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Magnus Garbe

Gerhart Hauptmann: Magnus Garbe - Kapitel 5
Quellenangabe
typedrama
authorGerhart Hauptmann
titleMagnus Garbe
publisherPropyläen Verlag
editorHans-Egon Hass
year1965
isbn3549051427
firstpub1942
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20160830
projectid862599fe
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Dritter Akt

Gefängnis. Großer und öder Raum im Innern eines Turmes der Stadtmauer und in Höhe eines mittleren Stockwerkes. Er ist halbrund, die Balkendecke schwarz und sehr hoch. An der graden Wand ein Herd mit Kamin. Ein Feuer glimmt darauf. Eiserne Werkzeuge liegen herum, wie in einer Schmiede. Es sind aber Zangen, Hämmer und andere, die zur Folterung dienen.

Auf derselben Seite sind Eingänge in Kerker, durch kleine eisenbeschlagene Pforten verschlossen. Eine besondere Pforte führt zur Wendeltreppe.

In der halbkreisförmigen gewaltigen Außenmauer des Turmes steht eine Pforte geöffnet. Das Licht einer Laterne dringt dort ein und malt einen blendenden Fleck auf den schmutzigen Steinfußboden. Die Düsternis des schauerlichen Raumes vermag es indessen nicht aufzuhellen.

Ein dicker Glockenstrang hängt innen neben dieser Tür herab. Man blickt durch sie auf einen gedeckten, hölzernen Wehrgang, der mit einer nahen Kirche verbindet, und auf ein Gewirr von Ziegeldächern.

Der Scharfrichter Adam hockt unweit des Herdes mit seinen beiden Gesellen Görg und Heinz um einen Holzschemel, auf dem ein Würfelbecher steht. Sie trinken abwechselnd aus einem großen Kruge und beugen sich ebenso abwechselnd über ein Schriftstück, das neben dem Würfelbecher liegt. Kleine Wiege mit Säugling mitten im Raum. Nacht.

Görg liest. Einen Malefikanten in Öl gegossen, vierundzwanzig Floren. – Einen lebendig gevierteilt, fünfzehn Floren, dreißig Kreuzer. – Eine Person mit dem Schwerte hingerichtet vom Leben zum Tod, zehn Floren. – Sodann den Körper aufs Rad gelegt. – Einen Menschen gehenket, zehn Floren. – Vier Ketzer lebendig verbrannt, dreißig Floren.

Heinz. Das Gewerbe blüht, Meister Adam, Ihr könnt mich daraufhin ganz wohl mit der leeren Kanne noch einmal zum Weinwirt schicken.

Adam. Ja, in drei Teufels Namen, geh, Heinz, geh! Ich schwör's beim unbefleckten Leibe unsrer allerseligsten Gottesmutter, ich will selber geköpft, lebendig gespießt, ins Halseisen gestellt, gesackt, gebrannt, durch die Folter gezogen sein, wenn ich je auch nur halb so viel Geldeswert in der Tasche gehabt habe.

Görg. Keine größere Lust für den Jäger, als wenn ihm eine brave Meute das Wild in die Garne treibt!

Adam. Das hat mir der Meister Franz, der Nachrichter zu Bamberg, lange vorausgesagt, als die Predigerbrüder von Frankreich ins Deutschland einrückten. Sie werden bei euch ihr Wesen haben, hat er gesagt, mit Sengen und Brennen ihr Wesen haben, so gut sie in Nürnberg, Bamberg, Ulm, in Utrecht, Arras und Brüssel mit Sengen und Brennen ihr Wesen gehabt haben. Wider das welsche schwarz-weiße Elsterngeschwärm, dem das Alpengebirge nicht zu hoch gewesen ist, keine deutsche Stadtmauer schützet erst recht dawider nicht. Auch nicht kein Bürgermeister hilft euch dawider, ob er auch Magnus Garbe geheißen ist. Nun, mir ist's recht, Heinz, mir ist es recht, Görg! Horch, wie es klimpert! Was kann ich tun? Und wenn ich Christum samt den zwölf Aposteln aufs Rad flechten muß ...

Görg. Wisset Ihr, Meister Adam, daß der Pöbel Euren Turm jetzt spottweis die Bürgermeisterei heißet?

Adam. Mit Unrecht, solange der Bürgermeister selber noch nicht im Käfig sitzt. Mich soll's wundern, wie lange er noch auf freiem Fuße herumschleicht. Das Kellerloch bei der Latrine ist für ihn längst fertig gemacht.

Heinz, an der Wiege. Ich meine, hier liegt der Bürgermeister.

Adam. Mach drei Kreuze, Heinz, bespreng es, dort steht ein Fläschlein mit Weihwasser! Dich trifft sonst der Gift, den die Kröte aus allen Poren schwitzt. Denn beim heiligen Blut, ich will nicht selig sein, wenn es nicht des Nachts als Kröte, als Kater, als getigerte Dogge in den Gassen sein Wesen treibt.

Das Kind schreit.

Görg macht einen erschreckten Sprung nach rückwärts. Wille wau wau wau! Wille wau wau wau! Witto hu!

Heinz, er und der Scharfrichter brechen in Lachen aus. Gib acht, Görg, du hast das Hexenaas aufgeweckt! Du kannst vierzehn Tage das Wasser nicht lassen.

Görg. Tut man da nicht ein gutes Werk, wenn man dem verfluchten Wechselbalg den Daumen in die Hirnschale drückt?

Adam. Warum willst du den Predigerbrüdern vorgreifen, wo es doch bald genug, mit der Mutter zugleich, auf dem Holzstoß verkohlen wird!

Görg. Bis dahin kann es mir zehnmal die Mannheit abhexen.

Heinz. Ei was, trag wie ich zum Schutz eine Mandragore am Leib!

Adam. Einmal hat eine verdammte Wetterhexe, so eine wie die weiland Bürgermeisterin, einem die Mannheit abgehext. Wo, meint Ihr, hat er sie wiedergefunden? Gott straf' mich! Wollt ihr's glauben: im Walde, oben in einem hohlen Baum und in einem Vogelnest. Da sind, kotzschweiß! bei zwanzig gehöriger Piepvögel drin gewesen. Haben gepiept, Körner, Mücken und Fliegen geschnappt und die Schnäbel weit aufgesperrt. Sogleich hat sich der arme von der Hexe geprellte Schwartenhals den dicksten Vogel herausgegriffen. Aber der hat geschrien: Ich bin es nit. Ich gehöre dem Pater Prior der Franziskaner.

Rohes Gelächter. Die Magd Apollonia Fischrossin kommt scheltend herein, kniet neben der Wiege und wiegt sie.

Apollonia. Laßt das Kind in Ruh, Ihr Malefizgelichter!

Görg. Wille wau wau wau! Wille wau wau wau! Witto hu!

Adam. Gebt acht, ihr Gesellen, sie kratzt und beißt. Der hochmögende Doktor Anselo hat ihr das Teufelskraut auf die Seele gebunden.

Heinz. Was meinst du, Apollonia Fischrossin, wenn sich ein ehrlicher Kerl wie unsereins über die Bürgermeisterin hermachte, sollte sie da nicht am Ende schlecht und recht einen redlichen Christenmenschen zur Welt bringen?

Görg. Einen Wurf junger Katzen, Heinz.

Apollonia. Glaub's wohl, daß ein Bock wie du einer armen gemarterten Hexe zu Leibe will.

Heinz. Beim Sohne Mariens, wenn der Leib danach ist, Apollonia. Ich wäre nicht der erste fromme deutsche Knecht, der mit dem Teufel und seiner Großmutter anbindet.

