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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 8
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ein böser Dorfgenosse

Unser kleines Dorf war rings herum von einem Walde herrlicher Obstbäume umgeben, die zur Herbsteszeit die schönsten Früchte trugen. Der Verkauf dieser Früchte war eine Haupteinnahme der Bauern, und jeder wachte zur Erntezeit scharf über seinem Baumgarten.

Das war aber wirklich bittere Notwendigkeit, denn gleichzeitig mit den rotbackigen Aepfeln und den buttergelben, saftigen Birnen erschienen auch die gefürchteten Obstdiebe, die sich nicht scheuten, in mondhellen Nächten die Bäume halb zu leeren.

Zwar stellte die Gemeinde in jedem Gäßchen und an jedem Zaune eine bewaffnete Wache hin, aber es war merkwürdig, daß trotzdem Nacht für Nacht reifes Obst gestohlen wurde.

Unser einziger Reichtum waren damals zwei große Obstgärten, von denen der eine dicht neben unserem Hause lag und durch zwei große Hunde gegen Diebe ziemlich geschützt war. Der andere Garten aber, der »Untere Rain«, wie er im Dorfe hieß, befand sich ganz abseits, unterhalb des Dorfes, am breiten Bette des Rheins. Hier gab es keine Schutzleute, überhaupt keinen Menschen weit und breit. Von drei Seiten begrenzten ihn niedere 59 Mauern, auf der vierten Seite aber zum Flusse hin endigte er in einem leicht übersteigbaren Damme, der mit einem Walde von Erlen und Weiden bewachsen war und die sichersten Verstecke bot.

In der Mitte dieses Gartens standen zwei gewaltige Bäume, die die ersten köstlichen Tafelbirnen trugen und uns deshalb jedes Jahr eine hübsche Geldsumme einbrachten.

In unserem Dorfe wohnte zu der Zeit auch ein Italiener, namens Giovanni Venoni, von Ansehen ein wüster, struppiger Geselle mit gelber Hautfarbe, schwarzen, stechenden Augen und einem schreckenerregenden Schnauzbart, der ihn einem Räuberhauptmann zum Verwechseln ähnlich machte.

Er trug immer eine schmutzige, braune Schirmmütze und eine große Lederschürze, denn er war in der Gerberei angestellt.

Niemand im Dorfe mochte ihn leiden, niemand verkehrte mit ihm. Jeder beobachtete ihn argwöhnisch und mißtrauisch, denn jeder hielt diesen Mann für den größten Obst- und Gemüsedieb, den es in der Gemeinde gegeben hatte. Mancher wollte ihn sogar nachts, mit Karrenladungen voll Kohl aus dem Hotelgarten kommend, gesehen haben, allein niemand hatte den Mut, ihn vor Gericht zu stellen, weil er nicht nur dem Aeußeren nach ein Italiener war, sondern auch wie diese sein Messer stets zum Stoße bereit im Gürtel trug.

Kurz und gut: dieser Mann räuberte nach Herzenslust, denn die friedlichen Bauern 60 fürchteten ihn und seine Rache mehr als den Teufel selbst.

Eines Tages hatte ich Besuch. Es war die Maria Kraft, ein etwa vier Jahre älteres Mädchen als ich, eine der besten Schülerinnen, sehr wortkarg, sehr verschlossen, aber zuverlässig und gut erzogen.

Meine Großmutter war in den »Untern Rain« gegangen, um die ersten reifen Birnen zu pflücken. Man hatte die Früchte im Hotel bestellt, und wir wollten sie am Abend hinbringen, da wir das Geld gerade dringend brauchten. Aber kaum war die Großmutter weggegangen, so erschien sie auch schon wieder.

