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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 14
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Eine Leichensitzung

Die Schulglocke hatte längst geläutet. Wir warteten, schon ziemlich unruhig geworden, in der Klasse auf unsern Lehrer. Als er aber immer noch nicht kam, geschah, was stets geschieht, wenn ungezogene Kinder ohne Aufsicht sind. Eine regelrechte Schulschlacht begann. Mappen, Federschachteln, Tintenwischer, ja sogar Hefte und Bücher flogen hin und her. Aber plötzlich legte sich das wilde Getümmel wie auf Kommando, und aller Blicke richteten sich in grenzenlosem Staunen nach dem großen, grünen Kachelofen an der Wand, denn neben diesem stand, wie von unsichtbarer Hand hingestellt, ein ganz fremder Knabe.

Er war etwas größer und in der Kleidung ein wenig feiner als unsere Jungen. Er trug einen dunkelblauen Anzug mit langen Hosen und einen blendend weißen Umlegkragen mit einer leuchtenden Krawatte. Das Gesicht war von krankhafter Blässe, die Lippen schmal und farblos, die Nase auffallend kurz und häßlich breit, die Stirn niedrig, und der Hinterkopf stieg merkwürdig spitz empor. Der Junge sah hartnäckig zu Boden und gehabte sich ganz kurios. Den Zeigefinger der linken Hand hatte er in den Mund gesteckt, 149 und die rechte Seite seines Körpers preßte er ängstlich an das hölzerne Ofengitter. Es sah aus, als ob er in den Ofen hineinkriechen wollte. Wir waren nahe daran, »loszuplatzen«, aber da öffnete sich auch schon die Tür, und unser Lehrer trat herein. Sofort wurde es mäuschenstill. Er überflog die Klasse mit strengem Blick, legte dann dem fremden Jungen die Hand auf die Schulter und sagte zu uns, daß wir nun einen neuen Mitschüler bekämen. Er wohne in Ladeis, heiße Sebastian . . . und sei noch nie in einer Schule gewesen. Er hoffe aber, daß er sich hier gut einleben werde, und von uns erwarte er, daß wir uns alle recht nett und anständig gegen ihn betrügen. Dann wies er ihm den ersten Platz in der ersten Bank dicht vor seinem Pulte an.

Da hielt ich die Hand auf und fragte: »Wie heißt er denn?« Aber ganz unerwarteterweise erwiderte der sonst immer freundliche Lehrer ärgerlich: »Ich habe es doch schon gesagt.« Ich antwortete leise: »Ich habe es aber nicht verstanden«, und der Lehrer darauf scharf: »Dann hättest du besser aufpassen sollen.« Ich fuhr ein wenig zusammen und wagte nicht mehr, mich zu rühren.

Die Stunde begann mit Kopfrechnen. Der Neue löste die Aufgabe mit überraschender Schnelligkeit. Wir alle, sonst recht gute Rechner, waren ganz kleinlaut. In der darauffolgenden Geschichtsstunde ging es uns nicht besser, und wir konnten die Pause kaum erwarten, um uns über diesen Neuen auszusprechen.

150 Unsere Klasse war damals sehr klein. Sie bestand nur aus vier Knaben und drei Mädchen. Es waren dies Johannes Lang, der älteste und anerkannt klügste von uns allen, Peter Caminada, der jeden tollen Streich blindlings mitmachte, Jaköbli Eisenring, der einzige katholische und nach unserer Ansicht wirklich fromme Junge in unserer Schule, Adölfli Schreiber, der Sohn eines Apothekers, Rosina Mengelt, Dorli Kraft und meine Wenigkeit, die bei allen Untaten eine Hauptrolle spielten. Wir hielten wie »Pech und Schwefel« zusammen, und ein Unrecht, das einem geschah, empfanden alle anderen, als wäre es ihnen selbst widerfahren.

