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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 13
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Das erste verdiente Geld

Ein weicher, warmer Sommerabend wob über Hecken, Wiesen und Wälder die feinen grauen Schleier der Dämmerung. In unserem Hause schlichen Krankheit und Not wie böse Geister umher. Heimlich und plötzlich wie Diebe in der Nacht waren sie gekommen.

Die Großmutter lag im Bett und blickte mit großen, glänzenden Augen durchs offene Fenster in das fahle, sinkende Tageslicht. Sie fieberte, fror und hustete ununterbrochen seit mehreren Tagen. Ich saß neben ihr, hielt ihre Hand in der meinen und streichelte sie, während mir das verhaltene Schluchzen schier den Atem nahm. Es war das erstemal, seit ich denken konnte, daß sie krank im Bette lag, und das Ungewohnte flößte mir eine namenlose Angst und Traurigkeit ein und machte mich lächerlich unbeholfen.

Meine Gedanken flatterten wie gefangene Vögel umher, suchten einen Ausweg und fanden keinen. Niemand sah nach uns, und ich fühlte mich grenzenlos einsam und verlassen.

Als ich nach einer Weile merkte, daß die Großmutter eingeschlafen war, ging ich vor das Haus. Mir war es, als müßte mir draußen von irgendwoher die ersehnte Hilfe kommen.

140 Der Abend war herrlich. Ein süßer, schwerer Duft wehte aus dem Garten zu mir. Dunkel und feierlich standen die Wälder, und über ihnen segelten weiße und rosafarbige Wolken am tiefblauen Himmel dahin. Mir wurde ganz andachtsvoll ums Herz, und wie ich so selbstvergessen und hingerissen und doch voll banger Traurigkeit zu den schönen, stillen Bergen meiner Heimat sah, fiel mir auf einmal ein Spruch aus der Bibel ein, und der hieß: »Bis hieher hat uns der Herr geholfen, er wird es wohl auch weiter tun.« Meine Gedanken gingen hinein zu der Großmutter, und da kam die tiefe Bedeutung dieser Worte wie eine Erlösung über mich. Welch ein Trost lag in ihnen! Es war, als ob ein belebender Sonnenstrahl meine Seele getroffen habe, denn Hoffnung und Zuversicht erfüllten plötzlich mein gequältes Herz.

Ich setzte mich auf die Bank und sah sinnend hinauf zu den weißen Firnen, faltete die Hände und begann eine innige Zwiesprache mit dem, den ich dort oben hoch über aller Welt auf goldenem Throne wähnte.

Da traten mitten in meine Andacht zwei Mädchen aus dem Walde. Es waren die Margret Denz und die Frida Weiß aus dem Armenhause. Sie trugen schwere Bündel dürren Holzes auf dem Rücken und gingen barfuß und in zerrissenen Röcken. Dicht vor mir warfen sie ihre Bürden auf den Boden und setzten sich darauf. Sie gingen beide mit mir in die Schule, und ich mochte sie 141 gern, denn sie waren ein paar gutmütige Kinder, die niemals zankten und sich in alles fügten.

Die Margret stöhnte und wischte sich mit dem Aermel über das Gesicht. Sie taten mir furchtbar leid, und ich fragte: »Habt ihr so schwer zu tragen?« Sie nickten beide und blickten traurig vor sich hin.

Dann aber berichtete die Margret: »Du, morgen gehen wir in die Beeren. Willst du nicht mitkommen?« Und die Frida fügte verheißungsvoll hinzu: »Ich sage dir, damit kann man Geld verdienen.«

Ich horchte hoch auf. Geld verdienen? Du gütiger Gott! Wenn mir jemand dazu verhelfen wollte! Die Großmutter brauchte ja schrecklich notwendig eine gute Medizin für den Husten . . . aber wir hatten gar kein Geld, und wenn ich nun . . .

