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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 4
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Wie der liebe Gott mir einmal geholfen hat

Die Schule hatte wieder begonnen. Wir waren von der ersten Klasse in die zweite hinaufgerückt, und mit dieser Beförderung war natürlich viel Neues verbunden.

In einem langen schwarzen Rock stand neben dem Pult unser Pfarrer, ein ernster, ehrwürdiger Herr, und wir blickten bewundernd zu ihm auf.

Er sprach vom Glauben und Beten und erzählte uns eine gar seltsame Geschichte, über die ich mich damals nicht genug wundern konnte.

Irgendwo in Afrika, dort wo es damals noch Menschenfresser gab, war eine kleine Gemeinde frommer Christen im Hause eines Missionars versammelt. Selbstvergessen sangen sie geistliche Lieder und merkten in ihrer tiefen Andacht nicht, daß die wilden Kannibalen in Scharen draußen das Haus umringten, um sie zu überfallen und ihnen unter Qualen ein schreckliches Ende zu bereiten. Als sie schließlich ihre Feinde doch am Fenster gewahrten, wußten sie, daß nur Gott allein ihnen noch helfen könnte.

Sie fielen auf die Knie und beteten und glaubten, glaubten felsenfest an die Hilfe des Himmels, 21 fanden aber in ihrer Verzweiflung und Todesangst nur wenige Worte, die sie immer wieder vor sich hinstammelten: »Herr, unser Heiland und Gott, verbirg uns vor den Augen des Feindes! O, verbirg uns vor seinen Augen!«

Und siehe, ihre Hoffnung und ihr Glaube sollten nicht getäuscht werden. Das Wunderbare geschah. Die Betenden sahen wohl die Feinde draußen, aber die Feinde sahen die frommen Menschen in der Stube nicht mehr. Es war, als habe Gott den Wilden die Fähigkeit zu sehen genommen. Leer und öde erschien ihnen durch die Fenster das Zimmer, und langsam verzogen sie sich wieder in der dunklen Nacht.

Der Pfarrer nannte dieses Ereignis das Wunderbarste, das je durch den Glauben geschehen sei.

»Seht, Kinder«, sprach er, »so wunderbar hilft Gott den Menschen, die an ihn glauben. Ein herrlicher Spruch in der Bibel schon sagt: ›So ihr Glauben habt, könnt ihr Berge versetzen.‹ Das heißt: das scheinbar Unmögliche ist doch möglich durch unseren gütigen Gott im Himmel, aber glauben, ja glauben muß der Mensch. Und nun wiederholt mir mal die schönen Bibelworte: ›So ihr . . .‹« Und wir fielen alle im Chor ein: »So ihr Glauben habt, könnt ihr Berge versetzen.«

»Ja«, nickte er, »so ihr Glauben habt, könnt ihr Berge versetzen, und nun wollen wir beten.«

Während wir andächtig im Gebet versunken waren, tönten vom Kirchturm her dumpf und 22 feierlich elf Schläge zu uns herein. Die Schule war aus.

Wir waren gerade im Begriff, mit Geschrei und Mappenschwingen hinauszustürmen, als unser Lehrer erschien und uns noch einmal zurückschickte.

Als wir endlich mäuschenstill und erwartungsvoll wieder auf unsern Bänken saßen, begann er: »Für morgen habt ihr denn also folgende Bücher und Hefte zu kaufen: Ein Rechenbuch, zweites Schuljahr, kostet sechzig Rappen, ein Rechenreinheft, kostet fünfundzwanzig Rappen, und ein einfaches Rechenheft, kostet zehn Rappen. Das macht zusammen fünfundneunzig Rappen. Wieviel habe ich gesagt?«

Und wir brüllten alle zur Antwort: »Fünfundneunzig Rappen!«

»Das ist sehr wenig«, fuhr der Lehrer fort, »und darum erwarte ich, daß alle morgen ihre Sachen haben. Und nun geht nach Hause! Auf!«

Mit einem Ruck standen wir auf, und wenige Minuten später gingen wir die Dorfstraße entlang.

