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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 12
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Etwas von einem »Florentiner«

Ich bin fest überzeugt, daß du, kleine Leserin, in deinem Schranke einen oder zwei allerliebste Hüte für den Sommer und gewiß auch eine niedliche Mütze oder einen weichen Hut für den Winter aufbewahrt hast. Dir scheint das etwas Selbstverständliches zu sein, ja du findest gewiß nichts Besonderes in diesem Besitze und denkst nicht, daß es Kinder gibt, die etwas derartiges überhaupt nur vom Ansehen kennen. Solltest du nun an eine solche Aermlichkeit nicht glauben, so will ich dir gleich vor Beginn meiner kleinen Erzählung bekennen, daß ich selbst es war, die bis zu ihrem zehnten Lebensjahr das, was man einen richtigen Hut nennt, nie besessen hat. Das ist nun zwar kein Unglück, aber wenn man ein unvernünftiges Kind ist, kann es vorkommen, daß man es doch als solches empfindet.

Zwar stülpte mir die gute Großmutter, wenn ich auf dem Felde Unkraut jäten mußte und die Sonne gar zu sehr brannte, ein Ding auf den Kopf, das sie Hut nannte, in dem ich selbst aber kaum eine Aehnlichkeit mit einem solchen erkennen konnte. Als ich jedoch neulich im Kino war, erschienen auf der Bildfläche auch zwei raubritterähnliche Cowboys mit gewaltigen, 126 sturmzerfetzten Hüten, und da – mit einem Male war ich im Geiste dreißig Jahre zurück und wußte, daß das, was meine Großmutter mir damals als Hut auf den Kopf setzte, ganz genau so aussah wie die Hauptbedeckung dieser furchtbaren Gestalten.

Wäre ich ganz in der Einsamkeit aufgewachsen, so hätte das Verlangen nach einem ordentlichen Hute jedenfalls nie in mir aufkommen können, da ich aber mitten unter einer Schar gleichaltriger Kinder lebte, die alle im Frühling und Herbst die reizendsten neuen Hütchen trugen, so ist es wohl zu begreifen, daß ich hin und wieder auch Sehnsucht nach einem »richtigen« Hut empfand.

In unserem Dorfe gab es damals eine einzige Modistin, und das war Fräulein Eulalia Euphrosine Hürlimann. Sie war zwar ein galliges, altes Jüngferchen mit einem Buckel und einem verhutzelten, gelben Gesicht, aber unter ihren spinnenartigen weißen Händen entstanden wahre Kunstwerke von Hüten, die sie stets in einem Schaufenster inmitten langer Girlanden künstlicher Blumen ausstellte.

Als ich eines Sonnabends durch das »Neue Dorf« ging, fiel mir schon von weitem auf, daß das sonst übervolle Schaufenster fast leer war. Nur ein einziger Hut befand sich darin, und neugierig näherte ich mich, um ihn zu betrachten, und wahrlich, es lohnte sich! Was ich da sah, war ein geradezu himmlischer Hut, und ich bewunderte ihn restlos. Es war ein großer, 127 breitrandiger »Florentiner« aus allerfeinstem Geflechte. Vorn bauschte sich zart und duftig eine Rosette aus lichtblauem Flor, in deren Mitte ein reizendes Sträußchen Vergißmeinnicht prangte. Von diesem lichten Gebilde gingen auf beiden Seiten zwei himmelblaue Seidenbänder nach hinten und endigten in einer berückend schönen, großen Schleife. Ich staunte und staunte, und mein Entzücken stieg ins Grenzenlose, und auf einmal bildete ich mir ein, dieser Hut sei eigens für mich geschaffen und ausgestellt worden. Ich sagte mir ganz folgerichtig, daß ich bis dahin überhaupt noch keinen Hut gehabt hatte, daß ich aber unbedingt einen brauchte, daß alle anderen Kinder auch Hüte hatten und daß die Großmutter aus allen diesen Gründen ihn mir gewiß kaufen würde. Die Großmutter? Wer weiß? Ich wurde doch ein wenig nachdenklich, ein wenig bedrückt, aber eines wollte ich erreichen. Die Großmutter mußte diesen Hut sehen, und ich wollte ihn wenigstens ein einziges Mal anfassen, ihn wenigstens ein einziges Mal auf meinem Kopfe fühlen, koste es, was es wolle.