Sie war ganz blaß und verstört und sagte: »Denkt nur, Kinder, die schönen, reifen Birnen haben sie uns alle in der Nacht gestohlen.«

Ich war furchtbar erschrocken und dem Weinen nahe. Die Maria Kraft aber sagte ruhig und fest: »Ich weiß, wer die Birnen gestohlen hat. Es ist der Italiener, der Venoni. Ich habe ihn selbst gestern abend mit den Birnen im Korbe über die Mauer springen sehen.«

Meine Großmutter fragte unsicher: »Ist das auch wirklich wahr?«

Und die Maria streckte wie zum Schwure drei Finger in die Höhe, und während sie das Zeichen des Kreuzes in die hohle Hand machte, sagte sie noch einmal: »Ich habe ihn wirklich und wahrhaftig selbst gesehen.«

61 Die Großmutter erwiderte nichts darauf, sondern ging nachdenklich und langsam ins Haus.

Um sechs Uhr läuteten die Feierabendglocken, und allgemach begann es zu dämmern.

Da sagte die Großmutter: »Komm, Maja, wir wollen noch eine Stunde miteinander in den ›Untern Rain‹ gehen. Vielleicht erwischen wir den Dieb.«

Ich ging zwar ohne Widerrede mit, aber es war mir recht beklommen zu Mute, und ich fragte mich mit Herzklopfen, was die Großmutter denn wohl mit dem Diebe zu machen gedenke, wenn sie ihn wirklich ertappen sollte. Ich konnte mir dabei nichts Bestimmtes vorstellen, und eine erdrückende Angst lag auf mir.

Die Straße zum »Unteren Rain« war einsam und menschenleer. Rechts und links wuchs hohes Gebüsch und warf lange Schatten auf den Weg. Schließlich traten wir leise, fast selbst wie zwei Diebe, in den abendlichen Garten. Wir setzten uns auf eine Bank unter einem Apfelbaum mit mächtiger Krone und fast bis zur Erde reichenden Aesten.

Es wurde immer dunkler und schauerlicher. Am Himmel standen schon die ersten Sterne. Vom Damme her kam das Rauschen des Flusses. Nachtstimmen flüsterten in den Blättern der Bäume, und die Berge und die Wälder standen fast drohend in ihrer Größe und Dunkelheit da. In den Häusern auf dem Hügel leuchtete ein Fenster ums andere auf. Das Licht des Mondes warf 62 seinen Schimmer auf den rasenbedeckten Platz, der sich vor uns bis zur Mauer dehnte.

Ein heimliches Gruseln lief mir durch den Körper, und ich preßte mich ganz fest an die Großmutter. Es war aber auch schaurig genug, so in der Einsamkeit und im Schatten der Nacht auf Diebe zu warten.

Der Großmutter mochte es wohl auch nicht mehr ganz geheuer vorkommen, denn sie sagte nach einem langen, drückenden Schweigen: »Ich glaube, wir können nach Hause gehen. Jetzt kommt doch kein Dieb mehr.«

Aber kaum hatte sie diese Worte gesprochen, da wurde es drüben an der Mauer lebendig. Eiskälte rann mir durch die Adern. Zwei lange dunkle Arme hoben sich über den Mauerrand, dann eine ganze schwarze Gestalt.

Wie ein Gespenst kroch es dort empor, erst langsam und bedächtig, dann aber stand plötzlich ein Mann auf der mondbeschienenen Wiese.

Ich riß die Augen so weit auf, daß sie mich schmerzten.

Der Mann kam näher – gerade auf uns zu – blieb nicht weit von uns stehen und sah in die Höhe.

Ganz deutlich konnte ich ihn erkennen, den schwarzen Bart, das bleiche Gesicht, die braune Schirmmütze und die große Lederschürze. Es war der Giovanni Venoni.

Mit der einen Hand hielt er einen Sack, die 63 andere Hand steckte in der Hosentasche. Langsam ging er an uns vorüber, als suche er etwas.

Uns sah er nicht, da wir tief im Schatten und so still wie zwei Tote waren.

Jetzt kam er wieder zurück und ging bis zum Damme. Dort stand ein Baum voll der schönsten Herrenäpfel. Den schien er gesucht zu haben, denn eilig begann er, die Aepfel von den tiefliegenden Aesten herunterzustreifen und in den Sack zu stecken.

Wir sahen ihm zu, vielleicht eine Viertelstunde lang, starr und steif, kaum daß wir zu atmen wagten.

Endlich nahm er den vollen Sack über die Schulter und verschwand wie ein Geist im Erlengebüsch auf dem Damme.

