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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 5
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Die gestohlene Teekanne

Es war ein herrlicher Sonnabendnachmittag im Winter. Alles lag tief im Schnee versteckt. Ueberall war Sonne, und der Himmel leuchtete wie eine große, blaue Kristallglocke.

Da sagte die Großmutter: »Schnell, Maja, zieh dich warm an! Nimm die Kapuze, die Handschuhe und bringe den Schlitten! Wir fahren mit Mais in die Mühle.«

Hu, ging das Anziehen aber schnell! Sogar die gräßliche Kapuze aus grauem Flanell setzte ich ohne Bedenken auf, hing mir an einer bunten Wollschnur die dicken, grauen Handschuhe um den Hals und holte meinen himmelblauen Schlitten mit den zehn silberglänzenden Glocken.

Ich stand schon auf der Straße, sah erwartungsvoll um mich und dachte, es sei doch wunderbar schön, wenn man einmal nicht zur Schule zu gehen brauchte. Fast feierlich kam mir alles vor: der weite, weiße, stille Weg, die verschneiten Bäume, die schneebedeckten Wiesen und Wälder und Berge, die strahlten, als ob Millionen von Silberkörnchen über sie gestreut wären, daß es einen ordentlich blendete vor lauter Licht und Glanz.

Mitten in mein stilles Freuen hinein kam die 29 Großmutter und legte ein Säckchen Mais auf den Schlitten. Ich nahm die Leine in die Hand und setzte mich auf den Sack. Die Großmutter gab mir einen kräftigen Stoß in den Rücken, und ich fuhr lustig auf der hartgefrorenen Straße dahin.

Beim »Teufelshäuschen« wartete ich, bis die Großmutter mich eingeholt hatte. Dann gab sie mir wieder einen ordentlichen »Schubs«, die Glocken klingelten hell, und ich sauste wieder davon. So ging es, bis wir nach ungefähr einer Stunde am Ketznerbach und bei der Tobelmühle ankamen.

Die Mühle lag tief im Schnee und sah wie ein verzaubertes Schlößchen aus. Vom Dache hingen meterlange, leuchtende Eiszapfen herunter, aber trotzdem rauschte und lief das Wasser und drehte hurtig das Rad.

Wir hielten an, und die Großmutter zog die Klingel. Da kam die dicke Müllerin, Frau Schwandener, heraus. Sie grüßte sehr laut und sehr freundlich, warf sich den Sack, wie es die Männer tun, im Bogen auf die Schultern und ging uns voran.

Wir schritten durch einen langen, dämmerigen Flur. In diesem Flur stand ein Tisch mit allerlei altem Gerümpel darauf. Da war eine zerbrochene Stallaterne, eine ölige Petroleumkanne, ein geblümter Milchtopf ohne Henkel, ein schmutziges Kälberfaß und anderes unnützes Zeug.

Dazwischen aber – – nein – – so etwas! Ich mußte stehen bleiben und die Augen weit 30 aufreißen, um das ordentlich zu sehen, was Wunderbares dazwischen lag!

Es war ein allerliebstes, etwa fingerhohes Teekännchen aus Kupfer. Etwas so Niedliches und Zierliches und Reizendes hatte ich noch nie in meinem Leben gesehen.

Obwohl ich mir niemals ein Spielzeug gewünscht hatte und nie wie andere Kinder mit Puppensachen spielte, nach dieser kleinen Kanne ergriff mich ganz plötzlich ein so heftiges Verlangen, ja geradezu eine so brennende Gier, daß ich mir gar nicht mehr bewußt war, was ich eigentlich noch tun und lassen sollte, aber – eins – zwei – drei – ohne Ueberlegung ließ ich das Kännchen in meiner Rocktasche verschwinden.

Das Herz klopfte mir wild in der Brust. Meine Gefühle mochten denen eines Diebes gleichen, der sich eben mit einer geraubten Million davonschleicht. Es waren Glück und Angst und Freude und Schuldbewußtsein durcheinander.

Ich tat aber recht harmlos, sang sogar leise vor mich hin und ging zur Großmutter. Sie hatte eben mit der Müllerin den Mais gewogen und verabschiedete sich. Ich hörte gerade noch, wie sie sagte: »Den Schlitten lasse ich denn auf ein Stündchen bei euch. Wir wollen nur noch schnell bis ins Kloster nach Rotenbrunn.« Damit nahm sie mich bei der Hand, und wir gingen zu Fuß weiter.