Die Größe dieses Entschlusses überstieg beinahe meinen kleinen Gedankenkreis, und ich wappnete mich künstlich mit Ruhe und Bedachtsamkeit. Ganz langsam ging ich nach Hause und überlegte eine wohlgesetzte Rede.

Die Großmutter saß gerade in der Küche und drehte die Kaffeemühle. Das gab ein recht unliebsames Geräusch und störte mich etwas in meinem 128 Vorhaben. Eine Weile wartete ich; als das Mahlen aber kein Ende nehmen wollte, näherte ich mich dem Herde und begann, den Hut, den ich gesehen hatte, in den höchsten Tonarten zu preisen. Das Wörtchen »schön« kam wenigstens zehnmal darin vor, und die Großmutter nickte ernsthaft dazu, was ich unbedingt für ein gutes Zeichen hielt und daher ganz glücklich fragte, ob ich ihn holen dürfe? »Nur zum Anprobieren, nur zum Ansehen, nur zum Anfassen, nur zum . . .« Ich war schon an der Türe. Da hörte die Großmutter plötzlich auf zu drehen und sagte: »Was hast du gesagt, Maja? Ich habe kein einziges Wort verstanden.« Das gab mir einen argen Stoß, aber ich nahm mich zusammen und begann von neuem, den Hut zu schildern und sie zu bitten, ihn bloß einmal anzusehen.

Sie antwortete lange nicht. Schließlich sagte sie sehr ernst: »Höre, mein Kind! Viel notwendiger als einen Hut brauchst du jetzt ein Paar Schuhe. Beides kann ich dir aber nicht kaufen, und ich glaube auch, daß der Hut, wie du ihn beschreibst, kein passender für dich ist.«

Ich hörte nicht die Weigerung aus ihren Worten, sondern nur das leichte Bedauern, das mitschwang, und ich bettelte: »Liebste Großmutter, ich will den Hut ja gar nicht gleich kaufen. Ich will ihn dir nur einmal bringen. Du sollst ihn nur sehen . . . ob er mir steht oder nicht . . .«

Schließlich willigte sie ein, und, obwohl ihr letztes Wort eine ganz entschiedene Verneinung 129 war, lief ich doch voller Hoffnung ins »Neue Dorf« zum Fräulein Eulalia Euphrosine Hürlimann.

Der Laden war geschlossen. Das kümmerte mich aber wenig. Wozu hing die Glocke neben der Türe? Ich riß mit einem Eifer daran, daß an dem gegenüberliegenden Hause ein Fenster aufgerissen wurde, und eine Frau mir zurief: »Um Gotteswillen, Kind! Hör auf, sonst reißest du die ganze Glockeneinrichtung herunter!«

Ich läutete immer weiter. Da flog auch schon die Ladentüre mit einem gewaltigen Rucke auf und Fräulein Eulalia Euphrosine Hürlimann erschien . . . schreiend, fauchend, mit geballten Händen. Wie eine wildgewordene Katze stand sie mit wirrem Haar in ihrem Laden, in den ich ganz ruhig eingetreten war, und giftete: »Du unanständiges Möbel! Weißt du nicht, daß ich um vier Uhr Kaffee trinke? Weißt du nicht, daß ich dann nicht gestört sein will? Hast du nicht gesehen, daß der Laden geschlossen ist? Und was reißest du mir die halbe Glockenstange herunter?«

Mir ging ihr keifendes Geschimpf gar nicht tief, denn größer als alles Getöse von außen stand in meinen Gedanken der wunderbare Florentiner, und ich sagte ziemlich ruhig: »Entschuldigen Sie, bitte! Die Großmutter läßt fragen, ob Sie so freundlich wären und mir den Hut im Schaufenster zum Anprobieren nach Hause geben würden. Vielleicht kauft sie ihn für mich.«

Fräulein Eulalia ging brummend hinter den Ladentisch zum Fenster und sagte mit einem 130 bösen Blick nach mir: »Deine Großmutter könnte auch Gescheiteres tun, als aus dir einen Putzaffen zu machen.« Aber den Hut packte sie doch fein säuberlich in die Schachtel, band sie zu und schob sie mir mit den liebevollen Worten hin: »Das sage ich dir aber, wenn du den Hut auch nur im geringsten zerknitterst, so nehme ich ihn nicht mehr zurück.«

Ich war selig, nahm die riesengroße Schachtel mit beiden Armen in Empfang und wollte damit zu der kleinen Ladentüre hinaus, blieb aber rettungslos zwischen den beiden Wänden stecken. Mit einem Satze war auch schon das Fräulein neben mir, packte mich mit eisernem Griff am Arme, riß mich zurück, und, während sie die zweite Türe aufmachte, schimpfte sie: »Du bist wirklich ein ganz mißratenes Geschöpf . . .« Mehr verstand ich nicht, denn ich eilte schon auf der Straße leichtfüßig davon.

