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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 3
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Mein Lebensretter und mein Zeugnis

In unserem Dörfchen gab es eine Sommer- und eine Winterschule. Der Besuch der Winterschule war obligatorisch. In die Sommerschule konnte gehen, wer wollte. Selbstverständlich besuchte ich die Sommerschule, schon aus dem einfachen Grunde, weil, wäre ich zu Hause geblieben, ich tagelang im glühenden Sonnenbrande auf endlos weiten Wiesen hätte Heu nachrechen müssen.

Außerdem trieb mich in diesem meinem zehnten Lebensjahre ein fast krankhafter Ehrgeiz in diese Sommerschule. Ich hatte nämlich im vergangenen Jahre ein selten gutes Zeugnis erhalten, stand doch darin, daß ich während des Schulbesuchs »ausgezeichnet fleißig« gewesen sei, ein Zeugnis, das Generationen vor mir niemand aufzuweisen imstande gewesen wäre.

»Ausgezeichnet fleißig!« Das ganze Dorf sprach davon, nämlich wenn ein Huhn ein Ei legte, sprach auch das ganze Dorf darüber, so interessiert waren die lieben Mitmenschen damals in dem kleinen Dorfe. Dieses Mal waren auch alle merkwürdig einer Meinung, nämlich daß ich dieses Zeugnis überhaupt nicht verdient habe, daß ich ein ganz nichtsnutziges kleines Mädchen sei und man den Lehrer einfach nicht begreifen könne. Ich jedoch 10 kümmerte mich nicht im geringsten um die Giftworte, die ich rechts und links zu hören bekam, sondern blähte mich wie ein Frosch in der Sonne, sah nur von Zeit zu Zeit in mein Zeugnis, um mich zu vergewissern, daß das Wörtchen »ausgezeichnet« auch wirklich und wahrhaftig noch dastand und nicht etwa plötzlich wie ein Vogel davongeflogen sei. Es stand aber unverrückbar da, lachte mich an, entzückte mich, berauschte mich derart, daß ich den festen Vorsatz faßte, auch in diesem Jahre mir dieses wunderbare Prädikat zu verschaffen, und mit diesem, wie mir schien heiligen Entschlusse betrat ich die Sommerschule.

Drei Monate gingen wie im Fluge vorbei. Ich war während der ganzen Zeit geradezu überfleißig und überaufmerksam gewesen. Unter allen Arbeiten standen die besten Noten, und über mein Zeugnis brauchte ich mir gewiß keine Gedanken zu machen. Ein zweiter Triumph, ein zweites »Ausgezeichnet fleißig« leuchtete lieblich wie ein Stern vor meiner Seele.

Die letzte Schulwoche war da, und eine große Erwartung erfüllte mich. Ich ging wie auf Bergeshöhen unter meinen Mitschülern einher, sah innerlich geradezu verächtlich auf sie nieder und fühlte mich grenzenlos erhaben. Das Sprichwort von den Bäumen, die der liebe Gott nicht in den Himmel wachsen läßt, kannte ich nämlich nicht.

Es war Donnerstag. Am Freitag hatten wir noch Zeichnen und Naturgeschichte, und am Sonnabend sollten wir unsere Zeugnisse 11 erhalten. Nun hatte unser Lehrer einmal den Wunsch geäußert, wir möchten Stechapfel suchen, eine Pflanze, die bei uns sehr selten vorkam, und die zu finden als ein besonderes Verdienst des betreffenden Schülers angesehen worden wäre.

Was lag meinem Ehrgeiz näher, als alle Hebel in Bewegung zu setzen, um diese seltene Pflanze zu finden! Nach vielen erfolglosen Fahrten durch Wälder, Wiesen und Felder und nach endlosem, vergeblichem Nachfragen traf ich eines Abends die Schinderliese, ein als Hexe weit und breit verschrienes altes Weib. Sofort kam mir der Gedanke, daß sie allein mir helfen könne. Furchtlos trat ich auf sie zu und fragte sie nach Stechapfel – und siehe – die Alte versprach mir das herrlichste Exemplar, wenn ich ihr dafür ein Körbchen Pflaumen bringe. Ich hätte ihr in meiner Freude die Kleider vom Leibe gegeben.

Am Donnerstagnachmittag, so gegen fünf Uhr, machte ich mich auf den Weg ins Schinderhaus. Der Tag war trübe und die Berge mit Nebel verhängt. Das Schinderhaus lag jenseits des Flusses.