Wir standen also in dieser Pause ziemlich aufgeregt in einer Ecke des großen Hofes zusammen. Ich war mürrisch und ärgerlich über den Anschnauzer des Lehrers und über diesen »Ausbund von Klugheit«.

Johannes Lang merkte es gleich und sagte: »Du, sei kein Schaf! Ich will dir ganz genau sagen, warum dich der Lehrer so angefahren hat. Er wollte den Namen dieses Blaßgesichtes nicht zum zweiten Male sagen.«

»Wieso?« Wir sahen ihn fragend an. Da lachte er hellauf und sagte, er habe den Namen sofort verstanden, und wir sollten nun gut aufpassen, er wolle ihn langsam, ganz langsam wiederholen. Und dann begann er, jede Silbe betonend: »Diese neue Milchsuppe heißt Sebastian Kotzmian.« Wir sahen uns verständnislos an. Da schimpfte er: 151 »Ja, versteht ihr denn nicht? Er heißt eben . . . Kotz . . . mi . . . an!«

»Oh . . . !« Nun lachten wir alle unbändig. Nein, so was! Kotzmian! Kotzmian! Wir schrien es in allen Tonarten, und Dorli Kraft versicherte »heilig und auf Ehre«, daß sie dieses Scheusal, das sich sonst was einbilde, nie, nie anders nennen würde als »Kotz . . . mi . . . an«. Auch wir versicherten das, und so hatten wir denn dem Knaben, der ahnungslos oben in der Klasse beim Lehrer saß und sich vorbildlich über alles in der Schule informierte, bereits seinen guten Namen zum Spott- und Uebernamen gestempelt. In Wirklichkeit hieß er nämlich gar nicht Kotzmian, sondern Cosmiran, und Johannes Lang, der Witzbold, allein war es, der diesen schön klingenden Namen so arg verstümmelt verstanden haben wollte.

Es war nun so und nicht anders. In jeder Stunde zeigte es sich von neuem: Sebastian Cosmiran war nicht nur in allen Fächern besser vorbereitet, sondern er war auch intelligenter als wir alle zusammen. Wir gaben das gern und willig zu, hätten wahrscheinlich auch den bösen Uebernamen bald wieder vergessen, hätten den Knaben nach Kindesart bewundert und ihn gern als achten im Bunde aufgenommen, allein er verdarb sich alles selbst bei uns. Er zeigte während des Unterrichts ein Gebaren, das uns derart aufreizte und mutlos machte, daß ganz unvermerkt ein eigentümlicher Geist in die Klasse kam.

Wenn der Lehrer einmal eine schwierige 152 Frage stellte, dann drehte und streckte sich dieser Junge nach allen Richtungen, sah jedem einzelnen von uns gespannt ins Gesicht, und wenn er dann unsere Dummheit gewahrte, ging ein ganz eigentümliches Grinsen über seine häßlichen Züge; er erhob sich ein wenig, beugte seinen Oberkörper über die Tischplatte, streckte Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand wagrecht aus und meldete sich in ungestümer und schadenfroher Weise. So schnell wie er konnte keiner von uns kombinieren und Schlüsse ziehen. Er antwortete immer richtig und geordnet, und der Lehrer lobte ihn andauernd. Seine Aufsätze waren die besten, seine Schrift die schönste, sein Heft das sauberste und er weitaus der klügste Schüler.

Vielleicht hätten wir sogar sein Gehaben, seine unverkennbare Schadenfreude und sein höhnisches Gekicher geduldig ertragen, wenn er sonst ein guter Kamerad gewesen wäre, aber auch das war er nicht. Er spielte niemals mit uns, denn er behauptete stets mit einem unnachahmlich frommen Augenaufschlag, es könnte dabei irgendetwas geschehen. Er paßte aber scharf auf, und geschah es einmal, daß zwei sich stritten, oder daß einer gar den andern zu Boden schlug, und kam die Sache vor den Lehrer, dann trat jedesmal dieser Junge ungerufen vor und meldete sich zur Aussage, er könne alles der Wahrheit gemäß berichten, denn er habe es mit angesehen. Die Wahrheit sagte er wohl, und mancher bekam seinetwegen eine harte Strafe, aber für uns wurde er dadurch 153 immer unausstehlicher. Wir hätten ihn am liebsten einmal ordentlich »verbläut«, aber eine große Scheu vor so viel Wissen und Tugend und auch vor dem Lehrer hielt uns davon zurück.