Als ich nach Hause kam, stieß ich gerade auf die Großmutter. Sie kam aus dem Hühnerstall und machte ein recht niedergeschlagenes Gesicht.

«Großmutter!« rief ich. »Denk dir, es kostet nur fünfundneunzig Rappen! Das ist doch nicht viel, nicht wahr?«

Ich sah, ihre Zustimmung erwartend, an ihr empor. Sie aber sagte: »Was denn, Maja?«

Und ich begann: »Ein Rechenbuch, zweites 23 Schuljahr, kostet sechzig Rappen, ein Rechenreinheft, kostet fünfundzwanzig Rappen, ein einfaches Rechenheft, kostet zehn Rappen.«

Als ich schwieg, sagte die Großmutter etwas zögernd: »Maja, so viel Geld habe ich heute nicht.«

Ich war ganz erschrocken. »Ist das denn viel?« fragte ich, dem Weinen nahe.

»Nein«, sagte sie, »das ist gar nicht viel, aber ich habe es nicht.« Und als sie meine Tränen sah, wischte sie mir dieselben mit ihrem Schürzenzipfel aus den Augen: »Weine nur nicht, Kind! Uebermorgen haben wir's schon. Du weißt ja, das Perlhühnchen, das Schopfhennli, die Spanierin und die Lahme haben seit vorgestern keine Eier mehr gelegt, also werden sie es morgen gewiß tun. Dann habe ich ein Dutzend, und die kannst du dann beim Bäcker verkaufen. Dafür kriegst du einen Franken und zwanzig Rappen, und damit kaufst du dir die Bücher.«

Ich ging wortlos von der Großmutter weg in den Garten. Hinter dem Hühnerstall war ein großer Stein und daneben ein alter, mit seinen Aesten bis auf den Boden reichender Holunderbaum.

Ich setzte mich auf den Stein und war zu Tode betrübt.

So arm waren wir also! Aermer als die Aermsten! Denn das war gewiß, es gab kein Kind, das morgen die verlangten Sachen nicht mitbrachte. Und ich war sonst immer die Erste gewesen. Immer hatte man mich wegen meines Fleißes und 24 meiner Ordnungsliebe gelobt. Und morgen würden alle nun ihre schönen neuen Sachen haben, und ich würde dastehen und sagen müssen, wir hätten kein Geld gehabt. Alle würden auf mich sehen, und in der Pause würden die Aermsten und Schlechtesten und Dümmsten mir eine »lange Nase drehen« und mir nachschreien: »Bettlerliese! Bettlerliese!« Und meine Aufgaben würde ich auch noch lange nicht machen können, und ich schrieb doch so gern auf das feine neue Papier, und der Lehrer würde wütend auf mich werden, und ich würde nicht mehr die Erste sein . . .

Oh, ich schämte mich schrecklich schon im voraus, und ich schluchzte so lange in meine Hände hinein, bis ich ganz müde davon wurde.

Dann merkte ich auf einmal, wie still es um mich herum war. Nah und fern kein Laut, kein Klang! Nur hin und wieder fiel ein Blatt von den Bäumen.

Ich horchte in die Stille hinein, und da war es mir plötzlich, als hörte ich unsern Pfarrer, so wie er an diesem Morgen geredet hatte: »So ihr Glauben habt, könnt ihr Berge versetzen.«

Glauben? – Die in Todesangst betenden Christen in Afrika schwebten vor meiner Seele, und ihre wunderbare Rettung fiel mir ein.

Glauben? – Das könnte ich doch auch!? Aber natürlich! O, ich konnte glauben, felsenfest, eisenfest, heilig glauben!

Mir war's, als ob mir plötzlich eine wunderbare Kraft verliehen sei, als ob mich ein Feuer 25 durchglühte, durch das ich das Unmöglichste selbst möglich machen konnte.