Adam. Seit ich denken kann, das ist wahr, hab' ich keinen so weißen Leib auf die Folter gezogen.

Heinz. Hei, kotz, wie ward mir auf einmal ganz anders zumut, als sie ausgesagt hatte, sie wisse von keiner Sünde nicht, die sie begangen und nicht von Kind auf im Beichtstuhl gebeichtet hätte, wie ward mir zumut, als der hochwürdige Pater Inquisitor sie gleich darauf aus den Kleidern zu schälen befahl. Hätte ich sollen sogleich mit ihr ins Bett steigen, ich hätt' ihr die Lumpen nicht schneller von Schultern und Hüften herunterzureißen vermocht. Da stand sie nackt, und das Wasser lief mir im Maul zusammen.

Görg. Mir erst, als sie der Meister Adam um und um packte, daß ihr hernach die roten Flecken davon auf der Haut glüheten, und das um sich schlagende Weib von der Erde hob.

Apollonia, grob. Jawohl, bis zum Domplatz hat man's gehört, so hat sie geschrien.

Adam. Was weißt du von meiner Kunst, dumme Bauerngret! Hätt' ich sie nicht so jach überfallen, aufgehoben und ihr die Füße vom Boden gelöst, sie sollte wohl uns und die halbe Stadt mit Blitzen erschlagen haben.

Apollonia. Wenn das Weib eine Hexe ist. Es heißt doch, sie sei, am Stricke hangend, ganz still geworden.

Adam. Gans! Ich weiß nicht, ob die dicke Hökerin, die Bürstenbinderin, die Goldschmiedin, ob des Domprobsts Vögtin eine Wetterhexe gewesen ist; ob der Ratsvogt Gehring, der Wagner Wunt, der Magister Johannes Textor oder der Spitalmeister mit einem Sukkubus Unzucht getrieben hat. Der Edelknab von Ratzenstein, der Edelknab von Rotenhahn mögen am Ende wohl unschuldig sein. Auch über den Chorherrn und das blinde Mägdlein will ich nichts sagen, und doch sind sie alle zu Asche mit Feuer verbrannt worden. Das aber schwör' ich, daß die Bürgermeisterin von klein auf eine Satanshexe gewesen ist. Sie hat nichts gestanden, kein Wörtlein gered't, am hangenden Strick ist sie eingeschlafen, weil sie des Maleficium taciturnitatis kundig ist. Darum haben wir ihr auch umsonst das Haar aus den Achseln und von der Scham geschoren. Hat auch darum nichts geholfen, daß der ehrwürdige Pater Gislandus ihr Weihwasser in den Mund gegossen und ein Spruchband um den Nacken gebunden hat. Keinen Tropfen hat das Weibsstück geweint. Ich will gleich die schwarze Pestilenz kriegen, wenn je eine so verstockte, abgefeimte Teufelshure wie diese auf einem Besen geritten ist.

Görg. Meinst du wohl, als der Meister sie mit Spitzruten peitschte, sie habe auch nur einen Laut von sich gegeben. Dabei waren die Ruten vorher in geweihtes Wasser getaucht.

Heinz. Bis daß sie festgesetzt wurde, hatten wir Trockenheit. Daß der Regen die Felder seitdem ersäufet, wo kommt das her? Das weiß jedermann: weil man den Brand immer wieder hinausschiebet, der sie zu Asche machen soll.

Adam. Wie soll man brennen, wenn es vom Himmelsthrone Wasser aus Wannen und Fässern herabschüttet? Was sonst? Das tut eben der Höllenfürst, der seine Buhlschaft nicht will verderben lassen. Glaub' schon, daß die Bürgermeisterin für einen schlechten, geringen Teufel ein kostbarer Bissen ist. Still! Macht euch fort! Dort kommen zwei Brüder Dominikaner.

Heinz, Görg und Apollonia entfernen sich. Die Dominikanermönche Bruder Thomas und Bruder Reinhold kommen herein und begeben sich an die Wiege des Kindes.

Bruder Thomas. Im Namen Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes sowie der allerseligsten Gottesmutter, tritt heran, Bruder Reinhold, fürchte dich nicht, hüte dich nur, das Kind oder auch nur die Wiege zu berühren! Sieh es an! Unverkennbar haben wir hier die Teufelsfrucht, trotzdem es noch sogar Magistratspersonen gibt, die das leugnen wollen. Aber ihr Leugnen beruht auf Verstockung und Böswilligkeit. Besprengen wir es zur Vorsicht mit Weihwasser! Tritt näher! Ich greife es furchtlos an, da meine Hände vorher mit Sankt Johanniswasser gewaschen sind. Gib acht, damit du inskünftig Bescheid wissest! Erstlich, siehst du, trägt eine Stelle hinterm Ohr das Stigma diaboli. Wie du weißt, ist es rötlich, erbsengroß. Wenn du willst – es ist unempfindlich –, kannst du hineinstechen. Schneide hinein, es fließt kein Blut. Solche Male drückt ein besonders dazu verordneter Dämon mit der Kralle des kleinen Fingers ein. Sieh, wir wollen die kleine höllische Kreatur einmal umwenden! Hier: wieder ein verräterisches Zeichen, das unverkennbar ist und das mehr als jedes Geständnis der verruchten Mutter die Herkunft von einem unreinen Geiste beweist. Ich steche hinein. Siehe: kein Schmerz, kein Blutstropfen!

Bruder Reinhold. Mir scheint, es gleicht einem kleinen Pferdehuf.

Bruder Thomas. Man hat Zeichen gefunden, versichert mir unser hochwürdigster hochgelehrter Herr Pater Inquisitor, die einem Hasenfuß, einem Krötenfuß, einer Spinne, ja einer Katze zum Verwechseln ähnlich sind. Man hat solcher Zeichen viele gefunden. Dies gleicht, du hast recht, einem Pferdehuf.

Adam. Mit Verlaub, Bruder Thomas, aber wenn Ihr das wahre und echte Satansgeschwür sehen wollt, so müßt Ihr dem Wurm die Zunge aufheben, dort hat ihm sein Vater Asmodeus selber, wie ich herausgefunden habe, den Giftzahn in den weichen Kiefer gedrückt.

Bruder Thomas. Laßt sehen! Da ist es. Sieh zu, Bruder Reinhold! Ihr habt recht, Meister. Was Ihr da gefunden habt, wird dem hochwürdigsten Pater Inquisitor lieb zu erfahren sein. Der Fall ist klar und ein schöneres Beispiel für das Verfahren des höllischen Geistes kaum auszudenken. – Einst, Bruder Reinhold, mußt du wissen, hatten die Teufel in den sogenannten Götterbildern der Alten ihre Wohnungen. Seit sie durch Christum Jesum daraus vertrieben sind, nehmen sie die Leiber von Ketzern zu Wohnstädten. Der Ketzerei folgt immer die Hexerei. Noch ist es nicht klar, ist die Malefikantin, die Mutter des Hexenknaben, von einem Inkubus mißbrauchet, das heißt, zur höllischen Buhlschaft verführt worden, oder ist sie selber ein Sukkubus. Ist sie aber ein Sukkubus, so hat sie den Bürgermeister Magnus Garbe zur Teufelsbuhlschaft verführt, wofür allerdings die rasende Liebe spricht, die blinde, sündhafte, sträfliche Liebe, mit der er dem Weibe ergeben ist. Schöne Töchter der Menschen andrerseits werden gern von unsauberen Geistern verführt. Sie dienen ihnen wie schöne Huren und werden weiter von ihnen benützt, um Christenmenschen ins höllische Garn der bösen Lust und des ewigen Verderbens zu ziehen. – Lasset uns nun in den Kerker der Malefikantin eintreten!

