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Maja

Ina Jens: Maja - Kapitel 11
Quellenangabe
typenarrative
booktitleMaja
authorIna Jens
year1939
firstpub1926
publisherFriedrich Reinhardt
addressBasel
titleMaja
pages187
created20160125
sendergerd.bouillon@t-online.de
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Ostern

Ostern war für uns Dorfkinder ein gar schönes Fest. Der rauhe Winter hatte sich unter dem warmen Sonnenhauche in die Berge zurückgezogen, Halden und Wiesen bedeckte ein liebliches Grün, im Walde blühten Tausende von himmelblauen Märzenblümchen, und die Bäume waren übersät mit rosigen Blütenknospen. Alles war so voller Erwartung, daß es schien, als müßte jeden Augenblick irgendwo in den Lüften ein Reigen erschallen als Auftakt zu einem noch viel größeren namenlosen Wunder.

Die Sitten und Gebräuche in unserem Dorfe trugen reichlich dazu bei, uns Kindern das Osterfest zum allerschönsten Feste des Jahres zu machen.

Es gab da drei Dinge, auf die wir uns grenzenlos freuten, und die sich Jahr für Jahr am Ostersonntag fast gesetzmäßig erfüllten: ein neues Kleid, das »Oesterlen« und das »Eierpotschen«.

Das »Oesterlen« bestand darin, daß Knaben und Mädchen derselben Klasse sich am Nachmittage mit einem Korb voll Ostergebackenem, als da waren Osterbohnen, Hosenknöpfe, Eierzöpfe und zerrissene Hosen, im Hause einer Tante oder Großmutter zum Kaffee einfanden. Die 108 mitgebrachten Sachen wurden in eine ungeheure Schüssel, die in der Mitte des Tisches stand, geworfen. Dann setzte man uns gewaltige Tassen mit Kaffee vor, und wir aßen und tranken ohne jede Aufsicht nach Herzenslust. Nach der Schmauserei wurde gespielt, gesungen und getollt, und am Abend gingen wir mit leeren Körben und überladenem Magen wieder nach Hause, waren voll von dem schönen Tage und freuten uns schon auf »Ostern übers Jahr«.

Eine ganz andere, sogar etwas verzwickte Sache war das »Eierpotschen«. Es vollzog sich auf der Straße, auf dem Dorfplatze oder auf den Wiesen. So gegen zehn Uhr erschienen die Kinder in ihren neuen Kleidern vor den Häusern, beobachteten sich von ferne, näherten sich, rotteten sich zusammen und bewunderten vorerst gegenseitig gründlich die neuen Kleider. Dies alles war aber nur das Präludium zu dem folgenden Spiele, für das jedes zwei oder drei bunte Ostereier in der Hand oder in der Tasche bereit hatte. Diese wurden erst so nach und nach hervorgeholt, gezeigt und deren Farbenpracht bestaunt. Dann prüfte man sie auf ihre Härte. Dies geschah, indem man die Spitze des Eies an die Unterzähne schlug – natürlich mit der allergrößten Vorsicht. Gab die Spitze einen dumpfen Ton, so war die Schale des betreffenden Eies unfehlbar schwach, und der Besitzer hütete sich, mit seinem Ei zu »potschen«. Klang der Ton aber hell, so wuchs die Unternehmungslust dessen, der es besaß, denn dieses Ei 109 war nach aller Beurteilung steinhart. Nach dieser Prüfung, die oft stundenlang dauerte, begannen die Besitzer der vermeintlichen harten Eier die anderen mit der Frage: »Wollen wir potschen?« herauszufordern. Irgendein Verwegener war dazu bereit, und dann wurde gepotscht, was auf folgende Weise vor sich ging: der Herausgeforderte hielt sein Ei in der Höhlung der linken Hand fest und zwar so, daß zwischen Daumen und Zeigefinger nur die Spitze hervorragte. Nun schlug der Partner mit der Spitze seines Eies darauf. Unfehlbar zerbrach stets die schwächere Spitze. Dann drehte der, der eben geschlagen hatte, sein Ei um, so daß nur der Boden des Eies sichtbar war, und der andere durfte nun seinerseits schlagen. Das auf beiden Seiten zerbrochene Ei gehörte dem Sieger. Wer »schief« schlug, war ein Betrüger und wurde wochenlang verachtet, wer aber, wie es einmal geschah, mit einem einzigen Ei rechtmäßig dreißig Eier gewann, wurde wochenlang bewundert, und noch im kommenden Jahr erinnerte man sich mit geheimem Schrecken seines Erfolges.