Kaum war er fort, so stand auch meine Großmutter auf, riß mich, die ich wie gebannt war, mit sich hoch und eilte, nein lief wie gehetzt mit mir ins Dorf zurück nach Hause.

Als ich wieder auf der Ofenbank saß und in das trauliche Lampenlicht auf dem Tische starrte, während die Großmutter kam und ging und noch allerlei arbeitete, fühlte ich mich zwar namenlos gut geborgen, aber das Erlebte stand noch zu schauerlich vor meiner Seele, als daß ich mich schon hätte beruhigen können.

Beim Abendessen sagte die Großmutter plötzlich: »Ich werde ihn verklagen.«

Mir blieb der Bissen im Halse stecken. Verklagen hieß so viel, wie vor Gericht fordern, und 64 wenn einer vor Gericht gefordert wurde, war auch immer die Polizei dabei.

Mir schwebten die furchtbarsten Bilder vor der Seele. Ich sah den Italiener mit Handschellen ins Gefängnis wandern, sah ihn wieder frei ins Dorf heimkehren und wußte, daß er dann aus Rache meine Großmutter erstechen würde.

Eine schreckliche Angst packte mich, und ich weinte laut und schrie: »Bitte, bitte, Großmutter, verklag' ihn nicht! Verklag' ihn nicht! Hu – – hu – – nur – nicht – verklagen!«

Die Großmutter schickte mich zu Bette und sagte: »Das verstehst du nicht . . .« Und dann schimpfte sie zu sich weiter. »So einer . . . so ein Lump – zehnmal hat er's verdient . . .«

Am anderen Morgen sollte ich mit der Großmutter ausgehen. Ich aber weinte und trotzte: »Ich geh' und geh' nicht mit, wenn du ihn verklagst.«

Da sagte sie beruhigend: »Komm nur mit. Wir wollen nicht gleich zum Gericht laufen, sondern zuerst mit seinem Brotherrn sprechen.«

So gingen wir denn zusammen in die Gerberei. Ich war noch niemals in diesen großen, düsteren Räumen gewesen, und das Fremde, das Ungewöhnliche, dazu das Vorhaben meiner Großmutter bedrückten mich grenzenlos.

Der erste, den wir trafen, war Weißtanner, der Besitzer. Er führte uns sogleich sehr höflich in seine Schreibstube, hörte der Erzählung der 65 Großmutter scheinbar sehr interessiert zu und versprach ihr auch seine Hilfe.

Dann trat er an die Türe, öffnete sie und rief einen Namen in den Flur. Ein Bursche kam. Dem sagte er ein paar Worte und kehrte dann wieder zu uns zurück und meinte: »Nun wollen wir den Venoni selbst mal verhören.«

Ich fiel von einem Schrecken in den anderen, und als sich die Türe öffnete und der schwarze Italiener selbst in ihrem Rahmen erschien, stieß ich einen gellenden Schrei aus und verbarg laut weinend mein Gesicht im Schoße der Großmutter.

Mein Verhalten war auch keineswegs grundlos, denn der Venoni sah schon zum Fürchten aus.

Er mußte eben schnurstracks von der Arbeit weggelaufen sein, denn er hielt noch das lange, blitzende Messer in der Hand, mit dem er die Häute abschabte.

Ich weiß nicht mehr, was der Weißtanner ihm sagte und ihn fragte, ich weiß nur noch, daß der Italiener wie eine Katze auf die Großmutter zukam, ein wenig vornübergebeugt, den stechenden Blick steif auf sie gerichtet. Zwischen zusammengepreßten Zähnen knirschte er: »Was habe ich getan?« Und immer näher kam er. »Was habe ich getan?« fauchte er, und wie er uns nahe genug war, hob er mit Blitzesschnelle die schreckliche Waffe. »Was habe ich getan, und wer hat mich gesehen?« zischte er noch einmal . . .

Ich war emporgefahren . . . Mein Atem 66 tockte . . . ich riß die Großmutter so heftig zur Seite, daß sie beinahe zu Boden fiel.

Zwischen dem Wütenden und uns stand auch schon Weißtanner und wies den Italiener mit donnernder Stimme hinaus.