Adam. Erlaubt, Bruder Thomas, sie ist noch immer störrisch wie eine Eselin, sie will keinen Dominikaner, sie will einen Augustiner zum Beichtiger.

Bruder Thomas. Öffnet in Gottes Namen! Wir wissen recht wohl, daß sie störrisch ist. Hat sie etwa bekannt, was durch gefolterte Zeugen erhärtet wurde? Behüte Gott! Sie hat nicht mit dem Rufe »Alles Schauer, alles Schauer« Pulver gestreut und Wetter gemacht. Behüte Gott, daß sie die Trockenheit, die Rattenplage, die Bisse der tollwutkranken Dogge, das trockene Unwetter, den kugelförmigen Blitz auf die Erlöserkirche verursacht hätte, der auf das Sanctum Officium gemünzet war und dem hochwürdigsten Herrn Pater Inquisitor des heiligen Glaubensgerichts das Kruzifix am Halse zerschmolzen hat. So störrisch ist sie, sie vermag nicht einmal Tränen zu weinen. Der Pater Inquisitor hat ihr die Hand auf den Kopf gelegt und sie bei den bitteren Tränen Christi beschworen: »Bei den bitteren Tränen Christi«, hat er gesagt, »und bei den heißen Tränen seiner glorreichen Mutter und bei allen Tränen aller Heiligen beschwöre ich dich, daß du, wenn du unschuldig bist, Tränen vergießest, bist du aber schuldig, nicht.« Worauf sie störrisch und trocknen Auges gestanden hat. Nein, im Namen unsres Herrn und Heilands Jesu Christi, öffne den Kerker! Wir fürchten den Trotz der Hölle nicht.

Eine Kerkertür wird von Adam aufgeschlossen und geöffnet. Adam und die beiden Dominikaner verschwinden dahinter. Der Ratsdiener Gößwein erscheint.

Gößwein tritt in die Mitte des Raumes und ruft halblaut. Apollonia!

Apollonia kommt.

Apollonia. Hier bin ich, Herr Ratsdiener.

Gößwein. Was macht das Kind, wie geht es der Frau Bürgermeisterin?

Apollonia. Die Bettelmönche sind, wie die Aasfliegen um ein Stück roh Fleisch, um das Kind herum. Wenn es so weit kommt, und die Mutter muß brennen, weiß Gott, so muß das Kindlein mit in die Flamme hinein.

Gößwein. Wenn es so weit kommt, wenn es so weit kommt! Heiliger Gott, es ist weit gekommen. Kommt am Ende noch weiter, noch weiter mit uns, Apollonia. Ich hab' hier ein Schriftstück vom Magistrat, hätte ebensogern einen Mühlstein hierhergetragen. Es sieht schlimm aus, schlimm aus drin in der Stadt. Ihr wißt noch nicht, was inzwischen geschehen ist. Die Menge ist vor das Rathaus gezogen. Die Hauptschreier sind in die Ratsstube eingedrungen und haben dem versammelten Rat das Dekret abgetrotzt.

Apollonia. Was ist es für ein Dekret, Herr Ratsdiener?

Gößwein, weinend und zitternd. Ich will mich besinnen, ich muß mich sammeln. Als vor drei Wochen die Bürgermeisterin ins Gefängnis geschleppt wurde, da fing es alsobald zu regnen an. Das gemeine Volk patschte und sprang in den Pfützen herum und schrie, der Zorn Gottes sei nun versöhnet. Seit der Zeit ist eine Sintflut vom Himmel herniedergeflossen. Jetzt brüllt das Volk, es liege daran, daß man die Bürgermeisterin dem verdienten Feuertode nicht überantworten will. Es half nichts, sie mußten das Urteil ausfertigen. Der neue Bürgermeister trat auf den Altan hinaus. Umsonst: der heulende Pöbel war nicht zu beschwichtigen. »Bedenket«, rief er, »daß es das Weib Magnus Garbes ist, eures allverehrten einstigen Bürgermeisters, dem ihr selber den Beinamen Vater der Armen gegeben habt! Bedenket, daß ihre Schuld nach Ansicht unseres allergnädigsten Fürsten und Herrn, des Herrn Bischofs sogar, noch nicht bis ins letzte erwiesen ist!« Herrgott, ich meinte, das Rathaus, die Türme, die Stadtmauern sollten einfallen. Ich habe nie eine Menschenmasse so brüllen, heulen und kreischen gehört: Magnus Garbe solle geköpft, geradebrecht, gevierteilt und jedes Vierteil auf einem Stadttore aufgespießt werden. Er wurde ein Dieb, ein Stadtverräter, ein Hurenbube genannt. Man solle sein Weib mit glühenden Zangen zerreißen, ihr die Augen ausbrennen, die Zunge ausschneiden und sie selbst, auf einen Esel gebunden, nackt durch die ganze Stadt peitschen. »Gut, morgen mit dem frühsten soll wieder gebrannt werden«, sagte der neue Bürgermeister. »Brennen sollen für ihre Verbrechen die Baderin Meulin, Garbes alter Diener Dominik und der alte Eckart, sein Weingärtner.« Aber die Bettelmönche schlichen in der Menge umher und bliesen es in die Ohren der Leute, mit Toben und Fordern nicht nachzulassen. »Nein«, schrien alle, »nimmermehr, wir wollen die Bürgermeisterin brennen sehen oder die Stadt an allen vier Ecken anzünden.« Und wahrlich, es war nicht in den Wind gered't, denn schon prasselten die Flammen im alten Amsinghause zur Goldenen Kugel zum Dach und zu allen Fenstern heraus. Tu, was du kannst, hier hast du Geld, erleichtere dem unglückseligen Weibe die letzten Stunden, soviel du kannst, Apollonia!

Apollonia. Also meint Ihr wirklich, daß sie morgen sterben muß?

Gößwein. Hier ist der runde Befehl für den Nachrichter. Morgigen Tags um die gleiche Zeit ist von ihr nicht ein Häuflein Asche mehr übrig.

Doktor Anselo und Doktor Wyk treten gemeinsam ein.

Doktor Anselo. Da bist du ja noch, braver, armer Gößwein! Ich kenne dein Herz. Ich weiß, es ist dir nicht weniger schwer, als es uns beiden im Leibe drückt. Hast du deinen verfluchten Brief schon von dir geworfen? Ich meine, in Meister Adams Hände gelegt.

Gößwein. Noch nicht.

Apollonia. Der Meister Scharfrichter ist mit den Predigermönchen bei der Bürgermeisterin.

Doktor Anselo. Was würde aus der armen, sündigen deutschen Nation, wo sie nicht immer und überall die gebenedeiten Orden der Predigtbrüder und Bettelmönche mit dem höllischen Feuer brandschatzten! Und wem wäre es sonst gelungen, hätten nicht sie die leibhaftige Höllenflamme, die Glut der Verdammnis, den schwarzen Qualm der Brunnen des Abgrundes vor die Kirchen und Rathäuser deutscher Städte auf offne Straßen und Plätze gepflanzt!

Meister Adam und die beiden Dominikaner kommen wieder. Die Mönche bleiben im Hintergrund und verhalten sich zuwartend.

Adam. Was verschafft mir die Ehre, hochmögende Herrn, in einem Augenblick, da eine brausende schwarze Finsternis über die reichsfreie Stadt feget?

