn noch Zunge in Salz und ein Paar Schinkens, und nachher all die eigengebacknen Kuchen, fünf Kranzkuchen und sieben Wiener Torten, und denn noch all das klein Gebäck – nee, gefroren haben sie nich, wo sie mich woll ein Faß Wein ausgepunscht haben. Und als es so an das Morgengrauen ging, wo man ja ümmer ein büschen kalt wird, da verzürnten sich ein paar und slugen sich mit die Schinkenknochens um die Ohren. Nu – sowas macht ja denn wieder warm!«

»Haben sie sich totgeschlagen?« fragte Jürgen, der aus den Erzählungen der alten Leute wußte, daß die Insulaner in den guten alten Zeiten vorsorglich ihr Totenhemd mit auf die großen Leichenschmäuse nahmen.

Mamsell schüttelte den Kopf.

»Nee, sowas tun sie nich oft mehr – sowas is aus die Mode gekommen! Herrgott,« setzte sie dann nach einer Pause hinzu, »früher, da war das anders. Mein Vater sein Vater, den ich noch gekannt hab' – der könnt' was davon verzählen! Wie bei so'n großes Leichenbier woll an fünf und sechs Personen totgestochen wurden, und kein Mensch das genau sagen konnt', wenn er zu Leichenbier ging, ob er auch lebendig wiederkam! Ja, dazumalen – da erlebte man noch was!«

Sie seufzte, und wir hatten das Gefühl, sie über die Langweiligkeit des jetzigen Lebens trösten zu müssen, wir wußten aber nicht recht, wie wir es anfangen sollten.

»Ich möchte auch wohl mal zu einem großen Leichenbier!« meinte Jürgen, der sich prüfend umsah. Dann wandte er sich zu unserer Wirtin. »Sag mal, Mamsell van Ehren, soll dein Leichenbier auch hier im Saale sein, und gibst du dann auch soviele Braten?«

»Natürlicheweise!« sagte die Gefragte ruhig. »Meinst du, ich will mir lumpen lassen? Mein best Gedeck kommt auf'n Tisch – da sind vierundsechzig Savjetten bei, und is noch ganz und gar nich gebraucht. Bloß, daß es jedweden Sommer mal auf die Bleiche muß, sonsten kommen da Spakflecken ein!«

»Hoffentlich raucht der Ofen dann nicht!« meinte Jürgen nachdenklich, und ich fiel tröstend ein: »Das kann doch im Sommer oder im Herbst sein; dann braucht hier nicht geheizt zu werden!« Milo war unterdessen mit seinem Butterbrot wieder vor den Ofen gelaufen.

»Da sind Kain und Abel!« rief er triumphierend. »Kain schlug Abel tot; weißt du nicht, Mamsell? Kain war gar nicht nett, sonst hätte er so etwas doch nicht getan. Esau steht hier auch und hat einen grünen Rock an, das war auch einer von den Bösen, die kein Mensch leiden mag!«

»Nu sieh mal an!« Mamsell van Ehren lachte. »Du kannst ja fein dein' biblische Geschichte! Verzähl mich nur noch ein büschen mehr!«

Milo sah sehr wichtig aus. Das kam daher, weil er nicht häufig aufgefordert wurde, ganz allein vor andern zu sprechen. Aber es stellte sich bei dieser Gelegenheit heraus, daß er nicht sehr viel wußte. Er begann nämlich wieder bei Kain und Abel. »Geschwister sollen sich lieb haben,« fing er an. »Aber Kain und Abel hatten sich nicht lieb. Abel war immer gut, aber Kain –«

»Abel wurde natürlich von Adam und Eva verzogen, und das konnte Kain auf die Länge nicht aushalten!« schob Jürgen hier ein, der es eigentlich nicht gern hatte, wenn Milo allein sprach. »Abel war gewiß sehr eingebildet. Glaubst du nicht auch, Mamsell van Ehren? Wenn ein Bruder mehr sein will als der andre, dann ist es doch auch ärgerlich!«

Und Jürgen blickte drohend zu Milo herüber, der heute morgen behauptet hatte, er wäre immer artig. Er selbst schien sich indessen dieser abscheulichen Anmaßung gar nicht mehr zu entsinnen, denn er begann wieder mit größter Unbefangenheit zu erzählen: »Jakob und Esau vertrugen sich auch nicht gut, und das war unrecht, denn Geschwister müssen sich immer lieb haben! Jakob –«