Es wurde bei diesem Eierpotschen zwar viel gelacht, aber auch recht viel geweint, so zum Beispiel, wenn ein armes Büblein, das nur ein einziges Ei besaß und doch fürs Leben gern auch einmal gepotscht hätte, sich wirklich mit irgendeinem gerissenen Spitzbuben einließ und dann schließlich sein schönes Ei zerbrochen vor sich sah, und es obendrein noch hergeben mußte. Dann rannen die Tränen in Strömen, und ein 110 bitterliches Schluchzen drang durch den schönen Ostermorgen, aber das Ei wurde ihm beileibe nicht etwa geschenkt, denn Kinder sind grausam, und man tat sich sehr groß und sagte, das sei nur Gerechtigkeit, wer nicht verlieren wolle, solle eben nicht potschen.

Und nun möchte ich von einem solchen Osterfest aus meiner frühesten Kinderzeit berichten, denn von all den vielen, vielen Osterfesten, die ich je gefeiert habe, ist mir keines so treu in der Erinnerung geblieben wie jenes, das ich in meinem neunten Jahre beging und aus dessen wechselvollen Ereignissen ich mir für mein späteres Leben die beherzigenswertesten Lehren gezogen habe.

Am Sonnabend vor jenem Osterfeste ging ich mutterseelenallein in der Dämmerung durch die Wiesen hinter unserem Hause spazieren. Ich freute mich so grenzenlos auf den kommenden Tag, daß ich gar kein Verlangen nach Spielgefährten in mir spürte.

Seit langer Zeit hatte mich sonst stets um diese Stunde der Gedanke gequält, wie ich Geld verdienen könnte, um meiner Großmutter ein warmes Tuch zu kaufen, damit sie nicht so friere, wenn sie abends ums Haus herumging, um Fensterläden und Türen zu schließen.

An diesem Abend aber war zum ersten Male alles außer der großen Freude auf den Ostersonntag in mir verstummt. Warum aber sollte ich mich auch nicht freuen? Alle Bedingungen, die 111 mir einen ungetrübten Ostergenuß versprachen, waren im höchsten Maße erfüllt.

Im Schranke hing ein funkelnagelneues Kleid, und was für eines! Damals als ich den armseligen, dunkelgrauen Stoff bei der Schneiderin gesehen hatte, war ich recht enttäuscht gewesen, heute aber, als ich den Schrank öffnete und mir das Kleidchen genau besah, wie war ich da entzückt gewesen! Gürtel, Manschetten und Kragen waren von lichtblauer, weicher Seide. Den grauen Stoff sah man überhaupt nicht. Der verschwand einfach unter der Pracht der Garnitur, und ich war darüber hoch beglückt.

Auf das Eierpotschen nun erst freute ich mich königlich, denn wir mußten in diesem Jahre ja schrecklich viel Eier haben, gackerten doch unsere Hühner den ganzen Tag, als wären sie extra zum Gackern angestellt, und zwar geschah dies in einem Tone, der stets vorangegangenes Eierlegen verkündete. Es war also sicher, daß die Großmutter mir mindestens ein Dutzend Ostereier färben würde, und was nun die Härte unserer Eier betraf, so fühlte ich mich totsicher, denn ich hatte seit Tagen den Hühnern den feinsten Sand vom Rheine heraufgeschleppt und hingestreut, weil ich einmal gehört hatte, daß jene Hühner die dickschaligsten Eier legten, die am meisten Sand zu fressen bekämen.