Unsere Klasse ging langsam, aber merklich rückwärts. Es war, als verlernten wir auch noch das, was der Lehrer uns mit Mühe schon beigebracht hatte. Wir meldeten uns wenig, fürchteten immer, etwas Falsches zu sagen, wußten, daß jede Anstrengung doch vergebens war, weil der Neue auch die besten von uns weit überflügelte. Wir wußten uns beim Spielen immer beobachtet, wurden häufig verklatscht, und deshalb tobten in uns richtig aufrührerische Gefühle, und es bedurfte nur eines geringfügigen Anlasses, um diese zum Ausbruch zu bringen.

Und eines Tages geschah es. Wir waren vorsätzlich ganz unvorbereitet in die Geschichtsstunde gegangen. Der »Kotzmian« wußte wie immer alles. Nun konnte es dem Lehrer auch nicht gleichgültig sein, wenn nur einer das Klassenziel erreichte und die übrigen, die sonst gute Schüler waren, plötzlich versagten. Der Lehrer wurde also rasend. Er schimpfte uns entsetzlich aus, sagte, er schäme sich für uns vor dem Cosmiran, zerschlug seinen Stock auf dem Pult, ließ uns eine volle Stunde allein und gab uns dann einen ganzen Sonnabendnachmittag Arrest.

Nachdem wir zu Hause auch noch gehörig ausgescholten worden waren und unsere Strafe abgesessen hatten, kamen wir gegen Abend auf 154 dem Dorfplatz zusammen, um uns hinter ein paar aufgestellten Teerfässern zu beraten. Wir waren alle darin einig, daß die Ursache aller Unannehmlichkeiten mit dem Lehrer der Neue war, und daß wir diesem endlich einmal ordentlich »eins stecken« wollten.

Der Johannes Lang hatte das Wort. Er sagte, verhauen könnten wir den »Kotzmian« nie, denn dazu gebe er uns keinen Grund, auch sei er ein so schwächliches »Gestell«, daß ihm doch fürs Leben was davon bleiben könnte, und wir fielen dann nur noch mehr in die Tinte. »Aber, wißt ihr was?« flüsterte er geheimnisvoll und überredend. »Wir wollen diesem Angsthasen mal unsere Leichen zeigen.« Das war etwas fein Ausgedachtes. Wir brachen in einen ganz tollen Jubel aus, und wir weinten Tränen vor Lust bei der bloßen Vorstellung, was dabei geschah. Johannes Lang fuhr fort: »Also, hört gut zu! Wir machen die Sache wie immer im Keller unter dem Schutthaufen hinter den alten Ställen. Jeder bringt ein Laken mit, du Adölfli noch den Schwefel aus der Apotheke und ich die Streichhölzer.«

Ich war ganz begeistert von dem Plane, aber mir kamen Zweifel: »Johannes, den kriegen wir ja nie dazu, daß er mit uns geht.«

Johannes Lang dachte einen Augenblick nach und sagte dann bestimmt: »Den kriegen wir so sicher wie wir heute den Arrest bekommen haben. Wir müssen ihn einfach neugierig machen, und damit er uns glaubt, wollen wir zwei Parteien 155 bilden; die eine stellt sich dumm und läßt sich nur schwer von uns überreden mitzumachen. Der »Kotzmian« stellt sich dann sicher auf die eine Seite. Wir müssen es eben wirklich schlau anfangen.« Dann forderte er mich auf, am Montag früh mich ordentlich mit ihm zu zanken, aber erst, wenn er mir mit den Augen das Zeichen dazu gebe. Nachdem wir von ihm noch allerlei Verhaltungsmaßregeln bekommen hatten, zogen wir ab.