»Merkwürdig, daß Esau den Jakob nicht totgeschlagen hat!« mußte Jürgen wieder sagen. »Ich glaube, ich hätte es getan. Jakob war wirklich eklig, ganz eklig, nicht wahr, Mamsell van Ehren? Er mochte natürlich gar keine Linsen – ich mag sie auch nicht; aber er mußte sich doch mit seinem Teller vor die Tür setzen, nur damit Esau das Gericht sähe. Über die Geschichte kann man sich wirklich ärgern, und wenn ich Esau gewesen wäre, dann wäre alles anders gekommen, da könnt ihr euch darauf verlassen! Erstmals hätte ich die Linsen überhaupt gar nicht gegessen, und dann würde ich mein Erstgeburtsrecht auch nicht verkauft haben. Hättest du das getan, Mamsell van Ehren?«

»Nee!« rief diese mit großer Bestimmtheit. »Ganzen gewiß nich!«

Und sie schenkte sich aus einer großen Kanne eine dampfende Tasse Tee ein und biß von einem größern Stück Zucker ein Bröckchen ab, um dann langsam den warmen Trank über die Zunge gleiten zu lassen.

»Ist dein Bruder eigentlich älter als du?« fragte Jürgen plötzlich.

Mamsell setzte die Tasse hin, aus der sie eben so gemächlich getrunken hatte. »Was weißt du von mein Bruder, Kind?« fragte sie, und zum erstenmal sah sie unfreundlich aus.

»O, ich meine man bloß! Er hat ja nichts!«

»Nein, er hat nichts!« bemerkte Milo. »Und wenn man nichts hat, dann ist man nichts! Das sagt Hinrich!«

»Wann hat Hinrich das gesagt?« rief Jürgen. »Er hat ja gar nicht mit dir gesprochen!«

»Wohl hat er mit mir gesprochen!« Milos Stimme klang gekränkt.

»Gestern abend, als du fort warst, habe ich bei Hinrich gesessen und ihm gesagt, wir sollten heute zu Mamsell van Ehren. Da sagte er, das wäre eine kluge Person, die wüßte, was sie wollte. Sie hätte nicht nötig gehabt, an Michel etwas zu geben, und da hätte sie es auch nicht getan. Nun würde er wohl bald vor Hunger sterben, und das wäre auch in der Ordnung! Und Hinrich erzählte noch mehr, ich habe es nur wieder vergessen!«

»O du heilige Gerechtigkeit!« sagte Mamsell van Ehren und stand hastig auf. »I du himmlische Güte!« Sie ging einigemal im Zimmer auf und nieder, während wir uns behaglich über die Milch hermachten. Es ist immer ein angenehmes Bewußtsein für einen Gast, seine Wirte gut zu unterhalten, und auch wir hatten das friedevolle Gefühl, Mamsell van Ehren außerordentlich interessiert zu haben. Daher sprachen wir eine Zeitlang gar nicht, denn die Butterbrote schmeckten wirklich gut. Die Mamsell hatte sich wieder zu uns gesetzt.

»Ob Großvater woll bald kommt?« fragte sie plötzlich. Wir versicherten ihr, daß wir das nicht glaubten, und sie seufzte ein wenig. Sie war überhaupt unruhig geworden, zupfte an ihrem Kleide, an ihrer Mütze und schien keine rechte Freude mehr an unserm Besuch zu empfinden. Selbst wir merkten dies und schlugen ihr vor, sie solle uns ihr Haus zeigen. Aber sie schüttelte den Kopf. »Heut nich, Kinners! Da is allens in Unordnung! Denkt doch man an die große Wäsche – – hundertundfünfundachentig Savjetten!«

Da begnügten wir uns denn, den Ofen noch einmal sehr eingehend zu betrachten und uns die Schnitzereien des Schranks anzusehen. Aber es war plötzlich langweilig geworden, und als Großvaters Wagen früher kam, als wir gedacht hatten, freuten wir uns und kletterten so schnell, als es nur anging, in die Halbchaise oder auf den Bock zu Hinrich. Der Abschied war merkwürdig kurz, und auf die Einladung der Mamsell, bald wiederzukommen, antworteten wir halb ablehnend. Wir überließen es unserm Großvater, einige Dankesworte für die freundliche Aufnahme zu sagen, und wurden erst wieder vergnügt, als wir unserm Städtchen zufuhren.