Statt nun den Weg über die hohe steinerne Brücke zu nehmen, stieg ich den Abhang hinter dem Dorf hinunter und durchkreuzte das weite, steinige Flußbett, zwängte mich mühsam durch das dunkle, dichte Erlengebüsch und stand endlich vor dem rauschenden Wasser. Es ging nicht hoch, und überall standen gewaltige Steine, auf denen man leicht das jenseitige Ufer erreichen konnte. An einer Stelle teilte es sich sogar in zwei 12 Arme, die ein kleines Stück Land umspannten, und die sich weiter unten wieder vereinigten. Ganz mühelos sprang ich über das Wasser und erreichte das Schinderhaus.

Nach ungefähr einer halben Stunde kehrte ich glücklich mit dem schönsten Stechapfel wieder zurück. Ich ging wie im Traume. Das Gelingen nach den vielen Bemühungen, das voraussichtliche Lob des Lehrers, meine besondere Stellung in der Schule – alles dies beseligte mich namenlos.

Unterdessen war es aber dunkel geworden. Ein heftiger Wind jagte durch die Erlen, die sich rauschend bogen und mich fast zur Erde warfen. Als ich an den Fluß kam, wollte ich meinen Augen nicht trauen. Das Wasser war merklich gestiegen und wälzte sich als eine schwarze, drohende Flut an mir vorbei. Ich stutzte wohl einen Augenblick, aber ohne eine Gefahr zu ahnen, sprang ich dort, wo sich das Wasser teilte, von Stein zu Stein über den ersten Arm hinweg und stand nun auf festem Boden, zu beiden Seiten die schäumenden Wasser. Als ich den zweiten Flußarm überspringen wollte, sah ich plötzlich, daß es eine Unmöglichkeit war. Die Wogen schossen hoch über den Steinen weg. Ein gewaltiger Schrecken erfaßte mich, und ich entschloß mich rasch, wieder über den anderen Arm zurückzukehren, aber als ich mich umdrehte, sah ich, wie auch dort das Wasser in den wenigen Augenblicken gestiegen war, daß ich nicht mehr zurück konnte. Das Stückchen Land, auf dem ich stand, wurde zusehends kleiner und kleiner. Ich 13 sah die schreckliche Flut auf mich zukommen, und eine rasende Angst ergriff mich. Mein Stechapfel schoß auf den Wogen davon. Ich sank auf die Knie, sprang wieder auf, hob die Arme empor, schrie, schrie wie eine Verzweifelte. Auf der fernen Brücke sammelten sich Menschen, die mir alle heftige Zeichen machten, daß ich zurück sollte. Die Entfernung ließ sie die große Gefahr nicht erkennen, in der ich schwebte.

Der Wind jagte mich fast in die Flut hinein. In den Erlen rauschte es unheimlich. Die Wogen tobten. Aus der fernen Schlucht schien sich ein Weltmeer über mich ergießen zu wollen. Die Leute schrien. Ich schrie, und die Nacht sank immer tiefer.

Da – teilten plötzlich zwei Hände das Gebüsch, und ein junger Bursche tauchte am Ufer auf. Mit einem gewaltigen Satze sprang er in die Flut von Felsblock zu Felsblock bis in die Mitte des Wassers. Dort blieb er, wie ein Fichtenbaum umrauscht von den tosenden Wassern, fest stehen und reichte mir eine Hand hinüber, riß mich dann so gewaltig über den Fluß, daß ich beinahe fliegend das andere Ufer erreichte.

Als ich mich nach meinem Retter umsah, war er verschwunden. Ich kehrte wie betäubt ins Dorf zurück. Auf dem Rathausplatz stieß ich mit den Leuten zusammen, die auf der Brücke gewesen waren. Sie schimpften ganz entsetzlich auf mich ein und meinten, ich verdiente solche Prügel, daß ich davon acht Tage lang nicht gehen könnte.

14 Innerlich wie erstarrt kam ich nach Hause. Meiner Großmutter wagte ich nichts zu erzählen, aber als ich im Bette lag, konnte ich lange nicht einschlafen. Ich mußte alles noch einmal klar durchleben und durchdenken, und bei dieser Gelegenheit wurde mir erst recht bewußt, wie nah ich dem Tode gewesen war und was für eine große Tat jener Bursche eigentlich an mir vollbracht hatte. Ganz deutlich stand er vor mir.

Mein Lebensretter! Er hieß Johann Martin Ambühl und war fünfzehn Jahre alt. Seine Eltern waren arme Leute, und er hatte noch vier jüngere Geschwister. Wir kannten ihn als einen klugen, aber wilden und rohen Mitschüler, jedoch in meinen Augen war er nun ein Engel.