Am Montag morgen waren wir alle sehr früh auf dem Schulhofe versammelt. Der Cosmiran hatte einen weiten Weg und, um nicht zu spät zu kommen, erschien er manchmal lange vor der Zeit, so auch zu unserer größten Freude an diesem Morgen. Sofort begannen wir zu manövrieren. Heuchlerisch schlängelten wir uns an ihn heran, sprachen über Dinge, die auch ihn interessierten, und machten ihn so gewissermaßen warm. Dann erschien der Johannes Lang. Er erfaßte mit einem Blick die günstige Lage, sah mich an, kniff die Augen zu und begann: »Was sagt ihr dazu, daß ich imstande bin, jeden von uns als Leichnam im Grabe zu zeigen?« Ich antwortete sofort: »Du bist wohl verrückt und meinst, wir glauben, daß du so etwas kannst!« Da mischten sich aber alle übrigen ein und nahmen Partei für den Johannes Lang: »Was willst du sagen! Jeder von uns hat schon mindestens hundertmal seine eigene und die Leiche von den andern gesehen. Man muß es nur verstehen.« Da tat ich giftig: »Na, meine 156 Leiche habt ihr noch nie gesehen, und eure möchte ich wohl gern einmal sehen, aber ihr seid ja viel zu dumm, so etwas zu können. Meinst du nicht auch?« Ich wandte mich an den Cosmiran. Dieser hatte mit weitaufgerissenen Augen zugehört und fragte dann: »Was behauptet ihr also . . . ? Ihr wollt euch als richtige Leichen zeigen? So am hellen Tag? Ohne zu sterben?« Er winkte verächtlich ab, und ich fürchtete schon, die Sache falle ins Wasser. Da stellte ich mich noch erboster: »Gut, wenn ihr solchen Blödsinn behauptet, müßt ihr euch nicht wundern, wenn wir euch nachher ordentlich auslachen. Der Sebastian und ich sind bereit mitzumachen, aber wir glauben natürlich nicht das Geringste.« Der »Kotzmian« zögerte einen Augenblick. Ich hatte ihn wohl zu energisch in die Sache hineingezogen. Aber es war doch so: seine Neugier war geweckt, und er fragte: »Wo und wann gedenkt ihr denn das zu machen?« Da sagte der Johannes Lang: »Heute nachmittag nach der Schule im Keller unter dem Schutthaufen hinter den alten Ställen. Wer nicht mitmacht, ist eine Memme – und wer mitmacht, muß eine Bedingung erfüllen.«

Ich tat wieder sehr spitz: »Wird eine nette Bedingung sein! Du solltest dich wirklich nicht so aufspielen!« Der »Kotzmian« nickte zustimmend und echote: »Wirklich, du brauchst dich nicht so aufzuspielen. Die Sache ist ja doch nur Mumpitz!«

»So?« brüllte der Johannes wie ein Wütender, »entweder erfüllt ihr die Bedingung, und zwar 157 jetzt gleich auf der Stelle, oder ihr macht nicht mit.«

»Na, also, besänftigte ich, »was willst du denn von uns?«

Da antwortete er feierlich: »Wer eine solche Leichensitzung mitmacht, der schwört bei Vater und Mutter und bei der ewigen Seligkeit, daß er nie in seinem Leben jemand etwas davon verrät, und er hält den Schwur bis zu seinem Tode.«

Ich sah den »Kotzmian« lauernd an und fragte: »Was meinst du? Schwören wir?« Und er, der allezeit so gescheite und überlegende Junge, der immer behauptete, es könnte etwas passieren, und nie etwas mitmachte, schwur wirklich, indem er drei Finger der rechten Hand in die Höhe hob und in die Handfläche das Zeichen des Kreuzes machte, daß er keiner Menschenseele etwas von der Sitzung verraten würde, und ich schwur ebenfalls und fühlte mit großer Genugtuung, daß wir diesem klugen Jungen an List doch noch über waren.