Ich hatte die Auszeichnung, bei Hinrich, dem Kutscher, zu sitzen. Dies ging natürlich nach der Reihe, und ich kam selten daran. Heute aber thronte ich neben ihm und durfte seine Peitsche halten, während er die Zügel nachlässig in den Händen hielt. Hinrich war ein stiller Mann. Hin und wieder sagte er aber doch etwas, und das war nach unsrer Ansicht immer sehr bedeutend.

»Wie war's denn?« fragte er jetzt, und ich dachte eine Zeitlang nach.

»Es war wohl nett!« sagte ich dann zögernd.

Er nickte. »Bei Mamsell van Ehren is allens nett,« sagte er darauf. »Allens. Sie hat Angelliter Kühe und richtige engelske Sweine, und die Pferde sind Kremper Marschsorte!«

»Heute wusch sie hundertfünfundachtzig Servietten!« berichtete ich, und er nickte wieder.

»Kann ich mich denken! Was sie hat, is allens piksein! Das is ein feine Mamsell! O – ha!« Und er zog vor Bewundrung die Zügel etwas fester an, so daß Franz und Hermann, die Pferde, ihre Ohren spitzten und sich entschlossen, ein wenig schneller zu laufen.

Ja, Mamsell van Ehren war ihres Reichtums wegen zu bewundern, daran konnte man nicht zweifeln, und ich bewunderte sie ebenso sehr, wie es Jürgen und Milo taten. Nur, daß wir nicht so entzückt von dem Besuche bei ihr waren, wie sie und ihr Geld es wohl verdient hätten. Weshalb nicht, vermochten wir nicht zu sagen, und wir waren uns auch gar nicht klar, warum wir nicht so sehr gern bei ihr hatten sein mögen. Wir sprachen wenig von ihr. Milo erwähnte nur hin und wieder ihren Ofen, dann aber verwies Jürgen ihn zur Ruhe und sagte, er solle nicht mit seiner biblischen Geschichte prahlen, von der er doch nichts Ordentliches wisse.

Der Sommer war ins Land gezogen, und wir hatten Ferien. Für mich fiel dadurch nur die eine Stunde aus, in der ich mich täglich mit der Wissenschaft beschäftigen mußte. Manchmal freute ich mich darüber, manchmal sehnte ich mich aber nach meiner Schiefertafel und den Bildern in der großen Weltgeschichte, zu denen es so hübsche Geschichten gab. Wir wurden nicht mit Gelehrsamkeit gequält, deshalb liebten wir unsere Lernstunden als etwas ganz Besondres und konnten es nicht begreifen, daß man sich vom Lernen ausruhn müßte.

Aber es war doch so. Wir hatten unsrer Lehrer wegen Ferien und wußten nun nicht immer, was wir mit den langen Vormittagen und den noch längern Nachmittagen anfangen sollten. Wahrscheinlich waren wir für unsre Umgebung nicht immer ein angenehmer Verkehr, denn es wurde uns alle Tage öfters geraten, spazieren zu gehn. Nach den glühenden Beschreibungen sämtlicher Anverwandten zu urteilen, mußte diese Beschäftigung das beste sein, was es überhaupt auf der Welt gab; wir aber fanden sie langweilig. Denn es wurde von uns verlangt, daß wir mitten auf der ebnen Straße und zu einem bestimmten Ziele gehn sollten. Das taten wir ein- oder zweimal, und dann erklärten wir, vom Spazierengehn genug zu haben. Jürgen hatte glücklicherweise ein Buch gelesen, in dem die Kinder immer Touren machten. Das heißt, sie gingen spazieren und nahmen eine Tasche voll Butterbrot und Kuchen, ja sogar Heidelbeerwein mit. Dies Getränk kannten wir nicht; aber eine Tour mit einer großen Lebensmitteltasche wollten wir wohl auch machen.