Ich stand auf und sagte ganz laut vor mich hin: »Lieber Gott! Ich glaube, ich glaube, daß ich jetzt auf dem Wege durch den Garten und über die Mauer bis zum Hause zurück fünfundneunzig Rappen finden werde.«

Und ich wandelte wie im Traume dahin, krallte meine Hände zu Fäusten, um die Stärke meines Glaubens zu zeigen, und plapperte immer todernst vor mich hin: »Ich glaube, daß ich fünfundneunzig Rappen finden werde. Ich glaube . . .«, und ich stieg über die Mauer.

Noch hatte ich nichts gefunden, aber der Weg war ja auch noch nicht zu Ende.

»Ich glaube . . .«, begann ich wieder und starrte wie gebannt auf den Boden und spähte hinter jeden Stein und musterte jedes Fleckchen Erde mit meinen Blicken.

»Ich glaube, daß ich fünfundneunzig Rappen finde«, sagte ich, schon wieder mit den Tränen kämpfend und langte wieder bei dem Stein neben dem Holunderbaum an, ohne auch nur ein kupfernes Einrappenstück gefunden zu haben.

»Also, das mit dem Glauben ist nichts«, dachte ich, »ist falsch, ist eine elende Lüge.«

Ich war nahe daran, an Gottes Dasein zu zweifeln. Da fiel mir in meiner Betrübnis ein, daß der Pfarrer uns nicht nur das Glauben, sondern auch das Beten empfohlen hatte.

Noch einmal richtete ich mich auf wie ein 26 Ertrinkender an der rettenden Hand. Ich wollte es doch noch mit dem Beten versuchen.

Einen Augenblick sann ich nach. Dann kroch ich unter den Holunderbaum, wo mich niemand sehen konnte, kniete nieder und fing an ganz selbstvergessen zum lieben Gott zu sprechen.

Ich habe ihm alles erzählt, ihm meinen ganzen Kummer gestanden und schließlich recht innig um die fünfundneunzig Rappen für die neuen Schulbücher gebeten.

Als ich damit fertig war, stand ich auf und war merkwürdigerweise ganz ruhig.

Fast getröstet ging ich endlich ins Haus. Ein frohes Erwarten erfüllte mich.

Als ich auf der Treppe stand, rief von oben die Großmutter ganz aufgeregt, ganz ungeduldig: »Maja, so komm doch! Wo bist du denn? Schnell, ich muß dir was sagen!«

Mir klopfte das Herz, und ich sprang über drei Stufen weg hinauf.

Vor mir stand die Großmutter. Ihr Gesicht strahlte. Sie hielt mir wortlos die offene Hand hin, und darauf lag – man denke sich mein grenzenloses Staunen – – ein funkelnagelneues Fünffrankenstück! –

»Großmutter!« schrie ich, »wo hast du das her?«

Sie nahm mich bei der Hand und zeigte mir ein altes Ofenbankpolster, das sie eben ausgeklopft hatte, und erzählte, daß aus einem Riß beim Klopfen das Geldstück herausgefallen sei.

27 »Großmutter«, sagte ich bebend, »das hat der liebe Gott da hineingetan.«

Da meinte sie lächelnd: »Vor einigen Jahren ist ein Onkel von dir aus Amerika gekommen und hat mir Geld gebracht, viel Geld, und alles waren Fünffrankenstücke, und eines davon hat sich wohl damals in das alte Polster verloren, denn ich saß darauf, als ich das Geld zählte. Der liebe Gott hat also dies Fünffrankenstück zwar nicht dort hineingetan, er hat es aber zur rechten Zeit wieder herausfallen lassen. Darum wollen wir ihm von Herzen danken.«

Ich habe denn auch noch an diesem Abend mein Rechenbuch für sechzig Rappen, mein Rechenreinheft für fünfundzwanzig Rappen und ein einfaches Rechenheft für zehn Rappen kaufen können, und niemand hat mich am andern Tage verhöhnt.

Alles war gut und schön – eben weil mir der liebe Gott so wunderbar geholfen hatte. – 28

 

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