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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 16
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Karussellfahren

Unser Haus stand auf einer kleinen Anhöhe. Deshalb hatten wir eine wunderschöne Aussicht auf das ganze Dorf, auf Obstgärten, Wiesen und Felder und auf das liebliche, burgenbesäte Tal jenseits des Rheins. Interessanter aber als der Ausblick auf die herrliche Landschaft war für mich derjenige auf die lange Dorfstraße, deren Ende der große Rathausplatz bildete, denn es passierten da tagsüber die wunderlichsten Dinge, und ich saß oft stundenlang am Fenster und spähte neugierig hinaus. Das aufregendste ereignete sich an jenem Abend, der den Beginn eines großen Verlustes für uns bedeutete.

Schon seit mehreren Tagen hatte sich die Kunde verbreitet, daß ein Karussell ins Dorf kommen werde. Die meisten Eltern brummten, aber die Kinder freuten sich grenzenlos. Und nun waren sie da, die Zigeuner, wie wir kurzwegs alles fahrende Volk nannten. Mit Anbruch der Dämmerung waren die zwei grünen Wagen mit ihren Häuschen samt Insassen auf den Dorfplatz gerollt. Ich sah vom Fenster aus, wie sie die Pferde ausspannten, wie sich Neugierige um sie herum ansammelten und wie sofort mit dem Aufbau des Karussells begonnen wurde. Ich wäre zu gerne hingegangen, aber die Großmutter hatte es 175 mir streng verboten. Außerdem läuteten die Abendglocken, und da war es für uns Kinder nicht mehr geraten, sich auf der Straße blicken zu lassen. Ich konnte nur noch beobachten, wie auf dem Dorfplatz die Laternen aufflackerten, wie Lichter und Gestalten hin- und herschwirrten und wie emsig gearbeitet wurde. Dann schloß die Großmutter die Fensterläden, und ich war für den Rest des Abends von der Außenwelt abgeschlossen.

Nicht aber meine Gedanken! Die weilten bei den Zigeunern draußen auf dem Dorfplatz, bei den grünen Häuschen mit dem winzigen Schornstein auf dem Dache, mit der kleine Treppe, den reizenden Fensterchen mit ihren weißen Gardinen und vielen anderen niedlichen Dingen, die ich noch von früher her genau in der Erinnerung hatte.

Ich konnte mir nichts Verlockenderes, nichts Geheimnisvolleres, nichts Herrlicheres vorstellen, als in einem solchen grünen Komödiantenhäuschen in der Welt herumzufahren. Darum träumte ich mit offenen Augen und erschrak gewaltig, als die Großmutter plötzlich ganz ärgerlich sagte: »Nun ist diese verflixte Zigeunerbande wieder glücklich hier gelandet. Gottlob hat man ihr nicht mehr als drei Tage Erlaubnis gegeben. Es kommt ja doch nichts dabei heraus als irgendwo ein Diebstahl wie jedesmal, und die Leute im Dorfe vertun ihr Geld dabei.«

Ach, Großmutter, wenn du gewußt hättest, wie es in mir aussah! Wie glücklich, wie selig mein Kinderherz schlug!

176 Ich war also ganz, ganz anderer Meinung, aber ich äußerte mich nicht, sondern fragte nur etwas schüchtern: »Großmutter, darf ich wohl auch einmal Karussell fahren?«

»Aber selbstverständlich«, antwortete sie, »aber nur einmal. Die Leute verlangen ja ein Heidengeld. Einen ganzen Batzen, um in fünf Minuten schwindliger zu werden, als wenn man einen Tag lang vom Lärchenberg in den Rhein guckt . . . unverschämt!«

Das war ihr letztes Wort, über das ich jedoch gar nicht nachdachte. Wie ein Hauch flog es an meinem Ohr vorbei, denn in meinem Herzen brannte die Erwartung lichterloh.

Am anderen Nachmittag um vier Uhr sollte das Karussell mit seinem Zauber beginnen. Es war schon drei Uhr, und die Großmutter hatte noch mit keinem Wort die große Geldfrage, den Batzen, erwähnt. Ich war vor Aufregung und Sorge um das Geld ganz verschüchtert und wagte nicht einmal eine Frage zu tun. Mir war es, als wälzten sich Zentnerlasten in meiner Brust herum.

Wie glücklich war ich drum, als die Großmutter endlich zu mir trat und sagte: »Ich will jetzt noch schnell ins Aeckerli gehen und frische Kartoffeln holen. Unterdessen kannst du ja einmal Karussell fahren und den Rummel ordentlich angucken.« Dann drückte sie mir einen Batzen in die Hand und ging mit Korb und Hacke davon.