Doktor Anselo. Als der Heiland starb, hat die Erde gebebt, und die Sonne hat sich verfinstert. Warum soll nicht das gleiche hier geschehen und der Vorhang im Tempel Gottes zerreißen, wo Ruchlosigkeit der Sünde und Verblendung nicht anders als zu Gomorra und Sodom zur Ernte bereitsteht? – Frau Felicia Garbe wird morgen ad maiorem dei gloriam auf dem Holzstoß verbrannt werden.

Adam wendet ruhig das Schriftstück nach allen Seiten. Das zu verhindern, hat nun also doch der mächtige Magnus Garbe vergeblich Himmel und Erde in Bewegung gesetzt. Ich wasche meine Hände in Unschuld, Herr Doktor.

Doktor Anselo. Magnus Garbe ist ein gebrochener Mann. Ihm sind Seele und Leib von Entsetzen gelähmt geblieben, seit man ihm die Nachricht von der Einkerkerung seines geliebten Weibes in den Weingarten vor der Stadt brachte. Heute frißt die Flamme das herrliche alte Amsinghaus. Und morgen ist es nur noch ein rauchender Schutthaufen. Die goldene Kugel der Amsings ist in den Kot der Straße gerollt.

Bruder Thomas. Erlaubt, Ihr berichtet von großen Dingen, Herr Senator. Immer nennen wir es etwas Großes, wenn Gott die Herzen der Menschen zur Wahrheit hinwendet. Zur Wahrheit, die in diesem Falle eins mit dem Geist des Gehorsams ist. Gott sei gelobt, wenn die weltliche Obrigkeit wirklich diesen Geist des göttlichen Gehorsams wiedergefunden hat. – Gewiß, es hat weltliche Staaten gegeben, die mit weltlicher Klugheit wohlgeleitet gewesen sind. Aber die wahre Gerechtigkeit herrscht nur in dem Gemeinwesen, dessen Gründer und Leiter Christus ist. Nur weichliche Christen richten sich wider das Vivicomburium. Nur weichliche Christen weinen, und frohlocken nicht, wenn Gott der Herr gerechte Rache an seinen Feinden nimmt. Gäbe es eine härtere Strafe als den Feuertod, man müßte sie gegen Ketzer anwenden. Brudermord, ja selbst Vatermord ist, gegen dieses Verbrechen gehalten, geringfügig. Wer einen Ketzer nur grüßt, wird infam, um wieviel mehr, wer sein Anwalt ist. Die Kinder des Ketzers werden infam. Daran ändert nichts, wenn sie auch gute Katholiken, geprüft und rechtgläubig sind. Sie werden von Haus und Hof verjagt, man läßt ihnen nur das nackte Leben, ob ihre Eltern auch noch so reichlich mit Teufelsgütern gesegnet waren. Die Häuser der Ketzer werden dem Erdboden gleichgemacht. – Ihr sagt, das Haus zur Goldenen Kugel brenne, das berühmte Wahrzeichen aber, die goldene Kugel selber, habe Gottes Hand von der Spitze des Giebels herunter und in den Kot gestoßen. Frohlockt doch, Herr Senator, wenn es so ist, wenn der Zorn Gottes die Hoffart der Gewaltigen demütigt! Was ist ihm ein Land, eine Stadt oder gar ein Patrizierhaus, wenn es auch jahrhundertelang in Blüte gestanden hat? Er fegt es fort mit dem Hauch seines Mundes. Und wenn Ihr des kugelförmigen Blitzes auf der Erlöserkirche gedenkt, der dem hochwürdigsten Herrn Inquisitor das Kreuz am Hals geschmolzen hat, ist es dann nicht klar, was für ein höllisches Symbol die goldne Kugel ist; unter wessen Szepter die reichen Amsing und ein Magnus Garbe all die Jahrhunderte lang gelebt haben? Herr Senator, Ihr fürchtet für Eure Stadt, für den weltlichen Staat. Aber wenn er auch gänzlich zunichte würde, wenn nur jenes himmlische Gemeinwesen über seinen Trümmern blüht, wo die hochheilige und erhabene Kurie der Engel dem Gesetze Gottes, dem Willen Gottes, der allein regiert, Geltung verschafft. Sein Ausdruck, sein Stellvertreter auf Erden ist unser Heiliger Vater zu Rom, unser dominus apostolicus. Frohlockt, frohlockt also mit mir, und lasset uns mit dem Psalmisten rufen: Herrliches wird von dir gesagt, Stadt Gottes!

Bruder Thomas hebt enthusiastisch die gefalteten Hände und eilt mit Bruder Reinhold eilig davon.

Doktor Anselo. Hätte ich nicht an Seiner fürstlichen Gnaden, unserem Herrn Bischof, einen so gnädigen Herrn, und bedürfte er nicht so sehr meiner ärztlichen Kunst, ich stünde nicht hier, ich wäre längst diesen Kutten zum Opfer gefallen. In jedem noch so voller Demut niedergeschlagenen Blick verrät sich ihr tödlicher Haß gegen mich. Doch laßt uns zu unsrem Geschäft kommen!

Doktor Wyk. Schließet die Pforte, sorget, daß wir allein bleiben, Meister! Die Sache ist wichtig und eilt, die mit Euch jetzt zu ordnen ist.

Die Tür ins Freie wird von Adam geschlossen.

Adam. Ihr wißt, ich bin ganz zu Euren Diensten.

Doktor Wyk. Wenn auch die goldene Kugel des Hauses Amsing-Garbe, nachdem sie sich erst zu dem unbegreiflichen Spuk über den Dachreitern der Erlöserkirche herbeigelassen, ein so jämmerliches und klägliches Ende im Straßenkot unter Verachtung und Verfluchung der ganzen Stadt genommen hat, so ist doch der Magistrat einhellig zu dem Beschluß gekommen, daß es unchristlich sein würde, den drei Wochen alten Säugling, das kaum geborene Knäblein der Bürgermeisterin, Magnus Felix, in die Strafe der Mutter einzubeziehen. Einhellig wurde somit die Befreiung des Kindleins aus dem Gewahrsam ausgesprochen. Ich habe selbst, da keine Zeit zu verlieren ist und damit der Beschluß ohne Säumen vollzogen werde, das betreffende Schriftstück samt angehängtem Stadtsiegel mitgebracht, das Euch die Auslieferung des Kindleins befiehlt.

Adam wendet und studiert das Schriftstück. Nehmt es hin, Ihr Herren! Ich bin des Rates gehorsamster Diener.

Doktor Wyk. So. Und nun liegt mir eine Verpflichtung ob, die man einem städtischen Syndikus wohl nur selten zumutet, aber wehe der deutschen Städtefreiheit, wehe der ganzen deutschen Freiheit, wo das Geschlecht der Garbes nicht weiterlebt! Er nimmt das Kind aus der Wiege und wickelt es in seinen Mantel.

Doktor Anselo. Herodes raset mit Kindesmord. Gott verleihe Euch, daß das Knäblein der Verheißung gerettet werde!

Adam öffnet dem Doktor Wyk die Tür ins Freie, und dieser geht mit dem Kinde davon.

Doktor Anselo. Nun ist das erste und größte geschehen, was uns zu tun noch übrig und möglich war. Hier sind zwei Beutel mit Gold für Euch und die Magd Apollonia zum Lohn Eurer Mühewaltung an Kind und Mutter. Ich zweifle nicht, Ihr werdet auch weiter menschlich sein und nicht verhindern, daß unser weiland so herrlicher Bürgermeister mit Wissen des hohen Rats die letzten Stunden vor ihrem Ende mit seinem armen Weibe verbringe.

