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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 15
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Kinderfreundschaften

Als wir in der fünften Klasse und elf Jahre alt waren, schwärmten wir insgesamt für ein und denselben Knaben. Der Glückliche hieß Paul Graber und war der Sohn eines reichen Hoteliers. Es war leicht zu verstehen, daß wir uns ohne Ausnahme für ihn entschieden, denn vor ihm verblichen die anderen Mitschüler wie die Sterne vor der Sonne.

Als Sohn eines Hotelbesitzers, in dessen Hause sogar gekrönte Häupter als Gäste weilten, mußte er stets fein und elegant gekleidet sein. Seine Mutter war eine wunderschöne Frau und der Junge ihr Ebenbild. Sein Gesicht war weiß und rosig, seine grauen Augen strahlend wie Sterne, seine Nase fein geformt, und wenn er lachte, erschienen zwei reizende Grübchen auf beiden Wangen. Klüger als die anderen Knaben war er nicht, vielleicht ein wenig weicher, denn wenn der Lehrer ihn tadelte, schluchzte er so heftig, daß es ihn schüttelte und er uns allen furchtbar leid tat.

Mit uns in derselben Klasse war auch eine Kusine von ihm. Sie hieß Gretli Simmen und war meine intime Freundin. Wenn ich manchmal zu ihr von ihrem Vetter schwärmte, war sie meistens 164 still. Sie nahm die Sache nicht sehr wichtig, war sie doch mit dem Jungen sozusagen aufgewachsen, und er galt ihr wohl nicht mehr als ein Bruder. Daß sie zusammengehörten, zeigte sich nur dann, wenn er angegriffen wurde und sie ihn scharf und kräftig verteidigte, genau so, als ob man sie persönlich beleidigt hätte.

Um das kleine Ereignis, von dem ich erzählen will, verständlich zu machen, muß ich hier etwas über unsere gegenseitige gesellschaftliche Stellung einflechten. In unserem Dorfe gab es genau nach seiner Häuserteilung Alt- und Neudörfler, und es galt als eine ausgemachte Tatsache, daß letztere geachteter und eben mehr »wert« waren als erstere. Die Altdörfler wurden kurzwegs als arme und die Neudörfler als reiche Leute betrachtet. Der Wahrheit gemäß verhielt sich die Sache so: im Neuen Dorfe standen die viereckigen, stillosen Häuser mit ihren Läden recht langweilig, aber doch stolz in Reih und Glied nebeneinander, und ein ganz Armer wohnte dort nicht, obwohl es da Leute gab, die mehr Schulden als Haare auf dem Kopfe hatten. Im Alten Dorf dagegen gab es hier und dort zwischen traulichen Obstgärten noch recht behäbige Bauernhäuser; sogar das Schulhaus stand da, aber eben auch das Armenhaus. In unserer Klasse war ich die einzige Altdörflerin, aber es hatte sich noch nie etwas zugetragen, das mich irgendwie hätte kränken können. Vielleicht rührte dies daher, daß ich mich mit brennendem Ehrgeiz seit dem Beginne meiner Schulzeit zur 165 Klassenersten emporgeschwungen hatte und von allen wegen meines »Einflüsterns«, besonders in der Rechenstunde, geschätzt wurde. In meinem Herzen aber wußte ich ganz genau, daß ein Altdörfler nie vor, sondern immer hinter einem Neudörfler marschieren mußte, und ich war, wenn die Rede darauf kam, sehr feinhörig und auch leicht verletzt.

Dadurch, daß in den fünf Schuljahren noch nicht eine einzige Zwei, sondern lauter Einsen in meinem Zeugnis standen, war in mir langsam die Wunde, daß ich eine Altdörflerin war, vernarbt. An ihrer Stelle aber wuchs eine kleine, giftige Blume empor, nämlich der Eigendünkel, und dieser wuchs noch viel mehr, als zu meinem eigenen, nicht geringen Staunen der Paul Graber, dieser feine Junge, mich vor allen anderen auszeichnete.

Zu jener Zeit sammelten wir mit großem Eifer Bilder, und ich, die ich alles ein wenig leidenschaftlich betrieb, hatte bereits über vierhundert davon und verdankte diese hohe Zahl nicht zum wenigsten dem Paul Graber, brachte er mir doch fast regelmäßig jeden Tag ein oder zwei wunderhübsche Bildchen. Ich war stolz und selig, und meine Liebe zu ihm wuchs mit der Zahl der Bilder.