Eine grenzenlose Dankbarkeit für ihn erfüllte mich. Lebensretter pflegt man zu belohnen. Das wußte ich, und plötzlich ließ mich der Gedanke nicht mehr los, ich mußte ihm irgend etwas schenken, irgend etwas, das ihm Freude machte.

Prüfend erwog ich alles, was ich besaß, aber nichts, nichts war da, das man einem jungen Burschen schenken konnte. Mein Besitz gipfelte damals in einem Nähkörbchen mit rosa seidenen Kissen, einem Spiegelchen und einem silbernen Fingerhut. Ich hätte ihm das alles mit übervollem Herzen gegeben, aber was sollte er damit? Er hätte mich nur ausgelacht, und das wäre mir schrecklich gewesen.

Krampfhaft suchte ich weiter in meinen Schätzen. Ich besaß eine Knopfsammlung, etwa 15 hundert Bilder, einen Band von »Heidi« – aber das genügte mir alles nicht – doch – ja – ich besaß noch etwas.

Blitzschnell sprang ich aus dem Bett und durchsuchte die Taschen meiner Schürze, und wirklich – nun hatte ich es, hielt es in meiner Hand und schlüpfte damit wieder ins Bett. Es waren zwanzig Rappen! Zwanzig Rappen! Für uns Kinder damals ein Vermögen, denn – was konnte man nicht alles für zwanzig Rappen haben!

Also ich überlegte nun, was ich meinem Lebensretter für zwanzig Rappen kaufen sollte. Rote Zuckerstangen? Ein Lebkuchenherz? Kandiszucker? Bärendreck? Nein, nein, das schien mir alles nicht das Treffende zu sein. Wer wußte denn, ob der Johann Martin Ambühl überhaupt Bärendreck aß? Ich kannte Kinder, denen er viel zu süß war.

Also etwas anderes! Aber was? – Plötzlich fiel es mir ein, womit ich das Herz meines Lebensretters erfreuen konnte, denn um dieses Geschenk, das ich ihm machen wollte, lag auch noch das strengste Verbot sämtlicher Eltern, Lehrer und überhaupt der ganzen dörflichen Obrigkeit. Also war es um so köstlicher.

So faßte ich denn an diesem unseligen Donnerstag, abends um neun Uhr, im Bette den Entschluß, meinem Lebensretter in ewiger Dankbarkeit für zwanzig Rappen Zigarren zu kaufen!

Selig schlief ich ein, und selig wachte ich am Freitag auf. Am Vormittag war es mir unmöglich, meine Einkäufe zu machen. Am Nachmittag 16 jedoch trat ich mit pochendem Herzen in den kleinen Laden des Bäckers Schmid am Rathausplatz. Ich mußte lange warten, bis jemand kam, mich zu bedienen, und ich hatte reichlich Zeit, nachzudenken, welche Zigarren wohl die feinsten seien.

Bei Schmid gab es damals zwei Sorten. Die einen waren kurz und dick und hießen »Stumpen«, die andern waren lang und dünn, mit einem Strohhalm durch die Mitte, »Brissago« genannt. Diese kosteten zehn, die Stumpen dagegen nur fünf Rappen!

Nach schwerem Kampfe entschloß ich mich für eine Strohhalmzigarre und zwei »Stumpen«. Mein kleines Paket unter der Schürze versteckt, ging ich in die Schule.

Ich war die erste. Nicht lange darauf erschien – wie war mir das Glück doch gewogen! – mein Lebensretter. Als er mich sah, lachte er. Da ging ich auf ihn zu, und, ohne ein Wort zu sagen, steckte ich ihm das Paket in seine Rocktasche und lief davon.

Wir hatten an diesem Nachmittage, wie schon gesagt, Zeichnen und Naturgeschichte und waren alle in einem einzigen Klassenraume vereinigt.

Nach einer Stunde lautlosen Arbeitens stand der Johann Martin plötzlich auf und bat um Erlaubnis, hinauszugehen.

Da er mir durch das Ereignis des vorhergehenden Tages so nahegerückt war, interessierte mich alles, was er tat und ließ, und ich wartete daher auch gespannt auf seine Rückkehr, aber – man 17 stelle sich mein Entsetzen vor – eine halbe Stunde war vergangen, und er war nicht wiedergekommen. Eine weitere Viertelstunde – und noch war er nicht da. Was war geschehen? Wo mochte er sein?