Dann wandte er sich an meine Großmutter, die totenbleich und keines Wortes mächtig dastand, entschuldigte, beruhigte, zuckte die Achseln und begleitete uns schließlich bis vor die Gerberei.

Wir wankten durch die Straße, aber seltsamerweise schien das eben Erlebte meine Großmutter keineswegs eingeschüchtert zu haben, denn sie ging nicht nach Hause, sondern geradewegs zum Gemeindeammann und verklagte den Italiener wegen Diebstahls.

Die folgenden Tage waren recht beklemmend und voll heimlicher Furcht vor dem Italiener. Tagsüber gingen wir sehr wenig aus, und abends schlossen wir das Haus ungewöhnlich früh ab.

Es war ein schwüler Spätsommertag, als wir endlich vor Gericht geladen wurden. Nicht ohne Bangen betraten wir das Gerichtszimmer.

Im Hintergrunde befand sich ein großer Tisch, an welchem vier Männer mit furchtbar ernsten Gesichtern saßen.

Mit dem Schlage zehn erschien der Venoni.

Sein Gesicht zeigte einen bösen, verbissenen Ausdruck. Seine Blicke gingen unruhig hin und her, aber sonst tat er sehr gelassen und gleichgültig.

Der Gemeindeammann verlas die Anklage.

67 Der Venoni leugnete alles, ja, er berief sich sogar auf zwei Gesellen, die bezeugen könnten, daß er zu jener Stunde, da meine Großmutter ihn in ihrem Baumgarten gesehen haben wollte, in der Gerberei gewesen sei.

Die beiden Zeugen wurden gerufen und verhört. Es waren zwei schmutzige, fragwürdige Kerle, die aber unter Eid beteuerten, daß der Venoni an jenem Abend in der Gerberei und nicht im »Unteren Rain« gewesen sei.

Schließlich aber sagte man ihm, es sei auch noch ein anderer Zeuge da, der ihn früher mit einem Korb voll Birnen über die Mauer unseres Baumgartens habe springen sehen.

Als er dieses hörte, war es, als ob seine Haare sich sträubten, als ob seine Augen aus ihren Höhlen heraus wollten, und ganz unwillkürlich griff er in die Tasche.

Das dauerte aber nur einige Sekunden, dann meinte er ganz gelassen, nur etwas höhnisch, man solle ihn doch bringen, den wolle er gerne sehen und hören.

Da öffnete sich die Türe, und herein trat, gefolgt vom Landjäger, die Maria Kraft.

Sie war leichenblaß, sah nicht ein einziges Mal auf und schritt wie eine Blinde geradeaus.

Als der Gemeindeammann sie bei ihrem Namen rief, ihr auch ein wenig Mut zusprach und sie aufforderte, nun noch einmal zu wiederholen, was sie neulich meiner Großmutter gesagt habe, sah sie auf. Ihr Blick ging von einem zum anderen. 68 Dann traf er den Italiener, und ihre Augen wurden plötzlich ganz trübe. Ihr Gesicht verzog sich, und sie schluchzte herzbrechend und beteuerte hundertmal, sie habe nichts, nichts, aber auch gar nichts gesehen und nie, nie etwas Aehnliches gesagt.

Man konnte sie fragen, was man wollte, sie weinte und versicherte, sie wüßte von nichts.

Daraufhin wurde sie wieder entlassen. Die Herren am Tisch zuckten die Achseln, und der Venoni lachte laut auf bis man ihn verwies.

Es war nun so und nicht anders. Der Italiener konnte dem Gesetz nach nicht bestraft werden.

Meine Großmutter hatte sich in der Dunkelheit damals wohl geirrt, und die Maria Kraft hatte ebenfalls nichts gesehen und nichts gesagt.

So wurde er frei. Zwar erhielt er vom Gerichte einen unzweideutigen Verweis, und im Protokoll stand, er sei unter schwerem Verdacht entlassen, aber damit war dem frevelhaften Treiben dieses Mannes nicht gesteuert worden.