Adam. Ich bin auch ein Mensch, verlaßt Euch auf mich, es kann geschehen.

Doktor Anselo. Bedenkt, er sieht sie zum ersten und letzten Male, seit sie in Gewahrsam ist: selbst kaum erst vom Krankenbette erstanden.

Adam. Es kann geschehen, ich hindere es nicht. Aber wo es geschieht, muß es bald geschehn.

Doktor Anselo. So wißt, er wartet unten im Hofe der Scharfrichterei. Der Maler Jan Gossaert ist bei ihm, der ihm zeit seiner Martern nicht von der Seite gewichen ist.

Adam. So laßt mich gehen! Ich will sie heraufholen. – Er öffnet die Tür. Wollt Ihr glauben, Herr Senator, daß man Sterne sieht und daß der Regen vorüber ist?

Doktor Anselo. Wahrhaftig! Unser lieber Herrgott im Himmel ist manchmal wunderlich. Nun werden die frommen Seelen hosianna schreien. Immer noch wird der Zorn Gottes durch Menschenopfer versöhnt. Rauch! Glut! Nun erst kann er recht um sich greifen, der Brand, der das Amsinghaus einäschert. Wie sich die Glutwolken über die Stadt wälzen. Wie es braust. Übel zu hören, übel zu sehen! Schließt die Tür, Meister!

Adam. Aber alles nur menschliche Laute. Seltsam! Bekreuzigt sich. Kein Wolfsgebell, kein Hundegeheul, kein Geknurr und Gefauch und Gegrein von Katzen mehr in der Luft. – Es wird dumpf an die Kerkertür gepocht.

Doktor Anselo. Wer pocht da?

Adam. Es kommt, scheint's, aus dem Kerker der Bürgermeisterin. Es pocht abermals.

Doktor Anselo. Ja, wollt Ihr nicht fragen, was sie will?

Adam. Ich meine, sie hat Eure Stimme erkannt, Herr Senator. Er schließt die Außentür wieder und öffnet die Riegel der Kerkertür.

Doktor Anselo. Herr Gott, gib Kraft, damit ich dieser Stunde gewachsen bin!

Adam. Ich hole sie Euch aus dem Loch, Herr Senator. So könnt Ihr mit ihr bereden; was Ihr noch auf dem Herzen habt. – Es pocht wieder. Nur Geduld, nur Geduld, altes Bilsenkraut! Der Nachrichter hat die Kerkertür weit aufgemacht. Wie ein blasser Schemen erscheint darin die Gefangene aufgerichtet. Bekleidet ist sie mit einem langen grauen Hemd. Sie geht barfuß, ihr langes Haar ist gelöst. Langsam und mühsam kommt sie die Kerkerstufen herauf. Sie muß sich ausruhen, steht still. Obgleich sie keinen Laut von sich gibt, fühlt man die Pein, die jeder Schritt ihr macht. Sie schleppt eine schwere Kette, die mit Ringen um beide Handgelenke befestigt ist. Sie trägt Verbände, ihr Gesicht ist von Martern verzehrt, aber schön und beinahe leuchtend, wie das einer Heiligen.

Felicia. Ich wußte, wußte, daß Ihr es wäret, lieber, lieber Doktor Anselo. Ich komme, seht Ihr, mühsam komme ich, etwas mühsam komme ich, gleichsam aus dem tiefsten Abgrund oder aus dem Schlaf des Todes oder vielleicht aus dem Grabe, schon aus dem Grabe heraufgekrochen. – Seht, aus der goldenen Kugel ist eine aus Eisen geworden, die schleppe ich am Fuß mit! – Adam hat eine Wachskerze entzündet und auf den Tisch gestellt. Felicia bedeckt sich die Augen. Was ist das für ein furchtbares Licht? Es schmerzt mich, wahrhaftig, es schmerzt mich, Bester. Dort unten hab' ich ein Stücklein leuchtendes Holz, das tat mir wohl, das schmerzte nicht.

Doktor Anselo. Ihr werdet Euch bald an den Schimmer der kleinen Kerze gewöhnen, Frau Bürgermeisterin.

Felicia. Ist es Nacht, oder ist es Tag, lieber Doktor? Ich frage, weil Ihr doch manchmal des Morgens und manchmal des Abends kommt. Ich staune selbst, aber manchmal verwirrt sich mir alles.

Doktor Anselo. Die Domuhr hat längst ihre zwölf Mitternachtsschläge getan, Frau Bürgermeisterin.

Felicia. Manchmal möchte ich weinen, weil ich in meiner Tiefe – meiner Tiefe auf meinem Bette die liebe Domuhr nicht hören kann; es scheint etwas in meinem Ohre zersprungen. Hörte ich nur das Glockenspiel, oh, lieber Gott, wie sollte mir wohl und zufrieden zu Sinn werden! Spricht doch ein jeder Ton das Lob meines lieben Eheherrn, der es der Vaterstadt gestiftet hat.

Doktor Anselo. Ja, ja, die edle Munifizenz des Herrn Bürgermeisters.

Felicia. Es ist gut, es ist christlich, daß Garbe freigebig ist. – Euer Rat, Doktor, hat mir armem Weibe schlecht angeschlagen. Ich wollte mein Knäblein stillen, Ihr habt's gewährt. Erlaubt Ihr's mir jetzt, der Quell ist versiegt. Ist das eine rechte Mutter, die ihr Söhnlein nur an die leere Brust nehmen kann? Ich tappe ein wenig. Tut mir die Liebe und leitet mich!

Doktor Anselo. Ich leite Euch. Stützt Euch auf mich, Frau Felicia! Er ist ihr behilflich, sich auf ein kleines Schemelchen neben der Wiege niederzulassen. Sie wiegt die leere Wiege.

Felicia. Ich habe um dich wohl manches gelitten, geliebtes Kind.

Doktor Anselo. Das habt Ihr, und es wird Euch am Tage der Tage vergolten, so wahr ein gerechter Gott im Himmel ist.

Felicia. Verzeiht, Doktor Anselo, mir ist so ums Herz, daß ich singen muß.

Doktor Anselo. Singe, singe, wenn du mußt, arme Schmerzensmutter!

Felicia singt und wiegt.

Da droben auf jenem Berge,
da wehet der Wind,
da sitzt die Maria
und wieget ihr Kind.
Sie wiegt es mit ihrer schneeweißen Hand,
dazu braucht sie kein Wiegenband.

Seid Ihr noch da, Doktor Anselo? Seid Ihr nur eine innere Stimme, oder seid Ihr wirklich da, Doktor Anselo?

Doktor Anselo. Hier, fühlt meine Hand, ich bin wirklich bei Euch!

Felicia. Wenn Ihr wirklich noch bei mir seid, möchte ich Euch etwas vertraulich sagen. Nie hätte ich gedacht, es könne um die Geburt eines Menschen etwas so Schweres sein. Um nur meinem Kinde Leben zu geben, bin ich tausend Tode gestorben, – freilich hab' ich auch nicht gewußt, wie süß es ist, einen Säugling am Busen zu halten.

Doktor Anselo nimmt das Licht. Laßt mich Eure Verbände sehn! Es ist wieder Blut durch die Leinwand gedrungen.

Felicia. Laßt es! Ich beachte es nicht. Wüßt' ich nur, wie das alles gekommen ist! Aber ich kann niemand finden ... warum kann ich niemanden finden, Doktor Anselo, der mich über alles das, alles das Sonderbare aufklären kann? Ohne Zweifel, ich liege in tiefem Schlaf!? Aber wird man wohl jemals wieder daraus aufwachen? Seid Ihr noch da, Doktor Anselo?

