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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 6
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Als ich auswanderte

Als ich neun Jahre alt war, fiel mir ein wunderbares BuchElsi, die seltsame Magd. in die Hände, das ich nicht weniger als zehnmal hintereinander gelesen habe. Die Geschichte handelte von einem schönen, armen Mädchen, das sich in einer fremden Gegend auf einem einsamen Bauernhofe als Magd dingen ließ. Jeder staunte über die wunderbare Art der neuen Magd, denn sie war fleißiger als alle anderen, aber seltsam schweigsam und verschlossen. Niemand wußte, woher sie kam, noch wem sie angehörte, aber jeder liebte und achtete und bewunderte sie.

Der eigentümliche Zauber, den der Schriftsteller um das Mädchen wob, hielt auch mich gefangen, ja, er zog mich so in seine Kreise, daß ich eines Tages den festen Entschluß faßte, ebenfalls meine Heimat zu verlassen, über den Lenzerberg zu wandern und im nächsten Dorfe irgendwo bei einem Bauern in Dienst zu treten. Ich wollte ebenso still, ebenso fleißig und dafür ebenso von allen geachtet und geliebt werden wie jenes Mädchen, dessen wunderbare Geschichte ich gelesen hatte.

Die Zukunft lag in jenen Tagen schön und geheimnisvoll vor mir. Einen namenlosen Reiz 36 barg der Gedanke, daß ich nun selbst weltfremd unter ganz unbekannten Menschen fortan arbeiten und gewissermaßen als Wundertier leben würde. Mein Entschluß hielt mich so gefangen, daß ich alles vergaß. Ich erwog weder die Schwierigkeiten der Reise noch den Jammer meiner Großmutter. Ich dachte weder an meine neun Jahre, mit denen man doch nicht Dienstmädchen werden kann, noch an die schöne Heimat, die ich im Begriffe war, zu verlassen. Ich hatte nur den einen Gedanken, bettelarm auszuwandern und etwas Besonderes zu werden.

Lieblich strahlte die Sonne über meiner herrlichen Heimat. Ich stand am Gartentore bereit, meine große Reise in die Fremde anzutreten. Die Berge hoben ihre Häupter wie Fürsten in die blaue Luft empor, und die Wälder standen ernst und feierlich da und waren voll Vogelsang und murmelnder Quellen. Es war Hochsommerzeit. Die Rosen leuchteten und glühten in unserem Garten, und die Levkojen strömten Wolken von Wohlgerüchen aus.

Mich rührte und mahnte nichts. Mit einem ganz kleinen Bündel unter dem Arme trat ich vor unser Haus, spähte straßauf und straßab. Den Höhen zu war kein Mensch zu sehen.

Da begann ich zu laufen – bergauf, über die Halde, durch den Wald ohne Aufenthalt, bis ich die Bergstraße erreichte, und nun ging ich langsamer, aber wohlgemut und rüstig meinem neuen Ziele, meiner zukünftigen Heimat entgegen.

37 Nach ungefähr einer Stunde gelangte ich in den Tobelgrund. Das war eine kleine Talmulde mit dem Armenhause der nächsten Gemeinde in der Mitte und von lieblichen Halden umsäumt.

Wie schön war da alles ringsum! Ein rosafarbiges Blütenmeer begrüßte mich. Lichtnelken bedeckten zu Tausenden die Abhänge, und ich verweilte einen Augenblick ganz benommen von der Pracht der Natur.

Da erblickte ich auf der Schwelle der Armenhütte die Vroni Tanner. Sie war eine Schulfreundin von mir und wohnte mit ihrer Mutter, einer Wäscherin, und vier großen Brüdern, die alle Schuhmacher waren, im Armenhause. Man sagte, sie hätten es eigentlich nicht nötig, der Gemeinde zur Last zu fallen, und sie lebten recht gut, wenn es niemand sehe.

Die Vroni war ein niedliches, blondes Mädchen, und die Mutter hielt viel darauf, sie recht sauber und ordentlich ins Dorf zu schicken.