Vom Kirchturm her klang es mahnend dreimal voll und schwer. Da stutzte der Lehrer und fragte ganz erschrocken: »Ist der Johann Martin nicht schon vor drei Viertelstunden hinausgegangen?« Alle bejahten es.

Da ging der Lehrer hinaus und kam auch nicht wieder. Nun standen wir alle auf und gingen ebenfalls hinaus, denn wir wußten, daß irgend etwas vorgefallen war.

Als wir in die Nähe eines gewissen Ortes kamen, bot sich uns ein wirklich mitleiderregendes Bild. Die Türe stand weit offen. An der Wand lehnte mein Lebensretter – bleich wie eine Leiche, das schwarze Haar wirr über der Stirn, die Augen wie im Tode gebrochen, die Arme schlaff herunterhängend. Von Zeit zu Zeit machte er eine seltsame Bewegung. Es war wie ein Krampf. Das Kinn schnellte nach vorn, Hals und Brust nach hinten, und dazu ertönten seltsame, gurgelnde Laute. Am Boden lagen ein paar Dutzend Streichhölzer, Ueberreste von Zigarren – – meiner Zigarren – und – – na – – laßt mich schweigen!

Der Lehrer schäumte vor Wut. Er packte den vollständig willenlosen Burschen hinten am Kragen und stieß ihn vor sich her in die Klasse 18 zurück. Dort schleuderte er ihn gegen die Wand und schrie: »Du Lump! . . . Du elender Lümmel! . . . Deinen Eltern stiehlst du das Geld . . . .«

Da war es mir, als ob mir jemand einen gewaltigen Stoß nach vorn gegeben habe. Ohne Besinnen trat ich aus der Menge der totenstillen Schar und rief: »Das ist nicht wahr! Ich habe ihm die Zigarren gegeben, weil er mir das Leben gerettet hat!«

Der Lehrer sah mich verständnislos an. Dann fragte er ungläubig: »Du hast ihm die Zigarren gegeben?«

Und ich antwortete mit ganz unerhörtem Mute: »Ich wollte gestern über den Fluß nach Hause und war auf einmal mitten im Wasser. Wenn er mich nicht gerettet hätte, wäre ich tot, und darum habe ich ihm Zigarren geschenkt.«

Unter den Schülern begann ein boshaftes Kichern. Da schickte der Lehrer alle hinaus. Nur Ambühl und ich sollten dableiben.

Der Lehrer ging ein paarmal schweigend im Zimmer auf und ab. Währenddessen war mir auch erschreckend klar geworden, was für ein Unrecht ich begangen und in was für eine schlechte Lage ich mich durch mein Geständnis gebracht hatte. Mein Zeugnis fiel mir ein, und das Weinen saß mir zuoberst.

Der Lehrer stand jetzt am Fenster und rieb sich die Hände. »Wenn er doch sprechen möchte!« dachte ich mit würgender Angst im Herzen. Endlich kam er auf uns zu und sah uns lange an. 19 Dann sagte er zu mir mit einem so hämischen Ausdruck im Gesichte, wie ich ihn noch nie bei einem Menschen gesehen hatte: »So eine bist du also!?« – Eine lange Pause und dann jedes Wort betonend: »Den Knaben läufst du nach und – verführst sie – zu solchen Schlechtigkeiten!!« Wieder eine Pause. »Das« – er atmete tief und schwer – »das hätte ich von dir wahrlich nicht erwartet!«

Dann setzte er sich ans Pult und begann in die Zeugnisliste zu schreiben.

Ich hätte in die Erde versinken mögen. Ich – den Knaben nachlaufen?! Ich – sie zu Schlechtigkeiten verführen?! Mir lief ein Zittern durch den ganzen Körper, aber keine Träne löste sich. Es war, als sei jeder Tropfen vor solch grenzenloser Verachtung, die mich getroffen, schon im Auge vereist.

Wir mußten uns dann auf unsere Plätze setzen, bekamen aber merkwürdigerweise keine Strafe.

Am andern Morgen jedoch erhielten wir die Zeugnisse. Ich war aus allen Himmeln gestürzt und schlich als das unglücklichste Kind nach Hause, denn in meinem Zeugnis stand groß und breit: »Ihr Verhalten während der Sommerschule war kaum befriedigend.«

So lernte ich unter bitteren Tränen das Sprichwort von den Bäumen, die der liebe Gott nicht in den Himmel wachsen läßt. 20

 

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