Zu Hause angekommen, nahm mir die Großmutter die unförmliche Schachtel ab, trug sie in die Stube, öffnete sie und holte den Hut heraus. Sie sah ihn an . . . setzte sich auf den nächsten Stuhl . . . sah mich an .  . lange, mitleidig, kopfschüttelnd. Endlich legte sie ihre Hände wie zum Beten ineinander und sprach: »Ums Himmelswillen, Maja! Was willst du mit diesem Hut?«

»Aufsetzen«, erwiderte ich gereizt ob dieser Wirkung. »Die anderen Kinder haben auch solche Hüte, und ist er vielleicht nicht schön?«

Ich setzte ihn mir auf und trat vor den 131 Spiegel . . . und vergaß die Welt . . . so schön erschien ich mir selbst unter dieser seltenen Pracht, und mit einem geradezu triumphierenden Gefühle wandte ich mich zur Großmutter. Sie sah mich wieder an . . . lange und ernst. Was sie im stillen dachte, wußte ich nicht, aber laut sagte sie: »Ob der Hut dir nun steht oder nicht, mein Kind, gekauft wird er nicht. Der ist viel zu fein für dich. Packe ihn wieder ein und gib ihn heute noch zurück. Es hat gar keinen Zweck, daß er über Sonntag hier herumliegt. Hoffentlich bist du vernünftig. Ich kaufe dir ja auch heute noch ein Paar hübsche Schuhe.« Damit nahm sie mir den Hut aus der Hand, packte ihn selbst wieder in die Schachtel und ging wortlos ihrer Arbeit nach.

Ich blieb allein in der Stube zurück – ich und die Schachtel, die das Wunder barg. Ganz langsam trat ich zu ihr hin, umfaßte sie zärtlich mit beiden Armen, legte meine Wange darauf und träumte . . . und weinte dazu, nicht heftig, nur ganz leise, und die Tränen flossen auf den grauen Karton, in dem der schöne »Florentiner« ruhte. Kaum konnte ich es fassen, daß ich ihn wieder zurückgeben sollte. So fest hatte ich mich schon in seinem Besitz geglaubt! So sehr hatte ich mich gefreut, auch einmal einen Hut zu haben wie die anderen Kinder. Ach, es war zu traurig . . . und auf einmal erwachte der Trotz in mir und formte sich zu einem Entschlusse. Ich wollte verhindern, daß er schon an diesem Abend aus dem Hause kam. Nur einen Tag lang wollte ich ihn noch bei 132 mir haben. Damit glaubte ich mir wenigstens ein Fetzchen von der geträumten Seligkeit zu erhaschen.

Ich schob also die Schachtel auf den Schrank, schlich aus dem Hause und entfernte mich so weit, daß mich kein Ruf erreichen konnte. Erst als es zu dunkeln begann, schlenderte ich langsam wieder heim.

Als die Großmutter am Abend die Schachtel immer noch im Zimmer sah, wurde sie ein wenig ungehalten und sagte ärgerlich: »Da haben wir es! Nun sind alle Geschäfte bis Montag zu. Es ist mir sehr unangenehm . . . Du hättest mir wirklich folgen sollen.«

Ich saß verstockt am Tische, redete kaum, hatte aber ein eigentümlich beseligendes Gefühl, das mich mit jener grauen Schachtel auf dem Schranke wie mit einem lebenden Wesen verband.

Am Sonntag morgen hielt ich mich außergewöhnlich viel in der Stube auf. Immer wieder sandte ich einen sehnsüchtigen Blick nach der stummen Schachtel. Ich hätte zu gerne den schönen Hut noch einmal angesehen, allein es gab keine Gelegenheit dazu. Um zehn Uhr aber läuteten die Glocken, und die Großmutter ging zur Kirche.