Plötzlich hörte ich eines Tages, daß meine Klassengenossen, Knaben und Mädchen, die im Neuen Dorfe wohnten, eine Art Verein gegründet hatten und jeden Abend von fünf bis sechs Uhr abwechselnd in den Gärten der verschiedenen 166 Häuser spielten. Daß man mich dazu nicht einlud, wurmte mich mächtig. Um meine Qual zu vergrößern, erzählten sie jeden Morgen in der Pause, wie schön es am vorhergehenden Abend wieder gewesen sei und taten so, als ob ich sie überhaupt nichts anginge. Als ich eines Tages mit dem Beteli Weiß allein auf dem Schulhofe war, sagte ich nicht ohne heftiges Beben in der Stimme über meinen kühnen Versuch: »Warum kommt ihr nicht einmal auch zu mir? In unserem Baumgarten kann man besser als irgendwo spielen.« Da antwortete das Beteli, die immer zu mir hielt: »Das habe ich auch schon gesagt, aber die anderen wollen nicht, und schuld daran ist nur der Paul Graber.« Sie rückte mir näher und sagte leise: »Weißt du, was er gesagt hat, als wir dich auch zum Spielen einladen wollten?« Mir lief es eiskalt über den Rücken, und ich antwortete gepreßt: »Nein. Was hat er denn gesagt?« Und sie erwiderte: »Er hat gesagt, er wolle keine Altdörflerin beim Spielen. Alle Altdörfler riechen nach armen Leuten, und wenn wir dich einladen würden, so mache er nie mehr mit.« Ich sagte darauf so gelassen wie möglich: »Was der sagt, ist mir ganz gleich. Im Alten Dorf gibt's Kinder genug zum Spielen.«

Im Herzen aber war es mir gar nicht gleichgültig, im Gegenteil, da tat es mir so weh, daß ich mich arg zusammennehmen mußte, um nicht bitterlich zu weinen. Mein bißchen Glück und meine kleine Seligkeit waren wie ein Flämmchen im 167 Winde erloschen, und in meiner Seele blieb nichts als eine grenzenlose Scham. Ich ging mit dem beelendenden Gefühl in die Klasse, verachtet und ausgestoßen zu sein und war sehr unglücklich.

Langsam, langsam aber begannen meine Gedanken sich zu sammeln, und ich überlegte: »Also war das ja alles Heuchelei . . . die ganze Freundschaft! Falsch war er, nichts weiter, der Paul Graber, falscher als jeder andere! Falschheit auch das ganze Bilderschenken!« Je mehr ich mir diese Falschheit vorstellte, um so mehr änderten sich meine Gefühle. Sie wandelten sich in Empörung, ja zuletzt in eine Wut, die mir beinah wohltat, und die sich irgendwo austoben wollte. Fürs erste kam in der Rechenstunde kein Wort mehr über meine Lippen, was zur Folge hatte, daß der Lehrer den Paul öfter zum Mitmachen aufforderte. Der Junge drehte sich ein paarmal hilfeflehend nach mir um, aber ich sah über ihn weg, als ob er Luft wäre.

Auf dem Heimwege faßte ich einen großen Entschluß. Als ich nach Hause kam, holte ich meine Bilder hervor, suchte sorgfältig jedes Bildchen heraus, das der Paul mir geschenkt hatte, zerriß es in lauter kleine Fetzen und sammelte die Schnitzel in eine große Pappschachtel. Als ich damit fertig war, aß ich tüchtig zu Mittag und ging dann bald mit klopfendem Herzen und mit besagter Schachtel in die Schule. Der Paul Graber kam ziemlich spät und begab sich sofort in die Klasse. Ich schritt dicht hinter ihm her. Wir 168 waren ganz allein. Da nahm ich meine Schachtel, öffnete sie und fragte: »Du Paul, ist es wahr, daß du gesagt hast, daß du nicht mitmachst, wenn ich mitspiele, weil ich eine Altdörflerin bin?« Er drehte sich mir zu, sah mich an, erschrak sichtlich und wurde rot. Einen Augenblick schwieg er, und ich griff schon nach dem Haufen Papierfetzen in der Schachtel. Dann trotzte er: »Ja, das habe ich gesagt, und das hat mir niemand zu verbieten.« »Nein«, antwortete ich, »das verbietet dir auch niemand, aber sieh mal, du willst mich nicht zum Spielen, und ich will deine Bilder nicht mehr.« Und mit diesen Worten warf ich ihm die zerfetzten Bilder ins Gesicht, eine Hand voll nach der andern, bis die Schachtel leer war. Er wehrte mit beiden Händen ab, spuckte aus, was ihm in den Mund flog, und wollte sich gerade auf mich stürzen, als es läutete und die Klasse geordnet mit dem Lehrer hereintrat.