Doktor Anselo. Fühlt meine Hand, ich bin bei Euch, ja!

Felicia. Einmal sagt' ich zu Meister Adam, dem Nachrichter: Da drinnen an Stricken hängt ein armes, nacktes Weib. Man hat Gewichte von Eisen an seine Füße gehängt. Was tut Ihr mit ihm? Was hat sie verbrochen? – Du weißt das am besten, sagte der Mann. – Aber wie sollte ich das wissen, frage ich Euch? Die Frau hing still, und der hochwürdigste Inquisitor sagte zu ihr: Es ist klar, daß du nicht die Wahrheit redest! – und weiter: Ich hätte dich gern gleich losgelassen, weil du in den nassen, finsteren Kerkern an deiner Gesundheit sonst Schaden leiden mußt. Solange du leugnest, bleibst du in Ketten. – Da merkte ich, wie die Arme nachgrübelte. Sie grübelte lange, grübelte lange, aber ihr Grübeln half ihr nichts. Sie vermochte dem hochwürdigsten Herrn nichts zu antworten. – Da sagte der Herr Inquisitor zu ihr: Du bist des unmenschlichsten aller Verbrechen angeklagt. Es ist durch viele sichere Zeugen festgestellt, daß du mit unreinen Geistern nachts in entlegenen Winkeln und auf einsamen Kreuzwegen Unzucht getrieben hast. – Aber meint Ihr, sie hätte gesprochen? Sie röchelte nur tief auf und wurde vor Ekel und Scham blutrot. – Seid Ihr noch da, Doktor Anselo?

Doktor Anselo. Ja, und ich möchte Euch eine Frage vorlegen.

Felicia. Fragt! Aber legt mir wieder, Ihr wißt, die Hand auf die Stirn, wenn ich Euch nicht unverständliche, wirre Dinge antworten soll!

Doktor Anselo erfüllt ihren Wunsch. Ihr könnt, wenn Ihr wollt – und nun sagt, ob Ihr wollt, Felicia! –, Euren Gatten wiedersehen.

Felicia. Wenn man nur nicht in diesem bleiernen Schlaf mitunter so angstvolle Träume hätte! Aber jetzt ist mir wohl. Eure Hand tut mir wohl, Lieber. – Da hört man Schreie! – Da klirren Ketten! Und über mir, die ganze Nacht, die ganze Nacht, die ganze Nacht: Schritte, Schritte, Schritte! Hin und her. Immer hin und her. Immer hin und dann wieder her. Wißt Ihr, was die Leute für einen Unsinn gesagt haben? Einige sagen, es ist unser alter treuer Dominik, der als ruheloser Geist umherirren muß, weil er kleine Kindlein mit den Zähnen zerrissen und ihr Herzblut getrunken hat. Andere sagen, es sei Dorothea Meulin, meine alte Amme, die so ruhelos umherschreitet. Die Bretter knarren bei jedem Tritt. Aber wenn Ihr die Hand so auf meiner Stirne laßt, sehe ich wohl, daß ich dies alles geträumt habe.

Doktor Anselo. Wollt Ihr mir nicht meine Frage beantworten? Nehmt Eure Kräfte zusammen, Felicia! Es ist uns gelungen durchzusetzen, daß nun Eurem Wiedersehen mit Magnus nichts mehr im Wege steht.

Felicia, tief aushauchend. Ein langer Weg ist zurückgefunden. Nehmt Eure Hand nicht weg! Jetzt sag' ich Euch, was geschehen ist. Aber Pater Gislandus sagt, es muß mir alles zum Heile geraten. Der gute Pater Gislandus sagt ... Seid Ihr noch da, lieber Anselo? – Es ist, wenn ich erst wieder zu Hause bin, als – sollten wir – nochmals – Hochzeit machen. Sie sinkt ins Stroh und entschläft sanft.

Der Maler Jan Gossaert erscheint mit dem Bürgermeister Garbe in der Tür. Adam hat sie geöffnet und verschließt sie wieder. Dann entfernt er sich.

Garbe, ein zerbrochener Mann, in den Mantel gewickelt; er spricht mit der Zungenlähmung eines Schlaganfalls. Wer war der Mann?

Jan Gossaert. Ich kannte ihn nicht. Wahrscheinlich der Schließer des Gefängnisses.

Garbe. Petri Schlüsselhalter auf Erden, meint Ihr wohl. Wenn ich ein Gaul wäre, würde ich mich bäumen und zittern und an seinem Hause nicht vorbeiwollen.

Jan Gossaert. Sehr glaublich.

Garbe, schleppend. So machen es Tiere, wenn sie Blut riechen. Man sollte Tiere gebrauchen, um unsichtbare böse Dämonen aufzufinden. Dämon heißt: der nach Blut Riechende. Wißt Ihr, daß ich einen eisernen Mann in mir trage, Jan Gossaert?

Jan Gossaert. Ich ahne es wohl, Herr Bürgermeister.

Garbe. Deutlich hat die Hand des Todes meine linke Seite berührt. Meine linke Hand ist kraftlos geworden. Ich brauche zwei Finger, wenn ich mein linkes Auge öffnen will. Und doch trage ich einen eisernen Mann in mir, Jan Gossaert.

Jan Gossaert. Ich ahne es wohl, Herr Bürgermeister.

Garbe. Meine Hinfälligkeit darf Euch nicht irren, wenn ich den Fuß auch ein wenig nachschleppe, seit der lautlose Blitzschlag im Weinberg mich traf und blaue Figuren auf meinen Leichnam schrieb. Klingend zerschwirrte da etwas und zerriß wie eine zu scharf gespannte Bogensehne in mir. Aber es mußte so sein, Jan Gossaert. Um es ganz zu verstehn, ganz zu erfassen, ganz ermessen und erdulden zu können, mußte ich sterben und dann langsam von Stufe zu Stufe in mein unermeßliches Elend hinabwachsen. So wurde ich stark. Und so schwach ich erscheine, trage ich nun einen Mann von Eisen in mir.

Jan Gossaert. Man kennt Euch. Man hat Euch immer für einen Mann von Erz gehalten.

Garbe. Damals, als man mich dafür hielt, war ich es nicht. Weder besaß ich sie, noch wußte ich überhaupt von den Kräften, die in mir sind. Zweifelt Ihr? Denkt, daß ich lebe, denkt, daß ich mit Euch spreche, denkt daran, wo ich bin, Jan Gossaert! Wir Menschen wissen nichts voneinander. – Könnt Ihr mir eisernem Manne sagen, was das für Geräusche sind?

Jan Gossaert. Welche Geräusche, Herr Bürgermeister?

Garbe. Es klingt beinahe, als wären Rinder mit einer leeren Krippe hier irgendwo eingemauert, an die sie mit Ketten geschmiedet sind. Sie rasseln damit, sie zerren daran. Ersticktes, markerschütterndes Brüllen ... Er steht lange und horcht.

Jan Gossaert. Erlaubt, ich muß mich ein wenig erkundigen.

Garbe. Nein, tut es nicht! Verlaßt mich nicht! So stark ich bin, Ihr wißt es, ich kann nicht allein bleiben. Ihr dürft nicht von meiner Seite gehn.

Jan Gossaert. Wo steckt der Mann, der uns hergeführt und die Tür hinter uns wieder verschlossen hat?

Garbe. Ich weiß es nicht, doch Ihr könnt mich unmöglich allein lassen.