Den Batzen fest umklammert, lief ich zu den Zigeunern. Ich beabsichtigte durchaus nicht, 177 sofort Karussell zu fahren, sondern ich wollte erst alles genau betrachten und den »richtigen Moment« abwarten. Das Karussell gefiel mir außerordentlich, besonders die farbenfrohen Sitzgelegenheiten. Da waren vier hölzerne, blutrote Tiger mit gestreckten Beinen wie im Sprunge auf einen Feind und trugen im offenen Rachen eine Querstange, an der man sich festhalten konnte. Dann folgten zwei himmelblaue Gondeln, auf denen ein paar nackte Engel prangten, und denen die Kinder sofort den Namen »Engelkutschen« beilegten. Hinter diesen himmelblauen Engelkutschen dräuten vier goldgelbe Löwen mit grasgrünen Mähnen und gewaltigen Pranken, und diesen folgten wieder vier blutrünstige Tiger. Es war einfach grausig schön.

Ich entschloß mich sofort für einen goldgelben Löwen, aber ich ließ Freundinnen und Freunde ruhig fahren, ich hatte ja noch lange nicht alles gesehen. Plötzlich bemerkte ich an einer Seite eine hohe Stange mit einem eisernen Haken, an dem etwa zehn leuchtende Messingringe hingen. Nachdem das Karussell fünfmal voll besetzt gefahren war, sprang ein Mann unter die Leute und erklärte, daß, wenn es jemand gelinge, einen oder mehrere Ringe im vollen Fahren von dem Haken zu heben, derselbe so viele Male umsonst fahren dürfe, als er Ringe gewonnen habe. Diese Worte wurden von den Umstehenden laut beklatscht, und alle wollten ihr Glück versuchen. Noch immer sah ich zu. Nun hatte die Sache für mich 178 ein vollständig neues Gesicht bekommen. Es war mir die Möglichkeit gegeben, mit dem einen Batzen unzählige Male zu fahren. Die Aussicht war verlockend und reizte mich ungeheuer, mitzutun.

Ich beobachtete die Leute scharf in ihren Bewegungen, wie sie nach den Ringen griffen, manche zu hastig, andere zu langsam, manche gänzlich ziellos, andere viel zu kurz, und sonderbar – niemand gewann.

Da entschloß ich mich endlich, die nächste Runde mitzumachen. Klopfenden Herzens stieg ich auf einen Löwen, drückte dem Kassier meinen ganz heiß gewordenen Batzen in die Hand und nahm ordentlich »alle Kraft zusammen«. Der Leierkasten setzte mit seiner eintönigen Melodie ein. Die Kurbel drehte sich . . . wir begannen zu fahren . . . ganz langsam. Ich sah weder nach rechts, noch nach links, ich fühlte keine Freude, keinen Genuß im Herzen, ich dachte nur an die Ringe. Schneller ging es . . . sekundenlang . . . Die Stange tauchte auf. Wir flogen dahin. Ich, schon längst mit erhobener Hand, fuhr an den Haken und holte, ich konnte es kaum fassen, eine Menge Ringe heraus. Ringsum wurde mächtig geklatscht und »Bravo« gerufen, und nun gab ich mich auch der Freude hin. Mir war es, als ob ich durch himmlische Räume fliege. Selig, leicht, ganz beglückt! Als das Karussell hielt, zählte ich die Ringe, Es waren deren fünf. So machte ich denn wie im Traume noch fünfmal die Runde.

179 Nur ungern stieg ich endlich von meinem stolzen Sitz herab. Es dunkelte bereits, und da jede Möglichkeit, noch einmal zu fahren, ausgeschlossen war, ging ich nach Hause, aber nicht leicht und froh, sondern eigentümlich langsam und benommen. Immer wieder mußte ich stille stehen, denn mir war's, als ob sich jetzt auch der Boden mit mir drehe, dann hielt ich mich an einer Mauer fest, um nicht mit den dunklen Bäumen davonzufliegen, dann taumelte ich wie eine Betrunkene vorwärts und kam schließlich in einem scheußlichen Zustand körperlicher Uebelkeit zu Hause an. Als die Großmutter hörte, daß ich sechsmal hintereinander gefahren und auf welche Weise ich dazu gekommen war, jammerte und schimpfte sie abwechselnd: »O du armes, unvernünftiges Kind! Das hätte ich ahnen sollen! Diese elende Bande mit ihrem Plunder! Gott sei Dank, daß sie übermorgen abziehen!«

Ich konnte kaum etwas von dem fassen, was sie sagte, denn ich lag im Bett und fuhr mit diesem die Wände hinauf und hinunter, zum Fenster hinaus, im Kreise herum, bis mich endlich der Schlaf diesem schrecklichen Zustand enthob.