Zum Oesterlen war ich auch schon eingeladen, und zwar bei einer Tante, die gewöhnlich sehr stolz und hochmütig tat, zu der es mich aber 112 immer gerade ihres Großtuns wegen mächtig hinzog. Auch wußte ich, daß die Großmutter sehr viele feine Sachen gebacken hatte. Ich würde also gewiß einen ordentlichen Korb voll davon zum Oesterlen mitbekommen und brauchte mich in keiner Weise vor den anderen Kindern zu schämen.

Mein Herz schlug bei all diesen Erwägungen laut vor Freude, und da mir zu Mute war, als ob ich vor Lust aus der Haut fahren möchte, warf ich mich in meinem selbstgeschaffenen Freudentaumel der Länge nach auf den Boden, ließ mich eine hohe Halde hinunterrollen, immer wilder, immer tiefer, bis ich plötzlich in einer Grube voll Schnee, den der Winter noch zurückgelassen hatte, in unliebsamer Weise steckenblieb. Ganz erschrocken sprang ich auf, wischte mir den Schnee vom Gesicht und aus den Kleidern und ging nun doch etwas abgekühlt nach Hause, aber schließlich stieg die Freude wieder hoch, und ich schwelgte noch lange in den kühnsten Vorstellungen über die Genüsse des kommenden Ostersonntags.

Am anderen Morgen, als ich fertig angezogen war, besah ich mich vorerst in dem großen Spiegel, der in unserer Schlafstube hing. Ich machte vor dem Glase die gefährlichsten Verrenkungen, besah mich von vorn und von hinten und fand mein Kleid märchenhaft schön.

Dann trat ich voll froher Erwartung in die Stube. Ich hoffte, einen schneeweißen Teller mit 113 vielen bunten Ostereiern auf dem großen Eßtische zu finden, aber . . . aber . . . auf dem Tische war nichts, gar nichts als das Frühstück. Meine Blicke wanderten suchend umher. Nirgends die erhofften Eier, nicht auf der Kommode, nicht auf dem Ofen, nicht unter dem Sofa – nirgends – nicht die Spur, nicht einmal Eierschalen. Langsam ging ich an den Tisch, setzte mich hin und dachte nach. Ich war sicher, daß die Großmutter sie nun aus der Küche bringen würde. Die Türe ging auf. Die Großmutter kam herein – aber sie brachte keine Eier. Sie setzte sich neben mich, schenkte mir ein und tat überhaupt so, als ob es nicht anders als jeden Tag, als ob gar nicht Ostern wäre. Ich wollte essen, aber ich konnte nicht, und schließlich preßte ich aus tiefster Brust mühsam die Frage hervor: »Hast du denn gar keine Ostereier?« Die Großmutter sah erstaunt nach mir hin, dann sagte sie: »Doch . . . vorläufig eines. Du mußt nur noch einen Augenblick warten, dann ist es fertig.«

Ich sagte nichts und wartete mit sehr bedrücktem Herzen. Nach einer Weile öffnete sie die große, braune Kaffeekanne und holte mit einem Löffel ein Ei heraus. Es war ganz merkwürdig verbunden und umwickelt. Sie schnitt mit dem Messer Fäden auf, zog lange Bänder und Blättchen herunter, trocknete das Ei, rieb es mit einer Speckschwarte ein und legte es vor mich hin. Es war ein im Kaffee gebräuntes, ziemlich großes Ei mit weißen Bäumchen und Streifen darauf.

114 Ich besah mir das Ei lange . . . zu lange . . . so lange, bis ich es vor Tränen überhaupt nicht mehr sah. Das war doch gar kein Osterei . . . und warum nur eines? »O . . . Großmutter . . .« schluchzte ich, »hast du nur dieses eine . . . ? Wo sind denn die anderen alle . . . ? Da erklärte sie, daß man gestern abend von der Bäckerei noch dringend um alle Eier gebeten habe, daß die Hühner aber bis am Nachmittage gewiß noch welche legen würden, die sie mir dann färben wolle. Weiter verlor sie aber auch kein Wort mehr darüber, sondern überließ mich ohne Trost meiner grenzenlosen Enttäuschung.