Jan Gossaert. Seid ruhig, ich verlasse Euch nicht.

Garbe. Wenn Ihr es tut, so reißt es mich gleich unhaltbar nach einer Seite – dann finde ich es nicht mehr, was ich vor meinem Ende mit einer Stirn von Eisen, mit einer Brust von Eisen noch suchen, noch schauen muß.

Jan Gossaert. Fasset Euch, bleibet ruhig, Herr Bürgermeister!

Garbe. Ich fasse mich. Hört Ihr nicht, wie meine Kiefer aufeinanderknirschen? Mich wundert's nur, daß die Kiefer standhalten. Aber wenn Ihr es tut und mich jetzt auch nur einen Augenblick lang allein laßt, so liege ich im nächsten mit zerschmettertem Hirn irgendwo tief unten oder nahebei an der Turmmauer.

Doktor Anselo. Seid Ihr es, Magnus? Seid ihr's, ihr Herren?

Garbe. Sage, sitzt dort nicht ein Mensch, Jan Gossaert?

Jan Gossaert. Es sitzt jemand dort, und mir scheint, es sprach jemand.

Garbe. Könnt Ihr mir sagen, Jan, was ist das für ein riesenmäßiges bärtiges Angesicht?

Doktor Anselo. Eure Gemahlin schläft; tretet leise näher, Herr Bürgermeister!

Garbe, wie blind mit dem Stock vortastend. Wer spricht da?

Doktor Anselo. Ich bin's: Doktor Anselo.

Garbe. Was habt Ihr gesagt, Doktor Cornelius Anselo?

Doktor Anselo. Ich sagte, Eure Gemahlin schläft, Magnus.

Garbe. Lasset Euch nur nicht täuschen, Doktor! Wir begegnen uns nicht auf dem gleichen Platz, ob es auch scheinbar derselbe ist. So tief könnt Ihr nicht blicken, bis wo ich wandle. Immerhin bin ich ein Mann, der im Gestank der Abdeckerei geduldig und voller Demut gewartet hat, bis man ihn in das Schlachthaus gnädigst hereinrufe, und der am Aasgeruch dieser verfluchten Mördergrube nicht gestorben ist, wo man die heiligen Engel Gottes blutig martert und hinrichtet.

Doktor Anselo. Nützet die Stunde, hier schläft Euer Weib! Ihr werdet ihr morgen nicht wieder begegnen.

Garbe sieht Felicia. Hier schläft ein Weib? Ich kenne sie nicht.

Doktor Anselo. Still! Ihr sollt nur dann mit ihr sprechen, sofern nicht das Leidensübermaß Euch so weit zerrüttet hat, daß Ihr sie wider Willen mißhandelt. Sonst nehme ich meine Hand nicht von ihrer Stirne. Es wäre verrucht, sie aus dem Gnadenstande tiefer Bewußtlosigkeit zu neuer Marter ins Leben zu rufen.

Garbe. Sagte ich nicht, ich trüge einen Mann von Eisen in mir?

Jan Gossaert. Die Stunde ist da, es zu beweisen.

Die Männer, außer Garbe, brechen in bitterliches, unaufhaltsames Weinen aus.

Garbe, mit herzzerreißendem Aufschrei. Wenn wir bloß in diesem Leben auf Christum vertrauen sollen, so sind wir ärmer als alle gottlosen Menschen. Er kniet weinend zu Felicien ins Stroh.

Doktor Anselo. Garbe, ich sage Euch jetzt, daß Euer Kindlein außer der Stadt und sicher auf dem Wege nach Holland ist. Die Nachricht wird Euch einige Kraft geben. Brauchet sie und füllet die letzte Stunde dieser Frau mit Süße statt mit Bitternis! Ihr werdet sie morgen nicht wiedersehen.

Garbe weint noch immer. Weinend begeben sich Anselo und Gossaert hinaus.

Felicia. Seid Ihr noch da, Doktor Anselo?

Garbe. Es ist ein ganz anderer als Doktor Anselo. Weint.

Felicia. Du, Magnus! Komm, lege dich neben mich!

Garbe, zögernd. Ich kann nicht leben und kann nicht sterben.

Apollonia kommt mit einem Tonkrug und einem Laib Brot.

Apollonia. Es ist diesmal etwas anderes als Wasser darin. Und das Brot ist mit Weizen gebacken.

Garbe. Du hast mich erschreckt, wer bist du denn?

Apollonia. Ich bin die Magd Apollonia.

Garbe. Ich zittre noch. Du hast mich so furchtbar erschreckt! Weil du so riesengroß und mit einem so ungeheuer blendenden Glanz durch die Wand getreten bist.

Apollonia. Wenn Euch die da draußen nichts tun, von mir geschieht Euch ganz gewiß nichts, Herr Bürgermeister.

Garbe. Nein, es ist wahr: ich verkannte dich. Ich glaubte den Engel des Todes zu sehen.

Apollonia. Faßt Euch! Ich bin bloß die Magd des Scharfrichters. Es hat zwei geschlagen. Ich soll Euch vom Meister Adam sagen, daß die Stunde Zeit bis um drei Uhr Euch gehört. Bald nach dem Ausschlag kommt der ehrwürdige Herr Pater, der ihr die letzte Wegzehrung geben soll.

Garbe. Hast du mehr als Wasser in deinem Kruge, Weib? Hab Erbarmen und gib mir davon!

Apollonia reicht und hält ihm den Krug an den Mund. Trinkt, aber laßt der armen Hexe auch eine Neige darin!

Garbe, nachdem er getrunken. Du hast nur Wasser in deinem Kruge! Kannst du mir sagen, was das für ein Schüttern ist?

Apollonia. Ihr meint die Wagen, die Holz zur Stadt bringen. Die Bauern bringen das Holz zu den Malefizbränden in die Stadt.

Garbe. Nein, es ist das den Malefikanten geraubte Geld und Gut, das die Mönche aus den Toren hinausschaffen! Und was bedeutet das ewige Hämmern?

Apollonia. Das ist auf dem Markt. Von den Blutknechten wird mit den Werkleuten das Gerüst zusammengezimmert.

Garbe. Das ist auf dem Markt. Von den Blutknechten wird mit den Werkleuten das Gerüst zusammengezimmert: für wen? – Und was bedeutet das Brausen, der Lärm, das Gebrüll, das Gelächter?

Apollonia. Das kommt, weil die Türen der Schenke alle heute nacht nach dem Regen weit offen sind und die Leute auf Gassen und Plätzen Wein trinken.

Garbe. Weib, mir ist, als kennte ich dich.

Apollonia. Als kleines Kind! Meine Mutter hat in Eurem Weinberg gearbeitet.

Garbe. Also du gehörst zu denen, die wissen, daß es einmal einen Bürgermeister Magnus Garbe gegeben hat. Du weißt es. Ich habe es längst vergessen.

Apollonia, nach einem Aufschrei Feliciens im Traum. Herr, sie mahnt Euch. Vergeßt wenigstens nicht, welche Stunde nun schon zur Hälfte entschwunden ist! Sie geht.

Felicia öffnet weit die Augen.

Garbe. Hast du die Augen offen? Sind das deine Augen, Felicia?

Felicia. Warum liegst du nicht neben mir, Magnus?

Garbe. Ja, ja, ins faule Stroh, unter die Erde, unter die Erde!

Felicia. Es ist warm bei mir.

Garbe. Du bist kalt wie ein Klumpen Eis.

Felicia. Ein hohes Brautbett: weißes Linnen, Lavendel und Rosmarin.