»Ja«, sagte ich freudig, »ich gehe mit euch. Aber kennt ihr denn auch wirklich gute Plätze?«

»O«, erwiderte die Frida bedeutungsvoll, »ich sage dir, die feinsten, die man sich denken kann. Kein Mensch kennt sie, aber wir müssen uns früh auf den Weg machen, so um fünf Uhr herum, sonst kommen uns andere vielleicht doch noch zuvor.«

»Ich komme . . . ich komme ganz bestimmt«, erklärte ich nun entschlossen. »Aber wo verkauft man denn die Beeren?«

»Nein, bist du aber dumm!« lachte die Margret. »Doch im Hotel, wo denn sonst!«

142 »Kauft man sie dort auch ganz gewiß?« fragte ich ängstlich. »Denn sonst bleibe ich lieber hier.«

»Ganz gewiß«, versicherten die beiden einstimmig und setzten gutmütig hinzu: »Wir helfen dir schon.«

Dann nahmen sie ihre Bündel wieder auf, und während sie noch dumpf und keuchend unter dem Holze riefen: »Also um fünf Uhr sei fertig!« gingen sie davon, und ich eilte zur Großmutter, sagte ihr alles und bat sie um die Erlaubnis, in die Beeren gehen zu dürfen. Sie hielt meine Hand in ihren heißen und antwortete leise: »Wenn du gern willst . . . in Gottesnamen, so versuche es.«

Ein wunderbarer Morgen stieg über den Bergen empor. Noch war die Sonne nicht zu sehen, aber ein heller Schein hinter den Firnen verkündete ihren Aufgang. Ich stand wartend und ungeduldig spähend am Wege. Ueber den Schultern trug ich an einem Lederriemen zwei kleine Eimer und darin ein bescheidenes Frühstück. Endlich erschienen meine Gefährtinnen, auch sie mit Gefäßen, mit Blechkannen und Körben reichlich versehen.

Einträchtig wanderten wir drei zum Dorf hinaus und stiegen bald bergan. Kühl und rein wehte uns die würzige Bergluft entgegen und erleichterte uns ganz wunderbar das Steigen. Ein schmaler, steiler Pfad führte in zahllosen Windungen den dunklen Wald empor. Immer tiefer unter uns schimmerte die ferne Straße durch die Tannenstämme. Hin und wieder öffnete sich der Forst, 143 und das weite, stille Tal tat sich vor uns auf, das schöne Tal mit seinen Dörfern, Schlössern, Ruinen, Fabriken und wogenden Maisfeldern. Dann lichteten sich die Bäume, und ein noch tieferes Schweigen umgab uns. Wie ein weicher grüner Teppich dehnte sich eine sanft ansteigende Matte vor uns aus. In ihrer Mitte lag gleich der Klause eines Einsiedlers eine braune, niedere Sennhütte, und dahinter, eine endlose Halde empor, reihte sich Strauch an Strauch, tief übereinander geneigt unter der Last der köstlichsten roten, reifen Himbeeren. Stillschweigend hingen wir uns die Gefäße bequemer um und machten uns mit einem grenzenlosen Eifer an die Arbeit. Stundenlang bekamen wir uns nicht zu Gesicht. Nur hin und wieder ging ein fragendes »Halloh« über die Halde, und ein anderes antwortete weit fort aus dichtem Gestrüpp heraus.

Ich war im Laufe des Vormittags, Beere um Beere sammelnd, bis auf die letzte Höhe geklettert. Da bemerkte ich einen schmalen Pfad, von Gebüsch überhangen, jenseits in die Tiefe führen. Neugierig stieg ich hinab und gewahrte mit erstaunten Augen eine neue, weite Talmulde, überwuchert von rotem blühendem Türkenbund und zartem Seidenbast. Ueberall ragten kurze Baumstümpfe aus dem Boden empor, und tief unten lag mitten in der grünen Einsamkeit ein kleiner Teich, und die Sonne schien golden auf die funkelnde, von Riedgras umsäumte Wasserfläche.

Wie durch ein Zauberland stieg ich hinunter 144 bis ans Ufer, setzte mich hin, sah staunend in das märchenhafte Durcheinander und horchte wie im Traume auf die flüsternden Stimmen der Natur.

Es war hohe Mittagszeit. Die fernen Felswände flimmerten rötlich in der zitternden Sommerluft, und aus dem Tale, weit hinter den Bergen, aus uferlosen Fernen drang der verhallende Pfiff der Eisenbahn. Ueber den Teich schossen, seltsame Linien beschreibend, ruckweise blaue und grüne Libellen mit silbern schimmernden Flügeln dahin. Mücken tanzten in wirbelndem Reigen singend und summend über dem kühlen Wasser. An die träumenden Alpenglöckchen hingen sich Bienen und schillernde Käfer, und bald fern, bald nah schwirrten surrende Bremsen durch die Luft.