Die jubelnde Freude in meinem Herzen hatte also einen ordentlichen Dämpfer erhalten. Tief betrübt stand ich auf, ließ das Ei liegen, wo es lag und trat ans Fenster. Auf der Straße standen schon viele Kinder, alle feiertäglich geputzt, und ich sah, daß das »Potschen« bereits im schönsten Gange war. Mich zog es mächtig hinunter. Was sollte ich tun?

Langsam trat ich wieder an den Tisch, langsam nahm ich das Ei, das ich geradezu verabscheute, betrachtete es mit bösen Augen, ging aber schließlich doch mit ihm die Treppe hinunter und auf die Straße.

Als die Kinder mich sahen, stürzten sie mir alle entgegen, denn sie glaubten mich im Besitze von vielen Eiern, hatten wir doch den größten Hühnerhof im Dorfe. Als sie mein braunes Ei sahen, wurden sie merkwürdig still. Dann fragten 115 sie sichtlich enttäuscht: »Hast du denn nur dieses eine?«

Ich nahm mich sehr zusammen und antwortete mit gemachter Gleichgültigkeit: »Hier habe ich nur dieses.« Das »hier« betonte ich besonders stark, so daß die Kinder vermuten konnten, daß ich im Hause dafür noch verschiedene Dutzende besaß. Nun wurde mein Ei geprüft. Es gab einen fast baßartigen Ton, hohl und dumpf wie ein leeres Faß. Jeder war von der Minderwertigkeit dieses Eies überzeugt, und beinahe alle waren gleich bereit, mit mir zu potschen. Nur ein kleiner Frechdachs, der mir kaum bis zur Schulter reichte, sagte: »Nein, mit einem solchen wüsten Ei potsche ich einmal nicht.« Wie gestochen wandte ich mich ihm zu und antwortete ärgerlich: »Habe ich dich vielleicht gefragt, ob du mit mir potschen willst?« Da verkroch er sich schleunigst hinter einem großen Jungen, aber recht hatte er doch, tausendmal. Mein Ei war wirklich wüst.

Mir war es auch vollständig gleichgültig, ob ich dieses Ei verlieren würde oder nicht, und ich potschte deshalb mit dem ersten Besten und – – gewann. Gleich wollten andere es mit mir versuchen . . . ich potschte mit allen, und ich gewann alle . . . zehn Eier hintereinander.

Ich wußte nicht, wie mir geschah. Mein häßliches, braunes Ei besaß ja Wunderkräfte. Was schadete es, daß es gar nicht wie ein richtiges Osterei aussah. Die Hauptsache war, daß es eine so unglaublich harte Schale hatte. Das Ei, das ich noch 116 vor einer halben Stunde am liebsten zerschmettert hätte, machte mich plötzlich ganz froh, schwellte meine Brust, ließ mich kühnen Blickes durch die Straße ziehen, einen Troß von Kindern hinterher, die mich alle bewunderten und bestaunten.

Als wir auf dem oberen Dorfplatze anlangten, gesellte sich der Schrattentaler zu uns. Das war ein alter Trunkenbold, der im Armenhause wohnte, nebenbei aber immer ein paar Rappen besaß, um Schnaps zu kaufen. Heute stand sein Gelüsten nach Ostereiern. Nun war es so Sitte, daß jedes zerbrochene Ei für fünf Rappen verkauft wurde, während ganze Eier fünfzehn Rappen kosteten.

Als der Schrattentaler sah, daß ich gar nicht mehr wußte, wohin mit all den gewonnenen Eiern, fragte er, ob ich sie ihm verkaufen wolle. Einen Augenblick starrte ich ihn ganz erschrocken an. Ich mußte es mir erst klar machen, daß ich da Geld verdienen konnte.

Das wollene Tuch für die Großmutter fiel mir ein . . . »O . . .«, rief ich lachend und glücklich zugleich, »gewiß, so viel Ihr wollt!« Er gab mir einen halben Franken und nahm mir dafür die zehn gewonnenen Eier ab.

Sorgfältig band ich das Geld in den Zipfel meines Taschentuches, steckte es in die Tasche und beschloß, auf weitere Siege auszugehen. Die Kinder folgten mir schweigend, ich merkte in meinem Triumph nicht, daß sie mir alle plötzlich bitterböse waren und mich grenzenlos beneideten.