Im Kloster wurden wir von den frommen Nonnen recht liebreich aufgenommen. Meine 31 Großmutter brachte ihnen ein paar willkommene Aufträge, und wir erhielten Kaffee und Kuchen mit schönen, großen Rosinen darin, und die Nonnen streichelten mir immerzu die Backen und sagten: »So ein liebes Kindchen!« und: »Nicht wahr, du betest auch recht, recht viel, damit dich der gute Herr Jesus nicht in Sünde fallen läßt und damit du einmal auch zum lieben Gott in den Himmel kommst und nicht in die Hölle mußt . . .«

Und sie schenkten mir ein kleines, niedliches Bild. Darauf war das Jesuskind mit einem Kreuz im Arm, und daneben stand ein Lämmchen mit einem rosafarbenen Bändchen um den Hals.

Mir war mit der gestohlenen Teekanne in der Tasche nicht sehr behaglich zumute in dieser frommen Umgebung, und ich atmete ordentlich erleichtert auf, als die Großmutter sagte, sie wolle noch in die Kirche.

Wir schritten durch eine kleine Pforte und traten in die hohen, weiten Räume der Klosterkirche. Wie schön und feierlich und geheimnisvoll war es darin! Ueber uns das gewaltige, düstere Gewölbe, an den Seiten in den Nischen der Wände alle die Heiligen und ganz hinten über dem Altar die Jungfrau Maria in blauem, sternenbesätem Mantel mit dem Jesuskinde auf dem Arm und oben, hoch über ihr wie ein blinkender Stern das »ewige Licht«. Und keine Seele war da, nur die Großmutter und ich, und überall ein Duft nach Weihrauch und das »ewige Licht« 32 über uns. Ich war so in Staunen und Ehrfurcht versunken, daß ich meine gestohlene Teekanne ganz vergaß.

Nun kniete die Großmutter auf den Stufen vor dem Altare nieder, und ich kniete neben ihr.

Wie erhaben, wie heilig war das alles! Vor lauter Ergriffenheit faltete ich meine Hände und begann bebend und leise: »Heilige Maria . . .« Da – ich dachte, eine Kugel sei mir durch den Leib gefahren – so durchzuckte es mich – da rollte meine gestohlene Kanne aus der Tasche heraus und polterte und kullerte und klapperte die steinernen Stufen hinunter und lärmte noch ein großes Stück weiter über die Fliesen hin zum Beichtstuhle. Dort blieb sie endlich liegen.

Der Lärm in der totenstillen Kirche war so entsetzlich gewesen, daß ich ihn tausendmal verstärkt noch von allen Wänden zu hören glaubte.

Nun war es mit mir für mein ganzes Leben aus und fertig. Dies war der erste Gedanke, der mich vernichtend durchfuhr. Die Jungfrau Maria, alle die guten Heiligen und der arme Herr Jesus, der da für unsere Sünden blutend am Kreuze hing, vor allem aber meine Großmutter, sie alle, alle wußten nun, was für ein elendes, erbärmliches Kind ich war. Da gab es kein Verstecken, kein Verbergen mehr. Da half kein Lügen, kein Bitten und kein Gestehen. Ich war in den heiligen Räumen der Kirche als eine Diebin entlarvt worden.

Die Großmutter war gleich, als die Kanne fiel, 33 aufgestanden. Einen Augenblick sah sie sich das verhängnisvolle Ding von weitem an. Dann ging sie langsam hin, hob es auf, behielt es in der Hand und ging aus der Kirche – ich hinter ihr her.

Sie sprach nicht ein einziges Wort. Schweigend wanderten wir den Weg zur Mühle zurück.

Dieses Mal läutete die Großmutter nicht erst. Sie trat gleich in den Flur und sagte zu mir gar nicht unfreundlich, nur etwas ernst, fast traurig: »Nimm die Kanne und stelle sie genau wieder dorthin, wo du sie hergenommen hast!«

Ich stellte sie mit gesenktem Blick knapp an den Rand des Tisches. Die Großmutter fragte: »War sie genau an dieser Stelle?«

Da sagte ich »nein« und stellte sie genau dorthin, von wo ich sie weggenommen hatte.

Dann brachte man uns den Schlitten, und wir traten den Heimweg an. Mit der rechten Hand zog ich den Schlitten, an der linken hielt mich die Großmutter.

Schon sank die Nacht. Ueberall läuteten die Abendglocken. Am Himmel zogen die ersten Sterne auf. Es war ein stiller, wunderlicher Heimweg. Das Schweigen meiner Großmutter und meine schwere Schuld lasteten beklemmend auf mir, und die Glocken meines Schlittens wimmerten kläglich dazu.

Ich konnte es mir nicht vorstellen, daß eine solche Tat straflos ausgehen sollte, aber meine Großmutter mußte wohl ganz anders darüber gedacht haben.

34 Nie hat sie ein Wort über dieses Ereignis verloren, und das hat tiefer und nachhaltiger auf mich gewirkt, als tausend Reden es vermocht hätten.

Großmutters Schweigen war mir so unheimlich, war so beschämend für mich gewesen, daß ich seit jenem verhängnisvollen Tage nie mehr fremdes Eigentum angerührt habe. 35

 

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