Wir standen hochrot im Gesicht wie zwei Kampfhähne da, zwischen uns der Boden mit lauter Fetzen bedeckt.

Die Schüler setzten sich. Der Lehrer sah uns beide an und fragte streng: »Wer hat das getan?« Dem Paul liefen schon die Tränen, und er stotterte: »Die Maja hat sie mir an den Kopf geschmissen. Ich habe ihr gar nichts getan.« Da heulte auch ich los und sagte: »Er hat gesagt, die Altdörfler riechen alle nach armen Leuten, und da habe ich ihm seine Bilder zurückgeworfen.« Der Lehrer verstand augenblicklich. Er ergriff den 169 Paul wie zum Scherz am Ohr und sagte: »So, dann rieche ich also auch nach armen Leuten? Ich wohne ja auch im Alten Dorf, und unsere schöne Schule? Wo steht denn die anders?«

Es erfolgte keine Antwort. Man hörte nur das Schluchzen und Schneuzen von uns beiden. Da befahl der Lehrer: »Ihr beiden sammelt sofort die Papiere zusammen!«

Die Zeichenstunde begann. Wir zwei aber krochen auf den Knien am Boden herum und suchten mühsam die kleinen Fetzchen zusammen. Als das letzte Häufchen im Papierkorb verschwunden war und wir wartend an der Tafel standen, sagte der Lehrer schmunzelnd: »So, nun gebt einander die Hand, damit man sieht, daß sich das arme Alte Dorf mit dem reichen Neuen Dorfe versöhnt hat.«

Das gab uns beiden aber einen gewaltigen Ruck. Ich trat erschrocken einen Schritt zurück und antwortete bestimmt: »Dem gebe ich nie mehr die Hand.« Und der Paul stand ebenfalls wütend da, hielt beide Hände auf dem Rücken verschränkt und schüttelte den Kopf. Da lachte der Lehrer und sagte: »Dann setzt euch in Gottesnamen und zeichnet!«

So endete meine Liebe zu meinem Schulfreunde Paul Graber.

Ein Leid kommt aber selten allein. Das sollte ich mit bitteren Schmerzen noch in der gleichen Woche erfahren. Am Morgen nach diesem stürmischen Tage hatten wir ganz unerwartet Schulinspektion. Als wir in die Klasse traten, stand der 170 Inspektor, ein behäbiger Bauer mit Brille, Vollbart, einem Anzug aus grauem Bündnerstoff und dicken, derb genagelten Schuhen schon an der Wandtafel und schrieb: 1. Die Heuernte. 2. Der Kirschbaum. 3. Der Löwe von Florenz. Das waren die Themata zu einem Prüfungsaufsatz, die wir nach Belieben auswählen konnten.

Gretli und ich waren von jeher als die besten Aufsatzschreiberinnen bekannt. Obwohl aber der Lehrer Gretli und meine Aufsätze immer gleich lobte, war ich doch fest überzeugt, daß sie besser schrieb als ich. Ich hatte mich mit einer so innigen Liebe an dieses Mädchen angeschlossen, daß ich alles über die Maßen gut und richtig fand, was sie tat. Ich vertraute ihr grenzenlos, war überglücklich, wenn sie mich besuchte und tat ihr so viel zuliebe, als ich nur konnte.