Am Nachmittag erschienen wir alle mit einem kleine Paket in der Mappe oder unter der Schürze. Die Stunden schlichen entsetzlich langweilig dahin. Niemand paßte auf. Sogar der Cosmiran versagte. Um vier Uhr jagten wir davon, verschwanden hinter den Ställen und gelangten bald an den besagten Schutthaufen. Hier hatte einst ein Haus gestanden, von dem nach einem Brande nur der Keller übriggeblieben war. Der Eingang zu letzterem war halb verschüttet, und wir krochen nach 158 alter Gewohnheit auf dem Bauche zwischen einer kleinen Mauerwölbung und einem Schuttabhang in die Tiefe. Unten blieben wir hintereinander stehen, faßten uns an den Kleidern und schritten im Gänsemarsch in ein starkdunkles Verlies hinein. Der Johannes Lang zündete eine Kerze an und beleuchtet den Raum. In der Mitte befand sich ein ziemlich hoher, oben abgeplatteter Stein, rundherum lagen ebenfalls Steine als Sitzplätze. Jeder trat an einen heran und blieb stehen. Der Johannes sah sich im Kreise um und befahl dann mit dumpfer Stimme: »Adölfli Schreiber . . . schütte den Schwefel auf den Altar!« Das Adölfli trat näher und stülpte eine große Tüte auf der Steinplatte um. Weiter ertönte die dumpfe Stimme: »Kameraden! zieht eure Totenhemden an!« Wir machten unsere Pakete auf, holten die Laken heraus und warfen sie uns so über, daß nur das Gesicht frei blieb. Da packte mich der »Kotzmian« wie mit Krallen am Arm und schrie: »Kommt heraus! . . . Ich bleibe nicht mehr hier!!«

Nun aber ließ ich alle Verstellung fahren, schüttelte ihn derb von mir ab und fauchte ihn an: »Halts Maul! . . . Sonst kommt der Teufel!« Da wurde er still. Der Johannes Lang zündete den Schwefel an und löschte die Kerze aus. Auf dem Altar flackerten unheimlich unzählige blaue Flämmchen auf. Da brüllte der Johannes wieder: »Leichen! Kreuzt die Hände über der Brust und setzt euch!« Wir taten es.

Dann donnerte er den schlotternden 159 »Kotzmian« fürchterlich an: »Und du, neugieriger Menschensohn, setze dich diesem Kreise von Leichen gegenüber!« Der Junge setzte sich, und dann herrschte Totenstille. Wir sahen einander an, und die Veränderung unseres Aussehens begann merklich. Die Gesichter wurden in dem fahlen Schwefelscheine immer blässer und immer durchsichtiger. Der Scherz schien großartig zu gelingen. Leichen konnten kaum graulicher aussehen. Da aber ertönte mitten in die Stille hinein ein Schrei und dann noch einer und dann noch viele andere . . . gellend, stoßweise, durchdringend. Der Cosmiran war aufgesprungen, streckte die Hände mit ausgestreckten Fingern abwehrend gegen uns aus. Seine Augen waren wie verglast, und der Mund wie im Krampfe offen. So stand er da und schrie und schrie. Uns packte ein schreckliches Grauen. Wir rissen die Laken herunter und krochen keuchend aus dem unterirdischen Gewölbe heraus.

Der Johannes hatte den schreienden Knaben gepackt und vor sich her aus dem Gemäuer hinausgeschoben. Dann jagten wir nach allen Richtungen auseinander. Zum Glück hatte uns kein Mensch gesehen.

Ich hatte an diesem Abend ein sehr schlechtes Gewissen, und die andern wohl auch, denn wir schlichen am folgenden Morgen stillschweigend und gedrückt in die Schule. Niemand wußte, was aus dem Jungen geworden war. Zum Unterricht kam er wochenlang nicht mehr.