Am andern Morgen wachte ich vollständig frisch und munter auf. Ich dachte an das Geschehene wie an etwas ganz Herrliches und war fest entschlossen, auf irgendeine Weise noch einmal zu fahren. Als die Großmutter sich recht besorgt nach meinem Befinden erkundigte, war ich in bester Laune und half dann im Hause wie noch 180 nie. Um zehn Uhr sagte die Großmutter, sie habe heute noch allerlei im »Untern Rain« zu tun, ich solle unterdessen ein wenig in den Wald gehen und handarbeiten. Das war mir mehr als recht, und als sie bald darauf verschwand, machte auch ich mich davon, aber nicht in den Wald, sondern mich trug der böse Geist des Ungehorsams und der Neugier auf der Straße dahin zu den Zigeunern.

Das Karussell stand einsam und verlassen da. Es arbeitete nur nachmittags. Ich setzte mich auf das Mäuerchen, vor dem die beiden grünen Wagen standen. Vor der kleinen Treppe spielten ein paar halbnackte, schmutzige Kinder. Ich betrachtete sie aufmerksam und beneidete sie ehrlich um ihre Wohnung, um das Karussell und überhaupt um ihr ganzes Zigeunertum. Nach einiger Zeit kam eine Frau aus einem der Wagen heraus und begann dicht vor mir in einem Fasse Wäsche zu waschen, Kinderschürzen und Strümpfe. Auch sie erregte mein Interesse, denn sie war so ganz anders als die Frauen im Dorf. Sie hatte eine hohe, schwarze Haarfrisur und trug große, goldene Reifen in den Ohren. Ihre Augen waren kugelrund und schwarz wie Kirschen, und wenn sie lachte, zeigte sie eine Reihe großer, schneeweißer Zähne. Das gefiel mir alles mächtig, weniger, daß sie ungefähr so dick war wie das Faß, in dem sie wusch.

Plötzlich sah sie mich lange an und fragte: »Ah, du kleine Mädchen, das gestern Ringe 181 gewonnen?« Ich nickte und hauchte ganz verschämt: »Ja.«

Da lachte sie und meinte: »Karussell dir gefallen?« Ich merkte, wie ich vor so viel Freundlichkeit rot wurde, und flüsterte: »O ja, furchtbar.«

Dann war wieder eine Weile Stille zwischen uns, und ich sah gespannt zu, wie ihre Hände die schmutzigen Lappen behandelten. Auf einmal bemerkte ich an ihren Fingern ein paar Ringe, die in mir die Vorstellung an ähnliche zu Hause hervorriefen, und ich sagte unvermittelt: »Solche Ringe, wie Sie tragen, hat meine Großmutter ganz viele und noch schönere.«

Sie horchte hoch auf. Dann fragte sie: »Ja? Wie viele Ringe du haben?«

Nun wollte ich mich großtun und antwortete: »O, mehr als zwanzig.«

Da ließ sie die Wäsche, kam dicht zu mir heran und sagte leise: »Kannst du bringen Ringe hieher? Nur zeigen . . . ich so gerne sehen Ringe . . . nur zeigen, ja?« Und sie streichelte mein Haar, und ich war ganz glücklich, daß ich dieser Frau, die für mich etwas Besonderes war, einen Gefallen tun konnte, und sagte: »O, gerne! Heute nachmittag bringe ich alle.« Da schmeichelte sie mir noch mehr und flüsterte: »Du sein eine sehr schöne Mädchen! Aber . . . niemand sagen von Ringe!«

Da stand ich auf und ging sehr angeregt nach Hause, plauderte mit der Großmutter über dies und das, aber meine Unterhaltung mit der 182 Zigeunerin und mein Versprechen erwähnte ich mit keinem Wort.

Am Nachmittag, als die Großmutter wieder ihrer Arbeit außer dem Hause nachging, trat ich an die Kommode und holte Großmutters Schmuckkasten herunter. Er war aus sehr schönem, eingelegten Zedernholz, aber ohne Schloß. Ich öffnete ihn und übersah den Inhalt. Der Kasten zeigte verschiedene Fächer und in diesen zierlich geordnet goldene Ringe und Nadeln aller Art. In einem Fach sah ich auch die zwanzig Ringe auf eine Schnur gereiht, von denen ich mit der Zigeunerin gesprochen hatte.