117 So kamen wir auf den Rathausplatz. Da waren ein paar Knaben aus den oberen Klassen, die gleich mit uns zu »potschen« begannen. Glück und Unglück wollten es, daß ich sechs weitere Eier gewann. Das war aber nun doch zu viel für die Kinder des Oberdorfes. Ein Murren und Schimpfen begann, man stieß mich unsanft bald hierhin, bald dorthin, versuchte, mir die Eier aus der Hand zu schlagen, ja, man bedrängte mich derart, daß ich, da ich mir nicht mehr zu helfen wußte, plötzlich wie ein Wirbelsturm davonjagte, hinter den Ställen verschwand, bis ich schließlich im unteren Dorfe landete.

Sofort begann ich dort die Kinder, die ja noch keine Ahnung von meinen Erfolgen hatten, herauszufordern. Wieder gewann ich sechs Eier. Plötzlich tauchte auch der Schrattentaler vor mir auf und kaufte mir acht Eier ab. So besaß ich also noch vier Gewonnene, mein eigenes und neunzig Rappen.

Ich war eben im Begriff, die vierzig Rappen zu dem halben Franken ins Taschentuch zu knüpfen, als plötzlich mit wildem Geschrei die ganze Rotte von Kindern aus dem Oberdorf e heranstürzte. Als sie hörten, daß ich wieder gewonnen und auch verkauft hatte, schrien sie wie wild gewordene Indianer: »Sie ist eine Betrügerin! Nehmt ihr das Geld weg! Zerschlagt ihr das Ei! Es ist ein Stein! Ein Kalkei! Sie schwindelt und stiehlt! Haut ihr eine runter!«

Ich verstand nicht mehr alle die Verbrechen, 118 deren man mich beschuldigte, sondern lehnte an einer Mauer und fürchtete mich zu Tode. Einige gaben mir Fußtritte, ich gab sie in meiner Not in gleicher Weise zurück. Auf einmal packte mich ein großer Knabe mit eisernem Griff an beiden Handgelenken, preßte mich so entsetzlich, daß ich vor Schmerzen das Ei zu Boden fallen ließ. Ein anderer hob es auf und schleuderte es mit solcher Wucht gegen die Mauer, daß die Hälfte seines Inhaltes daran kleben blieb, während die Schale nun zerbrochen auf der Erde lag und stumm, aber deutlich genug meine Unschuld bewies.

Einige wollten lachen. Es gelang ihnen nicht, denn die beiden Knaben, die mich so roh behandelt hatten, erhielten plötzlich wie von unsichtbarer Hand eine so kräftige Ohrfeige, daß sie zur Seite taumelten. Die Kinder wurden totenstill. Der Lehrer stand unter ihnen. Was er mit ihnen sprach, habe ich nie erfahren, denn in dem Augenblicke, als ich mich befreit sah, nahm ich Reißaus und jagte nach Hause.

Meine Großmutter, die eben aus der Kirche kam, nahm die Sache weniger tragisch. Nur als ich ihr unter Schluchzen und Schlucksen die neunzig Rappen gab, fragte sie ein wenig verwundert: »Warum in aller Welt hast du denn die Eier verkauft? Du brauchst doch gar kein Geld?« Da sah ich sie mit grenzenlosem Staunen über ihre Unwissenheit an und sagte: »Aber . . . ich wollte dir doch ein wollenes Tuch kaufen, damit du abends nicht so furchtbar frierst.« Da wurde sie 119 still. Nur meine Hand hielt sie lange fest, und ihre Augen wurden feucht.

Wie das aber bei Kindern so ist, Leid und Freud kommen und gehen schneller als Tag und Nacht. Am Nachmittage hatte ich den aufregenden Vormittag schon halb vergessen und freute mich nun mächtig auf das »Oesterlen«.

Um drei Uhr sollten wir Kinder im Hause meiner Tante erscheinen, ich aber saß schon um zwei Uhr mit einem vollen Korbe auf der Bank vor unserem Garten. Ich wollte mich in Gedanken noch so recht auf das Fest vorbereiten und freuen. Da sah ich auf einmal meine Kusine, die Tochter der Tante, daherkommen.