Meine Großmutter war an diesem Tage recht wortkarg und niedergeschlagen. Am Abend aber, als ich in plötzlicher Angst vor dem freigesprochenen Italiener ganz unversehens zu weinen begann, sagte sie tröstend: »Nun sei nur ruhig, Maja! Der Venoni wird sich in der Zukunft hüten, uns etwas zu leide zu tun. Er weiß ja nun ganz genau, wie die Herren vom Gerichte über ihn denken. Und wegen des gestohlenen Obstes wollen wir uns auch keine Gedanken mehr machen. Die beiden 69 Bäume sind ja riesengroß und tragen noch mindestens zwei Zentner Birnen.«

Nach und nach beruhigte ich mich denn auch, und in der darauffolgenden Nacht hatte ich sogar einen wunderschönen Traum: Die beiden großen Birnbäume standen wie zwei Türme vor mir und reichten mit ihren Spitzen bis in den Himmel hinein. Und sie trugen so viele Birnen, wie Steine im Bette des Rheins waren, und die Birnen leuchteten so hell wie Glaskugeln. An einem Baume lehnte eine lange Leiter. Darauf stand die Großmutter und warf mir eine Birne um die andere in den Schoß, und jede Birne wurde ein großer, glänzender Goldklumpen, und wir waren furchtbar reich und glücklich.

Als ich aufwachte, war es schon ziemlich spät. In der Nacht war ein Gewitter niedergegangen, und die Großmutter trieb mich zur Eile.

Der Sturm hatte gewiß viele Früchte von den Aesten geschlagen, und wir wollten schnell in den »Unteren Rain« gehen, um sie aufzulesen.

Als wir in unseren Baumgarten kamen, war alles so licht und schön nach dem erquickenden Regen, daß uns das Herz ordentlich aufging. Eilends schritten wir zu unseren Birnbäumen, aber als wir um die Ecke der Mauer kamen – ein Schrei entfuhr dem Munde meiner Großmutter – da lagen die beiden herrlichen, großen, schwer beladenen Bäume mit all ihrer köstlichen Frucht nebeneinander am Boden. Nicht der Sturm hatte 70 sie gefällt – nein – ihre dicken Stämme waren dicht über dem Erdboden durchgesägt.

Es war ein so trauriger Anblick, daß ich ihn in meinem ganzen Leben nicht mehr vergessen habe.

Wir wußten beide tief in unseren Herzen, wer uns das getan hatte; aber der Gedanke an eine Klage kam uns nicht mehr.

Die Großmutter saß lange, lange wortlos auf dem einen der gefällten Bäume.

Sie hatte die Hände gefaltet und – weinte.

* * *

Drei Wochen später aber geschah etwas, das zum ersten Male in meinem Herzen die Erkenntnis aufdämmern ließ, daß hier auf Erden allenthalben doch Gerechtigkeit waltet.

Es war ein früher, kühler Herbstabend. Wir Kinder spielten noch auf der Straße, als wir plötzlich drei Männer und hinter ihnen eine Schar Kinder und Erwachsene daherkommen sahen. Wir warteten erst ganz erschrocken. Keiner wußte sich den Aufruhr zu deuten. Auf einmal aber war es mir, als ob ich auf offener Straße niederknien und laut dem lieben Gott danken müßte. Der Mann, der da in der Mitte zwischen zwei anderen gefesselt ging, war niemand anders als unser Todfeind, der Giovanni Venoni. Ihm zur Seite schritten der Landjäger und ein Polizeidiener.

Mit geradezu andächtigem Staunen ließ ich mir erzählen, daß sie den berüchtigten Italiener 71 im Hotelgarten auf frischer Tat ertappt und gefangen hatten und zwar ganz unerwartet . . . in einer Falle, die man den Füchsen gestellt hatte . . .

Mir war das wie ein Wunder. Ich rührte mich nicht, sondern sah beinah verständnislos dem schlechten Menschen nach, der wie ein Schatten auf dem Wege zum Gericht verschwand. Auf einmal aber rannte ich nach Hause und schrie triumphierend und außer Atem: »Großmutter! Großmutter . . . ! Nun haben sie ihn!« Und ich erzählte ihr, was ich gehört und gesehen hatte, und die Großmutter nickte befriedigt. 72

 

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