Diese Ringe stammten aus einem alten Geschäft, das die Großmutter früher gehabt hatte. Sie waren teils aus Horn, teils aus ganz gewöhnlichem Metall mit allerlei bunten Glasperlen geschmückt und ganz wertlos. Die Großmutter hatte sie mir oft zum Spielen gegeben und sie dann immer wieder zu ihrem echten Schmuck gelegt.

Ich nahm diese Ringe heraus, besah sie lange und fand sie nicht besonders schön. Mein Blick ging prüfend über die echten Ringe, die funkelnd und blitzend auf rosa Watte lagen. Sie gefielen mir viel, viel besser, und sofort war mein Entschluß gefaßt. Ich löste den Knoten der Schnur mit den unechten Ringen und begann ganz gedankenlos Großmutters schönste Ringe, es waren deren acht, auf die Schnur zu ziehen. Dann band ich sie fest zusammen, steckte sie in die Tasche, schloß den Kasten, stellte ihn wieder auf die 183 Kommode und ging davon – auf den Dorfplatz zu den Zigeunern.

Die Frau schien auf mich gewartet zu haben. Als sie mich sah, winkte sie mir schon von weitem geheimnisvoll zu, ich sollte ihr folgen. Sie ging in eine kleine Seitengasse, die zwischen hohen Stallmauern lag, und ich trottete hinter ihr her. An einer ganz einsamen Stelle setzte sie sich auf einen Stein und sagte: »Nun Ringe zeigen, ja? Hier niemand sehen und du niemand sagen. Mein Mann sonst mich totschlagen . . .« Ich versprach ihr alles und holte die Ringe heraus.

Sie sah sie lange an, jeden einzelnen und sagte, sie seien sehr schön, aber nicht viel wert, und dann nach einer Weile zog sie mich dicht zu sich heran und flüsterte: »Du gern Karussell fahren? . . . Gut . . . du mir geben ein paar Ringe . . . und du Karussell fahren bis Abend . . . ohne Geld. Du wollen?«

Das war ein überwältigendes Angebot, und doch ging es mir wie eine dunkle Warnung durch den Kopf, und ich sagte: »O ja, alle meine Ringe kann ich geben, nur nicht die von der Großmutter.« Da tat sie, als wäre sie beleidigt: »Aber nein . . . nur von die schlechte Ringe . . . Nie ich nehmen Ringe von Großmutter . . . nie . . .«

Dann stand sie auf, sagte, ich sollte einen Augenblick warten, sie komme gleich wieder. Sie wolle nur die Ringe von der Großmutter schön für mich einpacken und die anderen von der Schnur nehmen. Und ich blieb vertrauensselig 184 sitzen und wartete. Sie kam auch gleich wieder, steckte mir ein hübsch gebundenes Päckchen in die Hand und sagte: »Hier, Ringe von Großmutter, aber nicht verlieren! Und jetzt du schwören, daß keine Mensch sagen von Ringen, dann du fahren bis Abend.« Ich steckte das Päckchen in die Tasche und schwur dem Weibe »auf Ehre« und »bei der Hölle«, daß ich niemand etwas von den Ringen sagen werde. Ich glaubte ihr nämlich aufs Wort, daß ihr Mann sie totschlagen würde, wenn er wüßte, daß sie mich ohne Geld fahren ließ.

Und dann fuhr ich eben »umsonst« Karussell, zehnmal, fünfzehnmal, bis es dunkel wurde.

Mein Heimweg war wieder mehr als seltsam, denn dieses Mal kam zu dem körperlichen Unbehagen, das sich aber ganz anders äußerte als am Abend vorher, auch ein schwerer Druck im Herzen. Die verschenkten Ringe und der Schwur, niemand etwas davon zu sagen, den ich in der Dunkelheit noch einmal hatte tun müssen, eine große Scheu vor der Großmutter, die ja nicht wissen durfte, daß ich wieder und dazu so entsetzlich oft gefahren war, alles das beklemmte mich.

Als ich nach Hause kam, hantierte die Großmutter in der Küche herum. Ich schleppte mich mühsam in die Stube, schloß das Päckchen Ringe in den Schmuckkasten und legte mich, zu Tode erschöpft, aufs Sofa. Als ich wieder zum Bewußtsein erwachte, waren zwei ganze Tage vergangen. Die Großmutter befand sich in großer Sorge um mich. Sie sagte, sie habe geglaubt, es sei eine 185 Gehirnentzündung, aber glücklicherweise sei es nur ein hitziges Fieber gewesen, und sie wisse nun auch dessen Grund. Man habe ihr erzählt, daß ich einen ganzen Nachmittag lang Karussell gefahren sei, und ich sollte ihr um Gotteswillen sagen, wer denn für mich bezahlt habe. Da gestand ich, ohne an den Schwur zu denken, daß ich der Zigeunerin von den Ringen, mit denen sie mich immer habe spielen lassen, ein paar geschenkt, und daß ich dafür umsonst Karussell gefahren sei.