Als die Vroni mich sah, kam sie gleich auf mich zu, nahm mich bei der Hand und zog mich zu der kleinen Bank vor der Hütte. Einen Augenblick darauf kam auch ihre Mutter heraus, nötigte uns in die Küche hinein, tat gar freundlich mit mir und erkundigte sich, wo ich denn eigentlich hin wolle so ganz mutterseelenallein? Und als ich ihr sagte, daß ich von Hause weggelaufen sei, fragte sie verständnisvoll, ob man mich wohl arg geprügelt habe? Als ich dieses aber verneinte und ihr erzählte, was ich vorhatte, fiel 38 sie ganz bestürzt auf den Holzstuhl neben dem Herde, schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und stotterte: »Nei, aber au! So was! Kind, Kind, kehr bloß um und lauf wieder heim!«

Mein Entschluß war aber unumstößlich, und ich äußerte ihn in einem hartnäckigen Schweigen. Schließlich sagte sie denn auch nichts Weiteres, betrachtete aber sehr aufmerksam mein kleines Bündel.

»Was hast du denn da drin?« fragte sie und öffnete es.

»Ach«, antwortete ich, »nur meine beste Schürze.«

Diese Schürze war nämlich mein ganzer Stolz gewesen, ein Weihnachtsgeschenk meiner Patin und ein Prunkstück an Sonn- und Feiertagen. Es war eine dunkelblaue Aermelschürze mit vielen weißen Bändchen gesäumt und verziert, und ich hatte sie allein als mein liebstes Kleidungsstück für mein neues Leben eingepackt.

Die alte Tanner nahm die Schürze heraus und zog sie sogleich der Vroni an.

»Nei, aber Kind«, rief sie ganz entzückt, »sieh nur, wie sie dem Vroneli steht! Zum Anbeißen sieht's aus! Geh, Vroneli, geh mal raus in die Sonne, damit man sieht, wie niedlich du bist!«

Und sie schob das Kind hinaus und blieb mit mir allein und streichelte mich und fragte, was ich denn am liebsten esse, ob mir nicht eine Tasse Milch und ein Stück frisches Brot mit Butter und Honig darauf schmecken würde.

39 »O ja«, stammelte ich ganz beschämt und vergaß mein Reiseziel und meine schöne Schürze dazu, denn in jener Zeit hätte ich wohl Jahre meines Lebens für ein Butterbrot mit Honig hergegeben.

Die Alte, die das zu wissen oder zu ahnen schien, setzte mir denn alles auch recht zierlich vor und plapperte und klapperte dazu wie eine Mühle, und als ich schließlich die herrlichen Sachen gegessen hatte, da war ich auch, ich wußte es selbst nicht wie, meine liebe dunkelblaue Schürze los, und die alte Tanner komplimentierte mich zur Türe hinaus, bedankte sich für den Besuch und für die Schürze, die dem Vroneli so gut stünde, und die ich doch eigentlich gar nicht gebrauchte, wünschte mir gute Reise, rief ihr Töchterchen und machte die Hütte hinter mir zu.

Ich wußte anfangs nicht, wie mir geschehen war. Klar war mir nur das Bewußtsein, daß ich meine Schürze nicht mehr besaß, aber trotzdem – im Augenblicke war der Schmerz um das so seltsam und plötzlich Verlorene nicht besonders groß, denn ich war ganz angenehm gesättigt und fühlte mich überaus frisch, meine geheimnisvolle Reise fortzusetzen.

So warf ich denn nur noch einen letzten Blick ins Tal hinunter, spähte scharf aus, ob man mich etwa verfolge und freute mich, daß ich nun doch schon sehr, sehr weit von zu Hause weg war. Rüstig stieg ich bergan.

40 Nach einer weiteren Stunde lag lieblich und friedlich zwischen grünen Wiesen eingebettet das Dörfchen Ladeis vor mir. Es wäre mir gar nicht zuwider gewesen, mich schon hier als Magd zu verdingen; allein auf einer Bank, vor dem ersten Häuschen saß merkwürdigerweise schon wieder eine Freundin von mir. Das war Betteli Steiner, ein reiches Bauernkind und mir sehr zugetan.