Butterbrote wurden uns zugesagt. Nur das Getränk machte uns Schwierigkeiten, weil wir Wein und Wasser zu gewöhnlich fanden und keinen Heidelbeerwein bekommen konnten. Endlich schenkte Bruder Heinrich uns ein Stück Lakritzen, von dem wir eine Flasche voll Lakritzenwein machten. Er schmeckte nicht gut – aber da in der Geschichte auch nicht stand, ob der Heidelbeerwein gut geschmeckt hätte, so fanden wir uns in diesen Umstand. Und dann gingen wir eines Morgens um neun zu dreien aus, um unsre Tour zu machen. Jürgen, Milo und ich waren die Touristen, und die Segenswünsche der Familie begleiteten uns. Die ältern Brüder meinten, in einer Viertelstunde würden wir wohl wieder zu Hause sein – wir erklärten aber, daß vor drei Stunden gar nicht an unsre Heimkehr zu denken wäre. Dann erkundigten wir uns in der Küche, was es heute zu Mittag gäbe, und nach befriedigender Auskunft zogen wir »los«, wie wir sagten. Zuerst liefen wir die Straße entlang, dann durch eine windige Pappelallee, und dann querfeldein, mitten durch ein Kartoffelfeld. Auf diese Weise kamen wir sehr schnell vorwärts, und als darauf Jürgen vorschlug, wir sollten einmal immer geradeaus laufen und uns eine ganze Stunde lang gar nicht umsehen, so taten wir auch dies.

Eine Uhr hatten wir nun allerdings nicht, aber wir waren eine lange Zeit immer geradeaus gelaufen, und als wir endlich Atem schöpften, befanden wir uns in einem gemütlichen kleinen Hohlwege, der zum Frühstücken sehr geeignet schien. Das besorgten wir nun auch gründlich, und wenn man viel von dem Lakritzenwein trank und die Nase dabei zuhielt, dann schmeckte er gar nicht so schlecht. Dann ging die Tour weiter. Der Hohlweg war bald zu Ende, ein freies Feld kam mit einem Wege mitten darin, und in der Ferne lag die See. Sie sah sehr dunkel aus, und die Möwen flogen schreiend über die Insel. Da merkten wir, daß ein Wetter im Anzuge sei, und wir merkten noch weiter, daß wir gar nicht wußten, wo wir waren.

Einen Augenblick standen wir ratlos da, dann aber fiel uns ein, daß es wahrscheinlich zu einer Tour gehöre, sich ein wenig zu verlaufen. Deshalb gingen wir fröhlichen Gemüts weiter, aßen den Rest unsers Butterbrotes und begannen, zu singen, wie wir immer taten, wenn wir nicht recht wußten, was wir anfangen sollten. Der Regen aber schien zu wissen, was er wollte – er kam von der See her auf die unangenehmste Weise zu uns, mit Gepolter und Gekrach, mit Donner und Blitz, und nirgendwo schien ein Platz zu sein, wo wir das Unwetter hätten abwarten können. Da wurde die Tour etwas unangenehm, und obgleich es gewiß sein Interessantes hatte, bis auf die Haut naß zu werden, so ist dieser Zustand doch immer netter in der Vergangenheit als in der Gegenwart. Und so kam es denn, daß die harmonische Stimmung, in der wir gewesen waren, ein wenig litt. Milo und ich weinten, und Jürgen schalt heftig über uns. Er sagte, wir seien naß genug von auswendig, von innen brauchten wir nicht noch mehr Feuchtigkeit zu verbreiten. Wir machten eine Tour, und die sei immer wunderhübsch. Als wir nun entgegneten, diese Tour könne besser sein, wurde er so böse, daß auch er zu weinen begann. Aber nur deshalb, wie er wohl zehnmal versicherte, weil er sich über uns ärgerte.

Bei diesem Streit, und weil es immer noch donnerte und regnete, hatten wir gar nicht auf unsern Weg und noch weniger auf unsre Umgebung geachtet. Jetzt erst sahen wir, daß ein Einspänner neben uns hielt, und daß der Führer dieses Wagens uns erstaunt betrachtete. Es war ein großer Mann, der unter einem riesigen dunkelblauen Regenschirme saß, von dem das Wasser in Strömen herabrieselte.

»Nu, Kinners,« sagte der Mann, »wat wüllt jü hier? Man fix in den Wagen!«

Er hatte die lederne Schutzdecke aufgeknöpft und machte eine einladende Handbewegung, der wir sofort Folge leisteten. Darauf zog der braune, häßliche Gaul an, und wir saßen unter dem blauen Regenschirm. Es war sehr nett, und noch netter war, daß wir in nicht allzu langer Zeit vor einem kleinen Bauernhause hielten und von einer stattlichen Frau in Empfang genommen wurden.