Blitzartig fuhr es mir durch den Sinn, daß ich ihr Gesicht am Vormittage auch unter der Horde der mich verfolgenden Kinder gesehen hatte, aber ich dachte mir nichts besonderes dabei, sondern glaubte, sie wolle mich zum »Oesterlen« abholen. Sie aber begann schon von weitem in bösem, zänkischem Tone: »Ich will dir nur sagen, daß du heute Nachmittag nicht zu uns kommen darfst. Nach dem Skandal von heute morgen wollen wir dich gar nicht bei uns im Hause sehen. Meine Mutter sagt, sie schäme sich auch, weil du die Eier dem Schrattentaler verkauft hast. Daß du's nur weißt, einem armen Manne schenkt man etwas, aber man nimmt ihm nicht das Wenige, was er hat, noch weg. Die Mutter sagt auch, du seiest habgierig, und wer habgierig ist, der ist gemein – so nun weißt du's.«

120 Da flehte ich in namenlosem Schmerz: »Aber . . . Lene . . . was habe ich dir denn getan? . . . Darf ich . . . denn nicht . . . zu euch kommen?« Sie aber schrie: »Hast du mich nicht verstanden? Wir wollen dich eben nicht«, und lief davon, aber über den Gartenzaun beugte sich jetzt die Großmutter. Sie hatte alles gehört und rief mich in den Garten. Wir setzten uns zusammen in die kleine Laube, und die Großmutter wartete geduldig, bis ich mich erst ordentlich ausgeweint hatte.

Dann begann sie: »So, nun wollen wir einmal ruhig miteinander sprechen. Was die Lene dir da vorhin gesagt hat, war häßlich, und Kinder, die sich häßlich betragen, besucht man nicht. Auch mußt du nicht denken, daß es heute nur im Hause der Lene schön hergeht. Es gibt doch noch so viele Kinder im Dorfe, die auch nicht bei der Lene eingeladen sind und sich doch freuen und vergnügen. Es gibt auch arme Kinder, die heute überhaupt keine Ostern haben. Vielleicht könntest du gar mit einem solchen Kinde österlen. Kennst du nicht vielleicht ein Mädchen, das sich sehr freuen würde, wenn du es heute besuchtest?«

Schon war ich von meinem Kummer ein wenig abgelenkt und sagte ohne langes Besinnen: »Doch . . . die Anna Münzer.« Da lächelte die Großmutter: »Siehst du, an die habe ich auch gedacht. Ihre Mutter ist eine so brave Frau und hat es, seit ihr Mann gestorben ist, so schwer mit ihren Kindern. Ich glaube, die feiern heute kein fröhliches Fest. Darum denke ich, du nimmst den Korb so voller 121 Kuchen, als du nur tragen kannst, und deine neunzig Rappen, denen ich noch etwas zulege, und bringst alles der Frau Münzer, und dann »österlet« ihr fein miteinander.«

Ich war gleich begeistert für diesen neuen Plan, denn die Anna war mir im Grunde des Herzens tausendmal lieber als die Lene. Ich hatte nur noch ein Bedenken: »Ja . . . aber . . . sieh mal, Großmutter, womit kaufst du denn nun das wollene Tuch, wenn wir jetzt alles Geld hergeben?« Da sagte sie: »Komm!«, ging mit mir hinauf in die Stube, zog von der Kommode eine Schublade heraus und zeigte mir einen neuen, dicken Winterschal.

»Du kannst ganz ruhig sein«, sagte sie, »den habe ich mir gestern gekauft und werde nun gewiß nicht frieren.«

Da nahm ich getröstet den großen Korb voll Osterkuchen unter den Arm, zwei Franken in die Hand und ging zur Anna Münzer. Als ich am Hause meiner Tante vorbeikam, hörte ich das Schwatzen und Lachen der feiernden Kinder, das durch die geöffneten Fenster auf die Straße drang. Irgendwo tat mir etwas einen Augenblick lang weh, dann aber begann ich zu laufen und stand bald vor Annas Haus.