Unsere Begrüßung ließ an Herzlichkeit nichts zu wünschen übrig, und mit einem wahren Freudengeheul zog sie mich in ihren Baumgarten.

»Wie fein, daß du auch einmal zu mir kommst, Maja! Gelt, nun bleibst du bis zum Abend hier? Wir steigen auf die Kirschbäume – denk' nur – die Schwarzen sind nun auch reif, und niemand ist zu Hause. Ist das aber fein heute!«

So schwatzte und zwitscherte sie wie ein Vöglein und zog mich immer tiefer in den schattigen Obstgarten hinein bis dorthin, wo zwei turmhohe, mit glänzend roten und schwarzen Kirschen schwerbeladene Bäume standen.

An beiden lehnten endlos lange Leitern. Das Betteli stieg auf der einen Leiter mutig in die Höhe, während ich wie ein Junge am Stamme hochkletterte, immer höher, fast bis zum Gipfel empor.

War das schön da oben! Wie konnte man da weit ins Land hinausblicken über Matten und Dörfer und Hügel hinweg! Sogar ein Stückchen vom grünen Rhein leuchtete im Tale, und eine Brücke schien sich wie ein leuchtendes Gewebe 41 über den Strom zu spannen, und hoch oben sah ich auch ganz deutlich die seltsam zackigen Felsen, das Gesicht Fontanas bildend, und weiterhin ging's – o so weit hinaus – hinaus in die Ferne, und um mich herum diese Ueberfülle von Kirschen! Ach war das heute schön, und das Herrlichste war, daß uns hier niemand das »Steineschlucken« verbot.

Ich aß und aß und verschluckte in meiner Gier weit über hundert Kirschkerne . . .

Das Betteli war längst auch auf meinen Baum geklettert, und wir saßen glückselig wie die Vögel im Hanfsamen in einer Astgabel und plauderten. Ich erzählte ihr von meinem Vorhaben, und sie wurde ganz traurig darüber, denn sie meinte, nun würde sie mich nie mehr im Leben sehen; ich aber konnte ihren Schmerz gar nicht verstehen. Gab es denn auf der Welt etwas Schöneres, etwas Wunderbareres als so in die unbekannte Fremde zu wandern und ein neues Leben zu beginnen?

Unterdessen war der schöne Sommernachmittag so langsam dahingegangen. Das Kirschenessen hatten wir längst aufgegeben. Wir waren satt und müde, und an der dunklen Beleuchtung des Landes merkten wir endlich, daß es Abend wurde.

Die Sonne war längst untergegangen. Die Hütten erschienen fast schwarz auf den dämmernden Wiesen. Im Baumgarten, dessen Ausgang wir Hand in Hand zuschritten, war es totenstill, und der Berg, den ich noch zu übersteigen hatte, lag wie ein drohendes Ungetüm vor mir, und zum 42 ersten Male überkam mich ein Grauen vor meiner Reise. Umkehren aber wollte ich um keinen Preis, und leise sagte ich zu meiner Freundin: »Betteli, ich will heute doch lieber nicht mehr weiter. Sage deinen Eltern nichts und laß mich in eurem Heuschuppen schlafen! Morgen, bevor mich jemand sieht, gehe ich dann weiter. Ja?«

Wir waren gerade auf der Straße angelangt, und das Betteli wollte mir etwas antworten, aber da – Schrecken aller Schrecken! – stand eine furchtbare Gestalt in dunkelblauer Uniform mit großen silbernen Knöpfen vor mir und donnerte mich an: »Habe ich dich endlich! Du Nichtsnutz! Du infame Göre! Allons! Marsch! Nach Hause! Du durchtriebenes Geschöpf! Vorwärts!«

Der Landjäger stand vor uns. Meine Freundin lief schreiend ins Haus. Ich war wie betäubt, ließ mich schütteln und rütteln und talwärts zerren.