Nun war ich mutterseelenallein im oberen Stock. Eine Zeitlang wartete und horchte ich. Ueberall war es totenstill. Da stieg ich mit pochendem Herzen erst auf das Sofa, dann auf dessen 133 Lehne, nahm die Schachtel herunter, öffnete sie und holte den Hut heraus, und nun erst konnte ich ihn nach Herzenslust bewundern. Ich setzte ihn auf, bald richtig, bald verkehrt, bald gerade, bald verwegen seitlich – kurz, ich war wie berauscht von seiner Schönheit und seiner Wirkung auf meine armselige Wenigkeit. Schließlich legte ich ihn behutsam auf den Tisch und trat ans Fenster.

Draußen lag das Land in lichter, sonntäglicher Schönheit. Alles strahlte. Die Berge, die Wälder und die Dörfer in der Nähe und in der Ferne waren in Sonnengold und leuchtende Farben getaucht. Geputzte Menschen gingen zur Kirche. Die Vögel sangen und riefen . . . riefen mich ins Freie, ja, mir schien es, als lockten mich tausend Stimmen hinaus . . . mich und den märchenschönen Hut dort auf dem Tische. Und plötzlich ergriff ich ihn, setzte ihn auf und stürmte hinaus durch den Baumgarten in den Wald. Bis dahin war ich wie ein Dieb mit bösem Gewissen gelaufen, nun aber, da weit und breit keine Menschenseele war, konnte ich den Augenblick ruhig genießen, ihn in seiner ganzen Schönheit kosten.

Da war eine Bank, ein Fleckchen Rasen, eine rieselnde Quelle, und ich allein inmitten der zauberischen Stille mit dem herrlichen Hut auf dem Kopfe. Eine Weile saß ich still und andächtig auf der Bank, kam mir vor wie ein in ein Zauberland versetztes Wesen und hätte mich gar nicht gewundert, wenn plötzlich ein Prinz in herrlichen 134 Kleidern erschienen wäre, um mich in ein goldenes Schloß zu führen. Dann aber tat ich, was mir im Walde immer das Liebste war. Ich warf mich der Länge nach auf den Boden, schloß die Augen, legte den Hut auf das Gesicht und horchte in die Weite. Auf diese Weise hörte ich immer hundertmal mehr als mit offenen Augen. Da läuteten Glocken bald aus dem Tale herauf, bald von einem Berge herunter, da klangen Stimmen von ferne, da summten Mücken, Bienen und Fliegen, da schrie ein Häher und flog mit lautem Flügelschlag davon, da zwitscherten und sangen die Vöglein so lieblich auf den Aesten, da . . . läuteten die Glocken den Gottesdienst aus.

Ich sprang auf, nahm den Hut in die Hand und jagte nach Hause. So viel war mir klar, es durfte mich niemand sehen, sonst wußte schon am anderen Tage das ganze Dorf, daß ich endlich auch einen Hut hatte, und ich konnte ihn nicht mehr zurückgeben.

Glücklicherweise gelangte ich ungesehen ins Haus, stürzte in die Stube, warf den Hut in die Schachtel und tat sie wieder auf den Schrank.

Am anderen Tage nach der Schule sagte die Großmutter sehr entschieden: »Nun nimmst du aber den Hut und bringst ihn sofort zurück.« Es gab keine Widerrede, und ich ging sehr langsam und sehr traurig mit der Schachtel zu Fräulein Eulalia Euphrosine Hürlimann, sagte ihr, die Großmutter wolle den Hut nicht, er sei zu fein, und wandte mich zum Gehen.

135 Da sagte sie: »Warte ein Weilchen! Ich will erst sehen, ob er auch nicht beschädigt ist.«

Ich stand mit einem wirklichen Weh im Herzen, aber vollständig reinem Gewissen niedergeschlagen vor dem Ladentisch. Sie machte die Schachtel auf, nahm den Hut heraus und sah ihn forschend an. Dann aber wurde ihr Gesicht auf einmal, wie mir schien, erst grün und gelb, dann rot und blau vor Zorn und Wut, und sie schrie: »Was? Du Ferkel von einem Mädchen! Du elender Dreckspatz! So gibst du mir den Hut wieder zurück? Diesen . . . schönen . . . Hut . . . mit drei . . . Misthaufen darauf!! Bist du im Hühner- oder Schweinestall mit ihm gewesen? Da, nimm ihn nur wieder, wie du ihn gebracht hast!!« Sie warf mir den Hut vor die Füße »Bezahlen aber sollst du ihn! Hier . . . !« Mit zitternder Hand schrieb sie die Rechnung, warf sie in die Schachtel, riß mir den Hut, den ich erschrocken aufgehoben hatte, aus der Hand, warf ihn ebenfalls in die Schachtel, drückte sie mir in die Hand und stieß mich mit Schimpfen und Schmähen zum Laden hinaus.