Ich lauschte und lauschte, und fern waren alle Sorgen, so fern wie die Welt da draußen und der Himmel dort oben, und so wunderschön still war der Tag. Ich lag auf dem Rücken und starrte zwischen den vors Gesicht gehaltenen Fingern die hohen, schlanken Stämme hinauf in die goldene Luft. Dort schwebten wie heimliche, heilige Wünsche kleine Wolken dahin, und in mein Herz stieg ein mächtiges Glücksempfinden und eine unsagbare Sehnsucht, eine Sehnsucht, mich emporzuschwingen, hoch hinauf, weit über die Berge, ja, über die Firnen und hinauszufliegen weit, weit fort in jene Welt, die ich nicht kannte, die ich nur ahnte . . .

Das war die selige, unselige Stunde, da mich 145 zum ersten Male ein törichtes Sehnen aus der schönen Heimat in die unbekannte Ferne zog . . .

Doch plötzlich waren die Träume auch schon wieder verflogen, denn vor meinem Geiste stand die Großmutter, und im Augenblicke schwand der Zauber der stillen Stunde.

Ich sprang empor. Wie konnte ich so froh sein, da sie doch so krank und elend war! Wie hatte ich mich so vergessen können, und war doch ausgegangen, für sie zu arbeiten, für sie zu verdienen! Mit ängstlicher Hast und heimlicher Scham ging ich wieder an die Arbeit und gönnte mir kaum Zeit zum Essen.

Gegen Abend stiegen wir wieder talwärts. Dicht vor dem Dorfe besahen wir uns noch einmal die Ernte des Tages. Wir durften damit zufrieden sein, denn unsere Gefäße waren voll und schwer.

Am Eingang des Dorfes stand das stattliche Hotel »Zur Alpenrose«. Mit scheuen Gesichtern sahen wir an dem hohen Gebäude mit den blinkenden Fenstern empor. Dann aber faßte sich die Margret und ging uns voran, die ganze Längsseite des Hauses dahin. Dann traten wir in einen schmalen, langen Flur. Stimmen, Schimpfen und Befehle tönten durcheinander aus der Küche heraus. Mir wurde es auf einmal angst und bange, ich blieb stehen, zupfte die Margret am Aermel und sagte: »Margret, ich wag' mich gar nicht hinein.«

»So gib her!« antwortete sie, nahm mir die 146 beiden Eimerchen ab und schritt lautlos mit der Frida den Gang entlang in die Küche des großen Hotels.

Draußen begann es zu dunkeln. Ich drückte mich wie ein Dieb dicht an die Mauer, schrak bei jedem Geräusch zusammen und wartete mit klopfendem Herzen auf die Rückkehr der beiden Mädchen.

Endlich tauchten sie im Rahmen der fernen Türe auf. Im Dämmer schritten sie daher; die Köpfe etwas vornüber geneigt, zählten sie laut und langsam das Geld in ihren Händen. Da ging ich ihnen ein wenig entgegen, und als sie mich sahen, lachten sie.

»Hier«, sagte die Margret und gab mir meinen Anteil: einen Franken und fünfzig Rappen!! Ich machte einen Freudensprung und fragte mit grenzenlosem Staunen: »Wieviel Beeren waren es denn?«

»Sechs Pfund.« – »Sechs Pfund?« schrie ich in närrischem Entzücken. »Nun muß ich aber nach Hause rasen.« Ich schwang meine Eimerchen hoch in der Luft und eilte, das erste verdiente Geld fest in der Hand pressend, heimwärts.

Ich sah weder vor, noch über mir den wunderbaren Sommerabend. Wohl fühlte ich die Herrlichkeit der Welt und des Lebens rings herum, aber meine Gedanken waren jetzt nur bei der Großmutter: »Was sie wohl sagen wird? Ob sie sich auch so schrecklich freuen wird wie ich?«

Mit drei Sätzen jagte ich die Treppe hinauf und 147 stürzte in die Stube hinein, wo die Großmutter lag. Eng und düster erschien mir der Raum, und aus dem Halbdunkel heraus sah ich das feine, blasse Antlitz leuchten, schmal und eingefallen mit großen, traurigen Augen.

Da warf ich mich aufschluchzend vor lauter Freude und heimlichem Weh auf ihr Bett und vergrub mein Gesicht in den Kissen. Sie aber legte ihre Arme um mich und sagte: »Gottlob, daß du wieder da bist! Und denke dir, mir geht es heute viel, viel besser. Vielleicht kann ich morgen schon wieder aufstehen.«

Da hob ich den Kopf. Die Tränen flossen mir zwar immer noch über die Wangen, aber ich lachte und drückte ihr selig, aber wortlos das Geld, das erste verdiente Geld, in die Hand. 148

 

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