Der dicke, schreckliche Mensch schimpfte ohne aufzuhören, und als ich mich von seinem eisernen Griff loszumachen versuchte und wütend heulte, drohte er: »Ins Loch werde ich dich stecken, und Wasser und Brot kriegst, und die Ratten werden dich anfressen, du widerhaariges Maitli, du!«

Aber er gab mich wenigstens frei, und wir gingen ein Stück weit scheinbar ganz friedlich nebeneinander durch den Abend dahin.

Mir aber lag die Drohung, mich ins »Loch« zu stecken, wie ein kalter Schauer in allen Knochen. Mein Herz wollte vor Angst zerspringen. Ich 43 wußte nicht, was ich eigentlich verbrochen hatte, aber an die Möglichkeit, ins Gefängnis zu kommen, glaubte ich doch. Eher aber wollte ich gleich auf der Stelle sterben.

Ich sah den furchtbaren Landjäger verstohlen von der Seite an und erwog ernstlich, wer von uns beiden wohl schneller laufen konnte. Das Urteil fiel zu meinen Gunsten aus.

Ich hatte kein anderes Ziel mehr, keinen anderen Gedanken, keinen anderen Wunsch, als nur wieder daheim bei meiner Großmutter zu sein.

Dort allein wußte ich mich geborgen vor allen schlechten Menschen, dort war es gut wie nirgends auf der Welt, dort wollte ich ewig, ewig bleiben und im Leben nicht mehr auswandern.

Eins – zwei – drei! Ich flog dahin, ich schoß davon und der Landjäger fluchend hinter mir her.

Ich aber war schneller. Ich kürzte den Weg, sprang über Steine und Mauern und Zäune, rollte Halden hinunter, kroch durch Gebüsch und Wald und langte endlich, endlich im Dorfe an.

Wie seltsam belebt kamen mir unsere sonst so stillen Straßen vor! Die Laternen waren bereits angezündet. Menschen standen in ihrem Scheine in Haufen zusammen, gingen und kamen, redeten und gestikulierten aufgeregt durcheinander.

Ahnungslos eilte ich zwischen ihnen hindurch, aber als sie mich sahen, stürzten sie wie die Geier auf mich los und wollten mich festhalten. Ich aber schlug um mich, kratzte und fauchte nach allen Seiten, riß mich schließlich auch los und 44 sprang in unser Haus hinein, raste die Treppe hinauf und stand in unserer lieben, alten Stube – zitternd vor Atemnot und Angst und Aufregung.

Auf dem Tische brannte die Lampe, und alles war so friedlich und heimelig wie immer.

Am Fenster aber stand weinend die Großmutter. Das war doch mehr, als ich ertragen konnte.

Ich stürzte mich wie eine Wilde auf sie, klammerte mich an sie, als ob der Böse selbst mich fassen wollte, und schwur hoch und teuer, daß ich nie – nie – in meinem ganzen Leben nie mehr auswandern würde.

Meine Großmutter war still und traurig, aber sie trocknete doch ihre Tränen und schüttelte nur immer den Kopf über meine konfuse Beichte. Dabei fuhr sie mir so sanft und gütig mit ihrer Hand über die Stirn, daß ich vor lauter Glück mich gar nicht zu fassen wußte.

Dann ging sie noch vors Haus und sprach mit den Leuten, und dem Landjäger, diesem »Scheusal in Menschengestalt«, wie ich ihn ingrimmig nannte, hat sie, wie ich zitternd vom Fenster aus feststellen konnte, ganz unglaublich lange die Hand gedrückt.

Glücklicherweise hatte meine seltsame Reise keine bedeutenden Folgen. Die schöne blaue Schürze war zwar rettungslos verloren, und aufgezogen und verspottet wurde ich noch lange im Dorfe, aber das ertrug ich alles gern, denn es war nichts im Vergleich zu dem großen Glück, daheim und nicht in der Fremde zu sein. 45

 

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