Bettlad', ich trete dich,
heiliger Andreas, ich bitte dich.

Oh, oh, warum kehrst du dich weg? Ach, nun bin ich dir nicht mehr gut genug, weil meine beiden Brüste eitern.

Garbe. Der Biß einer giftigen Natter lähmt mich, Felicia.

Felicia.

Schlange, du erster Sündenfall,
Christus dir den Stachel nahm,
Maria dir den Kopf zertrat,
daß du mußt liegen wie ein Stab.

Komm, Liebster, wir wollen nach Hause gehen! Ach, Magnus, mir träumt. Achte nicht auf mich!

Garbe. Wenn dies ein Traum ist, was ist dann Wachen?

Felicia. Nein, rühr mich nicht an! Ich bin eine Pest. Bleib von mir, Liebster! Ich habe brandige Löcher an meinen Brüsten. Ein eiternder Klumpen blutigen Fleisches ist meine rechte Hand. Magnus, flieh! Besudle dich nicht! Sie sagen, sie haben das Stigma gefunden.

Garbe. Es ist kein Gott, oder morgen wirst du mit mir im Paradiese sein.

Felicia. Sie sagen, sie haben das Stigma gefunden, sie sagen, ich sei ein Sukkubus. Erkläre mir, was das sein mag, Magnus! Und sage mir, Liebster, ob du mein Gatte oder Asmodeus, ein Dämon der Unzucht, bist!

Garbe. Hier, nimm etwas Wein! Gott hat sich gnädig unser erbarmt und die Magd des Henkers zum Mitleid gerühret.

Felicia. Ein Skorpion! Ein Skorpion! Im Holz, im Stroh! Schlag zu, schlag zu! – Hier ist ein Stecken. Schnell, laß uns zum Kamine ausfahren!

Garbe. Es ist kein Gott, es ist nur ein Teufel.

Felicia. Still! Leise! Ich habe kein Wort gestanden. Inkubus, Inkubus! Der Scharfrichter hat sie angeseilt, hat sie abgeseilt! Du lieber Herr Christus, komm mir zu Hilfe! Und wenn man mich gleich mit Schrauben und Zangen ganz tot arbeitet. Herrgott, eine Hexe bin ich nicht. Hilf, Mutter, hilf, Magnus, o wehe, o wehe!

Garbe. So schreit ein Weib, und Gott bleibt taub? – Und ich habe gehört, und ich bin nicht taub geworden?

Felicia. Hast du von der Hexe gehört, die dreißig Herzlein neugeborener Kindlein gegessen hat? Gott-Vater hat meinen Mund fest zugemacht. Ich schlief. Gott hielt mich im Himmelreich, da knirschte es laut. Mit eisernen Werkzeugen waren mir die Kiefer auseinandergesprengt. Gesteh! schrie der Pater Inquisitor mir zu. Gesteh! schrie ein Mönch. Gesteh! schrie der Scharfrichter. Hahahaha! Wie soll einer gestehen, der weder Zähne noch Lippen aufeinanderbringen kann! Da seht Ihr die Macht des Satans, der sie stärket zur Halsstarrigkeit.

Garbe. Es ist kein Gott, es ist nur der Teufel.

Felicia.

Herr, Herr! Teufel! Teufel!
Spring hier, spring da,
spiel hier, spiel da.
Sabbat! Sabbat!

Horch, wie die Dämonen um den Turm winseln. Ich salbe den Stecken. Mann! Mann! Steig auf, steig auf! Wie wird mir, oh, die Mauern weichen.

Ich streu' meinen Samen
in Abrahams Namen.
Johann, Andreä und Silvestern
empfehl' ich meine muntern Schwestern.
Frösche ohne Lunge,
Störche ohne Zunge.

Eia, heissa! Oh, oh, sie haben sich alle vom Domdach gerissen. Der fliegende Hund vom Chor, die geschwänzten Affen vom Tor. Die geschnäbelten Katzen mit scharfen Pranken. Ich habe verfluchte Gedanken, verfluchte Gedanken. Sage es niemand, liebster Mann, daß ich manche Nacht auf einem gesalbten Stecken – ai! – ai! Was machst du mit mir? – gesalbten Stecken aus dem Kerker gefahren bin, und bin mit den Dohlen und den Dämonen und mit den Eulen nachts um die Kirchen und um die goldne Kugel des Amsinghauses geflogen. – Mann! Mann! Oh! Oh! – Inkubus, Inkubus! Sie nennen es Drauflieger! – Oh, oh! Mann! Mann! Inkubus! – Benedicta tu in mulieribus! – So, ja! So! Töte mich! Mehr! Mehr! Töte mich! – Et benedictus fructus ventris tui! – Sterben! Selig! Ora pro nobis! – Geliebter! Geliebter! – Mehr! Mehr! – – – –

Es ist ganz still geworden. Die Domuhr beginnt zu schlagen. Sie schlägt drei schwere Schläge. Von außen dazu Brausen der Volksmenge, einzelne Schreie, Geräusch von Hämmern. Meister Adam, Görg und Heinz kommen.

Adam. Eilt! Es ist höchste Zeit. Die Geistlichkeit und der Magistrat sind auf den Beinen. Sie dürfen den Mann nit hier finden. Führet ihn zur kleinen Pforten, die aufs Wasser geht, hinaus, nehmet den Kahn und setzet ihn über! He, was ist das? Gereck, laß los! Teufel, ich will nit selig sein, oder das Rabenmensch hat ihn getötet.

Görg. Es ist aus. Der riecht keinen Rauch und hört keine Armesünderglocke mehr.

Adam. Sie kommen. Die Dominikaner haben es eilig. Heiliges Blut, wirf einen Pferdekotzen über ihn! Heinz tut es.

Görg. Soll ich sie von der Kette losschließen? Sehet, sie hat gebrochene Augen!

Adam. Spreng ihr Essig hinein – oder gib ihr einen Zwick mit der glühenden Zange in die Brust! Sieh, wie sie zuckt und sich biegt! Krumm und hart wie ein Holz. Sie stellet sich nur. Ihr Meister, der Satan, hat uns zum besten.

Heinz. Sie sind wie ein Körper. Kaum kann man sie auseinanderreißen. Schleppt Ihr das Weib, so schleppt Ihr zugleich den Leichnam des Bürgermeisters auf das Gerüst hinauf.

Görg. Daß dich die Pocken, ich fürchte, wir werden das Mensch auch nit mehr lebendigen Leibes hinaufkriegen.

Adam. Hier hat der Dreimalverfluchte, ich will es bei allen Heiligen schwören, der Geistlichkeit noch ein recht viehisches Stücklein aufgeführt.

Görg. Ich wette, sie sind zum Himmel gefahren.

Ein Dominikanermönch kommt herein und faßt das Glockenseil an. Gleichzeitig hört man Chorgesang einer Prozession.

Der Gesang.

Laudate nomen domini,
laudate, servi, dominum.
Laudate dominum, quia
bonus dominus.

Der Mönch. Machet es kurz! Der Spruch des Gerichts erkennt auf Erdrosselung vor der Einäscherung. In Gottes und Jesu Namen, übet Barmherzigkeit, lasset Milde walten!

Adam. Das Volk zerreißt mich in Stücke. Ich kann nur zwei tote Kadaver auf das Holz werfen.

Der Mönch. Deo gratias. Der Herr hat gerichtet. Alleluja, Alleluja! Er hängt sich an das Seil der Armensünderglocke und läutet wie rasend. Die Glocke gellt fieberhaft und fanatisch.

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