160 Im Dorfe gingen die schlimmsten Gerüchte. Eine Frau habe den Jungen halb ohnmächtig und ganz »blau angelaufen« auf dem Schutthaufen hinter dem Dorfe gefunden und ihn zu sich genommen, bis ihn die Eltern in der Nacht geholt hätten. Ein anderer erzählte, der Junge liege in einem furchtbaren Nervenfieber. Ein anderer wollte sogar wissen, daß er die Sprache verloren habe, und ein dritter sagte, er könne kein Glied mehr rühren. Zuletzt kam sogar die Nachricht, daß er am Sterben sei, und das Adölfli wollte »aufgeschnappt« haben, die Polizei suche nach den Uebeltätern, denn das sei klar, daß solche Dinge einen besonderen Grund hätten und nicht »von selbst« geschähen.

Unsere Angst und unsere Reue wuchsen in gleichem Maße. Wir wußten es wohl, ein Wort von Sebastian Cosmiran genügte, und wir waren für immer geächtet, kamen vielleicht gar ins Gefängnis.

Der einzige, der keine Angst zeigte, war das Jaköbli Eisenring. Er sagte, er habe sofort gebeichtet und die Buße auf sich genommen. Er bete seit jenem Tage jeden Abend den Rosenkranz fünfmal ab, und in vier Wochen seien ihm seine Sünden ganz vergeben. Wir wären furchtbar gern auch schnell katholisch geworden, aber leider ging das nicht.

Unser Betragen im Haus und in der Schule war in der Zeit tadellos. Wir hatten das Bedürfnis, uns irgendwie in ein gutes Licht zu setzen. Im 161 übrigen verging kein Tag, an dem wir uns nicht gegenseitig hoch und heilig schwuren, das Geschehene niemand zu verraten.

Da, eines Morgens, als der Unterricht schon begonnen hatte, tat sich plötzlich die Türe auf, und herein trat ganz so wie früher der Sebastian Cosmiran. Wir erschraken zu Tode. Der Lehrer begrüßte ihn herzlich und fragte nach dem Grunde seines Ausbleibens.

Er sei nervenkrank gewesen.

Wie denn das so plötzlich gekommen sei?

Mir wurde es heiß und kalt. Aber der Knabe antwortete mit niedergeschlagenen Augen, er wüßte es nicht; es sei ganz plötzlich gekommen.

Ein hörbares Aufatmen und Räuspern ging durch die Klasse. Der Lehrer sah verwundert auf. Der Sebastian setzte sich. Der Unterricht begann, und er war, was er immer gewesen, der Erste und Beste im Beantworten aller Fragen.

In der Pause sprachen wir leise zusammen. Wir fanden sein Verhalten über Erwarten großartig und versuchten uns langsam ihm zu nähern. Ich fragte ihn ganz zaghaft, ob er nicht mit uns spielen wolle. Da aber sah er mich und dann die anderen der Reihe nach mit einem langen, prüfenden Blick an und antwortete langsam: »Verraten tue ich euch nicht, denn ich halte meinen Schwur, aber mit euch spielen?« Der Ausdruck grenzenloser Verachtung lag auf seinem Gesicht. »Niemals! Denn ihr seid nicht nur dumm und ungezogen – ihr seid auch gemein

162 Wir waren von der Wahrheit dieses Wortes so überzeugt, daß wir uns still zurückzogen und uns von da an nicht mehr um ihn kümmerten.

Im folgenden Jahr übersprang er wegen seiner glänzenden Leistungen eine Klasse, und das war gut. Wir wurden wieder die alten Schüler, die mit Lust und Liebe lernten.

Wir haben später noch oft gemeinsam allerlei wilde Streiche ausgeführt, aber »Leichensitzungen« haben wir keine mehr abgehalten. 163

 

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