»Ringe?« schrie die Großmutter. »Ringe hast du dafür gegeben?«

Sie war bleich geworden und sprang auf. Dann eilte sie geradeswegs in die Stube und öffnete ihren Schmuckkasten, und dann – kam eben alles heraus. Die unechten Ringe lagen in dem Päckchen, und die echten, teuren Ringe waren weg.

Unter Heulen und Schluchzen erzählte ich den ganzen Vorgang. Die arme Großmutter war wie vernichtet. Sie trat dicht an mich heran, sah mir schrecklich wild ins Gesicht, packte mich an beiden Armen und wiederholte, schwer Atem holend, mit ganz verschiedener Betonung dreimal hintereinander: »Oh, du unglückseliges Geschöpf!« Das erstemal zog sie das »O« in unendliche Länge. Das zweitemal legte sie den schwersten Nachdruck auf »unglückseliges«, und das drittemal betonte sie dumpf und langsam jedes einzelne Wort. Dann ließ sie mich los und jagte hinaus.

Ich wartete Stunde um Stunde auf ihre Wiederkehr. Vergebens. Meine Phantasie ging auf 186 furchtbaren Wegen. Ich dachte, die Großmutter würde nie mehr wiederkommen, sie würde sich von der hohen Brücke hinter dem Dorf hinunterstürzen oder sonst etwas Schreckliches tun. Die Nacht, die Einsamkeit und die Stille im Hause jagten mir entsetzliche Furcht ein und malten mir die gräßlichsten Bilder vor die Seele.

Endlich – endlich, aber gegen Mitternacht, kam sie doch wieder; aber nicht in die Schlafstube, sondern sie setzte sich ins Wohnzimmer, und ich hörte deutlich, wie sie bitterlich weinte. Da sprang ich aus dem Bett, ging leise in die Stube, stellte mich dicht neben sie hin und schluchzte ebenfalls ganz fürchterlich mit ihr. Sie blickte auf und sah mich mit einem kalten, verlorenen Blick an und sagte dann langsam: »Jetzt« – sie betonte das »Jetzt« scharf, »jetzt sind wir durch dich ganz arme Leute geworden. Merke es dir, durch deine Schuld, und ich werde es dir nie verzeihen. Ich mag dich überhaupt nicht mehr sehen . . .« Und sie schob mich von sich weg und schickte mich ins Bett.

Nach diesem Abend war die Großmutter lange Zeit nicht mehr wie früher mit mir. Sie sprach nur das Notwendigste und befahl mir kurz und hart jeden Tag, was ich zu tun hatte. Aber nach und nach änderte sich auch dieses wieder. Sie konnte ja ihre Liebe nicht verleugnen, und obwohl sie gesagt hatte, daß sie mir nie mehr verzeihen würde, tat sie es doch, und zwar so gründlich, daß sie nach Verlauf einiger Wochen sogar 187 alle Schuld auf sich nahm. Sie sagte, sie hätte ihren Schmuck eben besser verwahren, die unechten Ringe nicht zu den echten tun und mich nicht mit ihren Ringen spielen lassen sollen.

Sie sprach oft mit mir über diese traurige Sache, und ich erfuhr auch; daß die gestohlenen Ringe für unsere Verhältnisse ein ganz großes Vermögen dargestellt haben. Es waren Ringe von den liebsten Angehörigen gewesen, manche fast hundert Jahre in der Familie und noch dazu Ringe mit den kostbarsten Steinen und Perlen.

Die Großmutter hatte den Diebstahl an jenem Abend sofort der Polizei gemeldet, aber die Zigeuner hatten das Dorf längst verlassen, und alle Nachforschungen nach ihrem Aufenthalte waren erfolglos geblieben.

Die letzte Spur wies über die Grenze ins Italienische hinein.

Immer am Schluß, wenn die Großmutter mit mir über dieses betrübende Ereignis gesprochen hatte, sah sich mich mit einem langen, nachdenklichen Blick an, strich mir ein paarmal übers Haar und murmelte kopfschüttelnd: »Was werde ich mit dir noch alles erleben müssen!« Und ich fühlte mich dann auch jedesmal als der armseligsten Sünderinnen eine.

 


 

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