Es lag in einer Seitengasse, war ein drei Stock hohes Gebäude mit einer endlos langen Holztreppe an der Seite. Ich stieg hinauf und zählte zweiundvierzig Stufen. Dann stand ich vor der wurmstichigen, rauchgeschwärzten Türe und 122 klopfte. Von drinnen riefen gleich ein paar Stimmen zusammen: »Herein.« Ich stieß die Türe auf und trat in ein zwar recht armseliges, aber sauber aufgeräumtes Gemach, das als Stube und Küche diente. Frau Münzer und ihre drei Mädchen saßen am Tisch, vor sich eine Tasse schwarzen Kaffee und ein Stück Brot.

Sie standen alle auf und begrüßten mich wie einen vornehmen Gast, was mir sehr schmeichelte, da ich derartiges noch nie erlebt hatte. Ich fragte gleich: »Darf ich vielleicht mit euch ›österlen‹?« »O«, sagte Frau Münzer mit ganz traurigem Gesicht, »du unschuldiges Kind, wir haben reineweg nichts als schwarzen Kaffee und Brot.«

»Aber ich«, sagte ich lachend, »ich habe genug für uns alle. Hier . . .«, ich stellte den schweren Korb auf den Tisch, drehte ihn um, und ein Haufen herrlicher Osterkuchen türmte sich vor den erstaunten Blicken der vier armen Menschen. »Und hier«, ich gab der Frau Münzer die zwei Franken, »die schickt die Großmutter, um Milch zu kaufen, damit wir Kaffee trinken wie die anderen.«

Nun brach ein namenloser Jubel in der kleinen Küche aus. Frau Münzer goß den Kaffee wieder in die Pfanne, um ihn nochmals zu kochen. Ich schürte das Feuer, die Anna rannte mit einer Kanne und einem Körbchen davon, um Milch und Zucker zu kaufen, und die Kleinen betippten verlangend mit ihren Fingerchen den Kuchen und machten dazu große, hungrige Augen.

123 Nach etwa einer halben Stunde saßen wir alle fröhlich um den kleinen Tisch, schwatzten und aßen und unterhielten uns köstlich. Als wir fertig waren, räumten wir gemeinsam ab und spielten Mühle. Die Felder zeichneten wir mit Kreide auf den Tisch, und die Züge machten wir mit weißen und schwarzen Bohnen. Als endlich die Dämmerung hereinbrach, setzten wir uns alle auf eine Bank und lehnten uns an den warmen Herd. Durch das kleine Fenster leuchtete ein Stück vom glutroten Abendhimmel wie ein Grüßen vom lieben Gott zu uns herein. Die Anna legte ihren Arm auf meine Schulter, und nun begannen wir Lieder zu singen.

Das klang so lieblich, und ich war so froh, daß ich es war, die eine so große Freude in die armselige Stube getragen hatte, und die vier Menschen waren so herzlich zu mir, daß ich mich gar nicht von ihnen trennen konnte. Erst als die Abendglocken erklangen, sagte Frau Münzer, daß ich nun doch nach Hause müsse, weil die Großmutter sich sonst ängstige.

Der Abschied dauerte ziemlich lange, denn die arme Familie fand des Dankens kein Ende. Ich selbst fühlte mich wunderbar gehoben, ich hatte bis dahin noch gar nicht gewußt, wie schön es war, wenn man andern Menschen eine Freude bereiten konnte.

Beim flackernden Scheine einer kleinen Oellampe stieg ich endlich die zweiundvierzig Stufen hinunter und ging nach Hause, und mir wieder 124 war nicht anders, als ob ich in der Kirche gewesen wäre.

Die Großmutter wartete schon mit dem Abendbrot. Als ich am Tische saß, fragte sie: »Nun, wie war es denn?« Da sagte ich tiefatmend: »Ach, so schön wie noch nie in meinem ganzen Leben«, und ich erzählte ihr, wie wir zusammen gefeiert hatten, und beteuerte immer wieder, daß dieses das aller-, allerschönste Osterfest gewesen sei. 125

 

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