Ich stand wie betäubt auf der Straße. In meinen Ohren klang von all den vielen nur das eine, einzige Wort, das ich nicht fassen, nicht verstehen konnte: »Mist . . . drei Misthaufen.«

Ich ging nach Hause. Es war mir unverständlich, was geschehen sein sollte. Ich wußte nur, Fräulein Eulalia Euphrosine Hürlimann hatte mich ein Ferkel genannt und nahm den Hut nicht wieder zurück. Mein Gott, wo sollte der Hut denn 136 nun bleiben? Die Großmutter wollte ihn doch auch nicht haben!

Mir kamen auf offener Straße die Tränen, und weinend trat ich vor die Großmutter und schluchzte: »Sie will den Hut . . . nicht mehr nehmen . . ., und sie sagt . . . ich sei ein Ferkel . . . und . . .«

Die Großmutter nahm den Hut verständnislos aus der Schachtel und besah ihn. Dann fragte sie bitterböse: »Wo bist du eigentlich mit dem Hute gewesen?« Ich starrte sie ganz entgeistert an. Wie konnte sie etwas von meinem Spaziergang in den Wald erfahren haben? Kein Mensch hatte mich gesehen, und sie war doch in der Kirche gewesen. Ich versuchte mich durch Schweigen zu decken, aber als sie noch einmal und noch viel strenger danach fragte, gestand ich alles, fand aber noch immer keinen Zusammenhang zwischen den drei Misthaufen und meinem Ausflug.

Die Großmutter aber hielt mir den Hut nun ziemlich dicht vor das Gesicht und sagte: »Da, sieh dir das genau an! Ich glaube schon, daß das Fräulein den Hut so nicht mehr zurücknimmt.« Und ich gewahrte nun entsetzt mitten in den kleinen Blümchen drei schwarze Häufchen. Die rührten aber weder von Hühnern, noch von Schweinen her, sondern ganz einfach von ein paar Vögelchen, die so lieblich über mir im Walde gesungen hatten . . .

Die Großmutter verlor kaum ein Wort, aber sie war wirklich empört. Sie schob mich in eine 137 alte Gerümpelkammer und sagte: »So, die neuen Schuhe gebe ich nun wieder zurück, um den abscheulichen Hut zu bezahlen. Und du . . . du bleibst den ganzen Nachmittag hier drinnen und denkst über deine Unfolgsamkeit und Torheit nach.«

Dann schloß sie die Türe zu, und ich war auf Stunden meinen eigenen Gedanken und der schwärzesten Dunkelheit überlassen. Zuerst weinte ich, bis ich vor Erschöpfung nicht mehr konnte. Dann wurde ich ruhig und begann zu überlegen, und mit einem Male kam es wie ein ungeheures Glück über mich: Nun besaß ich ja doch den herrlichen Hut! Nun besaß ich ihn wirklich und wahrhaftig! Nun hatte ich also doch auch einen Hut wie die anderen Kinder . . . oh . . . und dazu noch einen viel, viel schöneren, einen echten, richtigen, feinen Florentiner! O, nun gehörte er mir wirklich, der reizende Hut mit der himmelblauen Rosette, den feinen Blümchen und den schimmernden Seidenbändern mit der prachtvollen großen Schleife . . .

War das ein Jubel. Und ich tappte im Dunkeln umher und fand einen großen Zuber, der mit Schafwolle gefüllt war. Ganz erschöpft von all den leid- und freudvollen Aufregungen legte ich mich hinein, sann und sann . . . weiter und weiter . . . wie alles nur so hatte kommen können . . . und plötzlich wußte ich auch, wem ich es eigentlich zu verdanken hatte, daß ich nun einen so unglaublich schönen Hut besaß.

Ich faltete die Hände und betete, hin und 138 wieder noch von einem tiefen Schluchzer geschüttelt: »Lieber Gott, ich danke dir herzlich, daß die kleinen Vöglein im Walde etwas auf meinen Hut haben fallen lassen. Das hast doch nur du ihnen gesagt, denn sonst hätten sie es gewiß nicht getan. Darum danke ich dir. Amen.«

Dann schlief ich beruhigt ein, vollständig ausgesöhnt mit jenen unsichtbaren Mächten, die so wunderbar unser Schicksal fügen. 139

 

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