Wir saßen in der Schule immer zusammen, so auch an diesem Morgen. Gretli bedeutete mir sofort, daß sie das erste Thema, »Die Heuernte«, wähle. Sie hatte schon längst mit ihrer zierlichen Schrift zu schreiben begonnen, während ich immer noch überlegte. Plötzlich erinnerte ich mich, daß ich ja selbst das dritte Thema einmal in der Schule als Klassenaufsatz gemacht hatte. Sofort gedachte ich, die Arbeit einmal durchzulesen. Ich suchte in meiner Mappe, fand aber das Heft nicht mehr. Da stieß ich meine Freundin an: »Du, ich schreibe den Löwen von Florenz. Willst du mir, bitte, dein Heft einen Augenblick borgen, damit ich deinen Aufsatz einmal durchlesen kann. Ich 171 habe meinen nicht hier.« Gretli rührte sich nicht und schrieb weiter. Erst als ich sie noch einmal bat, langte sie zögernd in ihre Mappe und reichte mir ihr Heft mit abgewandtem Gesicht. Ich las den Aufsatz flüchtig durch und gab ihr das Heft sofort zurück. Mir kamen nun die Gedanken und Sätze wie hergeflogen, und ich ordnete sie mit Leichtigkeit zu einer langen Arbeit. Als wir fertig waren, gaben wir die Hefte dem Inspektor und gingen nach Hause. Am Nachmittag war die mündliche Prüfung. Nicht ohne Bangen saßen wir wartend in der Klasse. Der Inspektor kam. In der Hand trug er unsere Aufsätze. Mein Heft war das oberste, und ich zitterte gewaltig vor der Beurteilung. Aber was geschah? Wie Himmelmusik drang es in mein Ohr. Der gestrenge Inspektor lobte meinen Aufsatz als den besten der ganzen Klasse, zeigte ihn den ihm zunächst sitzenden Schülern und forderte alle auf, ein Beispiel daran zu nehmen, denn die übrigen Arbeiten seien nur leidlich, einige sogar recht übel ausgefallen. Meine Freude war grenzenlos. Als ich aber nach der Schule mit dem Gretli einen Augenblick sprechen wollte, sah sie mich bitterböse an, sagte wütend: »Laß mich doch in Ruhe!« und wandte mir den Rücken. Ich war ganz erschrocken. Was hatte sie nur? Ich war mir nicht der geringsten Schuld bewußt. Ein wenig betrübt, aber doch im Herzen recht glücklich über meinen Erfolg ging ich nach Hause. Als die Großmutter meinen Aufsatz sah, griff sie in die Tasche und schenkte mir als 172 Belohnung einen blanken Zwanziger. Der Paul Graber und das Gretli Simmen waren für diesen Tag ganz vergessen.

Am folgenden Morgen betrat ich gleichzeitig mit dem Gretli den Schulhof. Ich begrüßte sie schon von weitem und ging freundlich auf sie zu. Sie aber erwiderte nicht einmal meinen Gruß, ging dicht an mir vorbei, ohne mich anzusehen, und lief ins Schulhaus hinein. Ich schritt langsam hinter ihr her und wußte mir das auf keine Weise zu deuten. Als ich in die Klasse kam, stand sie beim Lehrer am Pult und machte ein furchtbar beleidigtes Gesicht. Sie mußte ihm eben etwas mitgeteilt haben, denn der Lehrer sah von ihr weg gespannt auf mich, rief mich böse heran und sagte: »Das Gretli hat mir eben gesagt, du habest ihr gestern den ganzen Prüfungsaufsatz aus ihrem alten Hefte abgeschrieben. Das wäre ja ein schöner Betrug!« Er sah mich, wie mir schien, mit ganz gelben Augen an. Ich antwortete frei und offen, denn mein Gewissen war rein: »Ich habe den Aufsatz durchgelesen, das ist wahr, aber ich habe ihn nicht abgeschrieben.« »So, so?« näselte er giftig, »das gibst du also zu. Zeigt mir einmal die beiden Aufsätze!«

Gretli brachte ihr altes Heft und ich mein neues. Der Lehrer las und verglich lange. Ich wußte, daß nicht eine Wendung in den beiden Aufsätzen gleich war, und auch der Lehrer sagte, indem er uns die beiden Hefte zurückgab: »Abgeschrieben ist der Aufsatz nicht . . . aber . . .«, er wandte sich mit 173 schlecht verhehltem Mißfallen an mich, »wenn du schon immer die beste Schülerin sein willst, hättest du den Aufsatz vom Gretli auch nicht erst durchlesen dürfen.« – Damit ließ er uns stehen.

Mir klangen die Worte wie Hammerschläge in der Seele weiter. Ich sann ihnen nach und wußte plötzlich, daß der Lehrer recht hatte, aber trotzdem . . . mir tat alles so weh im Herzen. Meine liebste Freundin hatte mich verraten und auch verleumdet, und der Lehrer, statt mich ein wenig zu entschuldigen, hatte nur dieses vernichtende . . . »wenn du schon immer die beste Schülerin sein willst . . .«

Ich sah das Gretli an, die nun doch ein wenig befangen mit großer Umständlichkeit ihre Bücher auspackte, und sagte: »Aus Neid hast du gelogen, und nun weiß ich, daß du ganz schlecht bist. Ich werde es deiner Mutter sagen und nie mehr mit dir gehen.« Da lachte sie höhnisch auf und rief triumphierend: »Tu das nur! Meine Mutter wird dir schon heimleuchten! Sie hat mir ja befohlen, dich beim Lehrer zu verklagen.«

So war in die ersten, lieblichen Blüten meiner Kinderfreundschaften ein Reif gefallen. Durch ihn sind sie verdorben und gestorben.

Nur in der Erinnerung blühen sie hin und wieder noch einmal auf, aber immer schwingt ein leiser Klang der Wehmut mit. 174

 

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