»Du leve Tidt, Vadder!« begann sie allerdings, er aber nickte gutmütig.

»Frag man nich so veel, Stina! Lat dat lütt Takeltüg man wat Warms in und op den Liv kriegen!«

So kam es denn auch. Bald hatten wir allerhand warmes Zeug, in dem wir sehr wunderbar aussahen, auf dem Leibe. Unsre nassen Sachen trockneten am Herdfeuer, und wir selbst saßen an einem weißgescheuerten Tisch, auf dem eine große Schale mit Specksuppe und Klößen stand.

Aber der Lakritzenwein oder das Gewitter mußte uns den Appetit verdorben haben, wir aßen nur mäßig und sahen uns desto mehr um.

Es war ein kleines Zimmer, in dem wir saßen, hinten war ein großer Alkoven, dessen Türen aber geschlossen waren. Vor den kleinen Fenstern standen Blumen, und am Tische mit uns saßen außer den Eltern noch vier Kinder. Alle flachshaarig, mit hellen, blauen Augen und runden, etwas gleichgültigen Gesichtern. Dann und wann betrachteten sie uns, wandten sich aber schnell wieder der Specksuppe zu, sobald sie merkten, daß auch wir sie ansahen.

Milo, als der unbefangenste, hatte schon lange erzählt, woher wir kämen, was unser Vater wäre, und daß Großvater auch noch lebte. Schweigend hörte ihm alles zu, nur der Bauer sagte manchmal: »Kik mal an!« oder die Bäuerin lachte ein wenig. Sie war hübsch, diese Frau, die der Bauer Stina nannte, selbst wir Kinder konnten es sehen, und Jürgen, den Milos Redseligkeit schon wieder beunruhigte, wandte sich plötzlich zu ihr.

»Ich mag dich leiden, du bist hübsch!« sagte er, und die also Angeredete wurde ordentlich etwas rot, während der Bauer seine breite Hand auf Jürgens Kopf legte.

»Hast einen guten Gesmack, mein Junge!« sagte er, und mir schien als wenn sich auch sein sonnenverbranntes Gesicht dunkler färbte.

»Abers,« setzte er dann nach einer Weile langsam hinzu, »Schönheit allein is nich genug. Mudder is auch gut, hellschen gut: das is die Hauptsache!«

Jürgen nickte zerstreut, und ich gähnte. Uns wurde so oft gesagt, daß wir gut sein sollten, und meistens in Augenblicken, wo wir keine Lust dazu hatten, daß uns das Wort gut immer etwas müde machte.

»Wie heißt du eigentlich?« fragte ich unsern Wirt, um die Unterhaltung auf ein interessanteres Thema zu bringen.

»Michel van Ehren!« lautete die Antwort, und wir waren einen Augenblick stumm vor Staunen. Dann fand Milo zuerst seine Fassung wieder.

»Du hast ja gar nichts!« begann er in vorwurfsvollem Tone. »Und wenn einer nichts hat, dann ist er auch nichts!« Es war plötzlich ganz still in der kleinen Stube geworden – selbst die Fliegen, die sonst soviel Lärm machten, summten nicht mehr. Der Bauer hatte einen erstaunten Blick auf Milo geworfen, dann lächelte er gutmütig.

»Ganz recht, mein Jung, ich hab nix, und ich bin nix; abers –« er sah sich langsam um – »glaub man nich, daß ich unzufrieden bin. Da oben im Himmel, da wohnt ein, der hat noch ümmer für mich gesorgt, und der wird mich auch nich verhungern lassen. Nich, Stina?«

Er sah mit klaren Augen zu seiner Frau hinüber. Die aber blickte auf ihren Teller, und etwas Funkelndes glitt von ihrer Wange herunter.

»Milo ist dumm!« sagte jetzt Jürgen, der die Frau unverwandt angesehen hatte. »Er spricht nur nach, was andre Leute sagen. Ich aber mag hier viel lieber sein als bei Mamsell van Ehren, viel lieber! Wir wollen euch auch bald wieder besuchen, und dann bringe ich meine neue Peitsche mit! Sie kann riesig knallen, und oben ist eine Pfeife!«

Die letzten Worte waren an den weißhaarigen Jungen gerichtet, der neben ihm saß, und dessen Augen anfingen zu leuchten. Und plötzlich war die peinliche Stille im Zimmer überwunden – wir sprachen alle, und auch die Fliegen summten wieder.

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